Einsamkeit bleibt weiterhin ein Tabuthema
Leons (Anm.: Name anonymisiert) Fuß wippt unruhig auf und ab. Seine Beine sind überschlagen, seine Hände verschränkt, als könne er damit seine Nervosität versteckten. Der junge Klient blickt suchend zum Bücherregal in der anderen Ecke meines Büros, beinahe so, als würde er irgendwo zwischen Freud und Skinner seine Antwort finden. „Wir würden dann jetzt mit dem Interview beginnen“, erkläre ich ihm.
Leon war Teil einer Gruppe, die ich im Rahmen meines Pflichtpraktikums (BQT I) während meines Psychologiestudiums begleitet hatte. Dieses Interview entstand jedoch unabhängig davon im Zuge meiner eigenen journalistischen Recherche über Einsamkeit. Während meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in einer Beratungsstelle für Angehörige psychisch erkrankter Menschen wurde mir deutlich, dass Einsamkeit noch immer ein stark tabuisiertes und häufig unterschätztes Thema ist. In etwa jedem zweiten Gespräch spielte neben dem eigentlichen Beratungsanliegen auch Einsamkeit eine zentrale Rolle. Immer wieder begegnete ich zudem Menschen in meinem Umfeld, die sich nicht trauten, offen über ihre Einsamkeit zu sprechen, oder sie selbst gar nicht als solche einordneten, da sie „nicht den ganzen Tag allein auf der Couch liegen würden“.
Aus diesem Erleben heraus entstand der Wunsch, mich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen und Einsamkeit stärker in den öffentlichen Diskurs zu rücken – u. a. mit meinem Magazin, „Gemeinsam Einsam“, das Einsamkeit aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet, Betroffenen eine Stimme gibt und zugleich wissenschaftlich fundierte sowie praxisnahe Ansätze im Umgang mit dem Thema zusammenführt. 2024 wurde diese Idee mit dem Spotlight Jugendpreis von der Jugendpresse Deutschland e.V. und dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Frauen, Senioren und Jugend ausgezeichnet. Denn Einsamkeit ist nicht gleichbedeutend mit sozialer Isolation. Entscheidend ist vielmehr die subjektiv empfundene Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlichen sozialen Beziehungen. Auch bei hoher sozialer Einbindung kann Einsamkeit erlebt werden; Alleinsein geht nicht zwangsläufig mit Einsamkeit einher.

Einsamkeit als strukturelles Problem
Für meine Recherche habe ich mit unterschiedlichen Menschen gesprochen: mit Jana Crämer, die seit über 40 Jahren Freundschaften bewusst über romantische Beziehungen stellt und damit gängige gesellschaftliche Ideale infrage stellt. Mit der Boygroup „Elevator Boys“, die trotz eines großen Freundeskreises von Einsamkeit berichten. Mit einer Studentin, die ihre Erfahrungen von Einsamkeit im Studium schildert, sowie mit einem Mechaniker, der strukturelle Probleme in der Arbeitswelt als Auslöser von Einsamkeit beschreibt.
Darüber hinaus habe ich Gespräche mit Forschenden und Psychotherapeutinnen geführt, die sich wissenschaftlich mit Einsamkeit auseinandersetzen.
Daraus lassen sich zentrale Erkenntnisse und konkrete Ansätze für den Umgang mit Einsamkeit bei Klient:innen ableiten: Zum einen ist es wichtig, Einsamkeit mehr als ein gesellschaftliches, strukturelles Problem zu fassen (Barreto, Doyle & Qualter, 2024), das alle Altersgruppen betreffen kann. Marginalisierte Gruppen wie Geflüchtete, Personen mit Behinderungen oder mit niedrigem sozioökonomischem Status sind im Durchschnitt häufiger von Einsamkeit betroffen (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2024). Auch die WHO betont, dass Einsamkeit nicht nur individuell, sondern auch sozial und strukturell bedingt ist und daher auf mehreren Ebenen berücksichtigt werden sollte, um Scham bei den betroffenen zu reduzieren (World Health Organization, 2021).
Ebenso wichtig ist die Entstigmatisierung und damit Betroffenen dazu zu ermutigen, offener über das Thema zu sprechen. Denn rund 60 % der Menschen in Deutschland fühlen sich gelegentlich einsam (Techniker Krankenkasse, 2024). Einsamkeit sollte demnach auch in der Therapie eine Rolle spielen. Die WHO empfiehlt, Einsamkeit in Beratung und Therapie sensibel und nicht stigmatisierend anzusprechen. Statt direkter Konfrontation sollen offene, niedrigschwellige Fragen genutzt werden, die das soziale Erleben der Betroffenen erfassen und Scham reduzieren.
Konkrete Ansätze für die Beratung oder Therapie
Bereits in einem frühen Stadium können Hinweise auf Einsamkeit erkennbar sein, etwa das Gefühl sozialer Distanz, eine erhöhte emotionale Belastung oder die Wahrnehmung einer Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlichen sozialen Beziehungen (BMFSFJ, 2024).
Ass.-Prof. Dr. Mareike Ernst lehrt und forscht am Institut für Psychologie, Abteilung für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse an der Universität Klagenfurt zu Einsamkeit und empfiehlt psychologische Interventionen, die an der eigenen Wahrnehmung ansetzen (Yakar, 2025).
Dabei ginge es darum, kognitive Überzeugungen zu verändern und die eigene Sicht auf soziale Beziehungen zu verbessern. Ernst erklärt, dass Menschen, die beispielsweise aufgrund von Depressionen oder Ängsten eine Therapie machen, häufig feststellen, dass sich auch ihr Gefühl der Einsamkeit verringert. Diese Ansätze seien oft effektiver als reine Übungen zur Verbesserung sozialer Kompetenzen (Social Skills) oder sogenannte Befriending-Konzepte. Beim Befriending werden einsame Menschen gezielt miteinander vernetzt, sodass sie beispielsweise regelmäßig miteinander telefonieren oder Zeit verbringen können (Fakoya, McCorry & Donnelly, 2021).
Gleichzeitig braucht es niedrigschwellige Angebote für Menschen, die nicht zeitnah einen Therapieplatz erhalten. Betroffene berichteten, dass ihnen insbesondere Hobbys, die Freude bereiten, sowie das bewusste Verlassen des gewohnten Umfelds geholfen haben, neue soziale Kontakte zu knüpfen (Yakar, 2025). Diese Vorschläge lassen sich gut in der Therapie aufgreifen.
Ebenfalls hilft es, die Person dazu zu motivieren, gemäß ihren Ressourcen, aktiv auf andere Menschen zuzugehen. Außerdem kann es fördernd sein, die Gefühle der Person zu validieren und der Person aufzeigen, dass sie mit ihrer Einsamkeit nicht allein ist, dass sich viele Menschen einsam fühlen (Yakar, 2025).
Je nach Störungsbild, muss abgewogen werden, welche Maßnahmen realisierbar erscheinen und welche zu mehr Leidensdruck führen könnten.

Engagement im Alltag: was jede:r tun kann
Doch therapeutisches Engagement, Artikel oder ein Magazin allein reichen nicht aus, um dem komplexen Problem der Einsamkeit zu begegnen. Es braucht breiteres Engagement und strukturelle Maßnahmen.
Dennoch können auch kleine Schritte viel bewirken: Es ist wichtig, mehr über Einsamkeit zu sprechen, sowohl im persönlichen Umfeld als auch in sozialen Medien – gerade als Psychologie- und Therapieprofis. Je sichtbarer das Thema wird, desto eher erkennen Betroffene, dass sie nicht allein sind (Yakar, 2025) – und die Gesellschaft, wie umfassend die Problematik ist, aber auch wie leicht jede:r Einzelne etwas für mehr Verbundenheit tun kann.
Darüber hinaus können sich Studierende und Berufstätige (ehrenamtlich) in Beratungsangeboten oder anderen Initiativen einbringen. Manchmal reicht es, bereits im Alltag unseren Mitmenschen, wie Freund:innen, Bekannten und auch unseren Kolleg:innen, bewusster zuzuhören. Unsere Gesellschaft ist stark vom Individualismus geprägt; häufig steht die Optimierung des eigenen Lebens im Vordergrund (Bauman, 2001). Doch wenn wir mehr Wert darauflegen, anderen wirklich zu begegnen, interessiert nachzufragen und die Welt aus ihrer Perspektive zu betrachten, kann das für die Person schon einen großen Unterschied machen. Und möglicherweise verbessert sich dadurch ganz nebenbei auch das eigene Wohlbefinden.
Zum Weiterlesen (Werbung)
„Gemeinsam Einsam“ ist seit November 2025 kostenfrei online (KULTURA MAGAZIN | Kultur, Psychologie und Gesellschaft) erhältlich und liegt u. a. in der Universitätsklinik Köln, diversen Cafés, Physiotherapeutenpraxen und Fachschaften aus.
Quellen
Barreto, M., Doyle, D. M., & Qualter, P. (2024). Changing the narrative: Loneliness as a social justice issue. Political Psychology, 45, 157-181.
Bauman, Z. (2001). The individualized society. Polity Press.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024). Einsamkeitsbarometer 2024: Langzeitentwicklung von Einsamkeit in Deutschland. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/einsamkeitsbarometer-2024-237576
Fakoya, O. A., McCorry, N. K., & Donnelly, M. (2021). How do befriending interventions alleviate loneliness and social isolation among older people? A realist evaluation study. PloS one, 16(9), e0256900.
Techniker Krankenkasse. (2024). Einsamkeitsreport 2024. https://www.tk.de/resource/blob/2186830/73239d0d1b389491c47f1bf7960ed254/2024-tk-einsamkeitsreport-data.pdf
World Health Organization. (2021). Social isolation and loneliness among older people: Advocacy brief. https://www.who.int/publications/i/item/9789240030749
Yakar, T. (2025). Gemeinsam Einsam. JugendPolitikTage. https://jugendpolitiktage.de/vor/ideenpreis/die-preistraeger-innen






