Warum viele Berufseinsteiger übergewichtig werden – Den Gefühlshunger erkennen und achtsam essen lernen

Das Essen in der psychosomatischen Klinik, in der Jochen Auer arbeitet, ist größtenteils biologisch und gesund. Trotzdem nehmen - nicht nur dort - viele Berufseinsteiger zu. Was liegt dem zugrunde? (Foto: Sara Dubler – Unsplash)

Als du in den Beruf des Therapeuten, Berater oder Coach eingestiegen bist, hast du da ein paar Kilos zugenommen? Das wäre nicht verwunderlich, sagt unser Autor Jochen Auer. Er ist Psychologe in Leitungsfunktion in einer psychosomatischen Klinik und beobachtet immer wieder, dass Berufseinsteiger zunehmen. Was steckt dahinter? Und was kannst du dagegen tun?

Ich, Jochen, bin Psychologe in Leitungsfunktion in einer psychosomatischen Klinik. Mir ist aufgefallen, dass viele der dort tätigen Psychologen nach einigen Monaten reger Arbeitstätigkeit an Kilos zugenommen haben. Eigentlich verwunderlich, würde man annehmen: Jeder hat einen guten gesicherten Job und die Lebenszufriedenheit ist gestiegen. Das Essen ist sogar meist gesund und überwiegend biologisch. Ich traue Akademikern auch zu, genug Wissen über gesunde Ernährung zu haben. Woran liegt es also?

Woher kommt der Hunger nach mehr?

Wir sind der Frage nach dem „unzähmbaren“ Hunger schon 2011 intensiv in einer Adipositasklinik nachgegangen. Wir fanden heraus, dass es meistens an der Unachtsamkeit liegt, wenn wir in uns hineinstopfen und gar nicht merken, wann es genug ist. Generell kann man sagen, je unachtsamer jemand ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, schlechte Essgewohnheiten entwickelt zu haben und an Übergewicht zu leiden. Aber die Frage ist nicht so einfach zu beantworten, wie man denkt. Es gibt nämlich verschiedene Arten von Hunger, auf die wir mit Essen oder Überessen reagieren. Es ist nicht alles tatsächlicher Hunger, was sich primär als Hunger bei uns bemerkbar macht!

Oft sorgt Unachtsamkeit beim Essen dafür, dass man zu viel in sich hineinstopft und gar nicht merkt, wann es genug ist. (Foto: Andrii Podilnyk – Unsplash)

Wir unterscheiden daher zwischen drei Hungerarten. Neben dem biologischen Magenhunger sind das:


1. Verführungshunger

Kennst du das auch: das herrlich angerichtete Buffet im Urlaub, an dem du immer mehr auf den Teller packst, als du selbst schaffst? Oder die Kuchentheke in der Konditorei, das Schaufenster der Schokoladenmanufaktur, die Knabberei- und Süßigkeitenregale in Lebensmittelgeschäften? Unsere Welt ist mittlerweile voll von Verführungen, etwas zu essen. Auch Kliniken, in denen wir als Psychologen arbeiten, bereiten das Mittagessen oft so einladend am Buffet zu, dass sie uns zum Essen verführen. Gerade Berufsanfänger oder auch Praktikanten, die von dem Überangebot an leckerem Essen überrascht sind, essen dann mehr, als es braucht. Es ist also kein Wunder, dass sich das nach einigen Wochen an den Hüften bemerkbar macht. Als „guter“ Psychologe bekomme ich auch schon mal aus Dankbarkeit Süßigkeiten von Patienten, wenn sie sich verabschieden. Jede Woche mindestens 2 Packungen Schokolade und noch mehr. Und hier ist es natürlich noch schwerer „nein“ zu sagen, denn es ist ja ein Geschenk und nur gut gemeint. Ich bemerke zum ersten Mal, dass es auch soziale Zwänge zu geben scheint, süße Verführungen anzunehmen, auch wenn ich sie vielleicht gar nicht will.

Eigentlich hat man ja gar keinen Hunger, aber beim Bäcker sehen die Backwaren so lecker aus, dass man dann doch zugreift. Dies bezeichnet Auer als „Verführungshunger“ (Foto: Roman Kraft – Unsplash)

2. Gefühlshunger

Doch der größte und am besten versteckte Hunger ist der sogenannte Gefühlshunger. Es ist der Hunger, der sich bei dir meldet, wenn du spontan nach Essen suchst, obwohl du gar nicht wirklich hungrig bist (oder vielleicht gerade gegessen hast). Er taucht immer unvermittelt auf, wenn du eigentlich mit deinen Gefühlen nicht mehr klar kommst, sie vielleicht gar nicht bemerken willst. Oft zeigt er sich am Abend, wenn du allein bist. Bei mir macht er sich schnell bemerkbar, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme und mich „richtig“ belohnen möchte. Aber er meldet sich auch unentwegt tagsüber. Wenn zum Beispiel der Patient gerade dein Zimmer verlassen hat, du den Therapieeintrag machen musst, den Keks auf dem Schreibtisch bemerkst und noch Platz im Magen hast. Oder stell dir vor, du kommst aus der anstrengenden Gruppentherapie, die du geleitet hast, und dann geht’s direkt zum Mittagessen oder zu Kuchen und Kaffee. Wie viel isst du dann? Hier spielt tatsächlich der Gefühlshunger eine sehr große Rolle! Wir essen nicht nur, weil wir Nahrung brauchen. Unser Essverhalten ist sehr oft damit verbunden, dass wir mit dem Essen nicht beachtete Gefühle befriedigen. So konnte ich feststellen, dass Menschen, wenn sie direkt vor dem Essen gezielte Achtsamkeitsübungen machen, die der Emotionsregulation dienen, weniger Appetit entwickeln. Das liegt daran, dass sie weniger Gefühlshunger haben und nur nach ihrem echten Hunger, dem Magenhunger (mehr) essen.

Eine kurze Achtsamkeitsübung vor dem Essen hilft, um angestaute Emotionen wahrzunehmen und zu regulieren und somit den so genannten „Gefühlshunger“ zu unterbinden. (Foto: Juliet Furst – Unsplash)

Essen kompensiert oft schwierige Gefühle

Und hier liegt auch die Lösung zu dem Umstand, dass viele Psychologen an Gewicht zunehmen, wenn sie mit schwierigen Patienten arbeiten: es sind die Gefühle, die sie in uns auslösen! Jede schwierige Kommunikation mit Patienten löst nicht nur bei deinem Patienten hoffentlich therapeutisch wirksame Schritte aus, auch du selbst bist mit deiner Empathie Teil des Problems geworden und reagierst ganz natürlich mit Gefühlen. Es ist der daraus resultierende Gefühlshunger, der dich so hungrig macht. Wenn du dir dann keine Gelegenheit gibst, auf dich selbst zu achten und deine Gefühle wahrzunehmen und zu schätzen, ist Essen der am leichtesten verfügbare Kompensator.

Um deine Hungerarten kennenzulernen und achtsamer zu essen, empfehle ich dir folgende drei kleine Übungen, die du leicht in deinen Alltag einbauen kannst:

1. Beobachte dich selbst

Gehe nicht direkt nach einer psychologischen Beratung oder nach der Psychotherapie zum Mittagessen. Beobachte dich vorher selbst, zum Beispiel durch Achtsamkeitsmeditation, welche Gefühle die Patientin bei dir ausgelöst hat. Sei dir deiner Gefühle bewusst und schreibe sie auf. Lass dir 10 Minuten Zeit, bevor du zum Essen gehst. Damit vermeidest du Gefühlshunger.

2. Die Mittagspause als achtsame Insel

Iss achtsam, das heißt, sei im Hier und Jetzt mit deinen Sinnen. Schmecke und rieche dein Essen, sei dir deines Kauvorgangs bewusst. Lass dich nicht ablenken durch Gedanken oder Gespräche deiner Kollegen, die über Patientenprobleme reden. Die Mittagspause ist deine Pause, sie gehört allein dir.

3. Wann bist du satt?

Mach zwei- oder dreimal eine Pause beim Essen, lege das Besteck weg, atme tief ein und aus. Erspüre, wie voll dein Magen ist, und ob du vielleicht schon satt bist.

Wenn du isst, dann tu nur dies. Sei dir des Geschmacks und des Kauvorgangs bewusst und lasse dich nicht ablenken. (Foto: Tim Mossholder - Unsplash)

Auch zum Feierabend und beim Abendessen kannst du diese Methoden anwenden. Nutze den Nachhauseweg z.B. für eine Gehmeditation und schaue, welche Gefühle du gerade von der Arbeit mitnimmst. Sei beim Abendessen achtsam und überprüfe immer wieder, ob du schon satt bist. Wenn du Lust auf Süßes oder Snacks bekommst, halte inne: vielleicht steckt dahinter doch noch ein verborgenes Gefühl, das du mit nach Hause genommen hast?