Sexualität über die Lebensspanne – Ein Überblick für Therapeut:innen und Berater:innen
Menschen sind von der Geburt bis zum Tod sexuelle Wesen. Wie Sexualität erlebt, ausgedrückt und in das eigene Leben integriert wird, verändert sich im Lauf der Zeit – individuell, sozial, kulturell und biologisch geprägt. Für Dich als Therapeut:in ist es zentral, diese Veränderungen zu kennen, um Sexualität professionell, diskriminierungsfrei und empowernd in Beratung und Therapie einbeziehen zu können.
Grundlagen der Selbstwahrnehmung: Kindheit (ca. 0–12 Jahre)
Sexualität umfasst nicht nur die Lustdimension im Sinne von Lust, Erregung, Erektion, Lubrikation und Orgasmus sondern auch die Fortpflanzungsdimension und die Beziehungsdimension, in der Intimität und die Erfüllung emotionaler Grundbedürfnisse erlebt werden können.
Schon im Mutterleib werden die körperlichen Grundlagen für Sexualität gelegt. Hormonelle Einflüsse, Fehlbildungen oder Erkrankungen können die spätere sexuelle Entwicklung beeinflussen. In der Kindheit geht es vor allem darum, den eigenen Körper zu entdecken, mit Empfindungen und Emotionen umzugehen und als soziales Wesen in die Welt hineinzuwachsen. In dieser Phase ist es auch und vor allem schon relevant, zu lernen, die eigenen Grenzen ebenso zu achten, wie die der anderen. Körpererkundungsspiele und Neugier auf Unterschiede sind normal und unterscheiden sich deutlich von erwachsener Sexualität.
Praxis-Tipps:
- Fördere die Kompetenz zu Consent, eine diskriminierungsfreie Sprache und gendersensible Haltung.
- Reflektiere frühkindliche Rollenerwartungen und mögliche Schamerfahrungen, die spätere Sexualität prägen können, inklusive deiner eigenen.
- Wahre körperliche und emotionale Grenzen, auch im Sinne einer Vorbildfunktion.
Orientierung und Präferenzen: Pubertät (ca. 13–19 Jahre)
Die Pubertät ist geprägt von hormonellen Veränderungen, körperlicher Reifung und ersten sexuellen Erfahrungen mit sich und/oder mit anderen Jugendlichen. Heranwachsende entdecken ihre sexuelle Orientierung, die hetero-, homo-, bi-, pan- oder asexuell sein kann. Auch Präferenzen werden in dieser Phase erstmals deutlich. Sie können das gesamte Spektrum der Sexualität abdecken, sodass auch Themen aus BDSM (ein Sammelbegriff für einvernehmliche sexuelle Praktiken, die auf Dominanz/Unterwerfung, Bondage sowie Schmerz/Erniedrigung basieren, beruhend auf Freiwilligkeit, Kommunikation und Sicherheitsregeln), Kink oder Fetisch erstmals relevant werden können.
Statistisch ist es nicht unwahrscheinlich, dass Jugendliche Erfahrungen mit BDSM-Praktiken oder queeren Aspekten ihrer Sexualität machen. Jugendliche setzen sich mit ihrer Geschlechtsidentität auseinander und finden einen Umgang im Ausdruck derselben nach außen. Gleichzeitig treten Coming-out-Prozesse, Stigmatisierung und gesellschaftlicher Druck auf. Viele Jugendliche erleben im Rahmen der Rape-Culture – ein gesellschaftliches Klima, das sexuelle Gewalt normalisiert, verharmlost oder den Opfern die Schuld gibt – Sexualisierung und sexuelle Belästigung. In der frühen Jugend kommen die meisten erstmals in Kontakt mit Pornografie, manche auch schon in der Kindheit.
Praxis-Tipps:
- Biete ggf. sexualpädagogische Aufklärung, Schutz vor sexualisierter Gewalt und Informationen zur Prävention sexuell übertragbarer Erkrankungen und unerwünschten Schwangerschaften.
- Nutze diskriminierungsfreie Sprache, ermutige zur Selbstbestimmung und reflektiere die gesellschaftlichen Einflüsse auf Sexualität.
- Gehe nicht von einer „heterosexuellen Standardsexualität“ aus, sondern von Diversität.
- Informiere dich zu Pornografienutzung und Medienkompetenz und finde eine respektvolle Haltung, auch gegenüber Sexualitäten, die nicht deiner eigenen Präferenz entsprechen.
Beziehungen, Identität und Selbstbestimmung: Junges Erwachsenenalter (ca. 20–35 Jahre)
In dieser Phase wird Sexualität weiter geübt. Laut GeSiD-Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ (Briken et al., 2021) finden in dieser Phase die häufigsten sexuellen Kontakte statt, gemessen an einer heterosexuellen Standardpraktik, die allerdings weder die Qualität der Begegnung noch die sexuelle oder emotionale Befriedigung daraus abbildet. Menschen lernen weiter, sexuelle und nicht-sexuelle Beziehungen zu führen und zu vertiefen, reflektieren Kinderwunsch bzw. Kinderfreiheit und andere Lebensmodelle und integrieren ihre Sexualität und deren Ausdruck in ihre Identität.
Für manche ist Sexualität zentral, für andere weniger relevant – etwa bei asexuellen Orientierungen. Gesellschaftlich wirken patriarchale Normen fort, die Partner:innenschaften und Sexualität reglementieren. Das führt für viele zu inneren und äußeren Konflikten. Es besteht eine sogenannte Orgasmus-Lücke beim Heterosex, nach der Personen mit Klitoris weniger regelmäßig bzw. häufig zum Orgasmus kommen, wenn sie Sex mit einer Person mit Penis haben, als wenn sie Sex mit einer Person mit Klitoris haben. Das gilt auch für sich selbst. Diese Lücke besteht vor allem bei den ersten heterosexuellen Kontakten und wird kleiner im Laufe des Lebens.
Wenn Menschen Eltern werden, findet eine weitere enorme Veränderung im Gehirn der Caregiver statt. Der Vorgang wird Matreszenz oder „Muttertät“ genannt und ist eine Anpassungsleistung, die sich über mehrere Jahre erstreckt. Sie kann Auswirkungen auf das sexuelle Selbstverständnis der Person haben.
Praxis-Tipps:
- Unterstütze Paare und Polyküle in der Kommunikation über sexuelle Lust und Intimität.
- Reflektiere gemeinsam mit Patient:innen Rollenbilder, Machtdynamiken und gesellschaftliche Erwartungen.
- Erkenne unterschiedliche Beziehungsformen wie Polyamorie oder queere Partner:innenschaften an.
- Masturbation kann als hilfreiches Mittel zur Selbsterkundung empfohlen werden, sowohl im Bezug auf die körperliche Erregung und Orgasmusfähigkeit, als auch im Bezug auf die individuellen sexuellen Fantasien, die hilfreich sein können, die Erregung zu steuern oder einen Orgasmus zu erreichen, falls das gewünscht ist.
Neuorientierung und hormonelle Veränderungen: Mittleres Erwachsenenalter (ca. 36–55 Jahre)
Prä- und Perimenopause bei Personen mit Zyklus sowie Andropause bei spermienbildenden Personen verändern die hormonelle Situation, innerhalb derer Personen Sexualität erleben. Die hormonelle Veränderung kann, muss sich aber nicht auf die sexuelle Appetenz und die sexuelle Funktionsfähigkeit auswirken. Sexualität wird häufig neu bewertet, Partner:innenschaften und Intimität hinterfragt. Aus der Praxis scheint mir relevant, dass in dieser Phase viele Paare mit Leidensdruck zur Beratung kommen, da die Sexualität in dieser Rushhour des Lebens, wenn Kinder, Karriere, Alltag und andere Belastungen wie beispielsweise Erkrankungen oder die Pflege einer Angehörigen die Sexualität, und sei sie davor noch so lustvoll gewesen, an das Ende der Prioritätenliste drängen. Häufig steht eine Trennung im Raum.
Praxis-Tipps:
- Bleibe offen und in einer Art „unwissenden“ Haltung gegenüber Patient:innen. Diese sind und bleiben Expert:innen für ihr Erleben.
- Setze nichts voraus. Auch nicht, dass eine Beziehung vor allem dann gut ist, wenn sie lange besteht.
- Unterstütze Patient:innen eher dabei, entlang deren individueller Bedürfnisse und Werte zu entscheiden. Welche Rolle Sexualität dabei spielt, kann und soll nicht vorausgesetzt werden.
Lustfähigkeit und Neuorientierung: Menopause und spätes Erwachsenenalter (55–75+)
Die Menopause stellt einen weiteren Meilenstein während eines menschlichen Lebens dar. Die physiologische Veränderung von zyklisch auf nicht-zyklisch geht aufgrund des nun niedrigeren Östrogenspiegels für viele mit einer vaginalen Schleimhautatrophie einher und kann zu vaginaler Schleimhauttrockenheit führen. Die physiologische Lubrikation, also das Feuchtwerden bei Erregung bleibt jedoch in der Regel erhalten, da dieser Vorgang nicht östrogenabhängig ist. Es existieren in den tieferen Schichten der Klitoris Rezeptoren, die nun eher angesprochen werden, sodass sexuelle Lust und sexuelles Empfinden bestehen bleiben.
Die Prävalenz sexueller Funktionsstörungen wie Erektionsstörungen steigt in dieser Lebensphase, es kommen körperliche Erkrankungen hinzu, die eventuell einer medikamentösen oder chirurgischen Intervention bedürfen. Das kann wiederum Einfluss auf die Sexualität nehmen. Viele Menschen nutzen diese Phase, um Sexualität freier zu gestalten, Partner:innenschaften neu zu bewerten und Praktiken jenseits von Performance-Ansprüchen an Erektionen oder Körperformen zu erkunden.
Praxis-Tipps:
- Eigne dir Wissen zu den physiologischen Prozessen des alternden Organismus an,
- nimm (weiterhin) Patient:innenanliegen ernst und
- begleite Patient:innen in Selbstreflexion und Beziehungsfragen. Sexualität ist lebenslang lern- und veränderbar.
Intimität und Sexualität im Alter: Senium (75+)
Auf Genitalien fokussierte Sexualpraktiken nehmen häufig ab – Hautkontakt, Intimität und emotionale Nähe bleiben jedoch bedeutsam. Eine Verschiebung von der Lustdimension in die Beziehungsdimension kann stattfinden. Älteren Menschen wird Sexualität abgesprochen, selten wird sowohl in Laien- als auch Fachpublikationen ein ressourcenorientierter Blick auf diesen Lebensbereich geworfen. Insbesondere LGBTQIA+ oder kink-praktizierende Personen erfahren oft doppelte Tabuisierung und können ihre Themen in Beratung und Therapie schwer ansprechen.
Weiterhin sind in dieser Altersgruppe oft schon viele Peers verstorben, die technischen Möglichkeiten oder die Mobilität eingeschränkt, sodass es schwieriger werden kann, Kontakte zu pflegen. Einsamkeit stellt einen Risikofaktor, auch für das Überleben von Patient:innen, dar. Therapeut:innen können durch eine wertfreie, alters- und gendersensible Haltung, offene Gespräche und Anerkennung der Patient:innen als Expert:innen ihres Erlebens unterstützen.
Praxis-Tipps:
- Normalisiere sexuelle Appetenz und Intimitätsbedürfnis im Alter und
- fördere sichere, nicht-stigmatisierende Räume für Exploration.
Grundprinzipien für Therapeut:innen
Sexualität ist vielfältig, fluid und nicht normativ. Als Therapeut:in solltest Du die biologischen, psychischen und sozialen Veränderungen über die Lebensspanne kennen, gesellschaftliche Einflüsse, Diskriminierung und Machtverhältnisse reflektieren und sexualitätsbezogene Themen sensibel ansprechen.
Qualitätssichernde Methoden wie Selbsterfahrung, Supervision, Intervision und kritische Reflexion eigener Normen sind essenziell. Patient:innen sollten als Expert:innen ihres Erlebens anerkannt werden. Jede Lebensphase bietet Chancen, Lust, Intimität und Partner:innenschaften neu zu gestalten – und Du als Therapeut:in kannst entscheidend dazu beitragen, dass dies sicher, wertfrei und empowernd geschieht.
Quelle:
Briken, P., Dekker, A., Cerwenka, S., Pietras, L., Wiessner, C., von Rüden, U., & Matthiesen, S. (2021). Die GeSiD‑Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ – eine kurze Einführung [The German health and sexuality survey (GeSiD) – a brief introduction to the study]. Bundesgesundheitsblatt ‑ Gesundheitsforschung ‑ Gesundheitsschutz, 64(11), 1334–1338. https://doi.org/10.1007/s00103‑021‑03433‑7