Altern, Diggern, Duzen oder Siezen? – Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Patientenanrede

Händeschütteln vor weißer Wand

Würdest du deine Patienten duzen? Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, die therapeutische Beziehung durch eine formelle, distanzierende Anrede zu unterstreichen. Das „Du“ ist allgemein auf dem Vormarsch, aber noch selten in Psychotherapiepraxen zu finden. Unsere Autorin Franca Cerutti duzt einige ihrer Patienten - und hat dafür gute Gründe. Welche? Das verrät sie dir hier.

„Was?! Du DUZT deine Patienten?!“

Meine psychotherapeutischen Kollegen reagieren schon mal mit Schnappatmung, wenn sie das erfahren. In Deutschland wird in der Therapie mit Erwachsenen gesiezt - so lernen wir das in der Ausbildung. Alles andere gilt als unprofessionell. Und ist es nicht sogar verboten?

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass die therapeutische Beziehung durch eine formelle, distanzierende Anrede zu unterstreichen sei. Die Berufsordnung fordert es nicht explizit, sie verpflichtet Psychotherapeuten jedoch, ihre Beziehung zu Patienten und deren Bezugspersonen „professionell zu gestalten“. Das Siezen kann im Rahmen der Beziehungsgestaltung ein wichtiges Signal sein: Wir sind keine Freunde, wir arbeiten zusammen.

Dennoch duze ich seit einiger Zeit den Großteil meiner Patienten und habe gute Gründe dafür.

Gruppe von Menschen auf Stühlen sitzend in einem Kreis

Duzen ist in Gruppen diskreter

„Eigentlich möchte ich nicht, dass die anderen meinen Nachnamen kennen. Da bin ich dann direkt abgestempelt.“ Noch vor dem Start meiner ersten Therapiegruppe brachte eine Patientin klar zum Ausdruck, dass sie keinesfalls als „Frau XY“ an meiner Gruppe teilnehmen werde. Meine Praxis liegt in einer sehr ländlichen Gegend und ich konnte ihr Problem nachvollziehen. Allein die namentliche Nennung offenbart hier manchmal mehr, als einem lieb ist. Der Wunsch meiner Patientin, selbst zu steuern, wieviel sie nach und nach preisgeben möchte, war legitim. Sie wolle lieber einfach „die Ulrike“ sein. Eine weitere Patientin fürchtete, anhand ihres Nachnamens bei Google auffindbar zu sein und wünschte sich ebenfalls mehr Anonymität.

Ich musste ein paar Nächte darüber schlafen, bevor ich mich zum „Du“ durchringen konnte. Das sogenannte „Hamburger Sie“, d.h. den Vornamen zu nennen, und dennoch zu siezen, kam mir als Ruhrgebietsgewächs sperrig vor. Die Teilnehmer mit dem Vornamen anzusprechen, mich selbst aber siezen zu lassen, kam ebenfalls nicht in Frage. Ganz oder gar nicht - meine erste Gruppe startete also mit einem ganz unverkrampften „Du“. Und jede weitere seither auch.
 

Duzen ist manchmal professioneller als Siezen

Ob es sich leicht duzt, hat in Deutschland mit regionalen Gewohnheiten zu tun. In meinem Wohnort, am Rande des Ruhrgebietes, ist es absolut üblich. Auch das Alter der Patienten spielt eine Rolle. Manche junge Erwachsene stolpern innerlich über das noch ungewohnte „Sie“ und wünschen sich, geduzt zu werden. Ist es tatsächlich geboten, hier beharrlich die vermeintlich „professionelle“ Form zu wahren? Oder kann es auch professionell sein, den Rahmen zu respektieren, in dem sich der Patient aktuell wohler fühlt, und ein gegenseitiges „Du“ zu akzeptieren? Auch meine Patienten mit Migrationshintergrund tun sich teilweise schwer, die sprachliche Wendung der Distanzierung im Deutschen zu nutzen, und empfinden das „Sie“ manchmal als eher kalt, der vertrauensvollen therapeutischen Beziehung abträglich. Ich versuche, den kulturellen Hintergrund meiner Patienten zu berücksichtigen, und nicht eine Regel für alle gelten zu lassen, nur um der Regel Willen. Und so bin ich für die einen, die es gerne so respektvoll - distanziert halten möchten, die „Frau Doktor“, und für die anderen die Franca. Flexibilität ist meine Aufgabe, nicht die der Patienten.

Neon-Schild mit Sprechblase und "hello"

Duzen nivelliert Hierarchien - und ist modern

In der Firmen- und Konzernsprache hat das allgemeine „Du“ seit den 90er-Jahren Einzug gehalten. Es wirkt freundlicher, familiärer, persönlicher. Das ins Deutsche übertragene, amerikanische „you“ soll Augenhöhe herstellen und hierarchische Gefälle überbrücken. Über Jahrhunderte herrschten im deutschsprachigen Raum verschiedene komplizierte pronominale Konstruktionen vor, die Rang- und Standesunterschiede zementierten. Noch bei den Gebrüdern Grimm wurde z.B. „geihrzt“. Heute haben wir die Wahl zwischen einem höflichen (ehemals höfischen) „Sie“ und einem persönlichen „Du“. Die befürchteten Risiken und Nebenwirkungen, im Business wie in der Therapie, liegen in allzu großer Nähe, Autoritätsverlust, unangemessener Vertraulichkeit und einer Verwischung der Grenzen. Wie ein Airbag soll das „Sie“ vor zu viel Beziehung schützen. Die Frage ist nur - in welche Richtung geht der Airbag? Und wen soll er schützen?

Das „Du“ ist klar auf dem Vormarsch. Bei der Arbeit, im Privaten und insbesondere bei Social Media stirbt das „Sie“ langsam aus. Irvin Yalom, der berühmte amerikanische Gruppenpsychotherapeut, legt größten Wert auf eine authentische und nahe Beziehungsgestaltung. In seinen Therapien betont er, nicht als „Doktor Yalom“ angesprochen werden zu wollen - er sei „einfach nur der Irv“. Wir dürfen spekulieren, ob er sich im Deutschen eher duzen oder eher siezen lassen würde.

Mann und Frau sitzend, nebeneinander in Sesseln, kleiner Tisch in der Mitte, im Gespräch.

Mein Fazit

In der Sprechstunde sieze ich meine Patienten selbstverständlich. Kommt eine gemeinsame therapeutische Arbeit zu Stande und sie entscheiden sich für die Teilnahme an einer meiner Gruppen, erkläre ich, dass dort geduzt werden wird - was bisher immer gut aufgenommen wurde. Die Anonymität der Vornamen, aber auch die durch das „Du“ begünstigte, private Atmosphäre, erlebe ich durchweg hilfreich und positiv. Bisher kamen keinerlei Missverständnisse auf - keiner meiner vielen Gruppenteilnehmer in den letzten Jahren konnte den Rahmen des therapeutischen Settings nicht einhalten oder stellte meine ausschließlich therapeutische Rolle in Frage.

Bittet mich ein Patient in der Einzeltherapie explizit, geduzt zu werden, ergründe ich die Motive für diesen Wunsch. Manchmal lasse ich mich darauf ein - manchmal nicht. Ich versuche, der Individualität jeder Persönlichkeit gerecht zu werden und kann auch jeweils begründen, warum ich es in einem Fall gut finde und in einem anderen Fall gar nicht. Das macht es etwas komplizierter für mich. Aber ich habe das Gefühl, dass dieser individuelle Zugang, der sich auch in der Wahl der gemeinsamen Anrede zeigt, insgesamt die therapeutische Beziehung stärkt. Und, ja - ich gestehe - ab und zu rutscht mir bei jungen Patienten auch mal ein beeindrucktes „Alter!“ raus.