Seelisch stabil bleiben in schwierigen Situationen – am Beispiel einer Krebserkrankung

Manche Schicksalsschläge können einem den Boden unter den Füßen wegreißen. (Foto: Pexels.com)

Eine Krebserkrankung oder andere Schicksalsschläge können den Boden unter den Füßen wegreißen. Wie kann es gelingen, Selbstheilungskräfte zu aktivieren? Wenn du mit betroffenen Patienten therapeutisch arbeitest oder selbst betroffen bist, gilt es, das herauszufinden. Unsere Autorin Ursula Kraemer hat auf Grund ihrer persönlichen Erfahrungen einige Ansatzpunkte für dich zusammengestellt.

Eine Krebsdiagnose schreckt auf, sie reißt den Boden unter den Füßen weg. Von einem Tag auf den anderen löst sich das bisherige Leben auf. Fühlte man sich eben noch unverletzlich, fehlt plötzlich das Vertrauen – in den Körper, in die Zukunft. Die Ungewissheit, wie schwerwiegend die Erkrankung ist und ob vorgeschlagene Therapien greifen, konfrontiert mit der eigenen Endlichkeit. Was kommt auf mich zu? Wie lange habe ich noch zu leben? Angst macht sich breit. So unterschiedlich die Situationen sind, in denen Patienten stecken, so unterschiedlich ist auch ihre körperliche und seelische Reaktion auf die Behandlung.

Wer als Coach oder Therapeut mit Betroffenen arbeitet, muss sich einfühlsam vortasten, um herauszufinden, welche Ansatzpunkte die Selbstheilungskräfte und Seelenstärke ihres Gegenübers aktivieren können. Die folgenden Tipps gelten natürlich gleichermaßen, wenn du selbst als Psychotherapeut oder Coach erkrankt oder mit anderen Schicksalsschlägen konfrontiert bist.

Auch wenn der Text schwerkranke Menschen im Fokus hat, lassen sich besprochenen Ansätze ohne weiteres auf andere schwierige Situationen übertragen. Die folgenden Zeilen hat die Autorin aufgrund eigener Erfahrung verfasst.

1. Der Angst ins Gesicht sehen

Angst ist ein diffuses Gefühl und Gefühle lassen sich nicht mit Worten aus der Welt schaffen. Wer sich der Angst überlässt, wird hilflos wie das Kaninchen vor der Schlange. Und wer die Angst verdrängt, den wird sie beherrschen. Je mehr ein Patient versucht, die Stimme der Angst zum Schweigen zu bringen, umso lauter wird sie sich melden. Mit professioneller Hilfe gelingt es leichter, aus dem Nebel der Angst herauszukommen, Bewältigungsstrategien zu finden und sie zu überwinden.

 

Was kommt auf mich zu und wie kann ich mich innerlich dafür wappnen? (Foto: Pexels.com)

2. Informationen sammeln

Bevor eine Therapie vorgeschlagen werden kann, ist ein Marathon an Untersuchungen notwendig. Fragen über Fragen tauchen im Kopf des Patienten auf: Was passiert bei einer Biopsie, einem MRT, womit muss ich bei einer Chemotherapie rechnen? Schulmedizin, alternative Methoden oder beides? Während die einen möglichst wenig davon hören wollen, ist es für die anderen unabdingbar zu wissen, was auf sie zukommt, um sich innerlich wappnen zu können. Zum Gespräch mit dem behandelnden Arzt sollte man nicht alleine gehen, sondern eine Begleitperson mitnehmen, die sich besser auf das Gesagte konzentrieren kann. Ärzte entscheiden nicht über die Köpfe der Patienten hinweg. Jeder hat das Recht und die Möglichkeit, mitzubestimmen, welche Behandlung er wünscht und welche er ablehnt. Doch eine solche Entscheidung kann nur auf einer guten Basis gefällt werden. Deshalb ist es wichtig, bei Zweifeln eine Zweitmeinung oder gar eine Drittmeinung einzuholen. Auch der Krebsinformationsdienst gibt telefonisch oder per Mail Auskunft.

3. Die Behandlung unterstützen

Die monatelangen Behandlungen vermitteln Patienten das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Mut und Kraft kommen zurück, wenn es etwas gibt, womit sie selbst dazu beitragen können, wieder gesund zu werden. In Selbsthilfegruppen, in einschlägigen Büchern und durch den Austausch in Foren finden sich viele Tipps, wie Nebenwirkungen abgemildert werden können, wie es andere geschafft haben, gut durch die Therapie zu kommen und ihren eigenen Alltag zu leben. Eine eigene Liste mit solchen Hinweisen für alle Fälle zur Hand zu haben, ob als Sofortmaßnahme oder auch nur für den Notfall, ist von unschätzbarem Wert.

Sich bewusst machen: Der Tumor ist nur ein Teil von mir. (Foto: Giulia Bertelli – Unsplash.com)

4. Der Krankheit einen Namen geben

Besonders dann, wenn der Tumor lokal eingegrenzt ist und noch nicht gestreut hat, kann es helfen, sich bewusst zu machen: „Der Tumor ist ein Teil von mir, ich bin nicht im Gesamten krank. Wenn ich ihm einen Namen gebe, kann ich mit ihm sprechen. Und ich kann mir vorstellen, welche Wirkung die Therapie auf ihn hat, und diese mit Gedanken unterstützend zu begleiten." Doch auch in Fällen, in denen der Krebs bereits auf andere Organe übergegriffen hat, stärkt die bildliche Vorstellung, wie die Medikamente der Chemotherapie auf die Krebszellen einwirken und die Bestrahlung sie vernichtet. Auch Schmerzen und Nebenwirkungen lassen sich so positiv beeinflussen.

5. Gedanken und Sprache steuern

Die Forschungen in der Psychoneuroimmunologie verdeutlichen den Zusammenhang von Körper und Seele. So wie dauerhafter Stress und eine negative Lebenseinstellung den Menschen krank machen, so können im Umkehrschluss eine positive Einstellung und der Abbau von negativen Glaubenssätzen die Gesundung fördern und die Selbstheilungskräfte stärken. Da Gedanken sich in Sprache ausdrücken, ist hier der Hebel, eine Veränderung einzuleiten. Wie steht der Mensch zu seiner Erkrankung? Zweifelt er an der Wirksamkeit der Therapie oder ist er – trotz aller möglichen Widrigkeiten – davon überzeugt, „es“ zu schaffen? Grübelt er darüber nach, warum der Krebs ausgerecht ihn heimgesucht hat? Wie sieht es mit seinem Selbstwert aus, wie mit seiner Selbstliebe?

Durch den Sommerregen tanzen. Nimm dir vor, jeden Tag einen schönen Moment zu erleben. (Foto: Pexels.com)

6. Schöne Momente sammeln

Der stetige Aufenthalt in Wartezimmern, in Kliniken und Behandlungsräumen hinterlässt Spuren: Die Erkrankung steht im Mittelpunkt. Das lässt sich nicht ausblenden. Umso wichtiger ist es, sich dennoch mit schönen Dingen zu beschäftigen, sich zu verwöhnen und unterstützende Freunde zu treffen, die den Krebs nicht zum Thema machen. Einfach wieder der Mensch zu sein, der man vorher war. Jemand, der sich vornimmt, jeden Tag einen schönen Moment zu erleben, nimmt bewusster wahr, welche Gelegenheiten sich bieten und welche er nutzen kann: sei es ein Spaziergang in der Natur oder die stille Einkehr auf einer Bank, sei es ein Musikgenuss, kreative Arbeit oder Minuten einer Meditation.

7. Listen schreiben für dunkle Stunden

Trotz allen optimistischen Denkens wird es immer wieder dunkle Stunden geben, in denen die Hoffnung schwindet. Besonders in der Nacht kreisen die belastenden Fragen: Werde ich wirklich geheilt werden? Wird es wenigstens möglich sein, das Krebswachstum zu verzögern oder zu stoppen? Eine große Hilfe, sich in diesen auftretenden Momenten zu stabilisieren, ist eine Liste der positiven Aussagen, die man gehört oder gelesen hat, um daraus wieder Kraft und Hoffnung zu schöpfen.

Mit wem möchte ich noch sprechen, was möchte ich unbedingt noch klären? (Foto: Pexels.com)

8. Sich mit dem Schlimmsten auseinandersetzen

Besonders dann, wenn deutlich wird, dass keine Therapie mehr hilft und der Tod näher kommt, brauchen Betroffene das Gespräch mit einer externen Person. Sie wollen in der Regel Familienangehörige und Freunde schonen und suchen doch Antworten auf die Fragen, die sie umtreiben: „Was ist, wenn…? Was erwartet mich? In welcher Form kann ich meinen Willen niederschreiben? Wie kann ich die verbleibende Zeit noch nutzen? Wie kann ich für meine Familie vorsorgen? Mit wem will ich noch sprechen, was möchte ich unbedingt noch klären? Welche Gedanken, Erinnerungen und Wünsche will ich meinen Kindern hinterlassen?“ Jeder besprochene und geklärte Punkt unterstützt ein Loslassen in Frieden.

Zum Weiterlesen:
Ursula Kraemer (2019), Mein Brustkrebs heißt Hermann. Wie er die Räumungsklage erhielt und ich die Zuversicht nicht verlor. Norderstedt BoD