Sieben Jahre Kinderwunsch – Ein Interview mit Julie von Bismarck

psylife sprach mit der Autorin Julie von Bismarck über ihren langjährigen Kinderwunsch und die großen Belastungen, die mit ihm einhergingen. (Foto: privat)

Julie von Bismarck war sieben Jahre lang gefangen in ihrem Kinderwunsch – und schreibt nun in ihrem gleichnamigen Buch offen über ihren langen Weg und die Belastungen. Welche Unterstützung haben ihr Mann und sie in dieser Zeit bekommen? Und was hätten sie darüber hinaus gebraucht? Wir haben mit der Autorin über die psychosoziale Beratung bei Kinderwunsch gesprochen – und berührende, ehrliche Antworten bekommen.

In Ihrem Buch schreiben Sie über Ihren langjährigen Kinderwunsch, über Hormon- und andere Behandlungen sowie unzählige Besuche bei Ärzten und Spezialisten ... Wenn man das überhaupt sagen kann: was waren rückblickend die größten Belastungen für Sie und Ihren Mann?

Die erste und wohl erschütterndste Erfahrung war der Verlust unseres Kindes, mit dem unsere Leidensgeschichte ja überhaupt erst begann. Wir wussten natürlich, dass Fehlgeburten in den ersten Schwangerschaftsmonaten häufig sind, haben aber einfach überhaupt nicht damit gerechnet, dass uns so etwas passieren würde. Wir kannten niemanden, der sein Kind während der Schwangerschaft verloren hatte – wobei ich von heute aus vermuten würde, dass wir bestimmt etliche Menschen kannten, nur dass keiner von ihnen darüber sprach. Für uns war es ein Erlebnis, das uns wirklich aus dem Leben gerissen hat und bis heute Teil unseres Lebens ist.

Sehr belastend war dann vor allem das ständige Schwanken zwischen Warten, Hoffen und Verzweifeln. Denn wenn man einen Kinderwunsch hat, hofft man naturgemäß in jedem Zyklus darauf, dass es geklappt hat mit dem Baby. Und mit jedem negativen Ergebnis wird der Wunsch größer und stärker und damit auch die Hoffnung und damit auch die Verzweiflung in die man stürzt, wenn der positive Test erneut ausbleibt. Monat für Monat, Jahre lang – das ist enorm erschöpfend.

„Ich fühlte mich wie ein Zombie.“ (Foto: Sharon Mccutcheon – Unsplash.com)

Was die Behandlungen selbst betrifft, waren es für mich vor allem die Nebenwirkungen der Hormone, die mich wirklich depressiv und kaputt gemacht haben und die von den Ärzten klein geredet wurden. Mir wurde immer wieder versichert solche Nebenwirkungen gäbe es bei diesen Medikamenten gar nicht, was bei mir natürlich das Gefühl hinterließ ich würde mir das alles nur einbilden, mich in etwas hineinsteigern und sei hysterisch. Erst als ich die Berichte unzähliger Frauen las, die exakt die gleichen Symptome unter den Hormonen beschrieben wie ich, wurde mir klar, dass es natürlich Nebenwirkungen waren. Ich habe es als sehr belastend empfunden, dass dies von ärztlicher Seite so heruntergespielt wurde denn ich fühlte mich wie ein Zombie und war ein körperliches und seelisches Wrack. Wenn in dieser Situation ein Arzt zu mir gesagt hätte: „Keine Sorge, das sind nur die Nebenwirkungen der Hormone, die wir hier spritzen, sobald Sie das absetzen, werden Sie innerhalb einiger Wochen wieder Sie selbst“, wäre es definitiv viel leichter auszuhalten gewesen. Da diese Nebenwirkungen auch das Gemüt verändern betrifft dieser Punkt übrigens beide Partner, nicht nur die Frauen.

Sehr belastend war das Leben zwischen Warten, Hoffen und Verzweifeln.

Auch die Vollnarkosen und Operationen waren immer wieder eine Belastung für beide. Selbst wenn Narkosen heute wirklich sicher sind, man weiß doch nie so ganz genau wie es ausgeht und die Einverständniserklärungen, die man als Patient vor einer Narkose unterschreibt, sind ja nicht umsonst so formuliert.

Ich glaube, dass diese Situationen besonders auch für die Männer eine große psychische Belastung bedeuten. Als Mann - oder Partner - im Warteraum zu sitzen und nichts tun zu können, während man weiß, dass die Frau gerade in Narkose liegt und vielleicht nicht mehr aufwacht oder bleibende Schäden zurückbehält – das führt ganz sicher zu Gedanken wie: „Ist es das wirklich wert?“

Auch für Männer ist diese Situation eine große Belastung. (Foto: Kelly Sikkema – Unsplash.com)

Zusammenfassend kann ich sagen, dass der Kinderwunsch selbst die größte Belastung war. Alles andere nimmt man in Kauf. Aber nichts ausrichten zu können, trotz aller Risiken, Bemühungen, finanzieller und körperlicher Anstrengungen nicht schwanger zu werden, das war mit Sicherheit für uns beide das Schlimmste.

„Und wir sind gereist, wann immer wir irgendwie die Möglichkeit finden konnten. Das war für mich schon immer das beste Heilmittel.“ (Foto: Joao Silas – Unsplash.com)

Wie sind Sie damit umgegangen? Was hat Ihnen durch die schwere Zeit geholfen?

Wir haben jeden Tag miteinander gesprochen. Jeden Morgen und jeden Abend nach der Arbeit, hatten feste Rituale, an die wir uns streng gehalten haben, ganz gleich was gerade los war oder wie viele Katastrophen auf uns einprasselten, sind sehr viel spazieren gegangen, haben Sport gemacht – ich natürlich nur an den Tagen, an denen es ging. Und wir sind gereist, wann immer wir irgendwie die Möglichkeit finden konnten. Das war für mich schon immer das beste Heilmittel: sobald man sich aus der gewohnten Umgebung entfernt, also richtig entfernt, ruckelt sich die eigene Perspektive zurecht. Besonders wenn man dabei seine Komfortzone verlässt. „Wenn man den Weg verliert, lernt man ihn kennen“, sagt man bei uns in Afrika.

Hatten Sie die Möglichkeit, psychosoziale Beratung in Anspruch zu nehmen oder eine andere beratende, therapeutische Unterstützung?

Nein, psychosoziale Beratung in dem Sinne haben wir nicht in Anspruch genommen. Nach der Fehlgeburt waren wir beide jeweils bei einigen sogenannten „Traumalöschungen“ durch das Wingwave Verfahren. Ich habe außerdem versucht, durch Therapiesitzungen mit einer Psychologin besser mit dem Tod des Kindes und dem Kinderwunsch umgehen zu können, es aber nach einigen Terminen wieder aufgegeben. Insgesamt hatte ich nicht das Gefühl, dass mir das sehr geholfen hat. Allerdings weiß ich natürlich auch nicht wie es gewesen wäre, wenn ich es nicht in Anspruch genommen hätte. Mein Mann hatte ein gutes Gefühl mit dem Arzt, der bei ihm die Traumalöschung durchgeführt hat.

Was hätten Sie in dieser Zeit noch gebraucht?

Von heute aus würde ich meinen, das, was am meisten fehlt, ist Offenheit in der Gesellschaft und Verständnis. Fehlgeburten und Kinderwunsch sind immer noch Dinge, über die man nicht spricht. Sie sind für die betroffenen Frauen mit Scham und Schuld besetzt, dabei sind es die Frauen, die am meisten darunter leiden – sie sollten das entsprechende Mitgefühl erwarten können. Damit meine ich um Himmels Willen nicht, dass alle mit Leidensmienen um sie herumschleichen sollen und permanent betonen, wie schrecklich das alles ist, sondern damit meine ich, dass es sehr viel bringen würde, wenn man als betroffene Frau einfach offen darüber sprechen könnte und statt eines schnellen: „Oh, das ist ja nicht so schön – Du ich muss jetzt auch los.“, ein ganz normales Gespräch beginnen würde.

Allein der Austausch darüber würde vielen Betroffenen enorm helfen.

Im Zweifel sogar mit einer Antwort wie: „Oh, das war bei mir/meiner Freundin/meiner Schwester/der Frau eines Bekannten… auch so.“, weil es einfach kein Tabu mehr ist, darüber zu sprechen. Ich glaube, allein der Austausch darüber würde vielen Betroffenen enorm helfen. Vor allem weil sie schnell feststellen würden, wie wenig alleine sie sind mit ihrem Leid. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich meine Geschichte veröffentlicht habe: ich hoffe, damit zu erreichen, dass offener über dieses Thema gesprochen wird.

Spezielle Berater könnten Paaren ungeschönt mitteilen was auf sie zukommt und ihnen Hilfsmittel an die Hand geben. (Foto: Fotolia.de)

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: was müsste sich bzgl. der Beratung und therapeutischen Unterstützung bei Kinderwunsch noch verändern?

Ganz sicher sollten Fehlgeburten ernster genommen werden. Ich weiß, dass es Frauen gibt, die ihre Sternenkinder einfach hinzunehmen scheinen, als Teil des Prozesses – und vielleicht ist das bei vielen Frauen auch wirklich so. Bei mir war es definitiv anders: bei mir ist mit dem Tod meines Kindes ein Stück meiner Seele verloren gegangen und ich habe es nie zurückbekommen. Der Ratschlag, sich die ersten 3-4 Monate vollkommen von seinem Baby und der Schwangerschaft abzukoppeln, um dann im Falle einer Fehlgeburt nicht zu sehr zu trauern, ist sicher gut und richtig – wäre für mich aber überhaupt nicht umsetzbar gewesen, da ich mein Baby vom ersten Tag an so sehr geliebt habe. Wenn man sein Kind verliert und dann zum Trost immer wieder gesagt bekommt, das sei doch ganz normal und passiere doch ständig, fühlt man sich falsch in seiner Trauer. Da fehlt das Verständnis. Nur weil etwas häufig vorkommt, macht es das nicht weniger schrecklich.

Ich hoffe zu erreichen, dass offener über dieses Thema gesprochen wird.

Dann würde ich vorschlagen, spezielle Berater fest in den Kinderwunschpraxen/-kliniken zu installieren, die quasi Teil der Kinderwunschbehandlung sind, die den Paaren ungeschönt mitteilen, was auf sie zukommt und ihnen Hilfsmittel an die Hand geben, mit denen sie diese Zeit dennoch einigermaßen unbeschadet überstehen können. „Praxisberater“, nenne ich sie mal.  

Das wäre sinnvoll, denn viele Paare haben sehr wahrscheinlich keine Vorstellung davon, was sie erwartet und das geht naturgemäß mit – berechtigten –  Ängsten und Befürchtungen einher. Selbstverständlich klären die Ärzte und Schwestern in den Praxen auch auf, nur eben anders, da das medizinische Personal stets bemüht ist, so positiv wie möglich zu formulieren. Bei einer Kinderwunschbehandlung ist es aber besser zu wissen was auf einen zukommt. Ein „neutraler“ Berater vor Ort, in der Praxis oder Klinik, der klipp und klar die Optionen offenlegt, mit ihren positiven und allen negativen Seiten, und als Ansprechpartner dient für jede noch so vermeintlich peinliche Frage, Angst oder Sorge, das wäre super. Der „Praxisberater“ wie ich ihn mir vorstelle, könnte auch Ordnung in die verschiedenen Empfehlungen und Ratschläge bringen. Aus meinen Recherchen und natürlich auch aus eigener leidvoller Erfahrung weiß ich, wie schnell man als Kinderwunschpaar zwischen verschiedenen Meinungen und Empfehlungen verschiedener Spezialisten aufgerieben wird. Wenn zwei Elefanten streiten, leidet das Gras am meisten darunter. Der Patient ist das Gras.

Die meisten unserer Leserinnen sind Therapeuten, Coaches und Berater. Was möchten Sie ihnen aus Ihrer Erfahrung heraus mitgeben?

Zuallererst: Sagen Sie Betroffenen, dass sie das Wort „Schuld“ aus ihrem Wortschatz streichen sollen. Es ist niemandes Schuld, wenn sich ein Kind aufgrund eines Gendefektes nicht weiterentwickelt im Mutterleib. Das ist auch nichts, was eine Frau verhindern oder merken kann. Es ist auch niemandes Schuld, wenn der Mann als Kind Mumps hatte und daher schlechtes Sperma produziert oder wenn die Frau eine Hormonstörung hat, die die Eizellreifung behindert. Es ist, glaube ich, extrem wichtig den Paaren klar zu machen, dass die Suche nach der „Schuld“ für die Kinderlosigkeit zu gar nichts führt – außer zu Frustration, Wut und Verzweiflung. Die Suche nach der Schuld bringt kein Kind, nur noch mehr Kummer. Daher wäre das meine erste Empfehlung.

Sagen Sie Betroffenen, dass sie das Wort „Schuld“ aus ihrem Wortschatz streichen sollen.

Dann: Nehmen Sie Fehlgeburten ernst!
Seien Sie außerdem absolut ehrlich. Beschönigen Sie nichts, schleichen Sie nicht auf Eierschalen um die Betroffenen herum. Sagen Sie freundlich und mitfühlend aber bestimmt, was Sache ist. Ein Kinderwunsch, die damit unter Umständen einhergehenden Behandlungen und die Verzweiflung und Trauer sind harte Realität. Und deswegen muss man sie auch genauso ansprechen und behandeln. Beschönigen und Verschleiern hilft hier gar nichts. Was hilft ist jemand, der ganz klar und ruhig sagt: Erst müssen die Ärzte unbedingt herausfinden, warum Sie nicht schwanger werden – liegt es am Mann, an der Frau, findet man keine Ursache? Dann sollten sachlich die in Frage kommenden Behandlungsmöglichkeiten durchgesprochen und ebenso sachlich erläutert werden, welche extreme seelische und mentale Belastung so eine Behandlung bergen kann. Dass es auch eine Belastung für die Beziehung sein wird, ganz gleich wie sehr das Paar sich liebt.

Meine Empfehlung: Tageslicht und unbedingte Ehrlichkeit.

Es sollten Optionen besprochen werden, also zum Beispiel, dass der Mann einfach nicht bei Untersuchungen/Transfers/Inseminationen im Raum sein muss, wenn das einem von beiden unangenehm ist, selbst wenn das in der Praxis so gewünscht wird. Dass es sehr wichtig ist, als Paar offen miteinander darüber zu sprechen, denn so eine vermeintliche Kleinigkeit kann zu extremen Reaktionen führen. Nicht in dem Moment, aber später.

Absolute Offenheit und Sachlichkeit erwünscht. Beschönigen und Verschleiern hilft gar nichts. (Foto: Pexels.com)

Wie gesagt, meine Empfehlung: Tageslicht und unbedingte Ehrlichkeit. Das ist natürlich wirklich nur meine ganz persönliche Meinung und mit Sicherheit nicht allgemeingültig, aber die Frage war ja, was ich Coaches oder Beratern zu diesem Thema aus meiner Erfahrung mitgeben würde.

Zum Weiterlesen:

Julie von Bismarck (2019).
84 Monate. Sieben Jahre gefangen im Kinderwunsch. Piper.