Mehr als Worte: Nervensystemorientierte Methoden praktisch anwenden
Vielleicht hast du das auch schon erlebt: Deine Klient:innen haben „Aha“-Momente, verstehen kognitiv, was sie verändern sollten, und nicken zustimmend. Doch im Alltag zeigt sich nichts Neues. Die alten Muster kehren immer wieder zurück und die Veränderung bleibt oberflächlich. Was hier oft übersehen wird: Es geht nicht um Motivation, die richtige Methode oder die beste Fragetechnik. Es geht um Neurobiologie. Echte, nachhaltige Veränderung entsteht nicht im Kopf, sondern im Nervensystem. Mit nervensystemorientierten Methoden kannst du tiefe Veränderungsprozesse anstoßen.
Warum Veränderung nicht im Kopf beginnt
Die meisten Coachings setzen auf der kognitiven Ebene an: Ziele definieren, Strategien entwickeln, Ressourcen aktivieren. Das funktioniert gut, solange das Nervensystem des Coachees in einem Zustand ist, in dem Veränderung überhaupt möglich ist.
Die Polyvagal-Theorie, entwickelt von Stephen Porges, bietet einen neurobiologischen Rahmen zur Erklärung, wie das autonome Nervensystem (ANS) auf Stress und Sicherheit reagiert. Im Zentrum der Theorie steht die Annahme, dass das autonome Nervensystem nicht nur zwischen „Sympathikus“ und „Parasympathikus“ differenziert, sondern eine dritte, evolutionär jüngere Komponente besitzt: den ventralen Vagus. Dieser Zweig des Parasympathikus reguliert soziale Bindung, Kommunikation und emotionale Selbstberuhigung.
Basierend auf Porges Polyvagal-Theorie unterscheiden wir drei Zustände des autonomen Nervensystems.
- Den ventral-vagalen Zustand: Er steht für den Zustand von Sicherheit und sozialer Verbundenheit. Hier haben wir Zugang zu unserem rationalen Denken, unserer Kreativität und unseren Ressourcen. Das ist auch der Bereich, in dem Veränderung möglich wird
- Im sympathischen Aktivierungszustand (Kampf/Flucht) oder
- im dorsalen Shutdown (Freeze/Erstarrung) hingegen ist dieser Zugang eingeschränkt. Der Körper ist im Überlebensmodus und in diesem Zustand kann keine nachhaltige Transformation verankert werden.
Was das für die Praxis bedeutet: Solange wir nur auf der Gesprächsebene arbeiten, während das Nervensystem unseres Coachees disreguliert ist, verpufft ein Großteil unserer Arbeit. Nicht weil die Fragen falsch sind, sondern weil das System unseres Gegenübers die Informationen gerade nicht empfangen und verarbeiten kann.
[Anmerkung der Redaktion: Die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges wird in der Neurowissenschaft und Psychophysiologie diskutiert, da einige ihrer Annahmen noch nicht vollständig empirisch belegt sind. Insbesondere die Funktionen des ventralen Vagus und die Dreiteilung des autonomen Nervensystems sind bisher nur teilweise nachgewiesen. Dennoch liefert die Theorie wertvolle Anhaltspunkte für viele therapeutische Konzepte, insbesondere im Kontext von Trauma und Regulation.]
Die wichtigste Fähigkeit: den Zustand Deines Gegenübers lesen
Das Wissen, das ich hier teile, basiert auf meiner Erfahrung in der täglichen Praxis und der Ausbildung zum Coach für Neurosystemische Integration® bei Verena König. Dies ermöglicht eine ganzheitlich-integrative Herangehensweise, die Nervensystemarbeit, Traumasensibilität und systemisches Coaching verbindet. Mein Ziel dabei: komplexes Nervensystemwissen so aufzubereiten, dass es für Coaches und Trainer:innen sofort anwendbar wird.
Bevor du ins Coaching startest und einen Impuls setzt, frage dich, wo dein Coachee gerade körperlich ist. Nicht inhaltlich, sondern auf Nervensystemebene. Keine Sorge, das ist kein Hexenwerk und das ist erlernbar.
So kannst du die drei zentralen Zustände erkennen:
1. Ventral-vagal: Sicherheit und Verbundenheit
Wenn dein:e Klient:in reguliert ist, erkennst du das an:
- einer entspannten, offenen Körperhaltung,
- einem lebendigen Gesichtsausdruck
- und ruhiger, tiefer Atmung.
- Kognitiv zeigt sie:er sich flexibel, neugierig; sie:er kann reflektieren.
- Sie:er kann Perspektiven wechseln und in Lösungen denken.
- Typische Aussagen klingen so: „Das macht mir zwar Angst, aber ich spüre auch Vorfreude."
In diesem Zustand ist Veränderung nachhaltig möglich.
2. Sympathikus: Kampf und Flucht
Auf diesen Modus können folgende Beobachtungen hinweisen:
- Hochgezogene Schultern,
- angespannter Kiefer,
- schnelle flache Atmung,
- Unruhe und
- schnelle Sprache.
- Kognitiv kann sich Schwarz-Weiß-Denken, Gedankenrasen und Katastrophisieren zeigen. Die:der Klient:in unterbricht meist häufig, kann schwer beim Thema bleiben, fühlt sich getrieben. Eine typische Aussage: „Ich MUSS das sofort lösen, ich halte das nicht mehr aus!"
Hier helfen keine weiteren Analysen und Fragen. Das Nervensystem braucht zuerst Regulation.
3. Dorsal-vagal: Freeze und Shutdown kann sich wie folgt zeigen:
- Zusammengesunkene Haltung,
- vermeidender Blickkontakt,
- leise monotone Stimme,
- glasiger Blick.
- Kognitiv können Brain Fog, Hoffnungslosigkeit oder Dissoziation auftreten. „Ich weiß nicht... ich kann nicht... es geht einfach nicht" oder „Ich verstehe es rational, aber ich kann es nicht umsetzen" sind typische Aussagen.
Auch hier gilt: Gespräche allein kommen meist nicht mehr an. Der Weg zurück führt über den Körper.
„Die goldene Regel: zuerst regulieren, dann arbeiten.“
Was bei disregulierten Zuständen hilft – und was nicht
Wenn du Disregulation bemerkst, ist die häufigste Reaktion von Coaches, kognitiv nachzuhaken: mehr Fragen, mehr Struktur, mehr Strategien. Das ist gut gemeint, aber neurobiologisch kontraproduktiv. Im Überlebensmodus ist der Zugang zum Neocortex, also dem komplexen Denken eingeschränkt. Dein Coachee kann dort gerade schlicht nicht hin.
Was stattdessen hilft: erst regulieren, dann arbeiten. Dafür brauchst Du keine aufwendigen Techniken. Drei Interventionen, die ich regelmäßig einsetze und die einen echten Unterschied machen, sind:
Co-Regulation durch deine eigene Präsenz:
Co-Regulation ist der Prozess, bei dem das Nervensystem einer Person durch die Präsenz und den regulierten Zustand einer anderen Person beeinflusst und stabilisiert wird. Dein reguliertes Nervensystem ist dein mächtigstes Werkzeug. Durch bewusst ruhige Atmung, langsames Sprechtempo, offene Körperhaltung und weichen Blickkontakt sendest du dem Nervensystem deines Gegenübers unbewusst das Signal: Hier ist es sicher. Dafür braucht es aber zuerst deine eigene Regulation. Denn: Du kannst nicht regulieren, was du selbst nicht reguliert hast. Deshalb prüfe vor jeder Coaching-Session einmal kurz: Wo stehst Du gerade selbst? Was zeigt sich in deinem Körper, in welchem Nervensystemzustand bist du gerade?
Orientierung im Raum:
Wenn du merkst, dein Gegenüber ist sehr getrieben (Sympathikus), lade deinen Coachee ein, sich langsam im Raum umzusehen, alle Ebenen wahrzunehmen - also Boden, Decke und das Blickfeld auf Augenhöhe. Entscheidend hierbei ist auch, dass dein Coachee ihren:seinen Kopf wirklich dreht. Hierbei wird der Musculus Sternocleidomastoideus angesprochen, der über sensorische und vestibuläre Rückmeldungen das autonome Nervensystem unterstützt und dem Körper signalisiert: Es besteht keine Gefahr, du bist sicher. So einfach diese Übung klingt: Sie ist neurobiologisch regulierend und lässt sich in zwei bis drei Minuten in jeder Session einsetzen - und kann deinen Coachee aus der Aktivierung, zurück in die Entspannung bringen.
Die Schwerkraft spüren:
Die Aufmerksamkeit auf Sitzbeinhöcker, Gesäß oder Fußsohlen lenken. Den Kontakt zum Stuhl und zum Boden spürbar machen. Allein diese Aufrichtung wirkt häufig schon orientierend und regulierend, bevor ein einziges Wort über das eigentliche Thema gesprochen wird. Besonders hilfreich bei dorsalem Shutdown. Zwei bis drei Minuten lang - und du wirst merken, wie viel mehr danach möglich wird, weil du nicht mehr gegen das Nervensystem deines Coachees arbeitest, sondern mit ihm.
Ein wichtiger Hinweis: Diese Methoden ersetzen keine Therapie und kein traumasensibles Coaching. Sie sind Werkzeuge für den Coaching-Kontext - und der Unterschied zwischen einer Session, die verpufft, und einer, die wirklich landet.
Tiefere Ergebnisse entstehen nicht durch mehr Druck, sondern durch mehr Sicherheit
Nachhaltige Transformation gelingt, wenn das Nervensystem des Coachees lernt: Veränderung ist sicher. Nicht durch Überforderung, nicht durch immer neue Strategien, sondern durch emotionale und körperliche Regulation, die echtes Handeln erst möglich macht. Deine Coachees kommen dann nicht nur zu Erkenntnissen. Sie setzen sie auch wirklich um. Weil die Veränderung im Nervensystem verankert ist, nicht nur im Kopf.
Ich bin gespannt, was sich in deiner Arbeit verändert, wenn du beginnst, das Nervensystem deiner Coachees zu lesen und mit Körperübungen gezielt zu unterstützen.
Zum Weiterlesen (Werbung)
Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest, findest Du unter https://innovatework.de/fuer-coaches-und-trainer/ alle weiterführenden Informationen.
Quelle:
Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory: Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, and Self-regulation. Norton & Company.