Lehrkräfte als Klient:innen: So meisterst du die „Hohe Schule“

Eine Lehrerin im Klassenraum.

Wenn du als Coach, Berater:in oder Therapeut:in mit Lehrer:innen arbeitest, vergiss (fast) alles, was für andere Klientel-Gruppen gilt. In diesem Artikel erfährst du, inwiefern Lehrer:innen anders sind, welche Rolle typische Stressoren wie Crowding spielen, warum Lehrkräfte sich gegen krank machende Bedingungen mittels einer krank machenden Strategie „wehren“ – und wie du ihnen helfen kannst, ohne dich in endlosen Debatten zu verlieren.

Was du wissen solltest, wenn du mit Lehrer:innen arbeitest

 

1. Lehrer:innen sind schwierig – ein Vorurteil?
Wenn ein:e Lehrer:in das erste Mal vor dir sitzt, weiß sie:er häufig schon genau, was sie:er hat und was dagegen hilft. Eine:n Lehrer:in in einer Therapiegruppe habe ich meist schon nach der ersten Runde an Aussagen wie dieser erkannt: „Das, was ihr anderen berichtet, habe ich alles nicht. Bei mir liegt es am Schulstress. Wahrscheinlich bin ich hier falsch.“ Sofort reagiert die Gruppe gereizt – und man selbst attestiert: Rationalisierung! Kennst du das auch?

2. Die Krankheit „Schule“
Betrittst du eine Schule in einer Pause, schlägt ein Strudel an sensorischer Überstimulation über dir zusammen: rennende, kreischende Kinder, Gerüche, Konflikte, überhöhte Klassenfrequenzen, „Problemschüler:innen“. Der Arbeitsalltag von Lehrenden folgt dem Prinzip „High Demand – Low Resources“: Hohe Anforderungen treffen auf kaum vorhandene Mittel. Es fehlt ihnen der Hebel, aktiv gegenzusteuern. Man könnte sagen: erlernte Hilflosigkeit. Zudem sind vitale Bedürfnisse nicht erfüllt: Grenzwerte für Lärmpegel, CO2-Konzentration, Schimmel-, Dioxin- oder Formaldehyd-Belastungen werden regelmäßig in Schulen überschritten. Lehrkräfte sind eingezwängt zwischen Anforderungen von vielen Seiten: Kindern, Eltern, Kolleg:innen, Schulleitung, Administration. Die öffentliche Meinung sitzt ihnen im Nacken.

3. Die „Abbruchkante“
Die meisten Lehrer:innen halten trotz Beschwerden oft so lange durch, bis sie von heute auf morgen in die Tiefe stürzen. Häufig gibt es einen aktuellen Auslöser: weil sie von ihrem bzw. ihrer Partner:in verlassen worden sind; weil sie eine Panikattacke erlebt haben; weil letzte Woche ihr Kind zum Studium ausgezogen ist; weil ihre Hausärztin ihnen wegen der Herzproblematik eine Therapie verordnet hat – „Aber sonst ist alles okay!“. Um wirklich zu fühlen, wie krank sie sind, benötigen einige bis zu 20 Therapiesitzungen. Erst dann kommen viele Lehrpersonen dort an, wo andere Hilfesuchende zu Beginn der Therapie schon lange sind.

4. Die Diagnose
Wenn eine Lehrkraft Hilfe von dir möchte, hat sie bereits eine „Diagnose“ - sie lautet: „Lehrer:in“. Die Bildungsministerien halten sich mit offiziellen Zahlen über den Gesundheitszustand von Lehrer:innen zurück. Man kann aber davon ausgehen, dass

  • 50% von ihnen das Regel-Pensionsalter nicht erreichen,
  • ein Drittel unter Burnout leidet,
  • unverhältnismäßig viele von ihnen früh schwer erkranken oder gar versterben,
  • Lehrer:innen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit innerhalb von zwei Jahren nach der Pensionierung sterben,
  • sie zu einer der kränksten Berufsgruppen gehören.
Frau am Lehrerpult, die ihren Kopf in die Hände stützt.

5. Das Paradox
Wie kann es sein, dass Lehrer:innen häufig leiden und dies zwar kundtun, aber sich nicht wirklich gegen die krankmachenden Bedingungen wehren? Meine These lautet: Um mit den krankmachenden Bedingungen fertig zu werden, brauchen sie eine Strategie, die krank macht. Um in diesem Schulsystem zu funktionieren, müssen sie subjektives Empfinden und Leiden ausschalten:

6. Das Dissoziieren
Durch Abspaltung drängen sie die Wahrnehmung von Gefühlen, Bedürfnissen und Körperempfindungen in den Hintergrund.
Wie diese Strategie einerseits „hilft“, den Stress auszuhalten, andererseits aber langfristig krank macht, erläutert mein „Knautschzonen-Modell“: Es beschreibt, wie die Energie eines Stressors von der äußeren Schicht des Organismus „aufgezehrt“ wird. Diese „Knautschzone“ – wie die eines Autos bei einem Unfall – wird dabei allerdings geschädigt. Wenn Stressoren zu massiv oder häufig auftreten, dringen sie in tiefere Schichten ein und schädigen die Person strukturell oder gar existenziell (mehr dazu findest du im unten genannten Link).

7. Das Ertrinken
Crowding (von engl. crowd = Masse) heißt, immer und überall in der Masse Mensch zu ertrinken: in Klassenräumen, auf Fluren und Pausenhöfen, im Lehrerzimmer. Crowding wirkt wie ein stets aktives Hintergrund-Programm, das Unmengen an Energie verbraucht und nahezu alle physiologischen Parameter erhöht. Neben ständiger sensorischer Überstimulation stehen Grenzüberschreitung und hoher Aufforderungscharakter im Vordergrund. Infolge von Dissoziation nehmen viele Lehrkräfte es weder wahr noch ernst. Erschöpfung, sozialer Rückzug, Suchtmittel-Missbrauch und Burnout sind typische Folgen.
 

Was du tun kannst, um Lehrer:innen zu helfen

 

1. Erkläre, dass Crowding und Dissoziation allgegenwärtig sind: Hilfe und Erleichterung ist für viele bereits, wenn du den Stress als real akzeptierst, Verständnis für die schwierige Arbeitssituation und Mitgefühl zeigst. Mein Tipp für echtes Verständnis: Begleite eine befreundete Lehrkraft für einen halben Tag bei ihrer Arbeit in der Schule oder erkundige dich, ob dir eine Schule eine solche Erfahrung ermöglicht.
 

2. Erarbeite mit deinem bzw. deiner Klient:in Schutzmaßnahmen gegen Crowding:
Einfache Strategien gegen die ständige Überstimulation können deinem Schützling bereits helfen. Du kannst einige Ideen anbieten wie: wo möglich Gehörschutz tragen, Lehrerzimmer weitgehend meiden, in Freistunden Schulbereich verlassen, häufiger Stillarbeit einplanen … By the way: Wenn du der hilfesuchenden Person die Virulenz von Crowding & Co. vor Augen führst, reagiert sie vielleicht mit Bagatellisierungen; denn es gibt dieses ungeschriebene Gesetz, keine Schwäche zuzugeben, um die Kolleg:innen nicht unnötig zu belasten. Hilf ihr dabei, ihre Klagen, diesen immer nur temporären Druckabbau, in wirkliches Fühlen zu verwandeln – bis sie spürt, wie sehr sie tatsächlich leidet. Der nächste Punkt ist deshalb zentral …
 

3. Bring deinem Gegenüber bei, eine „Mimose“ (im besten Sinne!) zu sein, also feinfühliger zu werden – und es sein zu dürfen! Mittels Sensibilitätstraining kannst du Lehrenden helfen, das wahre Ausmaß des Leidens wahr – und für wahr zu nehmen. Zeige, wie man Kontakt zu Körper und Emotionen aufnimmt, wie man Bedürfnisse und Grenzen bei sich selbst erkennt. In dieser Phase wirst du vermutlich immer wieder mit einem „Ja, aber …!“ konfrontiert werden: „Ich weiß das ja, aber wenn ich mich zurücknehme, müssen meine Kolleg:innen für mich einspringen!“ Argumentiere nicht dagegen an. Denn dieser Einwand trifft voll und ganz zu. Stattdessen kannst du etwa sagen: „Lernen Sie zunächst, Ihre Selbstwahrnehmungen anzunehmen. Dann öffnen Sie sich anderen gegenüber und ermutigen diese, ebenfalls über ihr Leid zu sprechen.“

Ein Mann und eine Frau an einem Tisch

4. Jetzt kannst du allmählich versuchen, die Pädagogische Grundregel einzuführen. Sie lautet: Bei jeder Planung und Durchführung von Unterricht steht das eigene Wohl an erster Stelle. Du wirst mit Sicherheit Einwände dagegen hören. Beharre nicht auf dieser Regel, aber sei beharrlich, indem du immer wieder auf sie zurückkommst.

 

5. Meine „Wichtigen 5“:
Vorab ein kleiner Hinweis: Evtl. springen dir immer wieder bestimmte Aspekte aus der Sozialisation ins Auge, z. B. frühe Verantwortungsübernahme für Problemgeschwister oder -elternteil, Zurückstellen eigener Gefühle, helfende Rolle in der Familie usw. Du könntest versucht sein, die aktuellen Probleme damit zu erklären. Aber Vorsicht: Die Person, die vor dir sitzt, ist es gewohnt, Mängel auf die eigene Person zu attribuieren – als Referendar:in lernt man zumeist, dass alles, was im Klassenraum geschieht, auf eigene Fehler zurückgeht – und könnte es leicht als Beschuldigung auffassen. Stattdessen könntest du bspw. sagen: „Sie haben schon früh Verantwortung übernehmen und eigene Bedürfnisse zurückstellen müssen; jetzt dürfen Sie für das eigene Wohl eintreten.“

  1. Entwicklung von Selbstwahrnehmung und Selbst-Bewusstsein: In aller Regel können Lehrende sich selbst wahrnehmen; sie setzen diese Kompetenz jedoch oftmals nicht in Verhalten (Performanz) um, weil die Bedingungen dem entgegenstehen. Es geht also neben dem Aufbau dieser Skills in erster Linie um die Ermutigung dazu, sie anzuwenden. Das Sensibilitätstraining verlangt ein ständiges Pendeln zwischen Training, vorsichtigem Modifizieren von Introjekten (Regeln, Gebote, Sätze über die Welt usw.) und behutsamer Anwendung.
     
  2. Schwächen kommunizieren und Fehlerfreundlichkeit: Ein erster Schritt besteht darin, sich selbst als fehlerhaft zu akzeptieren. In einem zweiten Schritt lernt der:die Klient:in, eigene Schwächen anderen gegenüber nicht mehr zu verbergen, sondern mit wachsendem Selbst-Bewusstsein zu offenbaren.
     
  3. Mut fördern, Grenzen zu setzen: Bedenke, dass Abgrenzungen oft Konflikte mit Kolleg:innen evozieren. Dies ist als Faktum zu akzeptieren, hier helfen keine „kognitiven Umstrukturierungen“! Vielmehr sollte die Lehrkraft ermutigt werden, mit der Kollegenschaft in einen selbstfürsorglichen Diskurs einzutreten und sich selbst als positives Modell zu präsentieren.
     
  4. „Schlachtfelder“ exportieren: Der Kampf, den Lehrende ständig gegen sich selbst führen, indem sie sich zwingen, sich disziplinieren, sich überfordern und sich verausgaben, sollte nicht per therapeutischer Verordnung einfach nach außen verlagert werden. Denn Verteilungskämpfe innerhalb des Kollegiums würden die Belastungen maximieren. Auch hier muss der Veränderungs-Ambivalenz Rechnung getragen werden: Das Nach-außen-Wenden des gegen sich selbst gerichteten „Spießes“ muss stets konstruktiv erfolgen – etwa im Austausch mit Kolleg:innen und Vorgesetzten.
     
  5. Hilfe einfordern: Die einzelne Lehrkraft sollte darin unterstützt werden, die eigenen Grenzen nicht zulasten anderer durchzusetzen, sondern von außen Hilfen zu fordern, z. B. Fortbildungen in Gesundheits- und Selbstfürsorge , Zeitmanagement, Supervision, Coaching oder Entspannungsverfahren - und zwar stets innerhalb der Dienstzeit. Psychotherapie kann helfen, die Verbesserung der Gesundheitsbedingungen für Lehrkräfte zu beforschen und einzufordern.

Fazit

Die Arbeit mit Lehrer:innen erfordert Einfühlungsvermögen, Klarheit und eine reflektierte Haltung. Wie gesagt, empfehle ich dir: Begleite eine Lehrkraft für einen halben Tag bei ihrer Arbeit. Das direkte Erleben des schulischen Alltags eröffnet dir Einblicke, die keine Theorie vermitteln kann – und hilft, die Herausforderungen von Lehrer:innen wirklich zu verstehen.

 

Quellen / Zum Weiterlesen (Werbung)

American Psychological Association (APA). (n.d.). Crowding. In APA Dictionary of Psychology. https://dictionary.apa.org/crowding

Die Inkognito-Philosophin. (2021, Oktober 8). Dissoziation und Knautschzonen-Modell. Die Inkognito-Philosophin. https://www.die-inkognito-philosophin.de/blog/dissoziation-und-knautschzonen-modell

Die Inkognito-Philosophin. (n.d.). Mehrgardt Exkursionen. Die Inkognito-Philosophin. https://www.die-inkognito-philosophin.de/mehrgardt-exkursionen

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). (2022, Oktober 17). Neue Studie zeigt: Lehrkräfte sind hohem Gesundheitsrisiko ausgesetzt. GEW Berlin. https://www.gew-berlin.de/presse/detailseite/neue-studie-zeigt-lehrkraefte-sind-hohem-gesundheitsrisiko-ausgesetzt

Klett-Verlag. (2021, März 30). Burnout-Rate 29 %: Lehrerinnen sind besonders belastet. Klett-Verlag. https://ernst-klett-verlag.de/themendienst/stark-im-stress-lehrergesundheit/#:~:text=Nach%20der%20Potsdamer%20Lehrerstudie%2C%20f%C3%BCr,die%20h%C3%B6chste%20Rate%20aller%20Berufe.

Mehrgardt, M. (1999). Von der Pathogenese des Lehrerseins – Beobachtungen aus der Psychotherapie mit Lehrern. Zeitschrift für Erziehung und Wissenschaft in Schleswig-Holstein, 12, 15-18.

Mehrgardt, M. (2011). Überleben in der Schule. Ein Beitrag aus psychotherapeutischer Sicht. Zeitschrift für Erziehung und Wissenschaft in Schleswig-Holstein, 5, 6-10.

Mehrgardt, M. (2020). Psychotherapie mit Lehrern. Deutsches Ärzteblatt/ PP, 2, 66-67.

Universität Göttingen. (n.d.). Studie belegt: Lehrkräfte sind immer unter Druck. Universität Göttingen. https://kooperationsstelle.uni-goettingen.de/fileadmin/user_upload/DDS18_10_Lehrkraefte_unter_Druck_Weinberger.pdf