„Musik ist die beste Therapie, die ich mir vorstellen kann“ – Interview mit Kevin Imbrechts alias Illuminine

Vor Kurzem wurden bei dem flämischen Gitarristen und Komponisten Kevin Imbrechts alias Illuminine eine Generalisierte Angststörung (GAS) und das Asperger-Syndrom diagnostiziert. In unserem Interview erzählt er, wie sich seine Erkrankungen auf sein Leben und sein neues Album „#3“ ausgewirkt haben und wie die Musik ihm dabei hilft, sich auszudrücken und mit seinen Diagnosen umzugehen.

Deine Musik ist extrem emotional und hat mich sehr berührt. Das Komponieren von Stücken kann sowohl ein sehr logischer und sachlicher Vorgang sein als auch sehr emotionsgesteuert. Wie ist das bei dir? Warum konzentrierst du dich mehr auf die Musik als auf Texte?

Ich komponiere meine Stücke immer allein zu Hause in meinem kleinen (und unaufgeräumten) Musik-Zimmer. So bevorzuge ich es zu arbeiten – in meiner vertrauten Umgebung. Es ist sehr schwer, in einer unbekannten Umgebung kreativ zu sein. Normalerweise kommen mir Ideen oder Einfälle zu Songs spontan. Am Anfang stehen immer ein negatives Gefühl bzw. negative Gedanken. Wenn ich mich schlecht fühle, kann ich einen (oder sogar mehrere) Songs an einem Tag schreiben. Wenn ich mich hingegen ganz ok fühle oder glücklich bin, kann ich nicht kreativ sein. Es funktioniert nicht. Der Großteil meiner Musik entsteht unbewusst, ohne dass ich überhaupt realisiere, dass ich etwas komponiere. Ich muss es fühlen und erleben. Ich muss den Moment einfangen. Es ist schwer zu erklären. Wenn ich komponiere, stelle ich mir immer Landschaften oder abstrakte Figuren vor. Ich denke kaum in konkreten Wörtern. Das ist der Grund, warum ich hauptsächlich instrumentale Musik mache. Die Musik spricht für sich selbst, während ich Probleme habe, mich durch Worte auszudrücken.

"Als ich diesen Track in meinem Schlafzimmer schrieb, hätte ich nie gedacht, dass er einmal von einem echten Film-Streichorchester gespielt würde (...). Er repräsentiert ein Gefühl oder ein Verlangen nach etwas, das nicht mehr existieren kann. Es ist eine Sehnsucht nach besseren Zeiten." Kevin Imbrechts

Vor einer Weile wurden das Asperger-Syndrom und eine GAS bei dir diagnostiziert. Wie kam es zu der Entscheidung, dass du dir psychologische Unterstützung gesucht hast? Was hat dich belastet?

Eines Tages haben meine Eltern und meine Freundin mich gezwungen, den Hörer in die Hand zu nehmen und einen Psychologen anzurufen. Rückblickend betrachtet war das der schwierigste Schritt. Sich Hilfe zu suchen erscheint so einfach, es war jedoch zu diesem Zeitpunkt sehr schwer, fast unmöglich. Ich habe mich geschämt, war enttäuscht. Ich konnte mir nicht selbst helfen, warum sollte es jemand anderes können? Ich dachte, mich würde sowieso keiner verstehen. Ich war sehr skeptisch in Bezug auf alles. Aber gleichzeitig war ich so ängstlich, dass es mich regelrecht lähmte und handlungsunfähig machte. Mein Leben war ein totales Chaos. Ich hatte permanent Angst vor allem, konnte nicht schlafen und mir gingen unentwegt tausend Dinge durch den Kopf. Es fühlte sich an, als würde ich in einer Parallelwelt oder einem anderen Universum leben, abgetrennt von der realen Welt, und ich fing an, Dinge zu sehen oder zu fühlen, die im „realen Leben“ nicht existierten. Als ich den Psychologen anrief war ich erschöpft – mental und körperlich.

Man muss über seine Ängste sprechen und von anderen Menschen lernen.

Was hat sich seit Beginn der Therapie verändert? Warum bist du mit deinen Diagnosen an die Öffentlichkeit gegangen? Möchtest du anderen Menschen mit ähnlichen Problemen durch deine Musik helfen?

Im Vergleich zu früher kenne ich mich jetzt besser. Zumindest denke ich das. Ich habe gelernt meine Grenzen zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Es war ein langer Prozess mit Höhen und Tiefen. Ich habe viel mit Ärzten, Psychologen, Freunden und meiner Familie gesprochen. Davor war ich sehr still und habe meine Probleme und Ängste eher mit mir selbst ausgemacht. Jetzt habe ich gelernt, offen über sie zu sprechen. Sprechen hilft. Es ist die bestmögliche Therapie, die man sich vorstellen kann. Aus diesem Grund wollte ich auch die Öffentlichkeit über meine Diagnosen informieren. Ich fühle mich besser, wenn ich darüber sprechen kann und auf der anderen Seite denke ich, dass Leute, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben, von mir lernen können. Ich habe den Eindruck, dass die Leute nicht über ihre Ängste sprechen wollen oder über das Asperger-Syndrom. Das ist nicht gut! Man muss darüber sprechen und von anderen Menschen lernen. Und was am wichtigsten ist: Man merkt dann, dass man nicht allein ist, sondern dass es viele Menschen gibt, die einem helfen wollen.

Das Asperger-Syndrom wird damit assoziiert, dass die Betroffenen Schwierigkeiten haben, Emotionen anderer Personen zu erkennen und mit ihnen in soziale Interaktionen zu treten. Die GAS ist gekennzeichnet durch ständige Sorgen und Ängste in Bezug auf alle möglichen Lebensbereiche. An welchen Punkten siehst du deine Diagnosen als Chance? Wo bemerkst du vor allem Einschränkungen?

Auf der einen Seite ist die Musik mein Leben und ohne geht es nicht, andererseits ist sie mein größter Feind. Ich liebe es, Musik zu komponieren und meine Gefühle durch Klänge auszudrücken. Die Musikindustrie ist allerdings ziemlich anspruchsvoll und man muss ständig mit Unsicherheiten und Instabilität leben. Das ist wahrscheinlich das Schwierigste an der ganzen Sache. Es gibt z.B. viele Auflagen und Live-Auftritte sind sehr anstrengend. Dabei passieren viele Dinge auf einmal und ich fühle mich dabei reizüberflutet. Die Fahrt zum Veranstaltungsort durch volle Städte, Parkplatzsuche, neue Umgebungen, mit Fremden sprechen, sich all dem aussetzen… Die meisten Leute kommen damit sehr gut klar. Ich nicht – mich macht es verrückt. Für mich fühlt es sich an wie ein Horrorfilm. Reize über Reize, es ist einfach zu viel. Auf der anderen Seite ist Musik, wie gesagt, mein Leben und mein Weg, mit der Welt zu kommunizieren und mich selbst auszudrücken. Es wird immer eine Spannung zwischen diesen beiden Seiten bestehen.

Musik ist die Stopptaste für meine ständig kreisenden Gedanken.

Wie hilft dir die Musik im Allgemeinen mit deinen Erkrankungen umzugehen? Hat sich der Stellenwert der Musik für dich nach den Diagnosen irgendwie verändert?

Ohne die Musik würde es mir sehr schwerfallen, mit meinen Erkrankungen klarzukommen und meine Grenzen zu akzeptieren. Wenn ich Musik schreibe, fühle ich mich befreit und, was noch wichtiger ist, ich höre auf, mir über alles Sorgen zu machen. Es ist sozusagen die Stopptaste für meine ständig kreisenden Gedanken. Es ist die beste Therapie, die ich mir vorstellen kann. Wenn ich einen Song beendet habe, fühle ich mich besser. Meine Batterien sind dann frisch geladen. Musik ist wie eine Sucht für mich, aber eine gesunde. Ich brauche sie, ich kann ohne sie nicht leben. Bevor ich meine Diagnosen bekam, war mir der Wert der Musik nicht bewusst. Jetzt schon und das ist vielleicht das wichtigste Geschenk, das ich aus diesem ganzen Prozess mitnehmen kann.

„'Dying Flame' wurde an Heiligabend 2016 geschrieben, während sich alle geborgen fühlten, fühlte ich mich allein und ging in mein Zimmer, um Gitarre zu spielen. Innerhalb von 5 Minuten war dieser Song geschrieben. Ich stellte mir immer eine warme, sanfte Frauenstimme vor, die das Gefühl repräsentierte, das ich in dieser Nacht hatte." Kevin Imbrechts

Wie haben sich deine Erkrankungen auf dein neues Album „#3“ ausgewirkt, das gerade im November erschienen ist?

Das Album handelt vom dunkelsten Kapitel meines Lebens: dem Zeitraum von 2017 bis 2018. Ich hatte das Bedürfnis und den Drang, kreativ zu sein und neue Musik zu schreiben. Das war meine Droge und meine Sucht. Es half mir, durch diese düstere Phase zu kommen und die Musik, die du auf „#3“ hören kannst, hat mich durch das Leben geführt. Ohne meine Erkrankungen würde das Album völlig anders klingen. Ich hoffe, ich kann den Zuhörern meine Emotionen und Gefühle vermitteln. Ich wäre stolz, wenn es mir gelingt, ihr Leben für 45 Minuten anzuhalten und ihnen die Chance zu geben, über die Bedeutung des Lebens nachzudenken. Das ist die beste Therapie, die man sich vorstellen kann!

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