„Frag dich, was du tun kannst, damit du heute Abend zufrieden ins Bett gehst“ - Ein Interview mit Miriam Junge

Miriam ist Psychotherapeutin, Coach und Botschafterin für Achtsamkeit und mentale Gesundheit für die Meditations-App Headspace. Mit uns hat die vielseitige Berlinerin darüber gesprochen, was sie an ihrer Arbeit begeistert, warum es wichtig ist, nicht so streng mit sich zu sein und warum die kleinen achtsamen Momente im Psychotherapiealltag so wichtig sind.

Miriam, du bist Psychologin, Psychotherapeutin und Coach. Was begeistert dich an deiner Arbeit?

Generell begeistert mich an meiner Arbeit, dass ich das Gefühl habe, aus allen Sessions rauszugehen, eine tiefe Verbindung zum Menschen zu haben und ihnen das Gefühl zu geben, dass da noch ganz viel geht: dass da noch viel Veränderung möglich ist, dass Grund zur Hoffnung ist, dass sich Dinge durch Anpacken verändern können und dass das machbar ist.

Gibt es denn auch manchmal schwierige Momente?

Absolut. Es gibt natürlich Momente, in denen ich an meine persönlichen Grenzen stoße, weil ich selbst involviert bin oder merke: das ist jetzt ein Thema, da bin ich selbst emotional. Wenn ein Klient oder Patient sehr traurig ist oder wir gemeinsam an ein Thema kommen, das schmerzvoll ist, gehe ich natürlich mit und bin dann auch mal niedergeschlagen. Das sind so die Höhen und Tiefen von Psychotherapie und Coaching, die für mich aber absolut dazugehören. Aber es ist natürlich anstrengend.

Wie gehst du denn damit um?

Ich selbst arbeite als Coach seit 2006 und als approbierte Psychotherapeutin seit 2013 – und in der Ausbildung natürlich auch schon vorher. Man gewöhnt sich daran. Es ist mittlerweile so, dass ich, wenn ich um 19 Uhr meine Praxis verlasse, die Dinge in der Praxis lasse und sie nicht mit nach Hause nehme. Ich nutze jeden Tag mehrfach Headspace. Morgens starte ich damit und zwischen meinen Sitzungen mache ich 3-Minuten-Sessions, z.B. Bodyscans, was mich sehr runterbringt. Und ich gönne mir ganz viel Ruhe. Während der Woche mache ich am Abend relativ wenig bzw. entspannte Sachen und das Wochenende ist komplett arbeitsfrei.

Jetzt hast du gerade die App Headspace erwähnt, die du ja auch fachlich unterstützt. Erzähl uns doch einmal kurz, was das für eine App ist.

Headspace ist eine App, die dich mit verschiedenen Themen – z.B. Frust, Angst, Wut, Stress, Burnout, aber auch Konzentration, Fokus, mindful eating und Sport – dazu bringt, alles sehr viel achtsamer zu machen. Du kannst dir ein Zeitfenster aussuchen: das geht von 3, 15 oder 20 Minuten bis hin zu einer Stunde. Das erleichtert dir die Hürde, egal wo du bist, eben durch ein digitales Device und die Anleitungen Achtsamkeit und Meditation zu üben. Headspace bedient sich unterschiedlicher Methoden aus dem MBSR, Autogenem Training, Visualisierung sowie hypnotherapeutischer und vieler verhaltenstherapeutischer Methoden. Die Übungen machen immer wieder klar: es geht um`s Hier und Jetzt, Gedanken sortieren, darum aus Gedankenspiralen rauszukommen und um das Thema „du bist nicht deine Gedanken, du bist nicht deine Gefühle, du bist im Hier und Jetzt“.

Headspace bedient sich unterschiedlicher Methoden aus dem MBSR, Autogenem Training, Visualisierung, hypnotherapeutischer und vieler verhaltenstherapeutischer Methoden.

Was genau ist denn deine Aufgabe bei Headspace?

Ich habe vor 1 ½  bis  2 Jahren angefangen, mit Headspace als International Consultant zusammenzuarbeiten und sie dahingehend zu beraten, wie sie den deutschen Markt am besten abholen. Die Mentalität der Amerikaner ist da schon abweichend. Deutsche wollen mehr gesehen werden, da geht’s mehr um Tiefe und nicht dieses „Tschaka, just let it go“. Da steckt ein anderes Vertrauen hinter und es sollte möglichst wissenschaftlich belegt sein. Dahingehend haben wir die Inhalte und die Ansprache verändert, neue Themen mit reingenommen, ein paar Themen nicht mit übernommen – die werden aber noch kommen – und wir mussten natürlich die Stimmen auswählen. Also tausend Themen und das hat sehr viel länger gedauert als wir das gedacht hätten. Aber jetzt ist die App da.

Da hast du bestimmt auch dein Wissen einfließen lassen können, was deine Patienten und Klienten brauchen...

Genau. Bodyscans oder Wissen um Achtsamkeit und Meditation, das sind Themen, die du in der Therapie oder im Coaching immer wieder erklärst. In den Sessions sparst du enorm viel Zeit, weil der Patient oder der Klient das allein zuhause üben kann.

Ich höre schon raus, Achtsamkeit spielt auch in deinen Therapien und Coachings eine wichtige Rolle.

Auf jeden Fall. Eine große Rolle.

Wie finden das deine Klienten? Haben alle einen Zugang dazu?

Das kommt drauf an. Es gibt einige, die sind da ganz offen. Das liegt vielleicht auch an der „Berlin-Bubble“. Die finden das ziemlich gut. Aber ich habe auch Coachees, die jetzt nicht unbedingt aus Berlin kommen, und denen muss ich das Konzept erst mal erklären. Du brauchst nur 3 Minuten, um dich auf deinen Atem zu konzentrieren. Du kannst dadurch, wissenschaftlich bewiesen, deine Herzrate senken und Stress reduzieren. Wenn der gewisse Leidensdruck da ist und sie das irgendwie nachvollziehen können, weil ich es ihnen auf Augenhöhe erkläre und nicht wie ein “Guru”, probieren sie es aus und sind dann sehr schnell überzeugt. Aber der Anfang ist natürlich trotzdem schwierig. Es hilft nicht, einmalig zu meditieren oder einmalig achtsam zu sein, sondern es muss tatsächlich zu einer Haltung werden.

Wie bist du selbst überhaupt an das Thema Achtsamkeit gekommen?

Ich bin da schon ganz früh drauf gekommen. Meine Eltern haben mich in der Grundschule in ein Autogenes Training gesteckt und ich hatte schnell Zugang dazu. Durch das Autogene Training war ich dann sehr gut vorbereitet auf stressige Situationen, weil ich mich ganz schnell runterbringen oder weil ich super einschlafen konnte. Im Hier und Jetzt sein. Auf deinen Atem konzentrieren. Bewusst langsamer atmen. Da bin ich also schon im Grundschulalter drauf gestoßen. Eine Zeit lang gab es dann gar keinen Raum dafür, aber im Rahmen meines Studiums habe ich gemerkt, dass mir Rückzugsorte ganz wichtig sind, v.a. vor Prüfungen. Ich wusste das Wort dafür damals noch gar nicht. Im Rahmen meiner Ausbildung ist das Thema dann so groß und auch zu meinem Thema geworden. Headspace nutze ich schon seit 3 bis 4 Jahren und ich habe mir schon länger eine deutsche Version gewünscht, weil ich das Gefühl habe, in meiner Muttersprache doch noch etwas tiefer entspannen zu können. Deswegen vertrete ich das jetzt als Botschafterin für Achtsamkeit und mentale Gesundheit, weil es mir persönlich einfach sehr weitergeholfen hat.

Hast du eine „Lieblings-Achtsamkeitsübung“ oder ein bestimmtes Achtsamkeitsritual?

Was für mich wirklich achtsam und wichtig ist, ist dass ich morgens gut in meinen Tag starte, weil ich das Gefühl habe, dann eine Basis zu haben, auf der ich schon gut aufbaue. Das ist: nicht morgens schon zu meinem Handy zu greifen bzw. es aus dem Flugmodus zu holen –, sondern 3 Minuten Headspace zu machen, dann stehe ich auf, trinke einen Tee, dusche und bin sozusagen schon im Tag drin. Ich hatte Zeiten, da war wirklich der erste Griff zum Handy: Social Media, E-Mails... Mittlerweile brauche ich das Handy gar nicht mehr. Das ist also mein Micro Habit, mein kleinster Schritt im Hier und Jetzt, der achtsam ist und mich zu einem größeren Verhalten von mir bringt. Ich starte zufrieden in den Tag.

Beeindruckt hat mich, dass du neben der Psychotherapie und dem Coaching auch zahlreiche Weiterbildungen hast, u.a. als Schematherapeutin, Paartherapeutin, Hypnotherapeutin und in ACT.  Was ist für dich das Reizvolle daran, mehrere Standbeine zu haben?

Ich muss ganz ehrlich sein: ich bin Verhaltenstherapeutin, weil das der schnellste und der günstigste Weg war. Ich bin aber auch ein großer Fan der tiefenpsychologischen Psychotherapie und der Psychoanalyse. Und ich bediene mich gerne an Methoden, die ein bisschen weiter gehen als Verhaltenstherapie. Schematherapie als dritte Welle kann man z.B. immer überall ansetzen. Es spielt sich nicht nur im Hier und Jetzt ab, sondern geht sehr in die Kindheit zurück. Du hast einfach einen Werkzeugkoffer mit viel mehr Werkzeug drin und kannst dich an den Methoden bedienen. Ich bin kein Fan von manualisierter Therapie. Das empfinde ich als viel zu un-intuitiv und un-individuell. Therapie ist viel zu facettenreich, um zu sagen, das ist die eine Methode.

Nicht so streng zu mir zu sein, also dieser liebevolle Umgang mit mir selbst. Das ist etwas, das habe ich noch gar nicht so lange in petto.

Ich stelle mir das manchmal auch sehr zeitaufwendig vor, so breit aufgestellt zu sein. Wie achtest du da auf dich, dass es dir nicht „zu viel“ wird – also neben der Achtsamkeit?

Nicht so streng zu mir zu sein, also dieser liebevolle Umgang mit mir selbst. Das ist etwas, das habe ich noch gar nicht so lange in petto. Ich habe vor fünf Jahren ein Unternehmen gegründet und bin unter anderem aus dem Unternehmen rausgegangen, weil ich gemerkt habe, ich verliere mich da, das ist mir zu wild. Ich brauche mehr Arbeit am Menschen. So eine Nachsichtigkeit mit sich zu entwickeln und zu sagen, du handelst eigentlich nach bestem Wissen und Gewissen, warum bist du denn dann eigentlich so streng mit dir, wenn etwas nicht funktioniert? Das hat mich total unzufrieden gemacht und mittlerweile bin ich sehr nachsichtig, wenn Dinge nicht funktionieren, weil ich immer wieder auch den Grund sehe, warum ich manchmal einfach keinen Bock habe. Ich habe mir z.B. vorgenommen, drei Mal die Woche laufen zu gehen und das klappt nicht, aber das ist auch völlig ok. Das hat mein Leben total entschleunigt.

Was hat dir dabei geholfen? Weil gerade diese strengen Gedanken, sind ja oft sehr automatisch...

Definitiv auch wieder das Thema Achtsamkeit und zu merken: es gibt richtig anstrengende Phasen und damit die sich nicht mehrfach wiederholen, muss ich aktiv etwas tun. Ich war z.B. im Rahmen meines Unternehmens teilweise so geschlaucht und im Stress, dass ich einfach auch an mir gemerkt habe: ich bin müde, ich kann mich nicht mehr so gut konzentrieren, ich stehe nicht mehr so gerne auf ... es gab also triftige Gründe für mich, zu sagen, du musst das ändern, weil du bist nicht mehr zufrieden, du bist nicht mehr so glücklich, und die mich dazu bewogen haben, mich konkreter mit mir zu beschäftigen und das auch anzugehen. Ich hatte wirklich einen Leidensdruck und ich musste was tun.

Was steht bei dir als Nächstes an?

Ich habe gerade einen Buchvertrag unterschrieben und schreibe über Micro Habits, das heißt, kleine Dinge, die du im Hier und Jetzt verändern kannst, um zufriedener mit deinem Leben zu sein. Das Wort „zufrieden“ sollte dabei sehr individuell besetzt sein. Zufrieden sein mit deiner eigenen Definition von Zufriedenheit. Das kann Erfolg sein, das kann eine gute Partnerschaft sein, das kann reich sein, das kann gesund sein ... es gibt ganz viele Dinge, die uns zufrieden machen, aber wir müssen mit unserem extremen Effizienz- und Optimierungsverhalten aufhören, uns mehr auf die Schulter klopfen und im Hier und Jetzt die kleinen Stufen entdecken, die uns wesentlich dahinbringen, wo wir hinwollen. Raus aus dem „ich muss meinen Chef glücklich machen, ich muss jetzt funktionieren, ich muss aber heute Abend noch das oder das abgegeben haben“ – nee. Frag dich, was du tun kannst, damit du heute Abend zufrieden ins Bett gehst. Es wird langfristig nicht sein, dass dein Chef happy ist oder dass deine Patienten happy sind, sondern dass du dafür gesorgt hast, dass du zwischendurch Pausen machst, dass du was Gutes isst, dass du Kontakt mit Leuten in deinem Privatleben hast, um dich auch mal mit deinem Kopf aus den Themen rauszuholen, die dich so funktionieren lassen.

 

Viel Erfolg dabei und vielen Dank für das schöne Interview, Miriam.