Frei nach Picasso: Den Staub von der Seele wischen und beflügelt voranschreiten

Kreativ zu sein z.B. beim Malen, hilft dir dabei, dich wieder mit dir selbst zu verbinden. Genau das Richtige nach einem stressigen Tag in der Praxis. (Foto: Roman Kraft – Unsplash.com)

Stress, Überlastung und eine Palette von schwierigen Anliegen – das kennen viele Therapeuten und Coaches nur zu gut, auch wenn sie ihrem Beruf eigentlich gerne nachgehen. Wie kannst du dich nach einem vollen Tag in der Praxis wieder mit dir selbst verbinden? Unsere Autorinnen Susanne Diehm und Dorothea Lüdke haben phantasievolle und spielerische Impulse zusammengetragen, wie du dich – ganz ohne ein Künstler sein zu müssen – kreativ entlasten kannst.

Wir lieben unsere Arbeit und sind gekommen, um zu bleiben. Doch der berufliche Alltag fordert uns heraus und kostet Kraft. Wie können wir auf leichtfüßigen Wegen wieder auftanken? Kreativität ist der pure Ausdruck von Lebensfreude. Sie wieder in das eigene Leben einzuladen, schenkt Lebenskraft und tiefe Entspannung.

Manchmal zweifeln wir am Beruf und seiner Sinnhaftigkeit oder sind so erschöpft, dass wir von einem Neuanfang träumen. (Foto: Joshua Rawson Harris – Unsplash.com)

Wie geht es dir?

Wir sind gerne Coaches oder Therapeuten – mit viel Engagement, Verantwortung und Idealismus. Und das ist gut so. Doch wie immer ist das nur eine Seite der Medaille. In den meisten Supervisions- und Intervisionsgruppen, aber auch beim gemütlichen Gespräch unter Kollegen, sprechen wir über Stress, berufliche Überlastung oder schwierige Klienten. Manchmal zweifeln wir an dem Beruf und seiner Sinnhaftigkeit oder sind so erschöpft und frustriert, dass wir von einem Neuanfang träumen.

Denn unsere Arbeit ist anstrengend. Tagtäglich werden wir mit einer ganzen Palette von Anliegen konfrontiert – u. a. Probleme, Traumata, Unglücke und Irrwege. Wir sind es gewohnt, für unsere Klienten da zu sein und uns selbst, unsere Bedürfnisse, hintenanzustellen. Wir sind empathisch und gehen mit den Herausforderungen adäquat um. Das alles kostet Kraft.

Wann wird es uns zu viel und wann sind wir (zu) erschöpft? Die Anzeichen sind leichter zu übersehen als bei körperlicher Arbeit. Wir sind gefährdet auszubrennen, obwohl wir eigentlich wissen, wie wir uns schützen können. Das scheint paradox – und fordert uns heraus. Wie können wir uns mittendrin und zwischendurch entlasten, um wieder aufzutanken? Und gibt es dafür phantasievolle und leichtfüßige Wege?

Es ist ein seelisches Grundbedürfnis des Menschen, kreativ zu sein. (Foto: Tim Mossholder – Unsplash.com)

Jeder Mensch ist ein Künstler

Wunderbar sind schöpferische Pausen und ein kreativer Ausgleich. Toll, denkst du jetzt wahrscheinlich, aber ich bin kein kreativer Mensch und schon gar kein Künstler. „Ich kann nicht malen oder schreiben…“ Und dennoch träumst du vielleicht davon, kreativ zu sein und nicht gelebte Möglichkeiten auszuprobieren. Du schreckst davor zurück. Warum?

Die meisten tun das, weil sie immer noch glauben, was Lehrer, Eltern oder andere Erwachsene ihnen in der Kindheit gesagt haben: Du kannst nicht schreiben, malen, schauspielern, singen… So sind wir mitten im Leben noch immer überzeugt davon und haben das Vertrauen in unsere eigene kreative Ausdruckskraft verloren. Das Gute ist – sie lässt sich wieder finden. Denn es ist ein seelisches Grundbedürfnis des Menschen, kreativ zu sein.

Der Künstler Beuys ist da noch eindeutiger und provokanter – für ihn ist jeder Mensch ein Künstler. Er sieht im Schöpferischen das Künstlerische. Damit öffnet Beuys die Tür, die sich für die meisten von uns in der Kindheit geschlossen hat: Jeder kann schreiben oder malen und kreativ in den Ausdruck kommen. Dies können wir wunderbar erfahren, wenn wir neugierig, achtsam und spielerisch kreativ sind.

Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele

Kunst und Kreativität schenken uns sehr viel. Durch sie lassen wir los und verbinden uns mit uns selbst – oder wie es Pablo Picasso so schön und treffend sagte: Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele. Genau das passiert, wenn wir uns auf Kunst und Kreativität einlassen. Wir spüren unsere Bedürfnisse und Sehnsüchte, wie auch unsere verborgenen Talente und Kraftquellen. In der Resonanz finden wir tiefe Einblicke und neue Lösungen. Wenn uns das, was wir tun, leicht von der Hand geht und wir das Gefühl für Zeit und Raum verlieren, dann fühlen wir uns durch diesen Flow lebendig und voller Leben. Wir sind auf eine pure, aktive und fließende Art und Weise im Hier und Jetzt. Es ist schon der Prozess des Schaffens und des sich Hingebens, der lebensbejahend und lohnend ist – nicht erst das Werk, das entsteht. Kreativität ist die Sprache unserer Seele.

Wecke die kreative Seite in dir, indem du dich jeden Tag aufs Neue herausforderst. (Foto: Allef Vinicius – Unsplash.com)

Lass dich inspirieren und fang an

Du kannst auf vielerlei Art und Weise kreativ sein. Unsere bunte Welt ist voll von Inspirationen und Möglichkeiten. Was passt zu dir? Wo ist deine Sehnsucht, wo jauchzt dein Herz?

Du kannst einen Kurs oder Workshop besuchen oder dich alleine auf den Weg machen. Vielleicht wählst du eine Challenge, bei der du dich z. B. selbst dazu herausforderst, jeden Tag ein Bild zu malen oder morgens als erstes all das aufzuschreiben, was dir durch Kopf und Körper geht. Oder du möchtest etwas aufgreifen, was du als Kind gemacht hast? Wie auch immer: Wichtig ist nur, dass du dich dazu entschließt, die kreative Seite in dir wieder zu wecken, und mit zärtlicher Entschlossenheit und sanftem Tempo dabei bleibst. So findest du deinem ganz individuellen kreativen Ausdruck.

Vielleicht inspirieren dich ja unsere Ideen und Projekte, die wir dir hier kurz vorstellen. Manche helfen, deine Kreativität wieder zu wecken, andere dienen dazu, Erlebtes mit verschiedenen gestalterischen Impulsen und Werkzeugen umzuwandeln und sich damit zu entlasten.

Gehe in die Kunstausstellung eines Künstlers, der dich fasziniert. (Foto: Isaw Company – Unsplash.com)

Der Künstlertreff

Künstlertreffs sind ein wunderbares Tool – gerade für den (Wieder-)Einstieg. Sie gehen auf Julia Cameron zurück und sind eine Verabredung mit dir, mit deinem kreativen Selbst. Es geht um Spielen, Ausprobieren, darum Verrücktes zu machen und sich inspirieren zu lassen – oder um all das, was Spaß macht und dir neue Flausen in den Kopf setzt. Du kannst in einen Laden gehen und in schönen und berührenden Dingen versinken oder du gehst in die Kunstausstellung von einem Künstler, der dich fasziniert. Nimm dir jede Woche 2-3 Stunden nur für dich und deine phantasievolle Seite in dir. Schön ist es auch, wenn du dir ab und an einen ganzen Tag gönnst, an dem du all das machst, was dir Spaß und Freude macht.

Such dir eine Musik aus, die dir Freude und Leichtigkeit schenkt. (Foto: Pexels.com)

Tanz mal drüber

Hast du schon mal über etwas, was dich ärgert oder belastet hat, getanzt? Es ist ganz einfach und so herrlich befreiend. Such dir eine Musik aus, die entweder zu deiner Stimmung passt oder dir Freude und Leichtigkeit schenkt. Vielleicht geht dir die Musik gleich in Bewegung über. Du kannst aber auch erst einmal dastehen und die Musik auf dich wirken lassen. Du wirst wissen, wann und wie du tanzen willst. Wunderbar ist es auch, mit dem Gefühl zu tanzen – liebe Wut, darf ich bitten?

Nimm dir am Tag ein paar Minuten für dich und schreibe ein kreativ-kunstvolles Tagebuch. (Foto: Trent Szmolnik – Unsplash.com)

Das kunstvolle Tagebuch

Hast du Lust, gleich morgen mit einem kreativ-kunstvollen Tagebuch zu starten? Kauf dir ein schönes Journal, das dich anspricht. Nimm dir am Tag ein paar Minuten für dich selbst. Nimm wahr, wie du atmest. Spür in dich hinein. Wie fühlt sich dein Körper an? Was erzählt er dir? Was ist heute alles passiert? Was hat dich berührt, bewegt und schwingt jetzt noch nach? Nimm dein Journal zur Hand und schreibe deine Gedanken- und Gefühlsfragmente auf. Oder male ein Bild und schreib dazu ein Gedicht. Du kannst eine Gefühlscollage aus Fotos oder Schnipseln aus Zeitschriften entwerfen. Unterstützend ist auch ein Brief deines alten, weisen Ichs an dein heutiges Ich zu schreiben. Deinen Ideen sind keine Grenzen gesetzt. Denk nicht lange nach und fang einfach an. Bei kreativen Projekten gilt der Satz: Der Weg entsteht beim Gehen.

Gekommen um zu bleiben

Kennst du das Lied „Gekommen um zu bleiben“ von Judith Holofernes und ihrer Band Wir sind Helden? Bei „I care! Who cares? – creative writing in care“, das auf dem von uns entwickelten Konzept des Kunsttherapeutischen Kreativen Schreibens (KKS) basiert, führte dieses schwungvolle Lied die Pflegenden einer psychiatrischen Station an der Charité Berlin direkt in eine Schreibübung. Sie schrieben zunächst – quasi ohne Punkt und Komma – alles auf, was ihnen zu dem Satz „Ich bin gekommen um zu bleiben“ einfiel. Es ging darum, sich (wieder) bewusst zu werden, warum sie diesen Beruf gewählt haben.

Gestärkt wird die Selbstzufriedenheit und die Zuversicht, das (Berufs-)Leben (wieder) neu bewältigen zu können – und damit letztlich die Stress-Resilienz und den Kohärenzsinn. Wir wünschen dir, dass auch du einen kreativen Impuls findest, der die Melodie deiner Seele kennt.