Geschichten öffnen Türen: Mit Bilderbüchern Kinder stärken

Alexandra Steger

5. November 2026

Foto: pexels.com

Wie können therapeutische Geschichten Kinder dabei unterstützen, mehr Vertrauen in sich selbst zu entwickeln? Bilderbücher schaffen einen geschützten Raum, in dem Gefühle, Unsicherheiten und Herausforderungen zunächst über Figuren besprochen werden können. So entstehen neue Perspektiven und manchmal auch der Mut, etwas selbst auszuprobieren. Wie das gelingen kann, zeigt das Bilderbuch „Emma Ente und Konrad Krokodil“.

„Ich kann das nicht.“ Ein Satz, der mich als Psychologin besonders berührt. Vor allem, wenn ein Kind etwas noch gar nicht ausprobiert hat. Kinder mit einem geringen Selbstwert begegnen Herausforderungen häufig vorsichtig, geben schnell auf oder vergleichen sich mit anderen. In der therapeutischen Arbeit kann eine Geschichte einen geschützten Zwischenraum bieten. Wir sprechen zunächst über eine Symbolfigur und plötzlich beginnt das Kind etwas über sich selbst zu erzählen.

Wenn eine Geschichte eine Brücke baut

Bilderbücher sind in der therapeutischen Praxis weit mehr als eine kurze Pause vom eigentlichen Geschehen. Sie öffnen Türen. Gerade dann, wenn es einem Kind schwerfällt, über eigene Gefühle, Unsicherheiten, Ängste oder Konflikte zu sprechen. Dabei entfalten insbesondere die Illustrationen eine eigene Kraft. Sie machen Gefühle und Situationen sichtbar, unmittelbar erfahrbar und regen zum Nachdenken an. So schaffen sie einen Zugang zu inneren Erlebnissen und verhelfen zu emotionaler Entlastung.

Gleichzeitig entsteht Identifikation. Kinder erkennen eigene Erfahrungen in den Figuren und deren Verhalten wieder. Was zunächst wie eine Geschichte über jemand anderen erscheint, wird so zu einem Spiegel der eigenen Lebenswelt.

Eine Geschichte liefert damit auch einen wertvollen Impuls in Richtung Selbstwirksamkeit. Wenn ein Kind miterlebt, wie eine Figur eine schwierige Situation bewältigt, kann der Gedanke wachsen: „Vielleicht kann ich selbst etwas Neues ausprobieren.“ Entscheidend ist dabei weniger eine fertige Lösung, sondern die Erkenntnis, dass viele unterschiedliche Wege möglich sind.

Emma und Konrad – zwei, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen

Genau an diesem Punkt setzt das Kinderbuch „Emma Ente und Konrad Krokodil – Eine Geschichte über Unterschiede und Freundschaft“ an.

Emma und Konrad sind grundverschieden. Auf den ersten Blick scheint sie wenig zu verbinden. Doch durch das gegenseitige Kennenlernen und gemeinsame Erlebnisse verändert sich ihr Blick aufeinander. Was zunächst fremd oder irritierend wirkt, wird vertrauter. Aus Unterschieden entstehen neue Möglichkeiten und schließlich eine tiefe Freundschaft.

Diese Entwicklung bietet wertvolle Anknüpfungspunkte für die therapeutische Arbeit. Das Kind kann sich zunächst über die Geschichte annähern, ohne dabei sofort von sich selbst erzählen zu müssen. Es ist oft völlig ausreichend, gemeinsam zu beobachten, Vermutungen anzustellen und die Gefühle der Figuren zu erkunden:

„Wie fühlt sich Emma gerade?“

„Was könnte Konrad denken?“

„Woran kannst du erkennen, wie es der Figur geht?“

„Warum ist es manchmal schwierig, jemanden zu verstehen, der anders ist als man selbst?“

Und irgendwann kommt er, dieser besondere Moment, in dem ein Kind den Bezug zu seinem eigenen Erleben herstellt: „Das denke ich auch.“

Genau dieser Moment ist therapeutisch von unschätzbarem Wert und letztlich ein wunderschöner Meilenstein unserer gemeinsamen Arbeit.

Emma und Konrad sind verschieden und werden durch gemeinsame Erlebnisse zu Freunden. Ihre Geschichte zeigt, wie aus Fremdheit Vertrautheit wächst und Kinder Gefühle erkunden können – behutsam und ohne sich selbst offenbaren zu müssen (Foto: Alexandra Steger)

Wenn „Ich kann das nicht“ leiser wird

Leo (Name anonymisiert und das Fallbeispiel in einzelnen Merkmalen verändert), begegnete vielen Aufgaben mit großer Skepsis. „Das kann ich nicht!“, war fast immer die erste Reaktion. Neue Situationen mied er nach Möglichkeit. In der Gruppe beobachtete Leo die anderen Kinder sehr genau, schien jedoch vor allem deren Stärken wahrzunehmen. Gelang ihm etwas nicht auf Anhieb, schlug die Stimmung schnell in Desinteresse, Frustration oder Ärger um.

Im direkten Gespräch war es schwer, diese Selbstwahrnehmung zu verändern. Ein aufmunterndes „Du kannst das doch!“ erreichte Leo kaum, da seine negative Überzeugung tief verankert war.

Über die Geschichte von Emma und Konrad fand sich jedoch ein neuer Zugang. Wir betrachteten zunächst die Figuren und sprachen darüber, was sie gut können und was ihnen schwer fällt. Schnell wurde klar: Keine Figur kann alles. Jede hat eigene Stärken und genau diese Vielfalt macht die Begegnung so spannend.

Im nächsten Schritt übertrugen wir diese Idee behutsam auf Leo. Allerdings nicht mit der Frage „Was kannst du gut?“, sondern aus einer anderen Perspektive: „Was würde Emma wohl über dich sagen, wenn sie dich kennenlernen würde?“

Auf einmal wurde es leichter.

Leo begann, eigene Fähigkeiten zu benennen. Aus einem anfänglichen „Eigentlich nichts“ wurden Schritt für Schritt konkretere Beispiele. Ein Spiel, bei dem er einem anderen Kind geholfen hatte. Eine Aufgabe, die er trotz Unsicherheit gemeistert hatte. Eine Situation, in der er etwas wagte, obwohl er Angst vor dem Scheitern hatte. Es ging nicht darum, aus einem unsicheren Kind im Eiltempo ein überfliegendes Selbstbewusstsein zu formen. Es ging darum, den Blickwinkel zu verändern. Weg vom starren „Ich kann das nicht“ hin zu einem mutigen „Ich versuche es“. Solche kleinen Schritte helfen Kindern, eigene Handlungsmöglichkeiten neu zu entdecken und echtes Vertrauen in sich selbst zu gewinnen.

Im Rollenspiel lernen Kinder, eigene Bedürfnisse klar auszudrücken und zugleich auf andere Rücksicht zu nehmen. So werden Empathie, Selbstbehauptung und soziale Sicherheit spielerisch gestärkt (Foto: pexels.com – Liliana Drew)

Vom Gespräch ins Tun

Gerade im therapeutischen Rahmen ist es entscheidend, dass eine Geschichte nicht beim Nachdenken stehen bleibt. Kinder brauchen Gelegenheiten, neue Erfahrungen zu machen und Verhaltensweisen aktiv auszuprobieren. Aus der Beschäftigung mit den Figuren wird so ein erfahrbares Übungsfeld.

Eine Übung aus dem Begleitheft greift beispielsweise die Frage auf, wie wir eigene Bedürfnisse ausdrücken und gleichzeitig die der anderen achten können:

„So spricht ein Freund“

Im Rollenspiel mit Handpuppen oder Figuren probieren die Kinder verschiedene Situationen aus. Gemeinsam üben sie, wie man eigene Wünsche freundlich und klar äußern kann.

„Darf ich auch etwas sagen?“

„Können wir kurz leise sein? Mein Kopf ist müde.“

„Ich möchte dir gerne etwas erzählen.“

Anschließend reflektieren wir gemeinsam:

„Wie kann ich sagen, was ich brauche, ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen?“

„Wie merke ich, was mein Gegenüber gerade braucht?“

So werden Rücksichtnahme, Selbstbehauptung und Empathie nicht nur besprochen, sondern spielerisch verinnerlicht. Für Kinder, die sich sonst schnell zurückziehen oder sozial unsicher sind, bietet das Rollenspiel einen geschützten Raum, um neue Verhaltensweisen auszuprobieren.

Das Begleitheft für Erwachsene greift diese Impulse auf und bietet weitere Anregungen für die Einzel- und Gruppenarbeit. Die Geschichte lässt sich flexibel an jedes Kind, seine individuellen Bedürfnisse und den Therapieverlauf anpassen.

Was bleibt, wenn die Geschichte zu Ende ist?

Für mich liegt die besondere Kraft der Geschichte darin, dass sie etwas im Inneren in Bewegung setzt, ohne fertige Antworten aufzudrängen. Emma Ente und Konrad Krokodil zeigen uns auf wundervolle Weise, dass wir Menschen nicht gleich sein müssen, um tief miteinander verbunden zu sein. Wir dürfen verschieden sein und gehören trotzdem dazu. Für Kinder, die sich selbst als „nicht gut genug“, „anders“, „schlechter“ erleben, wird so eine wertvolle Gegenperspektive erfahrbar.

Akzeptanz beginnt dabei nicht erst beim Gegenüber, sondern bei uns selbst. Sie bedeutet, auch eigene Unsicherheiten und Grenzen anzunehmen, ohne sich dafür abzuwerten.

Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wächst durch spürbare Erfahrungen:

„Ich werde gesehen.“

„Ich darf Fehler machen.“

„Ich muss nicht alles können.“

„Ich darf trotzdem dazugehören.“ Für die Praxis bedeutet das: Geschichten sind keine starren Interventionen, sondern liebevolle Einladungen. Sie öffnen Räume, machen Gefühle greifbar und lassen Perspektiven wechseln. Das Herzstück bleibt die therapeutische Beziehung, das aufmerksame Zuhören, das gemeinsame Entdecken und das tiefe Zutrauen in die Welt des Kindes. Als Wegbegleiter:innen dürfen wir Räume schaffen, in denen Entwicklung geschehen kann. Manchmal braucht es dafür gar nicht viele Worte. Manchmal reichen eine Geschichte, zwei Figuren, wie Emma Ente und Konrad Krokodil und die einfühlsame Frage: „Was meinst du, wie fühlt sich die Figur gerade?“ Genau dort beginnt die eigentliche Geschichte: über das Kind selbst …

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