Fünf-Elemente-Zirkel der Achtsamkeit: Nicht-Bewerten

Manchen von euch wird in der Reflexion ihrer Übungserfahrungen aus meinem letzten Artikel "Fünf-Elemente-Zirkel der Achtsamkeit: Benennen" aufgefallen sein, wie es nahezu unbemerkt immer wieder zu Interpretationen des Gehörten – meist in Form eines differenzierten Begriffs – gekommen ist.

Nicht selten ist an die Interpretation auch eine Klassifikation des Wahrgenommenen in bevorzugte und abgelehnte Objekte, also eine Bewertung, gekoppelt. Auch diese nahezu selbstständigen Verarbeitungsprozesse von Sinneseindrücken können im Alltag sehr nützlich sein, da sie uns z.B. Entscheidungen, wie die Auswahl eines Gerichts aus einer umfangreichen Speisekarte, erleichtern. Gleichzeitig beeinflussen Bewertungen unser emotionales Befinden und führen so zur Bahnung unserer weiteren Wahrnehmung. Es wird ein Ich-Bezug hergestellt, der ein weiteres „Reagieren müssen“ – also Aktion zum Erhalt des als angenehm oder passend bewerteten Reizes oder Beseitigung des als unangenehm oder unpassend bewerteten Reizes – suggeriert. Dies kann vor allem dann ungünstig sein, wenn ich mit Bedingungen konfrontiert bin, die ich als unangenehm klassifiziere, aber (momentan) nicht verändern kann.

Bewertungen im Rahmen von Therapie und Beratung

Auch und gerade im Setting helfender Tätigkeiten ist die Fähigkeit, den Ich-Bezug und damit den vermeintlichen Handlungsappell aufzulösen, von hoher Bedeutung. Wenn eine im letzten Kontakt ausführlich besprochene Übung (vielleicht sogar wiederholt) nicht umgesetzt wurde, kann ich das als „Willensschwäche“ oder fehlende Motivation des Patienten oder Klienten bewerten. Ich kann es sogar als Angriff auf mich selbst einordnen: Der Patient oder Klient nimmt unsere Absprachen und damit mich nicht ernst. Die Folgen können Ärger beim Therapeuten, Entwertung des Patienten, ungerechtfertigte Schuldzuweisungen an den Patienten oder Ausüben von Druck bezüglich der Aufgabenerfüllung sein. Daraus resultieren wiederum Auswirkungen auf das therapeutische oder beratende Arbeitsbündnis, die weder dafür noch für die Weiterarbeit des Klienten an seinem Ziel förderlich sind.

Wenn es mir in meiner helfenden Rolle allerdings gelingt, nicht zu bewerten, also das Ereignis erst einmal als das, was es ist, wahrzunehmen – nämlich eine Schwierigkeit des Hilfesuchenden beim Durchführen der Übung – habe ich die Möglichkeit, dieses als solches anzunehmen, zu akzeptieren. Auf dieser Basis prüft es sich viel leichter, worin genau die Schwierigkeit besteht: Ist sie tatsächlich motivational, durch ein Problem in der therapeutischen Beziehung, durch eine wichtige Funktionalität oder vielleicht aus einer noch nicht ausreichend disputierten Befürchtung heraus entstanden? Damit wird der Patient mit seinen Schwierigkeiten (und seinen Ressourcen) angenommen, statt vorschnell zu irgendeiner Veränderung „genötigt“.

Wenn du dir im Laufe der kommenden Woche zur Aufgabe stellst, Bewertungen in deinem therapeutischen Alltag wahrzunehmen, wirst du dir noch einmal verdeutlichen können, welche Rolle dieser Prozess in der helfenden Tätigkeit tatsächlich einnimmt. Die folgende Übung zeigt dir eine Möglichkeit, dich von Bewertungen zu distanzieren.

Achtsamkeitsübung

Nimm für diese Übung möglichst wieder eine entspannt-aufrechte Sitzhaltung ein und schließe die Augen. Richte zu Beginn dieser Übung deine Aufmerksamkeit für einige Momente auf deinen Atem. Beobachte die Körperempfindungen beim Ein- und Ausatmen.

Vergegenwärtige dir dann ein zurückliegendes Ereignis des Tages, mit dem du unzufrieden warst. Dies kann eine Therapiesitzung oder ein Beratungsgespräch mit einem Patienten oder Klienten gewesen sein, das nicht ganz so gelaufen ist, wie du es dir vorgenommen hast. Es kann aber auch z.B. eine Diskussion oder ein Konflikt mit einem Kollegen sein. Oder auch "nur" ein kleines Missgeschick, wie Kaffeeflecken auf dem Hemd oder ein kurz vor der Nase weggefahrener Bus.
Rufe dir die Bilder dieses Ereignisses in deinem Geiste wieder vor Augen. Beobachte die Körperempfindungen, Emotionen und Gedanken, die diese Bilder auslösen.

Versuche, deine automatisch ablaufenden Bewertungen zu erkennen und ganz bewusst wahrzunehmen. Bewertungen als Misserfolg, als Fehler, der nicht hätte passieren dürfen, als "schlecht", "unmöglich", "böse", "unangenehm" usw. Versuche auch die durch diese Bewertungen wieder ausgelösten Empfindungen und Assoziationen wahrzunehmen und bewusst zu beobachten.
Benenne dann diese Bewertungen innerlich mit dem Wort "Bewertung" und versuche, die Bewertungen im Anschluss akzeptierend "loszulassen". Du kannst das auch mit einer stillen Selbstverbalisation, wie z.B. "Alles das, was heute war, ist alles, was hätte sein können" unterstützen.
Bevor du die Übung beendest, kehrst du mit deiner Aufmerksamkeit noch einige Momente zu den Körperempfindungen deines Atems zurück.

Welche Erfahrungen hast du in der Therapie- oder Beratungspraxis mit Bewertungen bzw. dem Loslassen von Bewertungen gemacht?

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Gerhard Zarbock und Silka Ringer.

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