Burnout vorbeugen (2): Einsicht, Entlastung, Erholung und neue Balance

Im zweiten Teil unserer Artikelserie geht unser Gedankenexperiment weiter. In dieser Coachingstunde beschäftigen wir uns mit deinem Betätigungsprofil. Wie kannst du berufliche Balance finden? Und wie kannst du mehr Entlastung finden?

Seit der letzten Sitzung unseres Gedankenexperiments sind zwei Wochen vergangen. Was hat sich seitdem für dich getan? Es war für dich das letzte Mal möglicherweise wohltuend, gemeinsam mit deinem phantasierten Wunschcoach dein Arbeitsleben auf neue Weise zu betrachten: freundlich und in Ruhe; deine Leistungen, Fähigkeiten und Ressourcen anerkennend. Vielleicht haben die Fragen zu deiner Klientel und deinem Arbeitskontext dir dabei geholfen, etwas milder auf dich selbst zu schauen, indem du dir klarmachst, dass es nicht nur an dir liegt, wenn du hundemüde nach Hause kommst. Hast du noch an das Bild vom Jongleur gedacht, der an zu vielen Bällen scheitert? Hast du vielleicht sogar gegoogelt, weil du gar nicht glauben konntest, dass selbst der Weltrekordhalter nur mit maximal acht Bällen etwas länger als eine Minute jonglieren kann?

Reflexion des Betätigungsprofils

Als Anregung hattest du mitbekommen, ein Betätigungsprofil zu erstellen. Dazu hast du dir an drei typischen Tagen in einem halbstündigen Raster notiert, welchen Betätigungen du nachgegangen bist. Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht? Es mag dir keineswegs leicht gefallen sein, immer an das Logbuch zu denken. Vielleicht hast du nicht schlecht gestaunt, was du alles geleistet hast. Dir wurde möglicherweise klar, an wie vielen Baustellen du tätig bist, ohne dir auch nur die kleinste Pause zu gönnen. Mit dieser Einsicht erreicht der Coach ein wesentliches Ziel: du kannst auch selbst freundlicher auf dich blicken und all das anerkennen, was dir möglich ist. Es wird vielleicht deutlich, dass du dich auf der Arbeit hetzt; dass deine Tage randvoll sind und vieles auf der Strecke bleibt.

Ringen um Balance

Dein Coach sieht in den sogenannten Balance-Modellen plausible Konzepte zu Entstehung und Prävention von Burnout. Sie gehen davon aus, dass sich uns zeitlebens die Aufgabe stellt, in verschiedenen Lebensbereichen immer wieder neu um eine angemessene Balance zu ringen. Der Coach reflektiert mit dir, wie du derzeit deine Balance erlebst zwischen

  • den Aufgaben, die sich dir stellen, und den dafür zur Verfügung stehenden Ressourcen,
  • Arbeit, Familie, Hobbies, Erholungsphasen und Schlaf,
  • Dingen, die du gern tust, und jenen, die du wohl oder übel tun musst,
  • körperlichen, geistigen, sozialen und erholsamen Betätigungen,
  • der Zeit für andere und für dich selbst,
  • Tätigkeiten und Begegnungen, die Energie kosten und jenen, die dir Kraft und Energie geben etc.

Vor diesem Hintergrund schaust du mit dem Coach noch einmal auf dein Betätigungsprofil. Unterstreiche jene Anforderungen rot, die dich Energie kosten. Unterstreiche jene grün, die dir Energie geben.

Fallbeispiel Julia

Bei der Aufforderung, rot zu unterstreichen, was am meisten Energie kostet, markiert Julia jene Zeiträume doppelt rot, in denen sie mit ihrer Tochter Hausaufgaben machen muss. Sie erzählt, wie quälend sich das für sie beide gestaltet. Es besteht der Verdacht auf eine Legasthenie, sodass tägliches Üben besonders wichtig scheint. Die Misserfolgserlebnisse führen regelmäßig zu Tränen. Auch die Telefongespräche mit ihrer Mutter unterstreicht Julia doppelt rot. Sie sind durch Konflikte über den Umgang mit der Tochter belastet. Einfach rot unterstreicht sie die Dokumentationsarbeit im Krankenhaus und Organisationsbesprechungen mit dem Chef. Julia erschrickt, wie wenige Betätigungen sie grün unterstreichen kann. Manchmal erlebt sie Begegnungen mit Patienten auch für sich erfüllend. Am Wochenende sind es Zeiten mit ihrem Mann, wenn sie gemeinsam kochen oder Rad fahren. Um einen Impuls in Richtung mehr Balance zu setzen, fragt der Coach, wobei Julia früher auftanken konnte. Es bedarf einiger Anstrengung, sich zumindest eine Weile der Ressourcenseite zuzuwenden und dem Sog der Probleme nicht gleich wieder nachzugeben. Denn was Julia besondere Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass es keinerlei Zeitfenster gibt, in denen sie sich ihrer Abschlussarbeit für die Coaching-Ausbildung widmen kann.

Minimale Veränderungen am Arbeitsplatz: Körper spüren und innehalten

Gemeinsam mit dem Coach entwickelst du konkrete Ziele, die du bis zur nächsten Sitzung ansteuern willst. Im Bereich der Arbeit nimmst du dir vor, insbesondere dann, wenn du dich gehetzt fühlst, bewusst die Füße am Boden zu spüren und zunächst einmal zu bemerken, wie schnell du gehst. Vor dem Betreten eines Zimmers willst du kurz innehalten und deinen Körper spüren. Wenn du mit Klienten oder mit Teams arbeitest nimmst du dir vor, wieder öfter kleine Entspannungs- und Körperspürübungen anzubieten und dich dabei gleichzeitig auch deinem eigenen Körper zuzuwenden.

Die vier E‘s in Prävention und Behandlung von Burnout

Kennst du schon die vier E’s in der Prävention und Behandlung von Burnout? Das erste E steht für Erkenntnis - das ist oft der schwierigste Schritt. Das zweite E steht für Entlastung. Das dritte E steht für Erholung - die stellt sich mit der Zeit als Folge der Entlastung ein. Das vierte E steht für Ernüchterung - nämlich die Erkenntnis, dass man nicht weitermachen kann wie vorher und dass wohl einiges nicht so möglich ist, wie man es gerne hätte.

Fallbeispiel Julia

Beim Stichwort Erkenntnis berichtet Julia, dass es vor allem ein Ereignis war, bei dem ihr klar wurde, dass sie an ihre Grenzen kommt und es so nicht weitergehen kann. Sie wollte es beim ersten Gespräch gar nicht sagen, weil sie selbst so darüber erschrocken ist, was wohl in ihr steckt. Sie ist beim Überwachen der Hausaufgaben so ausgerastet, dass sie voll die Kontrolle über sich verloren und die Tochter angeschrien hat wie noch nie. Sie quälte sich anschließend mit massiven Selbstvorwürfen. Und als dann noch der Schmerzpatient, von dem sie das letzte Mal erzählt hatte, ihre beruflichen Fähigkeiten in Frage stellte, begann eine Zeit voller Selbstzweifel. Um sich zu entlasten und sich und die Tochter zu schützen, stellt Julia sich auf Vorschlag des Coaches die Aufgabe, nach einer kompetenten Hausaufgabenbetreuung für die Tochter zu suchen. Bezüglich Zeitfenster für die Abschlussarbeit wird sie mit ihrem Mann sprechen.

Hausaufgabe: Entlastung schaffen

Welche Möglichkeiten kannst du bis zur nächsten Stunde finden, um dich zumindest minimal zu entlasten? Wir vereinbaren den nächsten Termin, dann schauen wir, wie du weitergekommen bist.

 

(Dritter und letzter Teil folgt.)

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