SoulTalk - Wie psychosoziale Peer-Beratung von Geflüchteten funktioniert

Die psychosoziale Versorgung von Menschen mit Fluchthintergrund ist aufgrund sprachlicher Barrieren oft eingeschränkt. Dennoch ist der Bedarf an psychosozialer Beratung sehr hoch. Wie lässt sich dieses Dilemma lösen? Zum Beispiel durch psychologisch geschulte Peer-Berater. Sie erleichtern das Ankommen, sind oftmals Vorbilder und Vertrauenspersonen. Wie psychosoziale Peer-Beratung funktioniert und welche Erfahrungen bereits damit gemacht werden, erklärt dir Miriam Christof vom Projekt „SoulTalk“.

Die psychische Gesundheitsversorgung von neu ankommenden Geflüchteten und Asylsuchenden in Deutschland ist aufgrund individueller und struktureller Barrieren mangelhaft. Durch Gewalterfahrungen vor und während der Flucht sowie schwierige Lebensumstände in Deutschland sind Geflüchtete zum Teil stark psychisch belastet.  Wird dies nicht frühzeitig adressiert, besteht das Risiko chronifizierender Erkrankungen, Unfähigkeit zur Integration oder gar suizidalen und gewalthaften Ausbrüchen.

Diejenigen von euch, die schon einmal mit Geflüchteten gearbeitet haben, wissen, wie schwer es ist, die sprachliche Barriere in der psychosozialen Arbeit zu überwinden. Eine Beratung, die immer einen Dolmetscher als Mittelsmann erfordert, ist weitaus schwieriger als die Beratung in der Muttersprache.

Genau hier setzt unser Leuchtturmprojekt an: In der Aufnahmeeinrichtung Schweinfurt (jetzt Ankerzentrum) wurde im März 2017 das bundesweit bisher einmalige Angebot SoulTalk etabliert. In unserem Projekt arbeiten speziell geschulte Geflüchtete als festangestellte Psychosoziale Peer-Berater und bieten niederschwellige, präventive Beratung für neu angekommene Geflüchtete in der Muttersprache an. Dank Gemeinsamkeiten wie Sprache, Fluchthintergrund und Kultur ist für die Peer-Berater der Zugang zu den Ankommenden erleichtert, sie sind Vertrauenspersonen und Rollenvorbilder.

Positive Rückmeldungen nach Anlaufphase

Zu Beginn des Projekts brauchte es noch Überzeugungsarbeit, um das Vertrauen der Geflüchteten zu gewinnen. In den Heimatländern vieler unserer Klienten ist das Konzept der Psychotherapie oder psychosozialen Beratung nicht existent. Ärzte, die sich mit der Psyche des Menschen beschäftigen, werden dort oft als „Dummendoktoren“ bezeichnet. Und da will natürlich niemand freiwillig hin.

Nach dieser Anlaufphase, in der wir sehr viele Gespräche mit den Bewohnern führten und so nach und nach Vertrauen aufbauten, sprach sich unser Angebot dann schnell rum. Und so mancher Bewohner, der unter Schlafstörungen, Stress oder Angst vor Abschiebung leidet, wurde vom Zimmernachbarn zu uns geschickt. Heute ist die Situation vollkommen anders. Unsere Berater werden überall im Ankerzentrum angesprochen und begrüßt und die Warteliste der Bewohner, die mit einem Berater sprechen möchte, wächst stetig. Unser Angebot richtet sich an alle Bewohner des Ankerzentrums in Schweinfurt.

Worauf basiert unsere Arbeit?

Der Arbeitsansatz unseres Modellprojekts stammt von Ärzten ohne Grenzen, die in ihren weltweiten Projekten seit vielen Jahren Peer-Berater in der psychosozialen Versorgung einsetzen. Mit SoulTalk startete Ärzte ohne Grenzen zum ersten Mal ein Engagement in Deutschland und passte sein erfolgreiches Konzept an das deutsche Setting an. Ärzte ohne Grenzen waren für den Projektaufbau und die anfängliche Schulung der Peer-Berater zuständig. Nach einer Übergabephase wurde die Projektleitung an zwei Psychologinnen des Krankenhauses St. Josef übergeben. Seit 2018 wird SoulTalk zu 100% von der Kongregation der Schwestern des Erlösers und deren Krankenhaus St. Josef in Schweinfurt getragen.

Unterstützung über Einzel- und Gruppengespräche

Unsere Klienten durchlaufen fünf Schritte: nach einem Erstgespräch nehmen sie an drei Gruppenmodulen zu den Themen körperliche Gesundheit vs. psychische Gesundheit, Stressmanagement (Auslöser, Symptome und Bewältigungsstrategien) und Ressourcenstärkung teil. Danach erfolgt ein Zweitgespräch mit jedem Geflüchteten und – wenn erforderlich – weitere Follow-Ups oder Einzelgespräche. Alle Einzel- und Gruppensitzungen können auf Persisch, Arabisch, Kurdisch, Englisch, Französisch sowie Somalisch angeboten werden. Methodisch werden in den Einzel- und Gruppengesprächen Techniken wie aktives Zuhören und Ressourcenstärkung angewandt und durch Psychoedukation Wissen zu Belastungssymptomen und Bewältigungsstrategien vermittelt.

In den Gesprächen mit den Klienten zeigt sich deutlich die große Belastung durch Post-Migrations-Stressoren wie die Angst vor Abschiebung, Sorgen über eine ungewisse Zukunft und die Familie in den Heimatländern, sowie Krankheit. Interessant dabei ist, dass die Fluchterfahrungen, die viele von uns wahrscheinlich als hoch belastend einstufen würden, bei diesen Gesprächen nicht im Vordergrund stehen.

Engmaschige Supervision durch Psychologinnen

Die Peer-Berater werden bei ihrer Arbeit durch unsere Psychologinnen engmaschig supervidiert und fortgebildet. Zu den Aufgaben der Psychologinnen gehören auch das Screening von Personen mit höherem Hilfebedarf, die dann an entsprechende Fachstellen überwiesen werden, sowie Case-Management. Derzeit überweisen wir ca. 10 Klienten pro Monat in eine ambulante psychiatrische Sprechstunde und 1-2 Personen pro Monat in die Psychiatrie, v.a. aufgrund von Suizidalität.  

Klienten geben positive Rückmeldung

Seit Beginn der Beratungen im März 2017 haben über 600 Bewohner der Unterkünfte die Angebote genutzt und an Einzel- oder Gruppensitzungen teilgenommen (Stand März 2019). Damit liegt die monatliche Nutzerrate der Bewohner in den Einrichtungen im Mittel zwischen 4,4% und 8,1%. Das Projekt wird in Kooperation mit der Universität Würzburg laufend wissenschaftlich evaluiert. Von den Klienten bekommen wir schon heute viele Rückmeldungen:

Ein Klient aus Afghanistan hatte anfangs immer andere Bewohner mit den Worten „hier habe ich wieder einen Verrückten für euch“ geschickt. Erst nach einem Jahr kam er selbst und bat um einen Termin – die vielen positiven Erzählungen seiner Zimmernachbarn hatten ihn neugierig gemacht. Vor kurzem sagte er der persisch sprechenden Beraterin: „Am Anfang habe ich gedacht, dass nur die Verrückten zu euch kommen. Jetzt weiß ich, dass die Schlauen zu euch kommen, weil sie sich Unterstützung holen. Wir brauchen nicht nur einen Arzt für den Körper, sondern auch jemanden zum reden.“

Einen anderen Klienten traf unser arabischsprechender Berater eher zufällig im Wartezimmer beim Arzt und lud ihn spontan ein. Im Gespräch zeigte sich, dass der Mann den Tod seiner Frau nicht verkraften konnte und schon länger darüber nachdachte, sich das Leben zu nehmen. Am Ende des Gesprächs sagte er uns: „Bis heute habe ich gedacht, dass es für niemanden auf der Welt einen Unterschied macht, ob ich lebe oder tot bin. Jetzt weiß ich, dass ich einem Menschen nicht egal bin.“

Nach den Gruppen fragen wir unsere Klienten, was sie gelernt haben. Viele sind überrascht, dass es anderen Geflüchteten ähnlich geht und erleichtert, dass sie nicht die einzigen sind, die unter Stresssymptomen leiden. Ein Klient aus der Elfenbeinküste, der auch gut Englisch spricht, kam in den Gruppen auf die Idee, andere zu unterstützen, damit es ihm selbst wieder besser geht und übersetzt seitdem für andere Bewohner bei Behördengängen oder dem Arzt.

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