Hochsensible Menschen im Coaching

Sensibelchen, Mimose, Angsthase - hochsensible Personen haben in ihrem Leben eine Menge Unverständnis erfahren. Im Coaching sollten sich solche Erfahrungen nicht wiederholen. Aber was ist eigentlich Hochsensibilität? Und welche besonderen Anforderungen gibt es für dich als Coach? Unsere Autorin Ulrike Hensel erklärt dir, wie du hochsensible Personen im Coaching stärken kannst und worauf du dabei achten solltest.

Hochsensible Personen (im Folgenden abgekürzt HSP) haben in ihrem Leben eine Menge Unverständnis und Abwertung erfahren sowie zuhauf unpassende Ratschläge bekommen. Sie wurden als Sensibelchen, Mimose, Angsthase, Heulsuse, Prinzessin auf der Erbse usw. bezeichnet und bekamen Sätze zu hören wie: „Stell dich nicht so an“, „Du bist viel zu empfindlich!“, „Mach es doch nicht so kompliziert!“, „Leg dir doch einfach ein dickeres Fell zu“. Darunter haben sie sehr gelitten. Es wäre schlimm, würde es ihnen in einem Coaching auch nur ansatzweise erneut so gehen, dass sie in ihrem Wesen verkannt und auf ungeeignete Ziele hin getrimmt werden.

Anforderungen an den Coach

Das umfassende Verständnis des Konzepts Hochsensibilität aufseiten des Coachs ist in meinen Augen eine Grundvoraussetzung für eine nachhaltig hilfreiche Coaching-Arbeit mit hochsensiblen Coachees.

Definition von Hochsensibilität:

Hochsensibilität bezeichnet eine im Vergleich zur Mehrheit der Menschen höhere Empfänglichkeit und Empfindlichkeit gegenüber äußeren und inneren Reizen aufgrund einer veranlagungsbedingt besonderen Konstitution der Reize verarbeitenden neuronalen Systeme. Hochsensibilität gilt als ein beständiges Persönlichkeitsmerkmal von 15 bis 20 Prozent der Menschen, Männern wie Frauen. Kennzeichnend sind eine umfangreiche, nuancenreiche und subtile Wahrnehmung, eine tiefe, komplexe und differenzierte gedankliche Verarbeitung von Informationen, eine hohe Gefühlsintensität und emotionale Reaktivität, eine generelle leichte Übererregbarkeit und ein langes Nachhallen der Eindrücke.

Bei sämtlichen Coachinganliegen kann der kundige Coach die besondere Wesensart mit im Blick behalten: Sind die angedachten Lösungsstrategien stimmig für eine HSP? Werden vorhersehbare Belastungen weitgehend vermieden? Werden die hochsensiblen Potenziale ausgeschöpft?

HSP brauchen einen Coach, der ihre hochsensiblen Bedürfnisse und Belange jederzeit ernst nimmt, der sie im tiefen Verstehen und Einordnen ihrer Hochsensibilität begleitet, der sie sowohl in ihrer Selbstregulation als auch ihrer Beziehungskompetenz stärkt und der mit einer in hohem Maße respektvollen, akzeptierenden und wertschätzenden Grundhaltung arbeitet.

Auf die Frage, ob ein Coach für HSP selbst hochsensibel sein sollte, lautet meine Antwort: nicht unbedingt. Wichtig ist nur in jedem Fall, dass der Coach die Hochsensibilität weder offen noch unterschwellig als etwas ansieht und darstellt, was es zu überwinden gilt. Wegen der hohen Verletzlichkeit der HSP sollte jegliches Feedback spürbar wohlwollend gegeben und mit großem Bedacht formuliert werden. Ferner sollten die eingesetzten Coaching-Methoden auf die Hochsensibilität abgestimmt sein.

Geeignete Coaching-Methoden

Für HSP können meiner Erfahrung nach alle Interventionen gut geeignet sein, die ihrem ganzheitlichen, bildhaften Denkstil und ihrer lebhaften Vorstellungskraft entgegenkommen: also das Anbieten von Denkmodellen, das Visualisieren durch Skizzen und Zeichnungen, ebenso zum Beispiel die Wunderfrage aus der Lösungsorientierten Gesprächsführung sowie Ansätze aus der Kognitiven Therapie.

Anderseits erfordert die intensive Emotionalität der HSP Berücksichtigung – da braucht es Raum für Gefühle. Wer gerade sehr aufgewühlt ist, kann schwerlich mit Rationalität erreicht werden. Übungen aus dem Achtsamkeitstraining und Entspannungsmethoden können für HSP sehr nützlich sein, indem sie ins Hier und Jetzt bringen und beruhigen. Provokative Interventionen sind in der Arbeit mit HSP eher ungeeignet.

Was allgemein gilt, trifft auf HSP umso mehr zu: ein entscheidender Faktor für den Coaching-Erfolg ist die gute Beziehung zwischen Coach und Coachee. Ein nach dem Lehrbuch ausgeführter Coachingprozess ist für HSP nicht das Entscheidende, schon gar nicht mögen sie ein Abspulen von Methoden. Sie schauen mehr noch als andere hinter die professionelle Rolle des Coachs und erspüren den Menschen, legen äußersten Wert auf Integrität und Authentizität. Mir haben schon mehrfach Coachees von vorherigen Coachings erzählt, die stark methodenbasiert waren und die sie als frustrierend erlebten. Sie fühlten sich damit auf menschlicher Ebene nicht ausreichend gesehen und angenommen.

Bahnbrechende Erkenntnis

Vielleicht werden manche HSP überhaupt erst durch ihren Coach darauf gebracht, sich als hochsensibel zu erkennen.

Für das bislang unerklärliche Anderssein die Benennung und Erklärung Hochsensibilität zu finden, ist für die meisten HSP eine riesige Erleichterung und Freude. Auf einmal fügen sich Einzelerscheinungen zu einem schlüssigen Gesamtphänomen zusammen, das viel besser handhabbar ist. Das neue Wissen beschert darüber hinaus die wohltuende Zugehörigkeit zur Minderheitsgruppe der HSP.

Nach der Erkenntnis erscheinen vergangene und gegenwärtige Erfahrungen in einem ganz neuen Licht, können umgedeutet werden. Die Chance für den Coachee liegt darin, das eigene Sosein aus der Ecke des ausschließlich Problembeladenen oder gar Pathologischen herauszuholen und damit das Selbstbild Stück für Stück zurechtzurücken. Benennungen wandeln sich: Hochsensibilität statt Hypersensibilität, Wahrnehmungsbegabung statt Wahrnehmungsstörung, Normvariante statt Anomalie, Besonderheit statt Unzulänglichkeit.

Ein Coaching kann das Gewinnen eines neuen Selbstverständnisses, die Neubewertung der hochsensiblen Wesensart, das Erhöhen der Selbstakzeptanz begleiten und fördern. Selbstverständlich geschieht der Wandel nicht von heute auf morgen. Es ist vielmehr eine Entwicklung, die sich allmählich vollzieht und die in der Folge mehr und mehr den Blick nach vorn freigibt für hilfreiche Lösungswege.

Einen guten Umgang mit Hochsensibilität finden

Jede einseitige Beurteilung des Hochsensibelseins bleibt unvollständig und inadäquat. Ratsam sind eine vernünftige Neutralität und eine differenzierte Betrachtungsweise. Es ist an sich weder gut noch schlecht, hochsensibel zu sein, Hochsensibilität hat Licht- und Schattenseiten, kann sowohl Bereicherung als auch Einschränkung sein, sich als nützlich oder hinderlich erweisen – je nach Lebenslage, aktueller Anforderung, konkretem Vorhaben und persönlicher Zielsetzung. Und auch jede einzelne Charakteristik des Hochsensibelseins für sich genommen kann von Vor- oder Nachteil sein, es kommt darauf an, was gerade gefragt und gewünscht ist, wie der Einzelne damit umgeht und inwieweit es ihm gelingt, das Beste daraus zu machen.

Die wahrlich große Herausforderung für HSP besteht darin, ihr Leben im Einklang mit ihrem Naturell zu führen (nicht etwa die Lebensart von Nicht-HSP nachzuahmen!) – in allen Lebensbereichen, im Großen und Ganzen und in unzähligen Alltagssituationen. Es gilt für sie, herauszufinden, was ihnen wirklich gut tut und was nicht, was sie sich zutrauen können und was sie sich ersparen sollten und zu lernen, selbstbewusst eigenen Maßstäben zu trauen und notwendige Veränderungen anzugehen.

Auf Stärken setzen

Der Coach kann die HSP darin bestärken, mit den unliebsamen Seiten Frieden zu schließen, ihre Energie immer weniger in den aufreibenden Widerstand gegen eine angeborene Wesensart zu stecken und dafür immer mehr in eine konstruktive HSP-gemäße Lebensgestaltung und Talententfaltung. Dabei sollte es einerseits um ausreichend Schonung, Abgrenzung und Rückzug gehen und andererseits (ganz wichtig!) um ein Ausloten und Ausschöpfen der Möglichkeiten.

HSP verfügen über einen großartigen Fundus an Fähigkeiten, aus dem sie beruflich und privat schöpfen können, nur sind sie sich in vielen Fällen ihrer zahlreichen Gaben und Stärken, die mit der Hochsensibilität einhergehen, gar nicht so richtig bewusst. Was ihnen leicht fällt und was sie gut können, sehen sie als selbstverständlich und nicht der Erwähnung wert an, ihr Blick ist gewohnheitsmäßig mehr auf ihre Defizite gerichtet. Der Coach, der stärkenorientiert arbeitet, kann den Coachee anregen, seine natürlichen Begabungen wie Beobachtungsgabe, analytisches Denken, Organisationstalent, Feingefühl, Einfühlungsvermögen, Intuition, Kreativität und Sinn für Ästhetik zunehmend zu sehen, zu würdigen und zu nutzen.

Literatur:

Elaine Aron (2014). Hochsensible Menschen in der Psychotherapie. Paderborn: Junfermann.

Ulrike Hensel (2015). Hochsensible Menschen im Coaching, Paderborn: Junfermann.

Ulrike Hensel (2016). Hochsensibel das Leben meistern (E-Book). myMonk

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