Lamas statt Likes: Was mediensüchtigen Jugendlichen zurück ins Leben hilft
Das Pilotprojekt „MeKi“ ist das erste stationäre Reha-Angebot in Deutschland für medienabhängige Kinder und Jugendliche. Gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und koordiniert von der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See, setzt die Klinik Schönsicht Berchtesgaden das Programm mit wissenschaftlicher Begleitung der Charité Berlin um. Erik Kolfenbach, Chefarzt an der Klinik, berichtet im psylife-Interview von den ersten Erfahrungen.
Das Projekt „MeKi“ ist als Modellvorhaben gestartet. Wie kam es dazu, und warum wurde die Klinik Schönsicht als erster Standort ausgewählt?
Das Projekt „MeKi“, das für „Medienabhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen – Entwicklung, Pilotierung und Evaluation eines nachhaltigen, integrativen Rehabilitationskonzeptes“ steht, ist aus einem klar benannten Handlungsbedarf heraus entstanden. Die Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See hat festgestellt, dass es im Reha-Bereich bislang kein spezifisches Behandlungskonzept für medienabhängige Kinder und Jugendliche gibt. Daraufhin wurde entschieden, ein solches Konzept zu entwickeln und modellhaft umzusetzen. Die Klinik Schönsicht wurde als Standort ausgewählt, weil hier bereits Erfahrung in der stationären psychosomatischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen vorhanden ist. Wichtig ist dabei, dass das Projekt nicht isoliert läuft: Die Umsetzung erfolgt an der Klinik Schönsicht, wissenschaftlich begleitet wird „MeKi“ durch die Charité Berlin. Die Perspektive war von Beginn an, dass die Ergebnisse später auch über diesen Standort hinaus nutzbar sein könnten.
Welche Zielsetzungen stehen dahinter?
Medienabhängigkeit kann dazu führen, dass Schulbesuche abbrechen, Abschlüsse gefährdet sind und ganze Lebenswege ins Stocken geraten. Gleichzeitig sehen wir gesellschaftlich eine zunehmende Aufmerksamkeit für medienbezogene Problemlagen, nachdem dieses Thema lange eher vernachlässigt wurde. Die Entwicklung zeigt, dass hier ein Wandel stattfindet – auch international. Vor diesem Hintergrund soll „MeKi“ Wege aufzeigen, wie frühzeitig interveniert werden kann, bevor sich dauerhafte Brüche im Lebenslauf verfestigen.
Im Projekt wird sehr genau unterschieden zwischen intensiver Mediennutzung und Abhängigkeit. Wie definieren Sie Medienabhängigkeit konkret?
Grundlage sind die klassischen Abhängigkeitskriterien. Dazu zählen Kontrollverlust über die eigene Mediennutzung, Interessenverlust und die Fortsetzung des problematischen Verhaltens trotz negativer Konsequenzen, ergänzt um eine funktionale Beeinträchtigung. In der ICD-10 ist das nur sehr eingeschränkt abbildbar, weshalb wir mit Behelfsdiagnosen arbeiten müssen. Die DSM-5 beschreibt die Kriterien ausführlicher, ist bei uns jedoch nicht gültig. In der Praxis orientieren wir uns an genau diesen Suchtkriterien, die auch bei substanzgebundenen Abhängigkeiten herangezogen werden – etwa bei Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Die Grundzüge sind identisch. Mit der ICD-11 gibt es künftig eine bessere Möglichkeit, Verhaltenssüchte, also auch Medienabhängigkeit, abzubilden.
Für den Zugang zum Projekt spielt das Screening eine zentrale Rolle.
Es wurde ein Screeningfragebogen entwickelt, der gezielt die Suchtkriterien abfragt. Dieser orientiert sich an den Screenings GADIS-A, SOMEDIS-A und STREDIS-A des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und wurde durch die Charité Berlin angepasst. Der Fragebogen dient dazu, diejenigen Jugendlichen zu identifizieren, für die das Projekt tatsächlich geeignet ist. Übermäßiges Zocken allein ist kein Kriterium. Entscheidend ist, ob zusätzlich Leidensdruck besteht und ob es zu Beeinträchtigungen in Schule, Familie oder sozialem Leben kommt. Der Fragebogen ist über die Website der Charité abrufbar.
Was sind aus Ihrer Sicht zentrale Warnzeichen für Medienabhängigkeit bei jungen Patient:innen?
Häufig zeigt sich zunächst eine Toleranzentwicklung: Die Zeit am Computer oder am Handy nimmt immer weiter zu. Die Jugendlichen sind gedanklich stark vereinnahmt, denken ständig an Spiele oder soziale Medien und beschäftigen sich damit, wie sie das nächste Level erreichen. Können sie das nicht, werden sie unruhig oder aggressiv, teilweise werden sogar körperliche Symptome beobachtet. Hinzu kommen soziale Folgen: familiäre Konflikte nehmen zu, soziale Kontakte brechen weg, schulische Leistungen verschlechtern sich bis hin zu Wiederholungen oder Abbrüchen.
Welche Jugendliche werden im Projekt „MeKi“ aufgenommen?
Wir behandeln Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren. Unter zwölf Jahren gehen wir davon aus, dass elterliche Kontrolle noch eine größere Rolle spielt und das Therapieprogramm in dieser Form nicht sinnvoll greift. Die Jugendlichen kommen aus ganz unterschiedlichen familiären und sozialen Hintergründen. Auffällig ist, dass viele einen höheren Bildungsstatus haben, etwa Gymnasiast:innen. Medienabhängigkeit betrifft nicht nur sozial benachteiligte Gruppen.
„Medienabhängigkeit ist kein Randphänomen – Jugendlichen fehlen oft die Skills zum Leben in der analogen Welt“
Gibt es Unterschiede in der Nutzung und Problematik zwischen verschiedenen Medienformen?
Ja, erkennbar ist, dass die Mädchen im Projekt tendenziell stärker von Social Media betroffen sind, während die Jungs eher in Online-Spielen aufgehen. Die Konsequenzen sind aber ähnlich: sozialer Rückzug, Interessensverflachung, Konfliktlösungsprobleme – die Therapie zielt deshalb darauf, wieder einen gesunden Umgang mit allen Medienformen zu erlernen.
Wie läuft die Behandlung ab?
Das therapeutische Setting ist zeitlich klar strukturiert. Die Jugendlichen werden für sechs Wochen stationär aufgenommen, leben in Zweibettzimmern und erhalten in dieser Zeit eine intensive Vollzeitbehandlung. Die Eltern sind währenddessen nicht vor Ort – ihre Kinder sollen sich voll auf die Gruppe Gleichaltriger einlassen können. Anschließend folgt eine sechsmonatige Nachbetreuung, die überwiegend digital organisiert ist. Das ist nicht unproblematisch, weil Jugendliche nach der Entlassung schwer erreichbar sein können. Dennoch ist die Nachsorge ein zentraler Bestandteil, um Rückfällen vorzubeugen.
Ein zentrales Stichwort im Projekt ist Teilabstinenz.
Digitale Medien sind aus unserer Gesellschaft nicht wegzudenken. Deshalb arbeiten wir nur mit einer Abstinenzwoche und setzen ansonsten klare Begrenzungen. Es gibt festgelegte Zeitkorridore, in denen Medien genutzt werden dürfen. Während Therapiezeiten, nachts und bei Gruppenangeboten werden die Geräte eingesammelt. Aktuell sind es etwa dreieinhalb Stunden Medienzeit pro Tag, die protokolliert werden müssen. Ziel ist, dass die Jugendlichen ihr eigenes Nutzungsverhalten wahrnehmen und reflektieren lernen.
Parallel dazu setzen Sie stark auf analoge Erfahrungen.
Viele dieser Jugendlichen haben kaum noch Berührung mit einem analogen Alltag. Kreative Angebote wie Kunsttherapie oder handwerkliche Tätigkeiten ermöglichen ihnen, etwas mit den Händen zu machen, Materialien zu spüren und Erfolgserlebnisse zu haben. Gefühle sind ihnen oft fremd geworden, über gestalterische Prozesse können sie diesen wieder näherkommen. Auch natur- und erlebnispädagogische Elemente spielen eine große Rolle. Die Zeit in den Bergen, ohne Empfang, mit körperlicher Anstrengung und gemeinschaftlichen Aufgaben, hat sich als sehr wirksam erwiesen.
Ein besonderes Element im Therapieprogramm ist der Aufenthalt auf der Alm und die Arbeit im Stall. Was passiert dort mit den Jugendlichen?
Diese Erfahrungen haben sich als sehr wirksam erwiesen. Wenn es witterungsbedingt möglich ist, verbringen die Jugendlichen zwei Tage auf einer abgelegenen Alm, ohne Handyempfang und mit kaum Strom. Sie müssen selbst kochen und ihren Alltag gemeinsam organisieren. Das ist für viele zunächst eine enorme Umstellung. Gleichzeitig erleben wir dort sehr eindrücklich, wie viel Selbstwirksamkeit entsteht. Wenn die Jugendlichen zurückkommen, sieht man ihnen an, dass sie etwas geschafft haben. Sie strahlen regelrecht. Der Aufenthalt in den Bergen konfrontiert sie mit ganz anderen Reizen als die digitale Welt. Sie spüren die Kälte, die Anstrengung, den Untergrund, die Höhe. Sie müssen sich körperlich bewegen, an ihre Grenzen gehen und sich aufeinander verlassen. Viele trauen sich dort mehr zu, als sie vorher gedacht hätten.
Auch die Arbeit im Stall, unter anderem mit Lamas, gehört dazu. Der Umgang mit den Tieren verlangt Ruhe, Präsenz und Verantwortungsübernahme. Das sind Fähigkeiten, die im digitalen Alltag oft kaum gefordert werden. Wichtig ist dabei: Es geht nicht um Beschäftigung im Sinne von Ablenkung, sondern um eine Rückführung in ein analoges Leben. Zu Beginn reden die Jugendlichen oft kaum miteinander, das fällt ihnen schwer. Erst nach einigen Tagen entsteht wieder Kommunikation. Am Ende ist das Miteinander deutlich verändert. Diese Erfahrungen wirken häufig über den Aufenthalt hinaus und machen deutlich, dass es Alternativen zum digitalen Rückzug gibt.
Sie betonen immer wieder das Gruppenerleben – welche Rolle spielt es therapeutisch?
Das Zusammenleben mit Gleichaltrigen ist einer der wichtigsten Wirkfaktoren. Viele soziale Lernprozesse entstehen dabei fast automatisch: Konflikte aushandeln, miteinander sprechen, Nähe zulassen – und auch soziale Kontrolle spielt hinein. Die Jugendlichen neigen dazu, sich zurückzuziehen und allein zu sein, deshalb achten wir darauf, dass sie nicht in Einzelzimmern isoliert werden. Dieses soziale Lernen braucht nicht zwingend ein alpines Umfeld – es ist grundsätzlich übertragbar.
Medienabhängigkeit tritt selten isoliert auf: Welche Komorbiditäten sehen Sie häufig?
Depressionen, Angststörungen und ADHS kommen häufig gemeinsam mit Medienabhängigkeit vor. Gerade Jugendliche mit Selbstwertproblemen erleben digitale Räume als Orte, an denen sie Anerkennung finden, etwa durch das Erreichen von Levels oder mächtige Avatare. Bestimmte Erkrankungen schließen eine Teilnahme jedoch aus, etwa Psychosen oder Autismus-Spektrum-Störungen, da hier andere therapeutische Ansätze notwendig sind.
Wie wichtig ist die Rolle der Eltern und anderer Bezugspersonen für den Therapieerfolg?
Ohne elterliche Mitwirkung geht es nicht. Deshalb laden wir die Eltern schon während der Reha viermal zu Online-Abendgesprächen ein und vier weitere Male nach Beendigung der Reha. Rückfälle gehören zu Abhängigkeitserkrankungen jedoch dazu. Eltern müssen nicht nur hinschauen, sondern auch klare Regeln setzen und selbst Vorbild sein. Gemeinsame Mahlzeiten, gemeinsame Aktivitäten und verbindliche Medienzeiten sind entscheidend. Es ist nicht vermittelbar, verantwortungsvollen Medienumgang zu erwarten, wenn Erwachsene selbst permanent am Handy sind.
Viele niedergelassene Therapeut:innen fragen sich ganz konkret, wie sie vorgehen können, wenn sie bei eine:r jungen Patient:in Medienabhängigkeit vermuten.
In diesem Fall rät die Klinik Schönsicht dazu, den Weg immer über die Eltern und den Kinderarzt zu gehen. Voraussetzung für eine Teilnahme am Projekt „MeKi“ ist ein Reha-Antrag, der seit Sommer 2025 gestellt werden kann. Wichtig ist dabei, dass ausschließlich die von der Klinik Schönsicht bereitgestellten Unterlagen verwendet werden. Interessierte finden diese auch auf der Website der Charité (Anmerkung der Redaktion: über den unten angegebenen Link). Sie enthalten bereits die richtigen Indikationsschlüssel F63.8 und F68.8 sowie die Klinik Schönsicht als umsetzende Institution. Sollte es nicht möglich sein, die Unterlagen auszudrucken, können sie auf Anfrage zugesandt werden.
„MeKi“ ist als zeitlich begrenztes Projekt angelegt. Wie geht es weiter?
Die Klinik Schönsicht nimmt noch bis Ende 2026 Jugendliche auf. Ziel ist es, mindestens 80 „MeKis“ zu behandeln. Die Nachsorge wird noch bis Mitte 2027 andauern. Anschließend wird gemeinsam mit der Charité Berlin ausgewertet, wie das Konzept weitergeführt werden kann. Denkbar ist eine Umsetzung als Reha-Maßnahme mit strukturierter Nachbetreuung, ähnlich wie bei anderen verhaltensbezogenen Erkrankungen. Medienabhängigkeit ist ein komplexes Thema, das nicht an der Klinik endet, sondern die gesamte Gesellschaft betrifft.
Vielen Dank für das Gespräch!
Zum Interviewpartner
Erik Winand Kolfenbach
Chefarzt Erik Winand Kolfenbach ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Klinik Schönsicht Berchtesgaden.
Pilot-Projekt „Medienabhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen – Entwicklung, Pilotierung und Evaluation eines nachhaltigen, integrativen Rehabilitationskonzepts (MeKi)“ wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert und von der Deutschen Rentenversicherung koordiniert.
Weitere Infos der Klinik Schönsicht: www.klinikschoensicht.de/medienabhaengigkeit/
Projektseite der Charité Berlin: www.medizinsoziologie-reha-wissenschaft.charite.de/forschung/rehabilitationsforschung/medienabhaengigkeit_bei_kindern_und_jugendlichen_meki/