Co-Regulation: Ein Schlüssel, nicht nur zur Traumaverarbeitung

Die Hände von zwei Personen formen ein Herz, auf dem Boden sieht man Bahngleise.

Psychische Gesundheit ist ohne Beziehung kaum denkbar. Zahlreiche Studien zeigen, dass Menschen, die in unterstützenden Beziehungen leben, eine deutlich höhere Resilienz aufweisen und damit besser mit Stress sowie traumatischen Erfahrungen umgehen können. Dennoch wird die soziale Dimension in vielen therapeutischen Ansätzen unterschätzt. Traumatherapeutin Verena König erklärt, warum Bindung, soziale Unterstützung und Co-Regulation zentrale Ressourcen sind, die nicht nur Therapieprozesse, sondern auch die Gesellschaft voranbringen können. 

Liebe Frau König, viele traditionelle therapeutische Verfahren legen einen starken Fokus auf unabhängige Selbstregulation. Warum spielt die soziale Natur des Menschen bislang eine eher untergeordnete Rolle?

Ich vermute, es hat mit der Geschichte der Psychotherapie und den zugrunde liegenden Menschenbildern zu tun. Lange lag der Fokus, vor allem bei behavioralen und kognitiven Verfahren, auf einem mechanistischen Menschenbild – als funktionales, in sich geschlossenes System. Systemische Prozesse und Bindungsbezogenheit wurden kaum berücksichtigt. Erst durch neuere Erkenntnisse aus Neuro- und Bindungsforschung rückt die soziale, verletzliche Natur des Menschen wieder in den Mittelpunkt. Sie zeigen klar, dass zwischenmenschliche Beziehungen und Co-Regulation zentrale Säulen psychischer und körperlicher Gesundheit sind. Die in unserer Kultur stark verankerte individualistische Sichtweise widerspricht sowohl unseren biologischen Bedürfnissen als auch der Realität psychischer Gesundheit – besonders für traumatisierte Menschen.

Was versteht man unter Co-Regulation?

Co-Regulation beschreibt, wie Menschen einander dabei helfen können, ihr Nervensystem zu regulieren. Unser Nervensystem steuert, wie wir Sicherheit wahrnehmen und auf Stress reagieren. Sobald das Gefühl von Sicherheit verloren geht, geraten wir in Disregulation – das heißt, wir landen in Überlebensmechanismen, die kurzfristig helfen sollen, langfristig aber belastend sein können. Ein regulierter Mensch kann einen anderen, der gerade disreguliert ist, unterstützen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Dieses Zusammenspiel passiert oft auf einer vorbewussten Ebene, jenseits von Worten oder Absicht, und ist seit jeher eine urmenschliche zentrale Ressource, die man im Alltag sowie in der Therapie bei allen Belastungen und Störungsbildern, insbesondere in traumasensibler Begleitung gezielt einsetzen kann.

Das Bedürfnis nach sozialer Regulation wird häufig missverstanden oder abgewertet.

Aus fehlendem Wissen entstehen Missverständnisse: Selbstregulation wird oft mit Selbstkontrolle verwechselt, Co-Regulation mit Betüdelung oder Verwöhnen. Menschen, die selbst wenig Co-Regulation erfahren haben, entwickeln häufig Abwehrmechanismen und meiden oder lehnen emotionale und körperliche Nähe ab. Dahinter stecken biografische Prägungen, wie Kindheitserfahrungen oder Erziehung. Gesellschaftlich wurden und werden Empathie und Nähe als Schwäche angesehen, und auch die Psychotherapie-Historie trug dazu bei: Distanz und empathische Abstinenz galten lange als Ideal.

Co-Regulation wird gesamtgesellschaftlich dadurch gehemmt, dass wir uns noch in einem Wandel befinden: Die Kompetenz, emotionale Nähe bewusst zu gestalten, muss erst mit dem wachsenden Bewusstsein Schritt halten. Zwar steigt das Bewusstsein für Schmerz, Ungerechtigkeit und soziale Verletzungen – etwa in Bezug auf Gleichberechtigung oder die Integration von Minderheiten, doch vielen Menschen fehlen die Werkzeuge und Erfahrungen, um konstruktiv mit den dadurch ausgelösten Gefühlen umzugehen. Auch kollektive und transgenerationale Traumata wirken: Funktionalität, Härte und Kontrolle galten lange als sichere Strategien, während emotionaler Raum eingeschränkt blieb. Erst allmählich wird erkannt, dass echte Stärke auch darin liegt, Gefühle zuzulassen, auszuhalten, zu regulieren - und präsent für sich selbst und andere zu sein.

Ein Mann reicht einer Frau helfend die Hand, damit sie auf einen Felsen an einem Fluss klettern kann.

Welche Folgen hat es, wenn soziale Aspekte in der Therapie vernachlässigt werden?

Soziale Verbindung käme im Grunde allen Klient:innen entgegen. Fehlt sie, können insbesondere traumatisierte Klient:innen verstärkt unter ihren Kompensationsmechanismen leiden. Überlebensstrategien verhärten, Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Nicht-Verstanden-Sein nehmen zu, und Symptome verschlimmern sich häufig. Reinszenierungen traumatischer Erfahrungen sind oft die Folge, da die notwendige Basis für Sicherheit, Verbundenheit und integrative Veränderung fehlt. Auch das Machtverhältnis zwischen Therapeut:in und Klient:in kann problematisch werden: Ohne eine Beziehung auf Augenhöhe wirkt die Therapie eher retraumatisierend, statt Selbstwirksamkeit und Integration zu fördern.

Fehlen im Alltag zwischenmenschliche Ressourcen, wird der Therapieraum oft zur zentralen Anlaufstelle.

Die Therapeut:in kann der erste sichere Bezugspunkt im Leben der Klient:innen sein, was große Verantwortung und Sensibilität erfordert. Je weniger soziale Unterstützung außerhalb vorhanden ist, desto stärker muss die Therapie dies auffangen, um Ressourcen zu erkennen, ins Bewusstsein zu bringen und neue aufzubauen. Gleichzeitig birgt dies die Gefahr einer Überfokussierung auf die Therapeut:in und erhöht die Herausforderungen für den Therapieprozess … der ja eines Tages endet.

Im therapeutischen Prozess ist es wichtig, soziale Verbundenheit schrittweise zu stärken – etwa durch Übungen, die das Nervensystem ansprechen, und durch kleine, korrigierende Lernerfahrungen. Ein bloßes Verhaltenstraining („Such dir Freunde, mach etwas“) reicht nicht: Die innere Erfahrung von Sicherheit, Zugehörigkeit und Verbundenheit muss zuerst erlebbar werden. Ohne diese Grundlage fühlen sich Klient:innen oft ohnmächtig und überfordert. Auch kleine Momente der Verbindung im Alltag – ein freundlicher Blick, ein Aufenthalt in der Natur oder die Beobachtung von Tieren – können helfen, das Erleben von Verbundenheit und innerer Präsenz langsam wieder aufzubauen oder erstmals kennenzulernen.

Wir können nicht nicht-regulativ wirken. Somit läuft Co-Regulation im therapeutischen Setting immer ab, meist implizit – mit entsprechenden positiven oder negativen Folgen. Wie lässt sich Co-Regulation bewusst und heilsam in die psychotherapeutische Praxis integrieren? Welche konkreten Ansätze verfolgen Sie persönlich?

Innere Haltung, Bindungsorientierung und Verständnis für Traumadynamiken sind essenziell – bei allen Störungsbildern. Es geht darum, mit offenem Ohr und offenem Herzen zuzuhören, statt sofort zu analysieren oder zu hypothetisieren. Wichtig sind auch gutes, bindungsstärkendes Fragenstellen und die Positionierung als Begleiter:in, die:der gemeinsam mit der Klient:in erforscht, was hilfreich sein kann. Zudem spielt Traumawissen eine zentrale Rolle: Widerstände oder Renitenzen werden nicht als Defizite, sondern als Schutzmechanismen verstanden. Machtgefälle und strukturelle Rahmenbedingungen wie 50-Minuten-Sitzungen können Co-Regulation erschweren.

Eine Frau legt einem Mann tröstend die Hand auf die Schulter.

Wie kann ich als Therapeut:in in einem co-regulativen Zustand bleiben – besonders, wenn ich selbst Belastung spüre oder mir ein Thema sehr nah geht?

Es ist essenziell, dass Therapeut:innen sich selbst gut regulieren können. Dazu gehören kleine somatische Übungen, wie das bewusste Spüren des eigenen Körpers auf dem Stuhl oder ein innerer Dialog während der Sitzung. Wichtig ist, nicht perfekt reguliert „wie Buddha“ zu sein, sondern schwingungsfähig zu bleiben und sich in Sicherheit verankert zu fühlen. Selbstkenntnis ist die Voraussetzung. Dafür muss aktiv Zeit eingeplant und ggf. Unterstützung eingeholt werden. Ohne diese Selbstfürsorge entstehen oft distanzierte oder urteilende Therapeut:innen (eigener Schutzmechanismus!), die eher nach Diagnosekatalogen urteilen und unflexibel vorgehen als präsent zuzuhören und empathisch, flexibel zu agieren. Therapiekompetenz endet nicht mit der Ausbildung - fortlaufende Reflexion und Arbeit an sich selbst sind notwendig, um heilsam wirken zu können.

Die Meta‑Analyse von Packheiser und Hartmann (2024) zeigt, dass affektive Berührung Schmerzen und Angst lindert. Wie stehen Sie dazu, Berührung bewusst als regulierende Ressource in die psychotherapeutische Praxis zu integrieren – selbstverständlich unter Berücksichtigung von Einverständnis und Sicherheit?

Affektive Berührung – etwa eine Umarmung oder Hautkontakt – hat eine starke regulierende Wirkung und besitzt großes therapeutisches Potenzial. Berührung gehört zu den natürlichsten menschlichen Impulsen, und es ist eigentümlich, sie auszuklammern. Therapeut:innen können sich in Fortbildungen im traumatherapeutischen Bereich auf Berührungsinterventionen spezialisieren. Es gibt aber auch niedrigschwellige, sichere Möglichkeiten, Berührung einzusetzen:

  • Statt frontal gegenüber dem bzw. der Klient:in zu sitzen, kann man sich leicht seitlich positionieren. So lässt sich z. B. eine Hand auf den Unterarm legen. Der Unterarm ist oben weniger empfindlich als an der Innenseite, wodurch Berührung meist als sicher und unterstützend wahrgenommen wird.
  • Zusätzlichen Halt gibt es, wenn der Arm auf der Stuhllehne liegt und ich durch meine Berührung diesen Druck auf die Lehne etwas verstärke.
  • Auch ein leichtes Gewicht mit dem Fuß auf den Füßen des bzw. der Klient:in (beide in Socken) oder
  • eine Hand zwischen den Schulterblättern können angenehm wirken.
  • Vorsicht: Die Hand ist extrem empfindlich und enthält viele Nervenzellen. Daher kann direkte Handberührung nicht nur bei traumatisierten Klient:innen leicht überfordernd wirken.

Da Berührung sensibel und schutzbedürftig ist, sind Absprache, Einverständnis und Transparenz entscheidend. Wichtig ist, Berührung behutsam auszuprobieren, auf die Signale der Klient:innen zu achten und gemeinsam herauszufinden, was als angenehm und regulierend empfunden wird. Der therapeutische Prozess wird so zu einer gemeinsamen Entdeckungsreise, in der sichere, regulierende Berührung (wieder) erlernt und erlebt werden kann.

„Indem wir Klient:innen ermöglichen, je nach Bedarf zwischen Selbst- und Co-Regulation zu wählen, fördern wir echte Autonomie und Stärke statt Isolation und Vermeidung.“ (Verena König)

Erinnern Sie eine Situation in Ihrer Praxis, in der eine kleine co-regulierende Intervention den Therapieprozess deutlich vorangebracht hat?

Viele! Eine ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Eine junge Klientin, gerade am Abschluss ihres Psychologiestudiums, litt unter starken Panikattacken. In einer Sitzung kam der Moment, in dem sie sagte: „Jetzt kommt die Panik“ – ihre Augen waren groß und angstvoll, sie fühlte sich, als würde sie die Kontrolle verlieren. Ihre Hände waren weiß und schlaff, die Dissoziation deutlich sichtbar. Durch Co-Regulation konnten wir die Situation anders gestalten. Ich sagte: „Du bist nicht allein. Wir schauen jetzt gemeinsam, wie wir das hinkriegen.“ Diese simple Botschaft wirkte bereits regulierend. Danach arbeiteten wir mit sanften Berührungen, um sie in ihren Körper zurückzuholen. Durch die Kombination von verbaler Co-Regulation und körperlicher Unterstützung gelang es ihr, ihre Atmung zu verlangsamen und wieder in die Stresstoleranz zu kommen – eine unglaublich erlösende Erfahrung, die den weiteren Verlauf der Therapie positiv beeinflusste.

Was würde sich ändern, wenn wir Co-Regulation nicht nur bewusster in die Therapie, sondern auch (wieder) stärker in unserem Alltag kultivieren würden?

Wer sich Co-Regulation öffnet, kann tiefgreifend Stabilität und Integration erfahren – und dies gilt sowohl individuell als auch im therapeutischen und gesellschaftlichen Kontext. Ich glaube, wir würden eine Atmosphäre schaffen, die heilsam wirkt, weil sie Raum für Verarbeitung und Entlastung bietet. Gleichzeitig könnte dies auch Traumaprävention fördern, indem Wiederholungen von Verletzungen und Reinszenierungen reduziert würden – das Bewusstsein für zwischenmenschliche Dynamiken würde steigen. Indem wir Klient:innen (zurück) in eine Balance bringen und ihnen ermöglichen, je nach Bedarf zwischen Selbst- und Co-Regulation zu wählen, fördern wir echte Autonomie und Stärke statt Isolation und Vermeidung.

Zwei junge Frauen umarmen sich lächelnd.

Damit tragen wir nicht nur zur Verarbeitung und Integration von Traumata Einzelner bei, sondern auch zu einer veränderten Sichtweise auf soziale Unterstützung in der Gesellschaft – und im Idealfall zur Verminderung von Gewalt und deren psychischen und physischen Folgen. Wir würden besser aufeinander achten und echte Toleranz entwickeln, nicht nur oberflächlich. Daraus würden sich natürliche Veränderungen in vielen Bereichen ergeben: Schulsysteme, institutionelle Strukturen und sogar politische Prozesse könnten sich mehr an Lebensbejahung orientieren als an bloßem Management. Letztlich würde dies vom Funktionieren und Überleben hin zu einem Leben in Verbundenheit führen, in dem Menschen ihre größte Lebendigkeit erfahren.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Verena König

Verena König ist (Trauma-)Therapeutin, Autorin, Seminarleiterin und Podcasterin. Seit über 20 Jahren begleitet sie Menschen in Einzel- und Paartherapie, gibt ihr Wissen in Weiterbildungen und Onlinekursen weiter und macht traumabezogenes Fachwissen in ihrem Podcast kostenfrei zugänglich. Ihr Anliegen ist es, Menschen zu unterstützen, ein selbstbestimmtes, bewusstes und erfülltes Leben zu führen, unabhängig von ihren bisherigen Erfahrungen. Zuletzt hat sie das Buch „Trauma und Beziehungen“ im arkana-Verlag veröffentlicht, in dem sie ihre Erfahrungen und Erkenntnisse praxisnah zusammenführt. Weitere Informationen findest du unter: www.verenakoenig.de

 

Quellen:

Packheiser, J., Hartmann, H., Fredriksen, K., Gazzola, V., Keysers, C., & Michon, F. (2024). A systematic review and multivariate meta‑analysis of the physical and mental health benefits of touch interventions. Nature Human Behaviour, 8(6), 1088–1107. https://doi.org/10.1038/s41562‑024‑01841‑8