Wenn alte Liebe rostet – Paararbeit mit älteren Menschen

Der Übergang in den Ruhestand, schwierige Erkrankungen und erwachsene Kinder – die meisten Anliegen älterer Paare unterscheiden sich von den Problemen jüngerer. Waren frühere Generationen in der Inanspruchnahme zurückhaltender, werden therapeutische Hilfen heutzutage auch von älteren Paaren selbstverständlicher aufgesucht. Prof. Dr. Astrid Riehl-Emde leitet als Psychologische Psychotherapeutin und Paartherapeutin die Sprechstunde für ältere Paare am Institut für medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Heidelberg. Im Interview erzählt sie uns von den Besonderheiten in der Paararbeit mit älteren Menschen.

Was unterscheidet die Therapie bzw. Beratung mit älteren Paaren von der mit jüngeren?

Das therapeutische oder beraterische Vorgehen mit älteren Paaren beinhaltet im Wesentlichen die Mittel und Techniken, die auch in der Arbeit mit jüngeren üblich sind. Im Fokus steht die interaktionelle Paardynamik. Hinzu kommen altersspezifische Modifikationen: Die Gesprächsführung etwa sollte sich an den Bedürfnissen der Paare orientieren. Das ist banal, doch tatsächlich haben alte und betagte Menschen andere Bedürfnisse als jüngere. Beispielsweise ist die persönliche Präsenz – zu erleben, dass eine Fachperson an ihnen persönlich interessiert ist und nicht nur aus formalen Gründen zur Verfügung steht – für alte Menschen noch wichtiger als für jüngere. Zur altersgerechten Gesprächsführung gehören auch: eine gewisse Verlangsamung bei Bedarf (zum Beispiel klar, laut und langsam sprechen, Wiederholungen), Gedächtnishilfen (zum Beispiel die Personen zu Notizen ermuntern), Strategien zum Aufmerksamkeitserhalt (zum Beispiel verkürzte Sitzungen, Pausen), auch mal ein unkonventionelles Setting (zum Beispiel Gesprächsangebote in der Klinik, Hausbesuche). Das sage ich aus der Perspektive meiner Tätigkeit in einer ambulanten Sprechstunde, die sich an ältere Paare richtet, die noch ausreichend mobil sind.

Als wie offen für eine Paartherapie bzw. -beratung erleben Sie ältere Menschen?

In den Anfängen unserer Heidelberger Sprechstunde für ältere Paare – das war um die Jahrtausendwende – kamen Paare zu uns, die in den 1930er- und 1940er-Jahren geboren wurden. Inzwischen gehören bereits die nach 1950 Geborenen zum Klientel der Sprechstunde. Jahrgangskohorten mit Kriegserfahrungen waren bzw. sind in der Regel verschlossener in Beziehungsfragen als die später Geborenen, die bereits eine Psychologisierung ihrer Lebensumwelt erfahren haben, zu der auch eine viel selbstverständlichere Inanspruchnahme von psychotherapeutischer Hilfe gehört. Die offenere Haltung, die wir heute erleben, hat entscheidend mit den Alterskohorten zu tun.

Kommen zu Ihnen eher Paare, die schon lange zusammenleben, oder Paare, die erst spät zueinander gefunden haben?

In unsere Sprechstunde kommen überwiegend Paare in Langzeitbeziehungen. Das scheint auch in Ehe- und Lebensberatungsstellen der Fall zu sein, wenn ich die dort tätigen Kollegen richtig verstehe. Ich vermute, dass sich im Alter Partner in jungen Beziehungen bei gravierenden Problemen eher trennen, bevor sie eine Paarberatung oder -therapie aufsuchen.

Welche Probleme führen ältere Paare in Beratung und Therapie?

Über Probleme beim Übergang in den Ruhestand klagt die Hälfte der Paare, die Mehrheit von ihnen über chronische Streitigkeiten. Der schwierige Umgang mit einer Erkrankung wird als zweithäufigster Anmeldegrund genannt, dabei geht es zum Beispiel um Depressionen, Krebserkrankungen, kardiovaskuläre Erkrankungen, chronische Schmerzerkrankungen, Zustände nach Schlaganfall, aber auch um Verdacht auf eine demenzielle Erkrankung. Asynchrone Alterungsprozesse bzw. die unterschiedliche Vitalität der Partner bergen in der Regel ein erhebliches Konfliktpotenzial. Auch die üblichen Leistungseinbußen, wie etwa das nachlassende Gedächtnis oder das abnehmende Gehör, gehen mit erheblichen Konflikten einher. Gerade im häuslichen Kontext wird meist kein Hörgerät getragen.

Die meisten Anliegen unterscheiden sich von den Problemen jüngerer Paare. Dazu gehört auch der „eheliche Burnout“.

Welche Rolle spielen dritte Personen, etwa Familienangehörige?

Der dritthäufigste Anmeldegrund sind Konflikte wegen eines hochbetagten Elternteils oder – noch öfter – mit erwachsenen Kindern, durchaus auch wegen finanzieller Fragen. In jungen Beziehungen stehen Konflikte mit Kindern aus früheren Beziehungen des Partners häufig auf der Tagesordnung. Kontaktabbrüche bzw. die Angst vor Kontaktabbruch seitens der Kinder wird besonders schmerzhaft erlebt, wenn dadurch auch der Kontakt zu den Enkelkindern eingeschränkt wird.

Alterstypisch sind auch zunehmende Belastungen durch unbewältigte Ereignisse aus der gemeinsamen Paargeschichte, die im Ruhestand vermehrt wieder erinnert werden, beispielsweise frühere Außenbeziehungen.

Sie sehen: Die meisten Anliegen unterscheiden sich von den Problemen jüngerer Paare. Dazu gehört auch der „eheliche Burnout“.

„Ehelicher Burnout“?

So bezeichne ich einen Zustand, in dem die positiven Gefühle füreinander erschöpft sind und beide spüren, dass sie nichts mehr ertragen und auch kein Verständnis mehr füreinander aufbringen können. Gleichzeitig haben beide das Gefühl, der Beziehung nicht mehr entrinnen zu können. Diese Paare suchen Hilfe, um die ausweglos erscheinende Situation besser ertragen zu können.

Nehmen denn auch bei älteren Paaren Trennungen bzw. Scheidungen zu?

In der Scheidungsstatistik wird die Anzahl der rechtskräftigen Scheidungen pro Ehejahr bisher nur bis zur Silberhochzeit aufgeführt. Danach folgt lediglich die globale Kategorie „Scheidung nach ,Ehedauer 26 Jahre und mehr‘“. Im vergangenen Jahrzehnt wurden in dieser Kategorie zwar Zuwächse verzeichnet, doch diese könnten allein auf die gestiegene Lebenserwartung zurückgehen. Leider liegt noch keine Maßzahl vor, mit der die absolute Anzahl der Scheidungen im Verhältnis zur Bevölkerungszahl erfasst wird. Das bedeutet: Auch wenn wir durch die Presse oder in unserer sozialen Umgebung von spektakulären Scheidungen bei Hochbetagten erfahren, kommen rechtskräftige Scheidungen bei älteren und alten Menschen viel seltener vor als bei jüngeren.

Etwas mehr Distanz im Alltag
ist bisweilen hilfreich, um
die Liebe zu retten.

Wie häufig erleben Sie persönlich Trennungen bei älteren Paaren?

In der Therapie und Beratung Älterer habe ich in den vergangenen 30 Jahren keine rechtskräftige Scheidung erlebt. Alte Menschen trennen sich eher von mir als Paartherapeutin als von ihrem langjährigen Partner. Allerdings begleite ich immer wieder „innere“ Trennungsprozesse von Paaren, die einander mehr Distanz bzw. Freiraum ermöglichen, zum Beispiel mehr Trennung in den eigenen vier Wänden oder mehr eigenständige Unternehmungen und Kontakte. Das erscheint oft sinnvoll, denn typische Gefahren im Alter liegen in sozialer Isolation, in Langeweile – allein oder zu zweit – und in zu viel Gemeinsamkeit, die oftmals Streitigkeiten und Eskalationen auslöst. Etwas mehr Distanz im Alltag ist bisweilen hilfreich, um die Liebe zu retten.

Nur etwa zehn Prozent der älteren Paare aus unserer Sprechstunde bezeichnen die gemeinsame Sexualität als befriedigend.

Welche Rolle spielt die Sexualität in der Paartherapie bzw. -beratung mit älteren Menschen?

Sexuelle Probleme werden bei uns eher selten als Anmeldegrund genannt, vermutlich weil nicht speziell „Sexualberatung“ oder „Sexualtherapie“ auf unserem Schild steht. Wenn ich aber aktiv nachfrage – was ich in der Regel tue, um zu signalisieren, dass über Sexualität gesprochen werden darf – deutet die Mehrzahl der Paare Unzufriedenheit mit der gemeinsamen Sexualität an. Nur etwa zehn Prozent der älteren Paare aus unserer Sprechstunde bezeichnen die gemeinsame Sexualität als befriedigend bis gut. Meist kommt bei den unzufriedenen Paaren auch die Zärtlichkeit zu kurz.

Ein häufiges Thema sind asynchrone Bedürfnisse. Darüber hinaus führt aber auch der Umgang mit altersspezifischen, auch hormonellen Veränderungen häufig zu einem Vermeidungsmuster, das aus seiner Angst vor nachlassender Potenz in Kombination mit ihrer Angst vor nachlassender Attraktivität besteht. In solchen Fällen kann die gemeinsame Sexualität versanden, obwohl beide durchaus noch Wünsche und Bedürfnisse haben. Wenn Paare den Mut aufbringen, über ihre Sexualität zu sprechen, kann es erfreuliche Entwicklungen geben.

Übrigens führen ältere Paare in jungen Beziehungen in der Regel ein deutlich aktiveres Sexualleben als ältere Paare in Langzeitbeziehungen.

Beobachten Sie einen steigenden Bedarf im Bereich der Therapie bzw. Beratung für ältere Paare?

Sicher wird der Bedarf in Zukunft steigen. Aufgrund der demografischen Entwicklung wächst die Anzahl älterer und alter Paare, und wir wissen, dass deren Haltung gegenüber Psychotherapie und Beratung in den vergangenen Jahrzehnten viel offener geworden ist. Das ist wie gesagt eine Kohortenfrage. Diejenigen, die bereits in jüngeren Jahren positive Erfahrungen mit Psychotherapie gemacht haben, werden diese auch im Alter beanspruchen. Wenn Therapeuten und Berater bereit sind, mit Älteren zu arbeiten, kann bis zu einem Viertel ihrer Klientel aus über 60-Jährigen bestehen, das wurde bereits vor Jahren aus berufenem Munde mitgeteilt.

Lange Beziehungsgeschichten faszinieren mich.

Was macht für Sie persönlich den Reiz Ihrer Tätigkeit aus?

Für mich ist es höchst interessant, wenn zwei Individuen mit ganz unterschiedlichen Biografien sich zum Zusammenleben entscheiden und dann in Folge darum ringen, sowohl Individuum als auch Teil eines Paares zu sein. Bis zu einem gewissen Alter nimmt die Heterogenität individueller Entwicklungen zu und auch das Spektrum der Paarentwicklungen ist breiter und vielfältiger als in jungen Jahren – auf der einen Seite Plastizität und Gestaltungsfähigkeiten, auf der anderen Seite Erstarrung und Stagnation. Das gilt übrigens auch für sexuelles Erleben und Verhalten: Die interindividuelle Variabilität nimmt bis ins höhere Lebensalter zu.

Diese Vielfalt reizt mich besonders. Dass es Paaren gelingt, über Jahrzehnte hinweg zusammenzubleiben, ja sogar einen liebevollen Blick auf den anderen zu behalten, stellt für mich das größere Wunder dar als die Tatsache, dass heutzutage etwa ein Drittel der Ehen geschieden wird (in Großstädten sogar bis zur Hälfte der Ehen). Kurzum: Lange Beziehungsgeschichten faszinieren mich.

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