Vorbereitung auf den Ruhestand - Coaching mit älteren Menschen

Wer bin ich ohne Arbeit? Wie möchte ich mein Leben zukünftig füllen? Solche und ähnliche Fragen stellen sich häufig Menschen, die in den Ruhestand treten. Fragen, durch die viel Unsicherheit entstehen kann. Unsere Autorin Ursula Kraemer zeigt dir mit ganz konkreten Übungen, welche Hilfestellung du als Coach in dieser Lebensphase geben kannst.

 

Für berufstätige Menschen, und vor allem für jene in höheren Positionen, ist es selbstverständlich, ein Coaching in Anspruch zu nehmen, um die eigenen Kompetenzen zu erweitern und sich auf neue Herausforderungen einzustellen. Doch auch am Ende der beruflichen Karriere kommt dem Coaching noch einmal eine besondere Bedeutung zu. Wer am Übergang in den Ruhestand steht, sollte sich rechtzeitig darauf vorbereiten, um gut in diese neue Lebensphase zu gelangen. Externe Unterstützung hilft, ein neues positives Selbstbild jenseits der Arbeit zu kreieren und Ideen zu finden, den Ruhestand positiv zu gestalten.

Aus dem Spektrum der Themen, die von Klienten in dieser Phase eingebracht werden, möchte ich einige herausgreifen und gleichzeitig anhand von konkreten Übungen eine Hilfestellung für das Coaching geben.

1. Wer bin ich ohne Arbeit?
 

Kritisch wird der Übergang in den Ruhestand für diejenigen, die ihren Selbstwert vor allem aus der Arbeit ziehen. Von einem Tag auf den anderen sind es nicht mehr das Gehalt und die Boni, der Dienstwagen, die Reputation bei Kollegen und Kunden, die in den Augen der Betroffenen ihnen Bedeutung und Wert geben. Sie fragen sich deshalb: „Wer bin ich denn ohne Arbeit?“ Da hilft es wenig, wenn Mitarbeiter und Chefs bei der Verabschiedung auffordern, doch mal wieder vorbeizuschauen. Denn wer diese Aufforderung wörtlich nimmt, stellt bald fest, nun doch ein Außenseiter zu sein, der den Ablauf stört. Nach einem hingeworfenen „Und, wie läuft‘s so?“ gehen die ehemaligen Kollegen wieder rasch ihrer Wege, die Arbeit ruft.

Manch einer glaubt, mit der Tatsache der schwindenden Bedeutung umgehen zu können, indem er stetig neue Aufgaben annimmt und seinen Kalender mit Terminen und Verpflichtungen füllt. Doch irgendwann muss auch er sich mit der Tatsache auseinandersetzen, für andere nicht mehr so wichtig zu sein und neue Lebensinhalte zu finden.

Im Coaching gilt es, persönliche Einstellungen zum Alter und zum Ruhestand zu hinterfragen. Einschränkende Gedanken sollten über Bord geworfen und durch hilfreiche ersetzt werden. Nur so gelingt es, ein positives Bild von diesem Lebensabschnitt und von sich selbst als Rentner zu entwerfen. Wer davon ausgeht, jetzt zum alten Eisen zu gehören, wird nicht loslassen können, was bisher einen großen Teil des Lebens und des Selbstwerts ausgemacht hat.

Manch einer möchte seine beruflichen Kompetenzen gerne weiter einbringen. Hier kann das Coaching dazu beitragen, zusammen mit dem Klienten herauszuarbeiten, entsprechende Möglichkeiten zu finden und den Weg zu einer Vereinbarung zu ebnen. Die richtige Balance zwischen den neuen Betätigungsfeldern und der Muße im Ruhestand sollte ebenfalls thematisiert werden. Gerade bei beruflich sehr eingespannten Klienten besteht die Gefahr, sich zu überfordern, um beweisen zu können, „dass man noch dazugehört“.

In einem zweiten Schritt können Wünsche und Bedürfnisse herausgearbeitet werden, um so neue, konstruktive und lockende Ideen für die neue Lebensphase zu finden:

  • Worauf freue ich mich in dieser Phase?
  • Was an Neuem ist möglich?
  • Was habe ich immer aufgeschoben für den Tag, wenn ich einmal Zeit habe?
  • Was ist das Verrückteste, das mir einfällt?
  • Was würde mir niemand mehr zutrauen, dass ich es doch tue?
  • Welche Vorbilder habe ich in meinem Umfeld?
  • Wer gestaltet die Zeit nach der Berufstätigkeit beneidenswert gut?
  • Einmal noch im Leben: Was heißt das für mich?

Da wir nur erreichen, was wir uns auch vorstellen können, sind innere Bilder und konkrete Beschreibungen so wichtig. Hilf deinem Klienten, sich nicht zu begrenzen, und vorerst alle Ideen zuzulassen. Es geht hier, wie bei jedem Brainstorming, um die Fülle an Ideen, die erst in einem zweiten Schritt auf Brauchbarkeit hin betrachtet und besprochen werden.

Noch eine zusätzliche Anregung:

Lass‘ deinen Klienten einen optimalen Tag im Ruhestand beschreiben. Er sollte dabei so konkret wie möglich sein, Details ausmalen, alles, auch das Verrückte, zulassen. Bei guter Beobachtung wirst du erkennen, wo er auf einem stimmigen Weg ist und ihm dies spiegeln.

2. Wohin mit meiner Zeit?


Auch wenn es verlockend scheint, mit Beginn der Rente erst einmal in den Tag hineinzuleben, macht es mehr Sinn, den Schwung aus dem Berufsleben zu nutzen und zu überlegen, wofür man seine Zeit in Zukunft einsetzen will. Denn wer nicht weiß, was er mit seiner Zeit anfangen will, wird schnell von seinem Umfeld verplant. Er gerät in einen Schlendrian, aus dem herauszukommen immer schwerer wird. In der dritten Lebensphase wird Zeit immer kostbarer, man sollte sie nicht ungenutzt verstreichen lassen, sondern dem Raum geben, was einem wichtig ist.

Mit folgenden Fragen regst du im Coaching deinen Klienten zum Nachdenken an. Er kommt so seinen Bedürfnissen auf die Spur und findet zu einem eigenen Rhythmus. Für manchen, der bislang sehr in den Arbeitsprozess und in Verpflichtungen eingespannt war, ist diese Aufgabe eine große Herausforderung.

  • Welche festen Bausteine meines bisherigen Lebens will ich beibehalten? (Mahlzeiten, Sport, Vereinsaktivitäten…)
  • Wovon möchte ich mich lösen? (Ehrenämter, die nicht mehr zu mir passen, lästige Aufgaben, routinemäßige Treffen, die mich nicht mehr erfreuen)
  • Was möchte ich in Zukunft neu oder mehr tun? (Hobbys, Reisen, Weiterbildung…)
  • Welche festen Termine werden sich dadurch ergeben?
  • Wieviel unverplante Zeit habe ich dann noch und bin ich damit zufrieden?
  • Wie werden wir die gemeinsame Zeit als Paar, als Familie verbringen?
  • Wie schaffe ich es, neue Pläne zur Gewohnheit werden zu lassen?

Anhand seiner Entscheidungen hält der Klient die Eckpunkte seines Tages- bzw. Wochenplans schriftlich fest. So konkret vor Augen kann er nachspüren, ob der Plan für ihn stimmig ist oder ob er daran noch etwas ändern möchte. Es geht nicht um ein starres Gerüst, sondern um eine Hilfe, neue Gewohnheiten zu etablieren und die gewünschte Balance zu finden zwischen genutzter Zeit und Müßiggang. Im Rahmen des Coachings ist es sinnvoll, den Partner hinzuzuziehen, um auch dessen Erwartungen und Bedürfnisse zu hören und abzustimmen. Das Paar, das bisher in beruflichen und familiären Aufgaben stark gebunden war, braucht jetzt eine neue Tagesstruktur und eine neue Verteilung von Aufgaben. Es hat aber auch die Chance, neue gemeinsame Ziele zu definieren und offen darüber zu sprechen, wieviel Eigenzeit man sich gegenseitig zugestehen möchte.

3. Was will ich hinterlassen?


Die kommende Lebensphase ist auch eine Zeit der Erinnerung und damit verbunden die Frage, was davon man an die nächste Generation übergeben möchte. Damit ist nicht das materielle Erbe gemeint, sondern der Schatz an Erfahrungen, an eigenem Wissen, aber auch der Familiengeschichte und den Familiengeschichten.

Hier einige Fragen, die den Klienten anregen, persönliche Projekte zu finden, denen er sich in der kommenden Zeit widmen möchte. Die jeweiligen Antworten münden in konkrete Vorhaben und Pläne, die du als Coach in weiteren Gesprächen begleiten kannst:

  • Was ist mir wichtig zu hinterlassen?
  • Möchte ich meine Geschichte aufschreiben oder besondere Phasen, Schwerpunkte?
  • Woran sollen sich meine Kinder und Enkel erinnern?  
  • Welchen Beitrag kann und möchte ich zur Familiengeschichte leisten?
  • Welche Familiengeschichten, die mir erzählt wurden, möchte ich aufschreiben?
  • Wen kann ich dazu (noch) befragen?
  • Welche Informationen gehen verloren, wenn ich sie nicht festhalte?
  • Auf welche Weise möchte ich die Familiengeschichte weitergeben? (schriftlich, als Videos, auf Fotos, als Tonaufnahmen)
  • Gibt es bereits einen Stammbaum und kann ich diesen aktualisieren?
  • Wenn es keinen gibt: Wo finde ich Informationen zu Familienmitgliedern?
  • Mit welchem Programm werde ich einen Stammbaum anlegen?
  • Wie werde ich meine Fotosammlung organisieren? (sortieren, entsorgen, auf ein Speichermedium übertragen?)

Im Coaching gut vorbereitet wird der Ruhestand zu einer Lebensphase, die Lust auf Neues macht.


Zum Weiterlesen:

Kraemer, Ursula (2018). Aufbruch zu neuen Ufern – Gut vorbereitet in den Ruhestand. Norderstedt: BoD.