Schulangst: Wenn der Schulbesuch zum Hindernis wird

Foto magnific.com

Schulangst ist in psychosozialen Einrichtungen relevanter denn je. Dahinter steckt keine eigenständige Diagnose und häufig mehr als es auf den ersten Blick scheint. Die Abgrenzung zu anderen Störungsbildern ist neben der multikausalen Abklärung von Schulangst für Fachpersonen zentral. Dieser Artikel gibt hilfreiche theoretische und praktische Tipps für den (psycho)therapeutischen Alltag.

Schulbezogene Ängste zählen zu den häufigsten psychischen Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter

„Ich kann heute nicht in die Schule gehen.“ Als die damals elfjährige Thea 2024 in unserer Praxis vorgestellt wurde, gehörte dieser Satz längst zum Familienalltag. An Schultagen klagte sie regelmäßig über Bauchschmerzen und Übelkeit, schlief schlecht und reagierte morgens häufig mit Tränen und starker Anspannung. Aus gelegentlichen Fehlzeiten entwickelte sich über die Jahre eine ausgeprägte Schulvermeidung. Schließlich konnte Thea die Schule über Wochen hinweg gar nicht mehr besuchen.

Fälle wie die von Thea gehören zum Alltag vieler Fachkräfte im psychosozialen Bereich. Schulbezogene Ängste zählen zu den häufigsten psychischen Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter (Castello & Brodersen, 2022). Eine mögliche Ursache ist – neben anderen Faktoren – der schulische Leistungsdruck. Bildung und gute schulische Leistungen werden in unserer Gesellschaft bereits früh als wichtige Voraussetzungen für beruflichen Erfolg vermittelt. Dadurch können bei Kindern schnell Sorgen entstehen, diesen Erwartungen nicht gerecht werden zu können (Melfsen & Walitza, 2013).

Die Ursachen für Schulangst sind vielfältig und reichen von Leistungs- und Bewertungsängsten über soziale Unsicherheiten bis hin zu anderen psychischen Störungsbildern. Nicht jede Unlust auf Schule ist allerdings Ausdruck einer psychischen Erkrankung. Vor Klassenarbeiten, Referaten oder nach den Ferien sind kindliche Widerstände gegen den Schulbesuch nicht ungewöhnlich. Doch wann wird daraus eine behandlungsbedürftige Schulangst? Wie lässt sie sich von anderen Störungsbildern abgrenzen und welche Möglichkeiten der effektiven Unterstützung gibt es?

Was ist Schulangst? 

Die Schule sollte ein Ort sein, an dem sich Schüler:innen wohlfühlen, sich in einem strukturierten Kontext weiterentwickeln und Freude am Lernen haben können (Fischer et al., 2022). Leider trifft das nicht immer zu, denn es gibt einige Kinder, die gar nicht erst zur Schule kommen möchten und sogar Angst vor ihr haben.

Hat ein Kind Schulangst, nimmt es die Schule als bedrohlich wahr, was zumeist mit sozialen oder leistungsbezogenen Problemen innerhalb des Schulkontextes zusammenhängt (Böhmer & Steffgen 2025). Schulbezogene Ängste beziehen sich insbesondere auf Leistungsanforderungen wie die Sorge, diesen nicht gewachsen zu sein, wobei die Angst im Verhältnis zum tatsächlichen Leistungsniveau des Kindes unangemessen stark ausgeprägt sein muss. Zudem können auch soziale Belastungen wie Mobbing oder belastende Beziehungen zu Lehrkräften und Mitschüler:innen Auslöser sein (Kölch & Plener, 2020). Die Ursachen von Schulangst sollten in jedem Fall sorgfältig abgeklärt und mithilfe diagnostischer Instrumente, beispielsweise standardisierter Fragebögen, erfasst werden.

Von Schulangst betroffene Kinder und Jugendliche erleben häufig psychosomatische Symptome, wie Bauch- und Kopfschmerzen sowie Übelkeit, während Katastrophengedanken oder Versagensängste zu den typischen kognitiven Symptomen gehören (Melfsen & Walitza, 2013). Auf Verhaltensebene kann sich Schulangst dadurch bemerkbar machen, dass es vermehrt zu Zuspätkommen, Tagträumen, Rückzugsverhalten bis hin zu einer Vermeidung des Schulbesuchs kommt. Schulangst kann damit den Bildungserfolg von betroffenen Schüler:innen bedeutsam beeinträchtigen (Fischer et al. 2022).

Zur Prävalenz finden sich in der Literatur unterschiedliche Angaben, was dadurch begründet werden kann, dass unterschiedlich breite Definitionen der Schulangst in Studien herangezogen werden. Insgesamt lässt sich über die Jahre hinweg ein leichter Anstieg von Schulangst beobachten, die in vielen Fällen mit einem steigenden Leistungsdruck sowie Mobbing in Verbindung gebracht werden kann (Melfsen & Walitza, 2013).

Diagnostische Einordnung

Wichtig zu wissen: Schulangst ist kein eigenständiges psychisches Störungsbild und begründet daher keine spezifische Diagnose im Sinne der etablierten Klassifikationssysteme (z. B. ICD-10 oder DSM-5). Sie wird vielmehr als Symptom von einer Leistungs-/Prüfungsangst, einer sozialen Phobie bzw. einer Störung mit sozialer Ängstlichkeit oder Trennungsangst betrachtet (Petermann & Suhr-Dachs, 2013).

Von Schulangst abzugrenzen sind insbesondere folgende Erscheinungsformen angstbedingter Schulvermeidung (Kölch & Plener, 2020; Walter & Döpfner, 2020):

  • Schulphobie zeigt sich häufig im Zusammenhang mit einer emotionalen Störung mit Trennungsangst. Im Vordergrund steht die kindliche Sorge, von einer wichtigen Bezugsperson getrennt zu werden, und dass dieser Person in Abwesenheit etwas zustoßen könnte.
  • Schulverweigerung beschreibt ein dissozial geprägtes Fernbleiben vom Unterricht, bei dem außerschulische Aktivitäten als attraktiver erlebt werden als der Schulbesuch. Das Verhalten wird häufig durch die als belohnend empfundenen Alternativen aufrechterhalten.
  • Schulabsentismus bezeichnet das Fernbleiben von der Schule unabhängig von dessen Ursachen und umfasst sowohl somatisch als auch psychisch bedingte Fehlzeiten, während der Begriff Schulvermeidung vor allem psychisch bedingte Abwesenheit von der Schule beschreibt.
Die Ursachen für Schulangst sind vielfältig und reichen von Leistungs- und Bewertungsängsten bis zu sozialen Unsicherheiten oder psychischen Störungen (Foto: magnific.com)

Wie entsteht Schulangst?

In vielen Fällen wird Schulangst durch überhöhte elterliche Leistungserwartungen und ausgeprägte Bewertungsängste des Kindes erklärbar. In anderen Fällen liegen psychische Störungen zugrunde, wie eine generalisierte Angststörung, eine Depression oder eine spezifische Lernstörung, z. B. eine Lese-Rechtschreibstörung (LRS). Neben der ausgeprägten Schulangst von Thea (vgl. einleitendes Fallbeispiel), die an der Spitze des Eisbergs sichtbar war, konnte eine differenzierte psychologische Diagnostik eine generalisierte Angststörung mit depressiven Symptomen und eine LRS an die Oberfläche bringen. Hier wird deutlich, wie Lernstörungen, psychische Belastungen und negative Schulerfahrungen sich nicht nur gegenseitig bedingen, sondern sich auch wechselseitig verstärken können und wie dies zu einer Chronifizierung von Schulangst beitragen kann.

1. Individuelle Faktoren

    Auf individueller Ebene zeigen schulängstliche Kinder und Jugendliche häufig eine ausgeprägte Misserfolgsorientierung, geringe Selbstwirksamkeitserwartungen und Versagensängste. Sie zweifeln an ihren eigenen Fähigkeiten und fürchten negative Bewertungen oder gar schulisches Scheitern. Wenn wiederholte Misserfolgserfahrungen auftreten und z. B. Lernstörungen unerkannt bleiben, kann sich ein Kreislauf aus Leistungsdruck, Vermeidung und zunehmender Angst entwickeln (Pixner & Kaufmann, 2013; Stein, 2012).

    Kinder mit angstbedingtem Schulabsentismus weisen häufiger psychische Auffälligkeiten auf, darunter Angststörungen, depressive Symptome und soziale Unsicherheit. Zudem berichten Eltern häufiger von Verhaltensauffälligkeiten und einem erhöhten Risiko für problematischen Substanzkonsum. Das Risiko für weitere psychische Probleme ist deutlich erhöht (Egger et al., 2003; Ingul & Nordahl, 2013).

    Auch sogenannte neurodivergente Kinder und Jugendliche, insbesondere mit einer Aufmerksamkeitssdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS), weisen ein erhöhtes Risiko für Angstsymptome und damit verbundener Schulangst auf (Chen & Patten, 2021). Aktuelle Statistiken zeigen, dass 50-80 % der von ASS betroffenen Kinder und Jugendlichen unter Ängsten leiden (Oakley et al., 2021).

      2. Familiäre Faktoren

      Schulangst kann auch familiäre Ursachen haben. Insbesondere bei kindlicher Trennungsangst steht nicht die Schule selbst, sondern die Trennung von den Bezugspersonen im Vordergrund. Als weitere Risikofaktoren gelten ein überbehütender Erziehungsstil, familiäre Krisen und belastende Lebensereignisse, die bestehende Ängste verstärken können (Ihle et al., 2003).

      3. Schulische und soziale Faktoren

      Schulangst kann außerdem entstehen, wenn Schule mit Überforderung, Stress oder negativen Beziehungserfahrungen verknüpft wird (Kearney, 2016). Empirische Untersuchungen zeigen, dass Schüler:innen mit hohen Fehlzeiten häufig von konflikthaften Beziehungen zu Lehrkräften oder Mitschüler:innen berichten. Darüber hinaus werden schulbezogene Ängste, Stress im Unterricht, Langeweile sowie eine generelle Ablehnung schulischer Anforderungen als relevante Belastungsfaktoren genannt (Ricking, 2022; Stamm et al., 2009). Mobbing, soziale Ausgrenzung sowie soziale Ängste stellen darüber hinaus besonders bedeutsame Risikofaktoren dar. Auch als verletzend oder unfair erlebte Lehrkräfte können eine Rolle spielen (Ihle et al., 2003; Melfsen & Walitza, 2013).

      Abbildung 1: Zusammenspiel individueller, familiärer und schulischer Faktoren und Ansatzpunkte für Hilfestellungen bei Schulangst (Grafik: Talent Safari)

      Wie Abbildung 1 verdeutlicht, ist Schulangst ein multikausales Phänomen, das aus dem Zusammenspiel der gezeigten Faktoren entsteht. Dabei gilt es, auch zwischen auslösenden Bedingungen (z. B. Mobbing) und aufrechterhaltenden Mechanismen (z. B. Vermeidungsverhalten) zu unterscheiden (Kearney, 2016). Diese Differenzierung ermöglicht zugleich die Identifikation spezifischer Ansatzpunkte für diagnostische und therapeutische Interventionen.

      Was hilft betroffenen Kindern und Jugendlichen?

      Grundsätzlich ist Angst eine wichtige und adaptive Emotion. Problematisch wird Angst jedoch dann, wenn sie ein Ausmaß erreicht, das Lernen, Leistung und den Schulbesuch selbst beeinträchtigt. Ziel einer Beratung oder Therapie ist daher nicht die vollständige Beseitigung von Angst, sondern die Entwicklung eines angemessenen Umgangs mit belastenden Situationen (Böhmer & Steffgen, 2025).

      Die Behandlung von Schulangst setzt zunächst eine sorgfältige diagnostische Abklärung voraus. Abbildung 2 zeigt, welche Aspekte dabei beachtet werden sollten.

      Abbildung 2: Übersicht relevanter diagnostischer Bereiche bei der Abklärung von Schulangst. (Grafik: Talent Safari)

      Psychotherapeutische Interventionen

      Die Auswahl der Behandlungsbausteine sollte sich nach den zugrunde liegenden Ursachen der Schulangst richten und kann sich bspw. an den Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie orientieren.

      • Geschichten, Fallbeispiele und Metaphern für Vermittlung psychologischen Wissens
      • Ressourcenarbeit und Stärkung der Selbstwirksamkeit
      • Abbau von Vermeidungsverhalten, Veränderung dysfunktionaler Angstbewertungen
      • Positive Selbstinstruktionen, Reduktion von Sorgen und Grübelgedanken
      • Unser Geheimtipp: Therapiespiele für einen altersgerechten Zugang zu schwierigen Themen und zur Erkundung von Gefühlen

      Unterstützung im Elternhaus

      Da Eltern eine zentrale Rolle bei der Bewältigung von Schulangst spielen, sollten sie im Rahmen einer Therapie unbedingt aktiv eingebunden werden.

      • Klare und konsequente Haltung zum Schulbesuch („Schulpflicht“), ggf. gemeinsamer Vertrag zwischen Eltern und Kind
      • Verstärkerpläne
      • Druck rausnehmen und Leistungen des Kindes nicht nur anhand von Schulnoten würdigen

      Schulische Unterstützung

      Da sich die Angst häufig auf konkrete schulische Situationen bezieht, sind auch pädagogische Interventionen ein wesentlicher Bestandteil therapeutischer Bemühungen und sollten daher auch die primäre Lehrkraft berücksichtigen.

      • Vertrauensvolle Lehrer-Schüler-Beziehung, z. B.  wöchentliche kurze Gespräche
      • Regelmäßige positive Rückmeldungen
      • Wertschätzendes Unterrichtsklima
      • Realistische Leistungsanforderungen

      Fazit

      Schulangst ist kein eigenständiges Störungsbild, sondern Ausdruck eines komplexen Zusammenspiels individueller, familiärer sowie schulischer und sozialer Einflussfaktoren. Eine sorgfältige, multidimensionale Diagnostik schafft die Grundlage für erfolgreiche Unterstützung. Je früher belastende Ursachen erkannt und behandelt werden, desto besser sind die Chancen, einer Chronifizierung und einer zunehmenden Schulvermeidung entgegenzuwirken. Nachhaltige Behandlungserfolge entstehen, wenn Psychotherapie, Elternhaus und Schule eng zusammenarbeiten und betroffene Kinder und Jugendliche gemeinsam dabei unterstützen, ihre Ängste zu bewältigen und ihre Selbstwirksamkeit zu stärken. So kann Schule wieder zu einem Ort werden, an dem Lernen, Entwicklung und positive Erfahrungen möglich sind.

      Literaturangaben

      pdf zum Download

      Weitere Artikel zum Thema