Führung im Gesundheitswesen: „Frauen, traut euch etwas zu!“

Sabrina Werner

13. August 2026

Foto: magnific.com

Frauen stellen im Gesundheitswesen einen Großteil der Beschäftigten – in den höchsten Führungspositionen sind sie dennoch oft unterrepräsentiert. Die Psychologische Psychotherapeutin und Praxisinhaberin Marie Kristin Drücker spricht über ihren Weg in die Selbstständigkeit, stereotype Erwartungen, moderne Führung und warum gegenseitige Unterstützung wichtiger ist als Konkurrenz.

Frau Drücker, Sie führen heute eine große psychotherapeutische Praxis mit vielen Angestellten in Berlin. War dieser Weg von Anfang an geplant?

Nicht in dieser Form. Ich habe Psychologie studiert, die Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin absolviert und zunächst freiberuflich in verschiedenen Praxen gearbeitet. Ich war immer jemand, der gerne Verantwortung übernimmt und Ambitionen hatte. Dass ich einmal eine größere Praxis leiten würde, war aber kein konkreter Plan.

Der entscheidende Moment kam eher unerwartet. Ich war Teil einer Art Franchise-Modells, das sich nach kurzer Zeit wieder auflöste. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits viel Zeit, Geld und Energie investiert und zwei Therapeutinnen eingestellt. Plötzlich stand ich vor der Entscheidung: alles beenden oder den Sprung in die eigene Praxisgründung wagen. Rückblickend war das wirklich eine 50:50-Entscheidung. Es gab viele Risiken, finanzielle Unsicherheiten und natürlich die Frage, ob ich diese Verantwortung überhaupt übernehmen wollte.


Was hat letztlich den Ausschlag gegeben?

Vor allem Menschen, die an mich geglaubt haben. Sie haben gesagt: „Probier es aus. Wenn du es nicht tust, wirst du dich wahrscheinlich fragen, was gewesen wäre.“ Gleichzeitig gab es aber auch Stimmen, die mir eher abgeraten haben. Gerade in unserem Beruf wird Sicherheit oft höher bewertet als Unternehmertum. Heute bin ich froh, dass ich mich getraut habe. Aus zwei Therapieräumen und zwei Mitarbeitenden ist in wenigen Jahren eine Praxis mit 28 Angestellten geworden, darunter 20 Therapeutinnen und Therapeuten. Viele von ihnen sind ähnlich qualifiziert wie ich und einige von ihnen sind älter als ich. Führung bedeutet deshalb jeden Tag aufs Neue, sich weiterzuentwickeln.

„Führung bedeutet, sich jeden Tag aufs Neue weiterzuentwickeln.“

Gab es Situationen, in denen Sie das Gefühl hatten, als junge Frau anders behandelt zu werden?

Ja, durchaus. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Gespräch mit einem Bankberater, als ich einen Kredit für die Praxis beantragt habe. Er fragte mich ausdrücklich, warum ich als Anfang-30-jährige Frau überhaupt ein Unternehmen gründen wolle. Die Betonung lag deutlich auf „Frau“. Ich war in diesem Moment so überrascht, dass ich nur gefragt habe: „Warum nicht?“ Im Nachhinein glaube ich sogar, dass die Bemerkung wertschätzend gemeint war. Trotzdem zeigt sie ein grundlegendes Problem: Genau solche Fragen vermitteln Frauen unterschwellig, dass sie sich zunächst rechtfertigen müssen. Ich bin überzeugt, dass einem jungen Mann diese Frage kaum gestellt worden wäre.


Wie erleben Sie Frauen in Führungspositionen im Gesundheitswesen insgesamt?

In der ambulanten Psychotherapie oder Medizin gibt es viele Frauen, die eigene Praxen führen. In Kliniken oder Universitäten sieht das allerdings häufig anders aus. Dort habe ich erlebt, dass die obersten Positionen oft weiterhin von Männern besetzt sind. Auffällig fand ich außerdem, dass viele Frauen in leitenden Funktionen extrem hart wirkten. Ich hatte manchmal den Eindruck, dass genau diese Härte erwartet wird, um sich behaupten zu können. Gleichzeitig habe ich Führungskräfte erlebt, die 70 Stunden pro Woche gearbeitet und sich vollständig über ihre Rolle definiert haben. Das war kein Führungsstil, den ich für mich übernehmen wollte.

Viele verwechseln Härte mit Stärke. Dabei lassen sich Teams mit Transparenz, Offenheit und Empathie oft erfolgreicher führen. Was wäre dein Führungsstil? (Foto: magnific.com)

Müssen Frauen sich stärker beweisen?

Ich glaube schon. Wenn einem – offen oder unterschwellig – signalisiert wird, dass Zweifel an der eigenen Eignung bestehen, beeinflusst das das Selbstvertrauen. Gerade am Anfang meiner Selbstständigkeit hat mich das stärker verunsichert als heute. Mittlerweile bin ich deutlich sicherer geworden. Gleichzeitig erlebe ich, wie wertvoll der Austausch mit anderen Praxisinhaberinnen ist. Frauen beginnen zunehmend, sich zu vernetzen und Erfahrungen zu teilen. Davon könnten wir noch viel mehr haben.


Warum fällt gegenseitige Unterstützung Frauen manchmal schwerer als Männern?

Ich glaube, das hat viel mit gesellschaftlicher Prägung zu tun. Konkurrenz unter Frauen beginnt oft sehr früh – sei es in der Schule, in den Medien oder später über soziale Netzwerke. Gerade weil ich viel mit Patientinnen mit Essstörungen arbeite, sehe ich, wie stark solche Botschaften wirken können. Wenn Frauen glauben, dass nur wenige erfolgreich sein dürfen, entsteht Konkurrenz statt Solidarität. Langfristig nützt das niemandem. Deshalb finde ich es so wichtig, bewusst einen anderen Weg zu gehen: Wissen zu teilen, sich gegenseitig zu unterstützen und sich inspirieren zu lassen, statt sich miteinander zu vergleichen.


Sie beschreiben Ihren Führungsstil als sehr gemeinschaftlich. Was bedeutet das konkret?

Natürlich muss ich Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Aber ich glaube nicht an Führung als Einzelkampf. Ich habe mir ein starkes Team aufgebaut und bespreche viele Themen gemeinsam mit meinen engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Am Ende trage ich die Verantwortung – trotzdem entstehen die besten Entscheidungen häufig im Austausch.

Ich erkläre außerdem viele Entscheidungen transparent. Das müsste ich nicht unbedingt. Aber ich möchte, dass Menschen nachvollziehen können, warum etwas entschieden wurde. Man muss Entscheidungen nicht immer gut finden, aber man kann sie besser akzeptieren, wenn man sie versteht.


Empathie gilt im Management oft als Schwäche. Sie sehen das offenbar anders.

Absolut. Für mich schließen sich Mitgefühl und wirtschaftlicher Erfolg nicht aus. Natürlich musste ich auch schon unangenehme Entscheidungen treffen. Das gehört zur Führungsrolle dazu. Aber Empathie bedeutet nicht, Konflikten auszuweichen. Es bedeutet, respektvoll, transparent und ehrlich damit umzugehen.

In unserem Team sprechen wir offen über Belastungen oder auch über Themen, die in vielen Unternehmen keinen Platz haben – beispielsweise darüber, wenn jemand aufgrund seines Zyklus gerade weniger belastbar ist. Rücksichtnahme ist für mich keine Schwäche, sondern Ausdruck einer gesunden Unternehmenskultur.

„Für mich schließen sich Mitgefühl und wirtschaftlicher Erfolg nicht aus. Führung verlangt aber manchmal Entscheidungen, die nicht allen gefallen. Diesen Widerspruch musste ich erst lernen auszuhalten.“

Gab es Momente, in denen Sie sich als Führungskraft einsam gefühlt haben?

Ja, definitiv. Als Chefin verändert sich die eigene Rolle. Man gehört nicht mehr vollständig zum Kollegenkreis. Natürlich wird auch einmal über die Chefin gesprochen – das ist völlig normal. Trotzdem muss man lernen, diese Position auszuhalten. Hinzu kommt, dass viele Frauen mit dem Wunsch aufwachsen, gemocht zu werden, Rücksicht zu nehmen und Konflikte zu vermeiden. Führung verlangt aber manchmal Entscheidungen, die nicht allen gefallen. Diesen Widerspruch musste ich erst lernen auszuhalten.


Welche Rolle spielen finanzielle Themen?

Eine größere, als ich anfangs gedacht hätte. Ich hatte das Gefühl, dass Jungen häufig früher an wirtschaftliche Themen herangeführt werden als Mädchen. Unternehmensführung bedeutet aber auch, finanzielle Risiken einzuschätzen und Verantwortung zu übernehmen. Vieles davon habe ich mir selbst angeeignet – durch Erfahrung und mit Unterstützung guter Beraterinnen.

Solidarität statt Konkurrenz: Frauen stärken sich, wenn sie netzwerken, Erfahrungen teilen und sich gegenseitig fördern (Foto: magnific.com)

Was wünschen Sie sich für die nächste Generation von Therapeutinnen und Ärztinnen?

Ich wünsche mir, dass sie größer denken dürfen. Viele Frauen erzählen rückblickend, sie seien eher zufällig in Führungspositionen geraten. Das kenne ich auch von mir. Hätte ich mich damals hingesetzt und gesagt: „Ich werde eine große Praxis aufbauen“, hätte ich wahrscheinlich selbst gezweifelt, ob ich mir das überhaupt erlauben darf.

Heute denke ich anders, weil ich erlebt habe, dass Dinge funktionieren können. Dieses Zutrauen wünsche ich jungen Frauen viel früher. Deshalb spreche ich mit Praktikantinnen ganz bewusst auch über Unternehmertum. Wer Fragen zur Praxisgründung hat, kann jederzeit auf mich zukommen. Wissen weiterzugeben nimmt niemandem etwas weg. Im Gegenteil: Wenn mehr Frauen Verantwortung übernehmen, profitieren am Ende alle.


Welche Botschaft möchten Sie Frauen mitgeben, die über eine Führungsposition im Gesundheitswesen nachdenken?

Trau dir etwas zu! Die wenigsten Entscheidungen gelten für das ganze Leben. Man darf Dinge ausprobieren und sie später auch wieder verändern.

Such dir Menschen, die dich stärken – Mentorinnen, Mentoren oder Frauen, die dich inspirieren. Schau gleichzeitig genau hin, wer dich eher bremst oder dir subtil vermittelt, dass du etwas nicht schaffen könntest. Solche Botschaften wirken oft stärker, als man denkt.

Und vielleicht der wichtigste Gedanke: Lass dich von anderen Frauen in Führungspositionen inspirieren statt einschüchtern. Erfolg anderer Frauen nimmt dir nichts weg. Im Gegenteil – er kann zeigen, was alles möglich ist.

Vielen Dank für das spannende Gespräch und Ihre Inspiration!

Über Marie Kristin Drücker

Marie Kristin Drücker ist Psychologische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie sowie Gründerin und Geschäftsführerin der Privatpraxis nu.well in Berlin. Nach Studium und Approbationsausbildung arbeitete sie unter anderem in der psychosomatischen Rehabilitation und baute ab 2021 ihre eigene Praxis auf. Seit 2019 ist sie als Dozentin und seit 2023 zusätzlich als Supervisorin an verschiedenen Ausbildungsinstituten für Psychotherapie tätig. Neben ihrer therapeutischen Arbeit engagiert sie sich besonders für moderne Führung, Mentoring und die Förderung des psychotherapeutischen Nachwuchses.

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