Schuldgefühle regulieren unser soziales Miteinander
Warum sollten wir uns mit Schuldgefühlen auseinandersetzen? Gibt es sie, oder sprechen wir vielmehr von Verantwortung? Vielleicht geht es nur um die Emotion der Scham? Natürlich sind Schuldgefühle wichtig, da sie unser soziales Miteinander regulieren und einen Kompass durch Werte und Normen darstellen können. Aber manchmal sind sie zu viel, zu intensiv, zu anhaltend und dem äußeren Anlass nicht angemessen. Man spricht dann auch von maladaptiven oder irrationalen Schuldgefühlen.
Betrachten wir Schuld als Emotion, handelt es sich um eine komplexe soziale Emotion und nicht lediglich um ein einfaches Gefühl, auch wenn im Alltag häufig von „Schuldgefühlen“ gesprochen wird. Sie nagen an unseren Gedanken, schleichen sich in Entscheidungen, untergraben unser Selbstvertrauen und dann ist da noch die Scham, die alles verdunkelt.
Schuldgefühle sind eng mit dem Thema Verantwortungsübernahme verwoben. Neige ich dazu, sehr viel Verantwortung zu übernehmen, dann habe ich vor allem erst einmal viel Arbeit, aber vielleicht noch keine Schuldgefühle. Diese kommen hinzu, wenn ich gleichzeitig überzeugt bin, dass mein inneres Wertesystem nicht mit meinem Handeln übereinstimmt und ich hierfür auch Verantwortung übernehmen möchte. Verschlechtert sich der Zustand einer Patientin und ich weiß, es hat vorrangig mit der Trennung von ihrem Freund zu tun, fühle ich mich wenig verantwortlich und auch mein Wertesystem scheint nicht alarmiert zu sein. Verschlechtert sich der Zustand meiner Patientin jedoch, weil ich in letzter Zeit viel unterwegs war und ihr deshalb nicht die regelmäßigen Sitzungen anbieten konnte, die sie gebraucht hätte, erlebe ich deutlich eine Verantwortung. Dann meldet sich mein Wertesystem sehr klar und macht mir spürbar, dass ich ihr in dieser Phase nicht in dem Maß zur Verfügung stand, wie ich es mir gewünscht hätte. Das Resultat ist, ich nehme auf kognitiver Ebene mein schlechtes Gewissen wahr und auf emotionaler Ebene erlebe ich die Emotion Schuld. Oder doch Scham?
Schuld und Scham sind eng miteinander verknüpft
Tatsächlich sind die beiden Emotionen Schuld und Scham eng miteinander verwoben. Habe ich mich im Büro verquatscht und komme zu spät in die Therapiestunde und meine Patientin spricht mich darauf an, dann kann ich mich beschämt fühlen, weil ich scheinbar ihrem und meinem Standard nicht gerecht geworden bin.
Reagiere ich ärgerlich, könnte auch dies Ausdruck davon sein, dass ich mich ertappt fühle. Vielleicht sind Ärger und Scham sogar die ersten Gefühle, die ich wahrnehme und nur ganz allmählich kommen die Schuldgefühle hinzu. Es macht somit Sinn, dass ich mich bei Schuldgefühlen frage, welche anderen Gefühle stecken dahinter, waren vielleicht zuerst da. Tatsächlich gehen Schuld und Scham gerne Hand in Hand, wie sehr ist dabei sehr verschieden.

Nehmen wir das fiktive Beispiel von Laura, die eine Psychotherapie aufsucht, weil sie unter starken Schuldgefühlen leidet. Im Verlauf der Anamnese berichtet sie, dass bei ihrer Mutter während der Schwangerschaft Brustkrebs diagnostiziert wurde. Aufgrund der Erkrankung wurde erwogen, die Schwangerschaft abzubrechen, um möglichst frühzeitig mit einer Chemotherapie beginnen zu können. Da die Schwangerschaft jedoch bereits weit fortgeschritten war, entschied sich die Mutter dagegen und wollte ihr Kind austragen. Unmittelbar nach Lauras Geburt begann sie mit der Chemotherapie, verstarb jedoch bereits ein Jahr später an den Folgen ihrer Krebserkrankung.
Laura schämt sich nicht für den Tod ihrer Mutter, doch übernimmt sie in irrationaler Weise Verantwortung dafür. Nach ihrem Wertesystem fühlt es sich an, als hätte sie sich etwas genommen und der Mutter damit geschadet. In ihrer inneren Vorstellung erlebt sie sich, als habe sie aktiv gehandelt und empfindet Schuld. Der Verstand sagt ihr, dass sie keine Schuld hat. Auf der Gefühlsebene hält sie an ihrer Verantwortungszuschreibung fest, obwohl die äußeren Fakten dagegensprechen. In solchen Fällen reicht es therapeutisch oft nicht, allein mit rationalen Argumenten zu arbeiten. Hilfreich ist vielmehr, zusätzlich Strategien aus emotionsfokussierten Therapieansätzen einzusetzen, die direkt an der erlebten Schuldemotion ansetzen. Hier können die 5 Schritte-To-Go weiterhelfen.
1. Verstehen
Warum fühlt sich Laura schuldig? Intuitiv ahnen wir, warum sich dieses Gefühl hier irrational Raum nimmt, aber es macht Sinn, nochmals genauer zu fragen. Folgende vier Fragen sind bei irrationalen Schuldgefühlen häufig aufschlussreich. Mögliche Antworten von Laura sind angefügt.
- „Laura, warum fühlst du dich schuldig?“ „Ich empfinde Schuld, weil die Schwangerschaft mit mir dazu geführt hat, dass meine Mutter ihre Chemotherapie nicht rechtzeitig beginnen konnte.“
- „Welche Vorwürfe machst du dir?“ (Laura stockt, denkt länger nach) „Ich weiß nicht, irgendwie schwierig zu beantworten, da ich ja nicht gehandelt habe.“
- „Was befürchtest du?“ „Dass meine Familie mir nicht verzeihen kann. Dass ich anderen Menschen Unglück bringe“.
- „Wofür schämst du dich?“ (Laura denkt länger nach) „Weiß ich nicht wirklich, eigentlich muss ich mich doch nicht schämen, oder?“
Mit wenigen Fragen wird deutlich, dass Laura unterschwellig Angst hat, nicht zugehörig zu sein, von anderen abgelehnt zu werden oder anderen nicht gut zu tun.
2. Akzeptieren
Laura ist nach den Fragen vermutlich irritiert und betont wohl gleichzeitig, dass es für sie klar sei, dass sie nichts getan hätte, aber das Gefühl sei trotzdem immer da und würde sie auch begleiten. Daher scheint es in einem weiteren Schritt wichtig, Gedanken und Gefühl zu entflechten, wie wir es aus der ACT-Therapie kennen. Hierzu eine kleine Übung.
Laura wird aufgefordert, folgenden Satz zu wiederholen und ihm nachzuspüren:
„Ich bin schuld am Tod meiner Mutter.“ (Laura wiederholt, spürt nach)
Dann wird ihr vorgeschlagen, folgende Umformulierung zu versuchen:
„Ich denke, dass ich schuld bin am Tod meiner Mutter.“ (Laura wiederholt erneut und spürt nach)
Eine winzige kleine Veränderung, die jedoch sehr deutlich macht, dass eine gefühlte Tatsache vielleicht lediglich ein Gedanke ist.

3. Regulieren
Fühle ich mich irrational schuldig, dann ist da ein Ich-Anteil aktiv, den wir vielleicht am ehesten dem Fordernden-Ich zuordnen können. Eine Stärkung des gesunden Erwachsenen würde bedeuten, sich selbst aktiv zu regulieren, eigene Verantwortlichkeit zu überdenken, sich an die Hand zu nehmen und eigene Bedürfnisse zu erforschen. Laura gelingt es herauszuarbeiten, dass sie ein großes Bedürfnis hat, um die Mutter zu trauern und von anderen gemocht und gesehen zu werden.
Dabei hilft ihr der Gedanke, dass ihre Schuldgefühle es ihr erschweren, die Entscheidung der Mutter wirklich anzunehmen. Aus Liebe zu ihrem ungeborenen Kind hatte diese auf eine frühzeitige Behandlung verzichtet.
Im Rahmen einer Stuhlarbeit tritt Laura mit ihrer Mutter in einen imaginären Dialog. Dadurch kann der in ihr vorhandene Schmerz Ausdruck finden. Gleichzeitig entsteht Raum, die eigene Trauer über den Verlust der Mutter sowie ihre Sehnsucht nach ihr wahrzunehmen und zuzulassen.
4. Verzeihen
Der Akt, sich selbst zu verzeihen, scheint erst einmal paradox, da es doch eigentlich gar nichts zu verzeihen gibt. Laura hat nichts getan. Möchte das Schuldgefühl nicht gehen, kann es dennoch zielführend sein, sich selbst mit einem verzeihenden Blick zu begegnen.
Laura wird gebeten folgende Satzanfänge zu beenden:
„Ich möchte mir verzeihen …“ Laura ergänzt: „…, dass ich nicht die Macht hatte, meine Mutter zu retten.“
„Ich bedaure ….Laura ergänzt: „…, dass das Schicksal meine Mutter vor so eine schwerwiegende Entscheidung gestellt hat.“
5. Loslassen/Integrieren
Wenn wir ein belastendes Gefühl loslassen, bedeutet das meist nicht, dass es einfach verschwindet. Vielmehr wird es Teil unserer Biografie: Es findet seinen Platz, wird integriert und mit der Zeit leiser. Dennoch können symbolische Handlungen dabei helfen, den inneren Prozess des Loslassens zu unterstützen und dem Gefühl seine bisherige Bedeutung zu nehmen.
Im Fall von Laura schreibt sie beispielsweise einen emotionalen Brief an ihre Mutter und legt ihn anschließend bewusst beiseite. In einer Imagination weist sie dem Schuldgefühl einen bestimmten Platz im Körper zu oder versucht ein Symbol für das Gefühl zu finden, was sie imaginativ verändern kann.
Für jeden der „5 Schritte To Go“ gibt es noch weitere anschauliche transdiagnostische Übungen, die zum Ziel haben, vorhandene Schuldgefühle zu verwandeln, damit wir sie integrieren, loslassen oder tragen können.
Weitere Ideen und therapeutische Techniken findest du hier (Werbung):
Lammers, M. (2016). Emotionsbezogene Psychotherapie von Scham und Schuld: das Praxishandbuch. Unter Mitarbeit von Isgard Ohls. Schattauer.
Riessen, I. (2026). Schuldgefühle. Verstehen, Verwandeln, Tragen. Bonifatius.
Riessen, I. (2024). Schuldgefühle. Emotionsarbeit in der Psychotherapie. Beltz.






