Wenn im Austausch Lernen stattfindet: Epistemisches Vertrauen in Gruppen

Christoph Hahn

3. September 2026

Foto: magnific.com

Nicht jedes Gespräch führt zu neuen Einsichten und Erkenntnissen. Warum in manchen Austauschprozessen wie Therapie, Supervision oder Intervision ein epistemisches Vertrauen entsteht und in anderen nicht, untersucht eine aktuelle Studie. Hierfür werden noch Teilnehmende für eine Online-Umfrage gesucht.

Ein:e Klient:in erscheint regelmäßig zu den Sitzungen, berichtet offen und scheint der therapeutischen Beziehung zu vertrauen. Zugleich scheinen Perspektiven, die ihr von der Therapeut:in zur Verfügung gestellt werden, nicht bei ihr anzukommen. Zwar werden die Worte gehört, aber nicht aufgegriffen und auf sich bezogen.

Ähnliches kann sich in einer Intervision oder Supervision zeigen. Eine Kollegin stellt einen Fall vor und erhält von den anderen Teilnehmenden verschiedene Perspektiven und Anregungen. Letztlich wird jedoch nicht klar, was hiervon der Kollegin in ihrem beruflichen Alltag wirklich hilft beziehungsweise inwieweit sie die geteilten Ideen anwenden kann. So fand zwar ein Austausch statt, aber wurde auch gemeinsam gelernt?

Zwischenmenschliches Vertrauen vs. epistemisches Vertrauen

Wir vertrauen auf unterschiedliche Weise Menschen, die uns wichtig sind. Zum Beispiel vertrauen wir darauf, dass sie uns wohlwollend eingestellt sind, dass sie zu einem bestimmten Grad verlässlich sind und wir uns sicher in ihrer Nähe fühlen. Zwischenmenschliches Vertrauen umfasst die Bereitschaft, sich auch dann auf andere zu verlassen, wenn damit eine eigene Verletzlichkeit verbunden ist (Mayer et al., 1995).

Zugleich führt zwischenmenschliches Vertrauen nicht notwendigerweise dazu, Informationen von unseren Vertrauten anzunehmen und diese zu generalisieren.Vielleicht, weil wir das Gefühl haben, uns nur bis zu einem bestimmten Punkt offenbaren zu können, uns in einer Rückmeldung nicht erkannt fühlen oder uns im gemeinsamen Erkenntnisprozess weniger selbstwirksam erleben.

Und doch scheint es eine Art Vertrauen zu geben, die uns dabei hilft, mit Menschen in einen bereichernden Erkenntnisprozess zu gehen, obwohl wir bisher noch nicht genügend Kontakt mit ihnen hatten, um ihnen zwischenmenschlich zu vertrauen.

Gemeint ist das epistemische Vertrauen. Es wird als die Bereitschaft zum sozialen Lernen verstanden und drückt sich in der Aufgeschlossenheit aus, Informationen aus der Umwelt als vertrauenswürdig, persönlich relevant und generalisierbar einzuordnen (Csibra & Gergely, 2011; Fisher et al., 2023; Fonagy & Allison, 2014). Dass die therapeutische Beziehung ein grundlegender Wirkfaktor gelingender Therapien ist, wurde bereits oft untersucht (Flückiger et al., 2018). Aus der Perspektive epistemischen Vertrauens führt sie jedoch nicht automatisch zur Aufnahme persönlich bedeutsamer Inhalte, die auch außerhalb des therapeutischen Kontextes wirken (Fonagy & Allison, 2014).

Epistemisches Vertrauen bezeichnet die Bereitschaft zum sozialen Lernen: Informationen aus der Umwelt werden als vertrauenswürdig, persönlich relevant und generalisierbar eingeordnet (Foto: magnific.com)

Vor diesem Hintergrund können die beiden oben beschriebenen Situationen aus dem Therapie- und Supervisionsalltag noch einmal neu betrachtet werden: Warum greift die Klientin die Perspektiven nicht auf und wieso finden die in der Supervision geteilten Erkenntnisse keinen Transfer in den Berufsalltag der Kollegin?

Mangel an Vertrauen statt Widerstand

Was dabei als Widerstand beziehungsweise ein Unwille erscheinen mag, kann, wie Nolte (2024) darlegt, auch mit Einschränkungen im epistemischen Vertrauen zusammenhängen. Für die therapeutische Praxis kann es bedeuten, gemeinsam zu reflektieren, inwieweit sich die Patient:innen oder Teilnehmenden im Austausch gehört und verstanden fühlen und was sie benötigen, um geteilte Informationen als vertrauenswürdig, relevant und über den therapeutischen Kontext hinaus bedeutsam zu erleben.

Damit kommen wir zu der Frage, was die Bedingungen sind, die epistemisches Vertrauen in therapeutischen und anderen professionellen Kontexten systematisch fördern und damit einen gemeinsamen konstruktiven Erkenntnisprozess unterstützen.

Bisher wurde epistemisches Vertrauen in erster Linie als personenbezogenes Merkmal betrachtet: Wie offen ist eine Person für die Informationen von anderen (Campbell et al., 2021; Desatnik et al., 2025; Knapen et al., 2024). Dies erfasst jedoch nicht den interaktionalen Charakter gemeinsamen Lernens. Austausch verläuft nicht einseitig, da alle Beteiligten beeinflussen, ob und wie Informationen und Wissen untereinander geteilt, aufgenommen und weiterentwickelt werden.

Solch eine interaktionale Betrachtung kann eine hilfreiche Orientierung im Umgang mit Behandlungswiderständen und Einschränkungen epistemischer Offenheit bieten. Sie verlagert den Fokus von Personen- zu Prozessmerkmalen, die epistemische Öffnungen begünstigen könnten. Aufbauend auf den Arbeiten von Fisher et al. (2023, 2025) zählen hierzu: die wahrgenommene Möglichkeit, sich mitzuteilen, die Qualität des Zuhörens, das Finden einer gemeinsamen Verständnisebene, die epistemische Selbstwirksamkeit sowie die Qualität gemeinsamen Lernens.

Studie zu epistemischem Vertrauen in Gruppen

Im Rahmen einer aktuell laufenden Studie werden diese fünf Prozessmerkmale erstmals zusammen untersucht. Epistemisches Vertrauen wird dabei als ein relationales und mehrdimensionales Merkmal betrachtet und über diese Prozessmerkmale untersucht.

Das Projekt verfolgt das Ziel, das Verständnis für epistemisches Vertrauen zu vertiefen und Gruppenprozesse differenzierter zu reflektieren. Wann gelingt es einer Gruppe, Meinungsverschiedenheiten und Kritik produktiv zu nutzen? Was fördert einen Austausch, in dem sich die Teilnehmenden selbstwirksam erleben? Wie kann epistemisches Vertrauen und damit die Aufnahme neuer Informationen in therapeutischen Prozessen gezielt gefördert werden?

Für die Entwicklung der Skalen werden aktuell noch Personen für eine Onlineumfrage gesucht, die innerhalb der vergangenen sechs Monate an einer Gruppentherapie, Intervision oder Supervision teilgenommen oder solch eine geleitet haben. Die Teilnahme ist anonym und dauert etwa zehn Minuten. Für jede abgeschlossene Teilnahme werden zwei Euro an UNICEF gespendet. Darüber hinaus sind für Intervisions- und Supervisionsgruppen Ergebnisrückmeldungen zur gemeinsamen Reflexion vorgesehen. Link zum Onlinefragebogen:

https://www.soscisurvey.de/rET-Studie/

QR-Code zum Onlinefragebogen:

Eine aktuelle Studie untersucht erstmals fünf Prozessmerkmale des epistemischen Vertrauens in Gruppen. Ziel ist, Gruppenprozesse besser zu verstehen und produktiven Austausch, Kritik und neue Informationen zu fördern (Foto: magnific.com)

Die Entwicklung der fünf Skalen soll eine Grundlage bilden, epistemisches Vertrauen stärker prozessbezogen zu betrachten. Aufbauend auf den ersten Befunden soll perspektivisch untersucht werden, unter welchen konkreten therapeutischen Bedingungen aus einem gemeinsamen Austausch über die Zeit gemeinsames Lernen entsteht.

Literaturverzeichnis zum Download

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