Burnout vorbeugen (1): Do what you preach

Hast du Lust, dich auf ein Gedankenexperiment einzulassen? Im ersten Teil unserer Artikelserie laden wir dich zu einer Coachingstunde ein. Erfahre mehr über die Hintergründe von Burnout und reflektiere gemeinsam mit deinem Coach deine beruflichen Belastungen und Ressourcen.

Stell dir vor, du schenkst dir selbst jene wohlwollende Aufmerksamkeit und gönnst dir jene Unterstützung, die du deinen Klienten ganz selbstverständlich zur Verfügung stellst. Vielleicht hast du Lust, dich auf ein Gedankenexperiment einzulassen, bei dem du dir Zeit für Selbstreflexion in einem Coaching nimmst. Dazu such dir gedanklich einen Coach, der genau deinen Wünschen entspricht.

Nachdem du einen Termin vereinbart hast und dich in seiner Praxis einfindest, heißt er dich freundlich willkommen und fragt nach deinem Anliegen. Was antwortest du? Etwa - ich bin da, um mir einmal in Ruhe Zeit zu geben und mit professioneller Unterstützung über mein Berufsleben nachzudenken?

Warum gerade jetzt?

Wenn die Gefahr besteht, in ein Burnout hineinzuschlittern, beginnst du als Antwort auf die Frage, warum du dich gerade jetzt zu diesem Schritt entschlossen hast, zu berichten: vielleicht von einer gewissen Erschöpfung und von körperlichen Warnsymptomen. Vom Nicht-mehr-abschalten-Können; von unerwünschten, sich aufdrängenden Bildern von Klienten; vom Aufwachen in der Nacht. Vielleicht auch, dass deine frühere Begeisterung im Beruf abhandengekommen ist. Vieles von dem, was du tust, erscheint dir sinnlos. Oft magst du gar nicht zur Arbeit gehen. Es ist zwar möglich, einigermaßen zu funktionieren, aber auf Dauer kann das nicht so weitergehen. Du machst dir Sorgen. Und so nebenbei – deine Familie beklagt sich auch schon, dass du irgendwie anders geworden bist.

Ressourcenorientierte Belastungsanalyse

In der ersten Sitzung geht es darum, gemeinsam auf dein aktuelles Leben zu schauen. Der Fokus liegt – dem ursprünglichen Auftrag entsprechend – auf deinem Berufsleben. Im Sinne einer ressourcenorientierten Belastungsanalyse lädt dich der Coach ein, von deiner Arbeit zu erzählen. Was belastet dich am meisten? Auf der anderen Seite: Was macht dir trotz allem Freude? Was erfüllt dich? Was fällt dir leicht? Was schwer? Bei deiner Erzählung achtet der Coach auf deinen Körper und deine Emotionen. Wo zeigen sich Ärger und Frust, wo Traurigkeit, Ängste oder etwas anderes? Wo wirst du lebendig und wo tauchen positive Emotionen auf? Oder melden sich gar keine Gefühle mehr?

Ebene der Klienten

Wenn du nicht spontan zu erzählen beginnst, fragt er zunächst nach deinen Klienten: Bist du angestellt oder selbständig? Mit welcher Klientel arbeitest du? Mit Menschen, die dich persönlich auswählen; mit Klienten, die dir zugewiesen werden oder in Zwangskontexten? Sind schwer traumatisierte Personen dabei? Wenn du an einen Klienten denkst, der dich in letzter Zeit intensiver beschäftigt hat, wer ist das? Was hat dich in der Arbeit mit ihm besonders berührt oder belastet? Aufgrund seiner gesundheits- und resilienzfördernden Grundhaltung pendelt der Coach immer wieder auf die Ressourcenseite. So fragt er nach: Was hat dir bisher geholfen? Was hat dir Kraft und Energie gegeben? Und bei welchen Klienten kannst du auch selbst aufblühen?

Ebene der Organisation

Wenn du in einer Organisation arbeitest, fragt er danach, wie das Arbeitspensum in der vorgegebenen Zeit zu bewältigen ist. Wie sind deine Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten z.B. bei der Zeitplanung, bei der Auswahl der Klienten, ihrer Zahl und der Dauer der Sitzungen? Er erkundigt sich nach räumlichen Arbeitsbedingungen, nach dem Betriebsklima und der Leitung. Das Modell der Gratifikationskrisen im Hinterkopf fragt er: Wie erlebst du das Verhältnis von deinem Einsatz und der erhaltenen Gratifikation, etwa im Sinne von persönlicher Wertschätzung, angemessener Bezahlung und Arbeitsplatzsicherheit? Wie steht es mit Transparenz und Fairness im Betrieb? Wie stimmen deine persönlichen Werte mit jenen überein, die dort gefordert und gelebt werden? Auf der Ressourcenseite ergänzt er die Fragen: Wo und bei wem findest du Unterstützung? Worauf freust du dich an guten Tagen bei der Arbeit? Worauf kannst du deine Aufmerksamkeit an deinem Arbeitsplatz fokussieren, damit positive Gefühle aufkommen?

Innehalten

Um sich selbst die Freude an der Arbeit zu erhalten und nicht auszubrennen, hatte sich der Coach angewöhnt, auch innerhalb der Sitzungen für Momente des Innehaltens zu sorgen. Nachdem aus dem Bereich der Klientel und der Organisation vieles angesprochen wurde, lädt er dich ein, innezuhalten und darauf zu achten, wie sich all das, was du erzählt hast, für dich selbst so anhört und anfühlt.

Er ist auch gerne bereit, dir ein Feedback zu geben. Das könnte sich beispielsweise so anhören:

Fallbeispiel Julia

Was ich bis jetzt von Ihnen - als 36jährige, hoch engagierte Frau, Mutter einer 8jährigen Tochter und klinischen Psychologin – unter anderem mitbekommen habe, ist Folgendes: Sie arbeiten seit 6 Jahren in einem Schwerpunktkrankenhaus auf einer Zweidrittelstelle hauptsächlich mit chronisch körperlich kranken Menschen. Ihnen gehen vor allem jene Klienten nahe, die selbst noch kleine Kinder haben und bei denen - medizinisch gesehen - der Kampf gegen die Krankheit aussichtslos scheint. Nächtlich quälen Sie Gedanken an einen älteren, schmerzgeplagten Mann, der mit aggressivem Unterton hinterfragt hat, ob Sie überhaupt genug ausgebildet sind, um ihm helfen zu können. Mit Ausnahme weniger Langzeitpatienten wird die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus immer kürzer, sodass Sie oft von Patient zu Patient hetzen müssen - und wenn Sie ihn ein zweites Mal besuchen möchten, liegt schon jemand anderes in seinem Bett. Auch leiden Sie darunter, dass die Zeit für kollegialen Austausch im Team immer weniger wird. Der neue leitende Psychologe geht nicht gerade wertschätzend mit seinen Mitarbeitern um und gibt den Druck weiter, den ihm die ärztliche Leitung macht. Sie frustriert, dass er sich in einem Beschwerdefall nicht hinter die betroffene Kollegin gestellt hat, obwohl die Beschwerde unberechtigt war. In Ihrer Erzählung hat insgesamt die Schwere überwogen. Es war gar nicht leicht für Sie, sich auch die positiven Seiten der Arbeit zu vergegenwärtigen - wie das Feedback einer Patientin, die Ihnen zum Abschied eine Schokolade mit einer Karte schenkte, auf der stand, dass sie ohne Ihre Unterstützung die Chemotherapie nie durchgestanden hätte. Freude kam auf, als Sie von Ihrer Zukunftsperspektive erzählten, als klinische Psychologin und Coach in einer eigenen Praxis unter selbstgestalteten Rahmenbedingungen mit weniger und selbstgewählten Klienten zu arbeiten. Die Freude wich allerdings einer Verzweiflung, weil Sie nicht wissen, wann Sie die Abschlussarbeit für die Coachingausbildung schreiben sollten, die in einem halben Jahr fertig sein muss.

Jonglieren mit zu vielen Bällen

Nach einer kleinen Pause ergänzt der Coach: „Ich würde Ihnen gerne noch von einem Bild erzählen, das bei mir aufgetaucht ist.“ Wenn du Interesse bekundest, schildert er das Bild von einem Jongleur, der an der Aufgabe verzweifelte, mit zu vielen Bällen zu jonglieren.

„Was schätzt du?“, fragt er. „Mit wie vielen Bällen kann man länger als eine Minute jonglieren?“ „Es sind genau acht Bälle, die Antony Gatto bei seinem Weltrekord eine Minute und 13 Sekunden lang im Auge behalten und in der Luft halten konnte. Bei neun Bällen waren es nur 54 Sekunden.“

Hausaufgabe: Betätigungsprofil

Kann ich dich dafür gewinnen, herauszufinden, wie viele Bälle du in der Luft halten willst? Wenn ja, lade ich dich dazu ein, ein Betätigungsprofil zu erstellen. Dazu musst du an insgesamt drei typischen Tagen der Woche und am Wochenende mindestens im Halbstundentakt deine jeweils momentane Tätigkeit wie in einem Logbuch auf einem Blatt Papier notieren. Dann können wir in der nächsten Sitzung in zwei Wochen die Bälle sortieren und Punkte finden, wo kleine Veränderungen möglich sind.

(Fortsetzung folgt.)

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