Im Flow mit dem eigenen Zyklus

An den Tagen unserer Menstruation möchten wir uns am liebsten verkriechen. (Foto: Bruno van der Kraan)

Als Therapeutinnen, Coachinnen und Beraterinnen spüren wir es jeden Monat aufs Neue: in der einen Woche sprühen wir vor Energie und in der anderen möchten wir uns nur noch zurückziehen. Unser Zyklusverlauf bringt natürliche Veränderungen mit sich – die wir gezielt für uns nutzen können, wenn wir sie kennen, sagt unsere Autorin Gesche Blohm. Was du tun kannst, um in Balance zu kommen.

Wenn du an deine kommende Menstruation denkst – was kommen dir da spontan für Emotionen und Bilder? Vorfreude, Entspannung und Gelassenheit? Oder doch eher Schwermütigkeit, Unwohlsein und schlechte Laune? Wahrscheinlich brauchst du gar nicht lange nachzudenken, um festzustellen, dass du dich an solchen Tagen eigentlich lieber verkriechen würdest und möglichst wenig bis gar nicht im Kontakt mit deinen Klienten/Patienten wärst. Mir selbst geht es jeden Monat wieder so, denn wir Frauen haben über unseren Zyklus gesehen nicht immer dasselbe Bedürfnis nach zwischenmenschlichem Kontakt. Das hat die Natur nicht ohne Grund so eingerichtet.

Wie können wir als weibliche Coaches und Therapeuten mit den Veränderungen umgehen, die unser Zyklusverlauf mit sich bringt? (Foto: Monica Galentino – Unsplash.com)

Weiblichkeit im Job – ein Widerspruch in sich?

Wie gehen wir mit solchen naturgegebenen Zyklusmerkmalen in unserer heutigen Zeit um, in der oftmals eher maskuline Werte wie gleichbleibende Leistung und aktives Vorantreiben den Arbeitsalltag dominieren? Dass es nicht die Lösung sein kann, meine eigene Weiblichkeit im Job hintenanzustellen, um zu „funktionieren“, habe ich selbst vor vielen Jahren realisiert, nachdem ich die Warnsignale meines Körpers irgendwann nicht mehr ignorieren konnte und wollte. Wie können wir als weibliche Coaches und Therapeuten mit den Veränderungen umgehen, die unser Zyklusverlauf mit sich bringt, und sogar gezielt für uns und unsere Arbeit nutzen?

Genau wie „Mutter Erde“ mit ihren Jahreszeiten und Gezeiten, folgen wir als Frauen seit je her dem Mond mit seinem zyklisch wechselhaften Verlauf, so dass wir jeden Monat einmal einen gesamten „inneren Jahreszeitenzyklus“ durchlaufen.

„Ihr könnt auf mich zählen!“ In der Follikelphase steigt die Ausdauer, Geduld sowie die Leistungs- und Widerstandsfähigkeit. (Foto: Tamara Bellis – Unsplash)

Follikelphase: Aufbruchstimmung

Nach der Menstruation beginnt alles, neu zu entstehen. Es ist das „Sich-neu-erschaffen“ des Frühlings. Körperlich baut sich die Gebärmutterschleimhaut wieder auf. Physisch wie auch mental-emotional steigen unsere Ausdauer, Geduld sowie Leistungs- und Widerstandsfähigkeit, denn der Körper speichert nun neue Energien. Wenn wir uns während der Menstruation Ruhe gegönnt haben, fühlen wir uns erfrischt und sind bereit das nächste Projekt in unserem Leben zu planen.

Unser Lebensgefühl in dieser Phase: „Ich bin zurück!“ / „Ihr könnt auf mich zählen!“ / „Lasst uns planen!“

In deiner Arbeit ist der innere Frühling besonders geeignet um:

  • ... dein nächstes Coachingprogramm, Weiterbildungen, neue Patienten (ein) zu planen (gerne auch mal eine Sitzung mehr zu machen).
  • ... Erstgespräche zu führen.
  • ... Erkenntnisse, wie du deine Arbeit umgestalten möchtest (siehe innerer Winter) zu sammeln und die notwendigen nächsten Schritte zu planen.
  • ... alles zu tun, was deine Geduld und Gelassenheit braucht (z.B. schwierigere Gespräche/Sitzungen mit Klienten/Patienten oder mit deinem Chef führen oder nervigen Papierkram erledigen).
  • ... privaten Ausgleich zu nehmen (z.B. Freunde treffen, neues Sportprogramm starten und/oder besonders ausdauernd trainieren - intensive Laufeinheiten, sweaty Yoga-Sessions, Wandern etc. - gerne auch mit einer Freundin oder in der Gruppe).
"Ich schaffe alles!" In der Ovulationsphase sprühen wir meistens vor Lebenslust. (Foto: Alexei Scutari - Unsplash.com)

Ovulationsphase: Sprühende Lebenslust

Der Eisprung zur Zyklusmitte repräsentiert das „vollen Erblühen und Früchte tragen“ des Sommers. Du strotzt nur so vor Energie und dein gesamtes Verhalten ist nach Außen gerichtet. Jetzt bist du sehr aktiv, erschaffst schnell und mit Leichtigkeit viel Neues und hast Lust nach getaner Arbeit auch noch mit deinen Freundinnen um die Häuser zu ziehen. In unserem inneren Sommer sind wir auch offener für Männer bzw. unseren Partner. Letzteres strahlen wir sichtbar aus, und dessen sind wir uns auch völlig bewusst. Wir nehmen jetzt nicht nur verstärkt wahr, wie wir auf andere wirken, sondern haben auch einen schärferen Sinn für unsere Außenwelt.

Unser Lebensgefühl in dieser Phase: „Ich strotze vor Energie” / „Geht nicht gibt’s nicht!“ / Superwoman! / „Ich schaffe alles!” / „Ich fühle mich sexy!“

In deiner Arbeit kannst du deinen inneren Sommer besonders gut nutzen um:

  • ... Ideen/Konzepte umzusetzen.
  • ... alles zu tun, was intensiven Kontakt zu anderen Menschen erfordert (z.B. Arbeit mit Gruppen).
  • ... mit deiner Ausstrahlung andere für dich und/oder deine Ideen zu begeistern.
  • ... von einem höherer Workload zu profitieren (z.B. spontan einen Klienten/Patienten mehr am Tag mit reinschieben).
  • ... privaten Ausgleich zu nehmen (z.B. (r)ausgehen und Freunde treffen, forderndes Yoga oder HII-Training machen).

Lutealphase: Die Ernte einholen und aufräumen

Im Herbst beginnen die Bäume ihre Blätter zu verlieren und die Energien, die in der ersten Jahreshälfte noch die Baumkronen erblühen ließen, ziehen sich nun zurück in die Baumwurzeln. So ist auch für uns in unserem inneren Herbst die Zeit gekommen, unsere mentalen und physischen Energien allmählich auf unsere Wurzeln zu konzentrieren. Es geht darum, Dinge abzuschließen, uns langsam zurückzuziehen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, Ordnung zu schaffen und Veraltetes abzulegen.

Hierbei können dich auch plötzlich Tränen, Frustration, Wut, und Traurigkeit überwältigen und kurzzeitig verwirren. Es kommen auch gerne mal all diejenigen Dinge hoch, die dich über deinen ganzen Monatszyklus schon genervt haben. Da jetzt deine innere Kritikerin am größten ist, hast du kein Problem damit, Dinge ungeschönt beim Namen zu nennen und schonungslos auszusprechen. Daher ist dies auch die Phase in unserem Zyklus, in der wir am ehesten mal eine kleine Streiterei anzetteln können.

Unser Lebensgefühl in dieser Phase: „Alles nervt mich gerade“ / „Ich schaff das alles nicht” / „Mir ist alles zu viel“ / „Mir reicht’s!“ / „So nicht!“ / „Nicht mit mir!“

In deiner Arbeit ist dein innerer Herbst wie gemacht um:

  • ... Aufgaben abzuschließen, aufzuräumen und abzulegen. Letzte To Dos können nun priorisiert und organisiert werden. KEINE neuen Themen mehr beginnen!
  • ... dort, wo möglich, neue Themen/Klienten/Patienten lieber auf deinen kommenden inneren Frühling zu terminieren. So weißt du sie auch versorgt und kannst mental zur Ruhe kommen.
  • ... nachsichtig zu sein, wenn die enge Termintaktung jetzt für dich nicht mehr so gut funktioniert, du dich gestresst oder etwas überfordert fühlst. Mach dir bewusst, in welcher Zyklusphase du dich gerade befindest, und dass aufkommende Emotionen, Selbstkritik oder auch Selbstzweifel in dieser Phase „ganz normal“ sind!
  • ... deinen Fokus bewusst darauf zu lenken, was du in diesem Monat schon alles geleistet hast und das zu honorieren.
  • ... die alles in Frage stellende Stimme liebevoll anzunehmen und sie für deine persönliche Entwicklung zu nutzen. Gib dir selbst die Erlaubnis, deine Aufmerksamkeit nach innen zu kehren.
  • ... zu überlegen, was für eine Arbeitsweise und Termintaktung eigentlich zu dir und deinem individuellen inneren Tempo und Rhythmus passen. An welcher Stelle verbiegst du dich vielleicht innerlich gerade, um den Anforderungen in der Außenwelt gerecht zu werden? Ist diese enge Taktung wirklich nötig?
  • ... wichtige Learnings für dich aus diesem Zyklusmonat zu ziehen. Welche Fehler lehren dich was? Auf welche Erfolge kannst du zurückblicken? Welche Herangehensweisen möchtest du weiter beibehalten, was möchtest du ein für alle Mal ablegen?
  • ... Ausgleich zum Feierabend zu nehmen. Jetzt brauchst du Erdendes zum körperlichen und mental-emotionalen „Runterkommen“ und genügend Zeit mit dir alleine z.B. mit Yin Yoga, einfach zu Hause einmummeln und bei einer Tasse Tee stricken, Netflix-Sessions machen, Ölbäder und -massagen bei Kerzenlicht genießen oder Entspannungsmusik hören.
Zeit für sich selbst. Die Menstruationsphase lässt sich als ganz persönlicher monatlicher kleiner Retreat von der lauten Welt dort draußen nutzen. Sie ist ideal für neue Einsichten und Eingebungen. (Foto: Alisa Anton – Unsplash.com)

Menstruationsphase: Rückzug, Ruhen und Introspektion

All das Veraltete können wir mit Beginn unserer Blutung nun endlich loslassen. Die Menstruation ist somit ein körperlicher und mental-emotionaler Detoxprozess. Die gesamte Körperenergie ist auf „Abwärtsfluss“ gepolt. Unsere körperliche Kraft hängt buchstäblich am Boden und auch unser Gemüt ist introvertierter und stiller als sonst. Wir ziehen uns noch mehr zurück, damit wir uns vollkommen diesem innerlichen „Arbeitsprozess“ widmen können, der durchaus anstrengend sein kann. In dieser Phase haben wir einen intensiveren Zugang zu unserer Intuition. Gleichzeitig sind all unsere Sinne verschärft, denn jegliche Körperkanäle sind jetzt offen. Das ist auch der Grund, warum wir noch ein Stück sensibler als sonst auf jegliche Einflüsse von der Außenwelt reagieren, die uns dann schnell zu viel werden und aus der emotionalen Balance bringen können.

Die Menstruationsphase ist unser ganz persönlicher monatlicher kleiner Retreat von der lauten Welt dort draußen, ideal für neue Einsichten und Eingebungen. Wir lassen die Geschehnisse des Monats nochmals Revue passieren. Und dann ─ ganz unerwartet – übernimmt der Autopilot Intuition das Ruder, und wir bekommen neue Antworten auf ungelöste berufliche oder private Themen, zu denen wir uns den ganzen Monat vergeblich den Kopf zerbrochen hatten.

Unser Lebensgefühl in dieser Phase: „Zeit für mich selbst!“ / „Ich möchte alleine sein und nicht gestört werden” / „Bittet mich um NICHTS! Lasst mich in Ruhe!“

Deinen inneren Winter nutzt du am besten so:

  • Dort wo möglich, nur die nötigsten Verpflichtungen erledigen und das, was sich partout nicht vertagen lässt.
  • Qualität anstatt Quantität! Lieber etwas weniger Sitzungen mit Coachees/Patientinnen auf deine „Tage“ legen. Dafür in diesen Sitzungen mehr Raum lassen, um auf deine intuitive Stimme zu hören.
  • Gestalte deine Termine ressourcenschonender z.B. durch eine weniger enge Taktung, oder ─ wenn passend und angebracht ─ nutze die Sitzung, um eine Entspannungsübung mit deinen Klientinnen/Patienten zu machen.
  • Wenn du deinen Workload gerade nicht beeinflussen kannst: Nimm dir im Tagesverlauf bewusst kurze Pausen zum Durchatmen (einmal kurz alleine an die frische Luft treten) und Zeit für ein gesundes, nährstoffreiches Mittagessen in Ruhe und ohne Ablenkung .
  • Der Feierabend ist die Zeit, um einfach nur bei dir selbst anzukommen und den Kopf ausschalten: zuhause einmummeln, einfach nur da liegen und nichts tun (auch kein Sport). Höchstens noch ein schönes Buch oder einen „leicht verdaulichen“ Film schauen (nichts Aufwühlendes). Früh schlafen gehen. Regenerieren.
  • Die Eingebungen deiner Intuition nutzen, um deine Intentionen für den neuen Monatszyklus zu setzen und Tagebuch zu schreiben.

Go with the Flow!

Wir können die Schönheit jeder einzelnen Phase mit ihrer jeweiligen „Superpower“ für uns nutzen. So entfalten sich neue Potentiale in uns – auch Potentiale, die wir zuvor vielleicht als „dunkle Seite“ eher weggedrückt oder sogar bekämpft haben.

Indem du mit dem Flow deines Zyklus gehst, erleichterst du dir dein Leben und deine Arbeit, denn du nutzt deine jeweiligen Stärken immer genau dann, wenn sie gerade auf ihrer natürlichen Höhe sind. Am Ende ist es das natürliche Gleichgewicht unseres Zyklusverlaufs mit Phasen des nach vorne Treibens und Phasen des Rückzugs, das uns auf Dauer unsere Balance und eine Arbeitsweise ohne langfristiges Auspowern ermöglicht. So kannst du auch in unserer heutigen Arbeitswelt auf eine zeitgemäße Weise mit dem natürlichen Flow deines Menstruationszyklus gehen.