Emanzipation wagen: Wege aus alten Mutter-Tochter-Mustern

Eine junge und eine mittelalte Frau sitzen nebeneinander auf einem Sofa und unterhalten sich angestrengt.

Mütter sind die ersten „anderen“ Menschen, auf die Mädchen angewiesen sind – materiell wie emotional. Mädchen identifizieren sich oft stärker mit ihnen, Mütter stärker mit ihren Töchtern. Diese wichtige Identifikation kann Selbstständigkeit untergraben – während Emanzipation die Möglichkeit eröffnet, die Beziehung durch Autonomie auf neue Weise zu gestalten. Freies Sprechen in einem sicheren Setting kann helfen, alte Muster zu erkennen und zu durchbrechen.

Seit über zehn Jahren kommen erwachsene Töchter und ihre Mütter zu mir in die Praxis, um ihre belastete Beziehung zu verbessern. Warum diese Beziehung speziell belastet ist oder wiederkehrende und vergleichbare Konflikte in jeder Generation auftauchen, habe ich in meinem Buch „Wofür wir Töchter unsere Mütter brauchen“ beschrieben – zumindest diejenigen Gründe, die sich verallgemeinern lassen. Jede Mutter-Tochter-Beziehung ist besonders und geprägt von individuellen Biografien und Charakteren. Immer wieder höre ich jedoch auffällig ähnliche Geschichten, in denen vergleichbare Konflikte und Dynamiken geschildert werden.

Zwei kindliche Perspektiven prallen aufeinander

Insbesondere erwachsene Töchter und ihre Mütter, die unter ihrer Beziehung zueinander leiden, haben die Vorstellung, die andere müsse sich nur anders verhalten, dann gäbe es keine Probleme. Die Gespräche miteinander drehen sich oft im Kreis. Eine, die Tochter, ist genervt, klagt an oder verstummt. Sie fühlt sich unverstanden und reagiert gekränkt und abwehrend. Die Mutter hingegen hört nur die massive Anklage und sieht nicht die Verletzlichkeit. Sie erlebt in erster Linie die Aggression der Tochter, empfindet sie als Mauer und reagiert ihrerseits gekränkt. Zwei kindliche Perspektiven prallen aufeinander und wünschen sich, gesehen, verstanden, akzeptiert zu werden.

Das ist ein frommer Wunsch und aus der Perspektive der Tochter ist das moralisch gesehen durchaus nachvollziehbar. Aber bringt es zwei erwachsene Frauen weiter, wenn sie darauf beharren, ohne Worte verstanden werden zu wollen und all ihr Handeln abgesegnet zu bekommen? Was hilft Müttern und erwachsenen Töchtern, aus dieser Schleife auszusteigen? Ich betone erwachsene Töchter, denn obwohl meine Vorschläge auch in der Erziehung von Mädchen wichtige Beziehungsaspekte sind, sollen sie doch von der Mutter ausgehen, wenn die Tochter klein ist. In der Kindheit ist die Asymmetrie aus gutem Grund nicht auszulöschen und kindliches Verhalten keine Regression, sondern Realität.

Eine Beziehung finden, die Eigenwilligkeit akzeptiert

Ich möchte zwei Aspekte herausarbeiten, die einen Ausweg aus diesem beschriebenen Kreislauf aufzeigen sollen. Sie sind beeinflusst von meiner psychoanalytischen Arbeitsweise sowie psychoanalytischen Erkenntnissen. Ausgangspunkt ist die Erfahrung, dass es vielen Töchtern, gestandenen Frauen, enorm schwerfällt, sich von ihrer Mutter und deren Aufträgen zu emanzipieren und ihnen als Erwachsene zu begegnen - und sich weder zuständig zu fühlen für das Leiden der Mutter, noch nach Absolution zu suchen für alles, was sie tun und denken.

Emanzipation bedeutet aus meiner Sicht genau dies: sich einerseits von den Urteilen anderer zu befreien, andererseits die andere in ihre eigene Unabhängigkeit zu entlassen, indem man sich nicht länger für ihr Glück verantwortlich fühlt. Und – ganz wichtig – gleichzeitig die Beziehung nicht preiszugeben. Es geht darum, eine Form der Begegnung zu finden, in der die andere als eigenständig und eigenwillig anerkannt wird, ohne über Beziehungsbotschaften manipuliert zu werden und alle Erwartungen erfüllen zu müssen.

Man sieht die Beine zweier Personen, die barfuß durch den nassen Sand am Strand laufen.

Zuhören statt Interpretieren

Der erste Aspekt, den ich vorschlage ist: zuhören, statt zu interpretieren. Der an Jacques Lacan orientierte Psychoanalytiker Bruce Fink widmet dem Zuhören und Hören ein ganzes Kapitel in seinen „Grundlagen der psychoanalytischen Technik“ (Fink, 2013). Ich schlage diese Perspektive nicht nur für das psychoanalytische Setting vor, sondern für jede gesprächsorientierte Arbeit und für alle Beziehungen, in denen das Gegenüber als unabhängig und zugleich bedeutsam verstanden wird. Fink weist daraufhin, „dass unsere übliche Art zuzuhören, die Andersheit des anderen übersieht oder sogar zurückweist. Wir hören nur selten darauf, was die Geschichte, die uns eine andere Person erzählt, einzigartig macht, speziell für diese Person allein“ (Fink, 2013, S. 16).

Was als menschliche Egozentrik ein grundlegendes Problem von Kommunikation zu sein scheint, erlebe ich in Mutter-Tochter-Beziehungen sehr ausgeprägt. Mütter und Töchter hören nahezu ausschließlich Beziehungsbotschaften und scheinen damit immer schon zu wissen, was die andere meint. Fast scheint es, als könnte nichts, was die eine erzählt oder bewegt, je unabhängig von der anderen von Bedeutung sein. Alles wird durch die Wahrnehmung der jeweils anderen interpretiert und eingeordnet. Alles wird danach gefiltert, was das Gesagte über eine selber oder wenigstens ihre Beziehung sagt. Mit anderen Worten: Die eine existiert nicht unabhängig von der anderen.

Neugierig auf das Unbekannte sein

Ja oft ist es sogar so, dass in dem Moment, wenn die Tochter etwas wirklich Neues und Fremdes erzählt, das nur sie und ihr Leben betrifft – wie beispielsweise eine Erfahrung bei der Arbeit oder ein Thema, mit dem sie sich gerade politisch beschäftigt – die Aufmerksamkeit der Mutter abnimmt. Wenn sie sich nicht in der Erzählung der anderen verorten kann, scheint die Beziehung nicht mehr existent. Ebenso scheint alles, was die Mutter über sich selbst erzählt, für die Tochter einen Auftrag zu enthalten, und sei es eine lange vergangene Erfahrung aus der Kindheit der Mutter. Denn „[w]as uns am schwersten fällt zu hören, ist all das, was absolut neu und anders ist: Gedanken, Erfahrungen und Emotionen, die unseren eigenen Erfahrungen und denen, von denen wir bisher gehört haben, fremd sind“ (Fink, 2013, S. 16). Das ist ein Problem. Denn wenn wir die andere nicht als ein stückweit fremdes Gegenüber erleben können, ist eine freie Beziehung zueinander unmöglich. Und wenn die ersten wichtigen Beziehungen im Leben diese Differenz nicht etablieren, werden alle weiteren Beziehungen davon geprägt sein, sich nur bedeutsam zu fühlen, wenn ich für mein Gegenüber eine Funktion erfülle.

Man sieht zwei Frauen von hinten, die aneinandergeschmiegt auf einen See schauen.

Wie also rauskommen aus dem Kreislauf? Es ist denkbar schlicht. Jede und jeder kann das versuchen. Es geht darum, der anderen Person aufmerksam zuzuhören, und sich selbst ein Stück zurückzunehmen. Wenn ich etwas nicht verstehe, gilt es nachzufragen, statt zu interpretieren, was ein Gegenüber meint. Auf diese Weise, die sich manchmal mühsam anfühlt, kommt ein Gespräch zustanden, das eine neue Perspektive einführt. Ich erlebe oft in den Beratungen, dass Wut und Kränkung nachlassen, wenn ein solches Zuhören gelingt.

Die Öffnung für Neues bedeutet Entwicklung

Der zweite Aspekt, den ich vorschlage, ist, gemeinsam in die Welt zu schauen. Mütter und Töchter kreisen erfahrungsgemäß sehr stark um die andere. Schuldgefühle, aufgeladene Erwartungen, strenge Bewertungen und gegenseitige Manipulation prägen ihre Begegnungen. Dabei wäre es eine Bereicherung, sich nicht nur miteinander zu beschäftigen, sondern mit etwas außerhalb der Beziehung, wie beispielsweise gemeinsamen Interessen oder geteilten Erfahrungen. Mütter und Töchter sind so beschäftigt miteinander oder so fokussiert auf die Versorgung der anderen, dass sie dieses lebendige Element von Beziehungen nicht kultiviert haben. Es würde dazu führen, einen neuen Aspekt kennenzulernen und Distanz zu schaffen, die echte Beziehung erst möglich macht. Beziehungen, die nur auf Erwartungen basieren, sind instabiler als solche, die sich inspirieren.

Ein Mensch, der mich interessiert aufgrund seiner Erfahrungen in der Welt, erfüllt andere Bedürfnisse als einer der sich um mich kümmert. Beides sind wichtige Aspekte von Beziehungen. Zwischen Müttern und Töchter kommt die Inspiration leider oft zu kurz. Es geht darum, sich anstecken zu lassen von einem Impuls außerhalb der Beziehung, etwas aus dem Leben jenseits der Familie - Themen und Aktivitäten die man in Kultur, Politik, Kreativität, Bewegung oder in der Natur vorfindet. Psychoanalytisch gesprochen: ein vermittelndes Drittes oder Triangulierendes, etwas außerhalb der Beziehung, das man miteinander erlebt und gemeinsam verhandelt. Das einen Abstand schafft, beispielsweise, wenn Begegnungen sehr aufgeladen sind, oder langweilig.

Verschiedene Symbole (Ohr, Auge ...) vor blauem Hintergrund.

Es braucht keinen Vater der Befreiung

Beides kann daran liegen, dass etwas Drittes fehlt, worauf man gemeinsam den Blick richtet. Triangulierung ist ein Entwicklungsschritt von einer Beziehung zwischen Zweien hin zu einer Öffnung, beispielsweise für bedeutsame andere Personen oder auch in Form kultureller Repräsentanzen. Die Erfahrung, etwas oder jemand Drittes in die Beziehung zu integrieren, sodass sich die Beziehung zueinander nicht in der Beschäftigung miteinander erschöpft, macht eine Beziehung lebendig und somit stabil. Verschiedene Autor:innen betonen, dass Triangulierung ein von allen Beteiligten zu leistender Entwicklungsschritt ist (vgl. Schon & Grieser, 2022, S. 982) und nicht allein Aufgabe des Kindes. Hier wird auch diskutiert, dass „zunächst die Mutter in ihrer Beziehung mit dem Kind die Möglichkeit für die Entstehung von etwas Drittem schaffen muss“ (vgl. Schon & Grieser, 2022, S. 983). Diejenige Beziehung, die nur auf die Versorgung der jeweils anderen reduziert wird, bleibt unbefriedigend.

Die Delegation der Triangulierung an einen „Vater der Befreiung“ – einer, der die Nähe des Kindes zur Mutter begrenzen soll, indem er das Kind in die Welt einführt – etabliert hingegen Geschlechterhierarchie. Sie beraubt die Mutter der Position, selbst den Abstand und die Welterfahrung in die Beziehung zu ihren Kindern einzuführen; und somit ihrer Unverfügbarkeit, alle kindlichen Bedürfnisse erfüllen zu können und zu müssen. Entwicklung, Aufbruch und Individuation machen Angst und sind unter Umständen schmerzhaft, aber Nähe und gegenseitige Versorgung sind begrenzt und auch ein Hemmnis für Erfahrungen, wohingegen der triadische Modus „für die Öffnung hin zu Neuem steht“ (vgl. Schon & Grieser, 2022, S. 985). Dieses Neue kann sowohl von der erwachsenen Tochter als auch von ihrer Mutter in die Beziehung eingeführt werden. Es ist nicht begrenzt auf die Zeit existenziell kindlicher Abhängigkeit und auch bei festgefahrenen Dynamiken ein Schritt in Richtung Emanzipation, die nicht zum Bruch führen muss.

Zum Weiterlesen:

[Werbung] Trentzsch, S. (2025). Wofür wir Töchter unsere Mütter brauchen. Gutkind Verlag.

Quellen

Fink, B. (2013). Grundlagen der psychoanalytischen Technik: Eine lacanianische Annäherung für klinische Berufe. Turia + Kant.

Schon, L., & Grieser, J. (2022). Triangulierung. In W. Mertens (Hrsg.), Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. Kohlhammer.