Psychische Gesundheit und Demokratie: Wie die Politik die Weichen stellt

Isabelle Elena Bock

24. September 2026

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Politische Pläne zur Kürzung der finanziellen Mittel für ambulante Psychotherapie zeigen, dass neben persönlichen und sozialen auch politische Faktoren für unsere mentale Gesundheit relevant sind. Wie können sich Budgetierung, Honorarkürzung und Co. auf die psychische Gesundheit auswirken? Warum sollte Gesundheit über politische Ressorts hinweg mitgedacht werden? Und welche Rolle spielt die mentale Gesundheit in Zeiten, in denen Populismus und Misstrauen unsere Demokratie bedrohen?

Nicht nur persönliche, materielle und soziale Ressourcen prägen die psychische Gesundheit; auch politische Entscheidungen haben erheblichen Einfluss darauf, wie gesund eine Gesellschaft leben kann. Ein Beispiel dafür ist der Vorstoß der Bundesregierung vom 2. Juli 2026: Die Honorare für Psychotherapeut:innen mit Kassenzulassung sollen sinken und die psychotherapeutische Versorgung soll budgetiert werden. Für Menschen, die psychotherapeutische Hilfe brauchen, könnte das längere Wartezeiten und einen erschwerten Zugang zur Versorgung bedeuten.

Die Folgen für die Gesundheit der Menschen, aber auch für den Fortbestand unserer Demokratie können immens sein. Um das zu verhindern, sei es laut Dr. Thomas Götz, Facharzt für Psychiatrie und zeitweise als Staatssekretär für Gesundheit in Berlin bzw. Brandenburg tätig, unerlässlich, dass die (mentale) Gesundheit über politische Ressorts hinweg stärker mitgedacht wird. Wie hängen Politik und Gesundheit zusammen?

Mentale Gesundheit als politisches Thema

Gesundheit birgt die Chance, ein gutes und erfüllendes Leben selbstwirksam zu führen (Franzkowiak & Hurrelmann, 2026). Sie wird mitunter durch sozialpolitische Bedingungen beeinflusst. So korrelieren z. B. Armut, fehlende Sozialleistungen und geringe psychische Gesundheit miteinander (Ribanszki et al., 2022; Ridley et al., 2020), teils über die Lebensspanne hinweg (Dore et al., 2025). Dass Sozialreformen oft mit unerwünschten Konsequenzen für die Gesundheit von Menschen einhergehen, ist wenig überraschend, da sie meist nicht aus inhaltlichen Gründen geschaffen werden, sondern aus finanzieller oder politischer Notwendigkeit.

Welche Politik schafft für die Gesundheit besonders günstige Bedingungen? Diese Frage ist zu komplex, um sie rein psychologisch zu beantworten, doch es gibt empirische Anhaltspunkte. So konnten Montez et al. (2020) zeigen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in jenen Staaten der USA seit den 1970er Jahren geringer ausfiel, die von den Republikanern und nicht von den Demokraten regiert wurden. Eine liberale politische Handhabung von Arbeit, Migration, Bürgerrechten und Umwelt sagte eine um fast ein Jahr höhere Lebenserwartung voraus.

Auch die jüngst in Deutschland anvisierte Budgetierung der psychotherapeutischen Versorgung wird von einer konservativen Regierung verantwortet. Dr. Andrea Benecke, Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer, warnt:

„Das Gesetz ist ein GKV-Wartezeiten­verlängerungsgesetz und setzt ortsnahe Versorgung aufs Spiel […]. Der Zeitdruck, mit dem die Koalition dieses Grundlagengesetz durchbringt, führt zu gravierenden handwerklichen Fehlern, unzureichender Patientenorientierung und verunmöglicht eine sorgfältige Folgenabschätzung.“

Dieses Zitat fasst drei zentrale Probleme zusammen:

  1. Der Beschluss berücksichtigt keine langfristigen Folgen („politische Myopie“, vgl. Bonfiglioli & Gancia, 2013). Gerade Psychotherapie kann volkswirtschaftlich einschneidende Kostenpunkte wie Langzeitarbeitsunfähigkeit und Frühberentung reduzieren (vgl. Altmann et al., 2016; Wittmann et al., 2011). Der Beschluss ignoriert somit psychologische Fachexpertise und Empirie, laut der sich jeder Euro, der in Psychotherapie gesteckt wird, etwa dreifach auszahlt (BDP, 2026a).
  2. Der Beschluss suggeriert, dass die mentale Gesundheit weniger Investition verdient als die körperliche (ambulante Psychotherapie macht lediglich etwa 0,7% der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen aus (ebd.)). Dies fördert die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen.
  3. Sollte die mittlerweile vom Landessozialgericht Berlin-Brandenburg gestoppte Honorarkürzung (BDP, 2026b) in Kraft treten, würde dies obendrein auf den Gender Pay Gap einzahlen, da der psychotherapeutische Beruf mehrheitlich von Frauen ausgeübt wird (BDP, 2026a).
Budgetkürzungen bei Psychotherapie sparen am falschen Ende: Sie verlängern Wartezeiten, gefährden die Versorgung und verlagern Kosten. Psychische Gesundheit braucht Investitionen statt Kürzungen (Foto: magnific.com)

Demokratie und mentale Gesundheit brauchen einander

Generell schaffen Demokratien mehr als alle anderen Staatsformen förderliche Bedingungen für die psychische Gesundheit der Bevölkerung (vgl. Wise & Sainsbury, 2007):  In demokratischen Gesellschaften verfügen Menschen über mehr persönliche Rechte und Freiheiten und können sich mehr in sozialpolitisch relevanten Entscheidungen einbringen. Dadurch erleben sie mehr Selbstwirksamkeit, Respekt, Sinnstiftung und Teilhabe, was ihr Wohlbefinden und Gesundheitsverhalten fördert. Des Weiteren werden in Demokratien Entscheidungen wahrscheinlicher zugunsten der Mehrheit getroffen, da mehr Menschen an diesen beteiligt sind und es bessere Monitoring- und Kontrollprozesse gibt.

Doch nicht nur die mentale Gesundheit braucht die Demokratie; die Abhängigkeit besteht auch andersherum. So können negative Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem zu einer generell negativeren Wahrnehmung staatlicher und demokratischer Institutionen führen (Hooghe, 2011). Wird das Gesundheitssystem für schlecht befunden, reduziert dies wiederum das Vertrauen in die Regierung (Rockers et al., 2012), und das politische System generell (Mattila & Rapeli, 2018). Dies ist fatal, denn Vertrauen ist in einer Demokratie unverzichtbar, um die Bürger:innen hinter sich zu haben (Hooghe, 2011; Miller & Listhaug, 1990; Rothstein & Stolle, 2008). 

Menschen mit beeinträchtigter Gesundheit neigen zum Rückzug von der Politik, indem sie sich z. B. nicht mehr an Wahlen beteiligen (Mattila, 2020; Schur & Adya, 2013; Shields et al., 1998). Dadurch werden ihre Interessen von der Politik wahrscheinlich weniger mitgedacht (Pacheco & Ojeda, 2020). Andere wenden sich nicht von der Politik ab, orientieren sich aber auch nicht mehr wie bis vor einigen Jahrzehnten zu etablierten Linksparteien (Menon et al., 2025), sondern zunehmend zu politischen Extremen, v. a. nach rechts (Kavanagh et al., 2021). So wählen Menschen mit beeinträchtigter Gesundheit eher das populistische „Anti-Establishment“, z. B. Donald Trump oder die AfD (ebd.; Wasfy et al., 2017). 

Es ist noch nicht klar, wann gesundheitlich eingeschränkte Menschen der Politik den Rücken kehren und wann sie sich radikalisieren. Es gibt aber einige Hinweise: So scheint eine schlechte Gesundheit junge Menschen eher zu mobilisieren und ältere Menschen zu demobilisieren (Kirbiš et al., 2023). Auch die Art der Erkrankung ist relevant: Diabetes und Krebs wirken mobilisierender und haben einen höheren gesellschaftlichen Rückhalt als andere Krankheiten (Gollust & Rahn, 2015; McGuire et al., 2021). 

Rechtspopulismus schadet der Gesundheitspolitik

Ist die Hoffnung in rechtspopulistische Politik berechtigt? Die klare Antwort: Nein. Rechtspopulistische Politiker:innen versprechen ihren Wähler:innen bessere Gesundheitssysteme, indem sie in ihren Augen unerwünschte Gruppen, z. B. Migrant:innen, von diesen ausschließen wollen (Falkenbach & Greer, 2018). Kommen sie jedoch in Ämter mit gesundheitspolitischer Verantwortung, schwächen sie durch Maßnahmen wie Budgetkürzungen, Deregulierung und Umverteilung von Macht die öffentliche Gesundheit insgesamt (Moise et al., 2021; Zabdyr-Jamróz et al., 2021). Auch dass unter rechtspopulistischer Führung Korruption zunimmt (ebd.), lässt Nachteile für die Gesundheitsversorgung erwarten. Außerdem nutzen rechte Politiker:innen das Thema Gesundheit häufig als Alibi, um ihre eigentlichen Anliegen, z. B. die Reduktion von Migration, durchzubringen (Falkenbach & Heiss, 2021). 

All diese Tendenzen sprechen dafür, dass populistische Parteien nicht, wie sie vermeinen, das System an sich für alle verbessern und somit auch nicht ihren gesundheitlich beeinträchtigten Wähler:innen helfen, was wiederum deren Frustration und Abwendung von der Politik fördert (Menon et al., 2025). Ein Teufelskreis.

Gesundheit beeinflusst auch politische Teilhabe: Wer gesundheitlich beeinträchtigt ist, zieht sich eher zurück – oder wendet sich politischen Extremen zu (Foto: magnific.com)

Gesundheit und Demokratie schützen

Wir sehen: Eine starke Demokratie und ein guter mentaler Gesundheitszustand der Bevölkerung stehen in einem engen Zusammenhang. Für das Gesundheitssystem und politische Entscheidungsträger:innen bedeutet das (vgl. Menon et al., 2025):

  • Es braucht einen breiten Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen, v. a. für jene, die sich nicht abgeholt fühlen.
  • Patient:innen sollten mit Respekt behandelt werden und sich selbstbestimmt fühlen können.
  • Gesundheit sollte über politische Ressorts hinweg mitgedacht werden.
  • Unnötige Barrieren beim Zugang zum Gesundheitssystem und bei politischer Partizipation sollten abgebaut werden.
  • Die Perspektiven von Menschen mit beeinträchtigter Gesundheit sollten aktiv eingeholt und berücksichtigt werden.

Fazit

Die Signale der derzeitigen Regierung – Budgetkürzung, Generalverdacht der Arbeitsunwilligkeit („Lifestyle-Teilzeit“) – schneiden der Demokratie in Deutschland somit aller Wahrscheinlichkeit nach ins eigene Fleisch. Der wachsende Zuspruch für die AfD und die von Misstrauen und Polarisierung geprägte politische Debatte sollten neben der Tatsache, dass psychische Erkrankungen zunehmen, davor warnen, der Psychotherapie den Geldhahn zuzudrehen.

Literatur- und Quellenverzeichnis

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