Fünf-Elemente-Zirkel der Achtsamkeit: Benennen

Wie du in meinem letzten Artikel "Fünf-Elemente-Zirkel der Achtsamkeit: Beobachten" vielleicht bemerkt hast, ist es gar nicht so einfach, bewusst und absichtsvoll „einfach nur“ wahrzunehmen und kontinuierlich zu beobachten.

Wir sind gewissermaßen trainiert, uns über unsere Wahrnehmungen Gedanken zu machen, zu identifizieren, zu interpretieren, als „mag ich/mag ich nicht“ zu bewerten, zu vergleichen, Ursachen und Erklärungen zu suchen. Das ist natürlich oft angemessen und sinnvoll. Es kann aber auch für uns ungünstige Reaktionen auslösen, insbesondere wenn wir darüber nur wenig bewusste Kontrolle ausüben (können).

Element: Benennen

Das Element „Benennen“ beinhaltet die Zuordnung von einfachen Worten und Beschreibungen zu nonverbalen Wahrnehmungsinhalten. Es soll nicht analysiert und bewertet werden, sondern etikettenhaft Worte für Wahrnehmungsgegenstände gefunden werden. In der Achtsamkeit will man durch Benennen eine elementare und einfache Zuordnung von Worten zu Erlebnistatsachen üben – beschreibend, nicht bewertend. Einen einfachen sprachlichen Ausdruck für das finden, was da ist.

Das Geräusch eines Vogels könnte man in diesem Sinne beispielsweise als „Piepen“ oder „Zwitschern“ benennen. „Vogel“ wäre in diesem Fall schon eine Schlussfolgerung aus der Art des Geräusches und keine elementare Benennung mehr. Beim Anblick eines Vogels wäre allerdings „Vogel“ eine basale Bennennung im Gegensatz z.B. zu „Taube“. Natürlich gibt es immer noch elementarere und abstraktere Benennungen, wie z.B. „Lebewesen“ etc. Das Benennen lädt zum Experimentieren mit Begriffen ein.
Das Üben von elementarem Benennen hilft uns dabei, nicht-hilfreiche Schlussfolgerungen und Bewertungen zu verringern bzw. als solche zu erkennen und uns von ihnen und damit verbundenen Emotionen und Handlungsimpulsen zu distanzieren.

Achtsamkeitsübung

Schaffe dir für die Übung etwas Platz in dem Raum, in dem du dich aktuell befindest oder begib dich zu einer freien Fläche (z.B. einer Wiese), auf der sich keine Hindernisse befinden, über die du stolpern oder an denen du dich stoßen könntest. Gehe dann am besten mit geschlossenen Augen herum und halte gleichzeitig die Hände auf die Ohren. Löse die Hände immer wieder für einen kurzen Augenblick - genau lang genug, um das, was du in dem Moment hörst, benennen zu können. Benenne innerlich oder - wenn es die Situation erlaubt - auch laut, indem du z.B. sagst "Pfeifen", "Brummen", "Rauschen" usw. Das Schließen der Augen soll dich dabei unterstützen, die gehörten Geräusche möglichst wenig zu interpretieren. Übe so für etwa 3 Minuten.


Variationen der Übung

Wenn du in dieser Art des Benennens bereits gut geübt bist, kannst du die Schwierigkeit auch erhöhen, indem du weiter abstrahierst (z.B. "langer, gleichmäßiger Ton in tiefer Tonlage"). 

Sollte es dir im Moment nicht möglich sein, dir einen mit geschlossenen Augen ungefährlichen Raum zu schaffen oder dich zu einem solchen Ort zu begeben, so kannst du diese Übung auch im Sitzen ausführen. 

Du kannst die Modalitäten während der Übung auch variieren. So kannst du z.B. die zweite "Halbzeit" beim Üben mit geöffneten Augen durchführen und so wahrnehmen, welchen Einfluss die zusätzliche Information auf das Gelingen der Abstraktion hat. Werte dann die Übung für dich oder - wenn du mit jemandem gemeinsam geübt hast - im Austausch miteinander aus. Was hast du erlebt? Was fiel dir  besonders leicht? Wodurch sind vielleicht Schwierigkeiten aufgetreten?

Experimentiere jetzt auch mit möglichen Abstraktionen der von dir gewählten Begriffe. Damit kannst du dir noch einmal die selbstverständliche und gewohnheitsmäßige Nutzung von Interpretationen vergegenwärtigen.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Gerhard Zarbock und Silka Ringer.

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