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Was Praxisräume über Psychotherapeuten aussagen

Das neue Buch des Kohlhammer Verlags gibt faszinierende und intime Einblicke in die Behandlungsräume und Persönlichkeiten von Psychotherapeuten (Foto: Kohlhammer Verlag)

Wenn du in deiner eigenen Praxis arbeitest, hast du dir sicher am Anfang einige Gedanken darüber gemacht, wie du den Raum einrichtest. Was war dir dabei wichtig? Glaubst du, dass deine therapeutische Ausrichtung und deine Persönlichkeit Einfluss auf die Gestaltung hatten? Psychiater und Fotograf Sebastian Zimmermann hat Psychotherapeuten in ihren eigenen Praxen besucht, sie dort fotografiert und interviewt. Fifty Shrinks heißt der Bildband, der daraus entstanden ist und nicht nur faszinierende Einblicke in Praxisräume gibt, sondern auch in die Vielfalt der Persönlichkeiten hinter dem psychotherapeutischen Beruf. Wir stellen dir dieses besondere Werk vor, dessen deutsche Ausgabe jetzt im Kohlhammer Verlag erschienen ist.

Das Buch zielt darauf ab, das menschliche, ganz persönliche Gesicht von Therapeuten zu zeigen, das üblicherweise hinter ihrer Arbeit verborgen bleibt.

„Was für ein Typ Mensch begibt sich auf den langen, schwierigen Pfad, ein Psychotherapeut zu werden? Und warum?“ In Fifty Shrinks. Portraits aus New York zeigt Sebastian Zimmermann, wie die Antwort aussieht, wenn ein Fotograf und Psychiater sich diese Fragen stellt. Ein Bildband über Therapeuten? Warum nicht! Gerade weil Therapeuten in ihrer täglichen Arbeit in den Hintergrund treten, Aufmerksamkeit vermeiden, strebt dieses Buch auf kunstvolle Art danach, „das menschliche, ganz persönliche Gesicht von Therapeuten zu zeigen, das üblicherweise hinter ihrer Arbeit verborgen bleibt.“

Selbst seit 15 Jahren als Psychiater in New York tätig, weiß Zimmermann um die Zurückhaltung seiner Kollegen, schaffte es mithilfe seines eigenen psychologischen Hintergrunds aber, fünfzig von ihnen für das Projekt zu gewinnen. Alle Fotos sind am Arbeitsplatz der Therapeuten aufgenommen und ausdrucksstarke Fotografien u.a. namhafter New Yorker Psychotherapeuten und ihrer Praxisräume, verbunden mit einfühlsamen Interviews. Die faszinierenden Bilder und ehrlichen Geschichten belegen in ihrer Individualität die Erkenntnis, dass die spezifische Persönlichkeit des behandelnden Therapeuten ein zentraler Faktor im Heilungsprozess ist.

Etwas Derartiges leistet kein anderer architektonischer Raum.

Die Intimität des Behandlungsraumes

Die Betrachtung der Bilder ähnelt einem Suchbild – es gibt viel zu sehen. In einem Raum finden sich antike Statuen, in einem anderen hängt ein großes Ölgemälde an der Wand. Man kann alte Schreibmaschinen entdecken und Blumensträuße. Von chaotisch bis klinisch ist alles dabei. In einigen Zimmern steht die klassische Ledercouch, in einem anderen nur zwei Plastikklappstühle. Es gibt Fotos von eigenen Kindern und solche vom Vater der Psychoanalyse. In einem Behandlungszimmer findet sogar ein Klavier Platz und mehrere bieten einen spektakulären Blick über New York.

Im Vorwort des Buches hebt Elizabeth Danze, Professorin für Architektur an der University of Texas, die einzigartige Bedeutung des therapeutischen Behandlungsraumes bereits besonders hervor: „Der Ort, an dem die Umwandlung durch psychotherapeutische Arbeit erreicht wird, kann fast ebenso aufwühlen wie die Therapiegespräche selbst. Etwas Derartiges leistet kein anderer architektonischer Raum.“

Der Praxisraum eines Therapeuten ist ein intimer, ein geschützter Ort, an dem Geheimnisse vertraulich preisgegeben und tiefverborgene Gefühle offenbart werden können. Im Gegensatz zu anderen Praxen, die oft die gleiche Liste notwendiger Behandlungsgeräte enthalten, ist die therapeutische Praxis sehr individuell, denn mehr als zwei Sitzgelegenheiten braucht es theoretisch nicht. Vielleicht bekommt der Leser bei der Betrachtung der Bilder auch deshalb das Gefühl, den Menschen dahinter kennenzulernen.

In den Interviews und Geschichten neben den Bildern erzählen die Therapeuten über Fälle, Behandlungsschwerpunkte und Gedanken. (Foto: Kohlhammer Verlag)

Der Mensch hinter dem Therapeuten

„Alle [Psychotherapeuten] eint der Wunsch, sich mit den Leiden von Geist und Seele zu befassen,“ sagt Sebastian Zimmermann. Ihm ging es deshalb auch darum, herauszufinden, worin sie sich unterscheiden, in ihren Leidenschaften, Interessen, Vorlieben. Das Buch zeigt vor allem, dass die Berufsgruppe der Therapeuten genauso vielfältig und heterogen ist, wie jede andere auch. Und ebenso unterschiedlich sind die psychotherapeutischen Räume. Schnell hat man als Leser Spaß daran, zu überlegen, wie viel oder wenig sich der Charakter des Therapeuten darin widerspiegelt oder was dieses oder jenes zu bedeuten hat (in manchen Fällen verraten es die Therapeuten aber auch im Interview).

In den Räumen werden neben dem persönlichen Charakter jedoch auch die unterschiedlichen Ansätze der Therapie sichtbar. Es überrascht, wie stark Behandlungskonzepte im Architektonischen umgesetzt werden. Die Interviews bieten dabei eine zusätzliche Ebene, durch die man mehr über die Schwerpunkte und Gedanken des jeweiligen Therapeuten erfährt.

Sebastian Zimmermann war es wichtig, mit dem Buch nicht nur Therapeuten anzusprechen, sondern den Beruf für alle transparenter und die Menschen dahinter zugänglicher zu machen. „Vorurteile durch Kunst abbauen,“ nennt er es und als Fotograf und Psychiater bringt er sicher die besten Voraussetzungen für dieses Vorhaben mit. Fifty Shrinks reflektiert, wie er sagt, den wichtigsten Bestandteil seiner beiden Leidenschaften: einfühlsame Beobachtung.

Dieses Buch ist ein Tribut an ihre Arbeit, die hinter den Kulissen stattfindet [...] und die von Engagement und Mitgefühl geprägt ist.

Eine Liebeserklärung an die Psychotherapie

Zimmermann schreibt im Vorwort, dass er selbst durch das Projekt den Praxisraum als gleichgesinnter Kollege und losgelöster Beobachter ergründen konnte. Durch seine Bilder und die dazugehörigen Geschichten, kannst auch du diese Perspektive einnehmen und so aus professioneller aber auch persönlicher Sicht diesen besonderen Raum vielleicht in neuem Licht sehen. Dabei muss nicht das Therapeutische im Vordergrund stehen, denn das Buch ist auch Kunst – Fotografie sowie Architektur laden zum Abschalten oder Diskutieren ein.

Das Schöne: Man kann Fifty Shrinks immer mal wieder in die Hand nehmen. Auch ohne die Texte zu lesen, regen die Fotos an, die eigene Fantasie schweifen zu lassen, auf Entdeckungsreise zu gehen, Inspiration zu sammeln und zu reflektieren.

Fifty Shrinks zeigt die Vielfältigkeit der praktizierenden Psychotherapeuten und liest sich ein bisschen wie eine Liebeserklärung an die Therapie und die Menschen in diesem Beruf: „Dieses Buch ist ein Tribut an ihre Arbeit, die hinter den Kulissen stattfindet [...] und die von Engagement und Mitgefühl geprägt ist.“

Ein hochwertiges und wertschätzendes Geschenk für Kollegen oder angehende Therapeuten. Gleichzeitig nimmt es aber auch Hemmungen vor dem therapeutischen Setting und eignet sich so wunderbar als Lektüre für die eigene Praxis. Ein Buch zum Verschenken, auslegen oder natürlich selbst behalten.

Sebastian Zimmermanns persönliche Empfehlung für Fifty Shrinks:
In dem Buch blättern – auch von hinten nach vorne!

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Die Zitate im Text stammen aus einem Interview mit dem Autor, das du hier lesen kannst.

Sebastian Zimmermann
Fifty Shrinks
Portraits aus New York

2019, 116 Seiten, ISBN: 978-3-17-036445-5, 49,- Euro 

Das Buch kannst du über die Buchhandlung deines Vertrauens oder direkt hier bestellen.