Seele auf Papier – Briefe schreiben in der Therapie

Nicht alle Patienten können ihre Gefühle im Gespräch ausdrücken. Auf Papier fällt es ihnen vielleicht leichter. Briefe zu schreiben, ist eine bekannte Intervention in der Therapie. Aber ein Brief reicht da nicht aus, findet unsere Autorin Angelika Rohwetter, und hat eine Serie von fünf Briefen entwickelt, die den therapeutischen Prozess begleiten können.

Manchmal begegne ich in der Therapie Menschen, deren Leidensdruck ich nur ahnen kann: Sie sprechen nicht! Oder sie erzählen ihre Geschichte ohne einen Gefühlsausdruck. Solche Patienten kann man natürlich nicht fortschicken, obwohl alle Therapieverfahren mit Erwachsenen darauf ausgerichtet sind, dass diese sprechen können. Wie sagt doch Goethe so schön in seinem Torquato Tasse: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide“. Das war auch das Motto meiner psychotherapeutischen Selbsterfahrung. Aber ich habe immer auch geschrieben: ein Tagebuch seit ich zehn Jahre alt war und ab dem fünfzehnten Lebensjahr Gedichte und Kurzgeschichten. So habe ich das Goethe-Zitat abgewandelt: „Wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu schreiben, was ich leide“!

Irgendwann kam ich auf die Idee, das Schreiben als Werkzeug für den therapeutischen Prozess einzusetzen. Es ging dabei nicht um kreatives Schreiben, auch nicht um das Freudentagebuch, das in der Traumatherapie so beliebt ist. Es ging einfach darum, Gefühle auszudrücken.

Schreiben Sie Ihrem Vater einen Brief!

Das war ein Auftrag, den ich selbst einst von einer Therapeutin bekommen habe. Es war ein literarisch sehr eindrucksvoller Text – geholfen hat er mir wenig.

In meiner eigenen therapeutischen Arbeit habe ich mich daran erinnert, das Schreiben von Briefen als Interventionsmöglichkeit genutzt, diese Möglichkeit aber immer mehr erweitert. Damals hatte es mir für einen Moment gut getan, den Brief an meinen Vater zu schreiben. Endlich konnte ich ausdrücken, was mich bewegt. Doch als Therapeutin verstand ich, warum das nicht ausreichte. Damit war ein Prozess in Gang gesetzt worden, der auch begleitet zu Ende geführt werden musste. Dazu würde ein Brief nicht ausreichen.

Endlich konnte ich ausdrücken, was mich bewegt.

Eine Serie von Briefen

Statt nur einen Brief zu schreiben, entwickelte ich eine Serie von fünf Briefen. Am Ende kann sich so eine ganze Reihe von Briefen ergeben, die manchmal über Monate hinaus den therapeutischen Prozess begleiten. Dabei ist es natürlich erlaubt, die Briefe gegeneinander auszutauschen oder eigene Ideen umzusetzen.

Um deutlich zu machen, was die einzelnen Briefe voneinander unterscheidet, beschreibe ich sie an einem Beispiel. Bei der betreffenden Patientin handelt es sich um eine Frau von vierzig Jahren, deren Vater gerade gestorben ist. Sie ist erschrocken darüber, wie froh und erleichtert sie sich fühlt – müsste sie nicht eigentlich traurig sein? In der Anamnese zeigt sich, dass ihr Vater lieblos und zynisch war, sie manchmal auch körperlich misshandelte und sie ständig entwertete. Ich ließ diese Patientin einen Brief an ihren Vater schreiben. Darin sollte alles stehen, was sie ihm gern gesagt hätte, sich aber nie zu sagen getraut hatte.

Der erste Brief – Aus der Sicht des verletzten Kindes

Dieser Brief ist der unzensierte, gefühlvolle Brief des verletzten Kindes. Alle Verletzungen werden noch mal deutlich. Der Brief war voller Schmerz, Wut und bitterer Anklagen. So sollte es auch sein. In diesem ersten Brief finden die lange unterdrückten Gefühle einen Ausdruck. Empathisch hört die Therapeutin beim Vorlesen zu – und die Patientin erlebt Mitgefühl und vielleicht auch zum ersten Mal ein Mitgefühl mit sich selbst.

Ein solcher Brief kann auch in aktuellen Situationen, bei Trauer und Wut, in Paarkonflikten und sogar in Auseinandersetzungen mit Vorgesetzten verwendet werden.

Der zweite Brief – Aus der Sicht des Vaters

Beim zweiten Brief wechselt das Subjekt. Die Patientin schreibt den zweiten Brief so, als sei er von ihrem Vater. Sie schreibt genau so, wie sie denkt, dass der Vater einen solchen Brief geschrieben hätte. So zeichnet sich der Mensch ab, der die Verletzungen ausgelöst hat. Dieser Brief kann – mit etwas Distanz – dazu genutzt werden, Fragen nach der Dynamik zu beantworten und ein erstes Verständnis der Patientin für sich selbst zu entwickeln. Die Therapeutin fragt zum Beispiel die (erwachsene!) Patientin: „Wie fühlt sich jemand, der einen solchen Brief bekommt?“ Und, weitergehend: „Welche Folgen kann das für das spätere Leben dieses Menschen haben?“ Am Ende steht die Frage: „Was hätte dieses Kind gebraucht?“

Der dritte Brief – Aus der Sicht des Wunschvaters

Nun schreibt die Patientin im Namen ihres (Wunsch-)Vaters einen liebevollen, zugewandten Brief mit um Entschuldigung bittenden Worten voller Einsicht. Dieser Brief ist von großer Bedeutung. Er löst oft starke Gefühle aus und auch Mitgefühl mit sich selbst, Trauer um das, was das Kind nicht bekommen hat. Emotionale Verhärtungen weichen auf. Gleichzeitig wird deutlich: Die Patientin hat den Brief ja selbst geschrieben – sie ist also die Urheberin der guten Worte. Sie kann zu sich selbst gut sein, sich selbst bemuttern. Natürlich wird dieses Ziel mit einem Brief nicht vollständig erreicht. Der Absender bleibt ein imaginäres gutes Objekt. Er wird noch identifiziert mit dem realen Vater, wie er hätte sein sollen.

Der vierte Brief – Ein Brief an das Kind, das man mal war

Dieser Brief soll der Patientin deutlicher machen, dass nun sie die Sorge für ihr Wohlbefinden übernehmen kann. Sie schreibt ihn als Erwachsene an das Kind, das sie einmal war. Dazu ist oft eine Vorübung sinnvoll: Die Patientin erinnert sich an eine Situation, in der sie sich selbst als sehr erwachsen wahrgenommen hat, souverän und entscheidungsfähig. Aus diesem Gefühl heraus schreibt sie an das wütende und verzweifelte Kind des ersten Briefes. Sie entwickelt ein Gefühl dafür, sich selbst dieses gute, versorgende Objekt sein zu können – und erfreut sich daran. Dabei werden Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeitserwartung gestärkt.

Der fünfte Brief – Versöhnung

Meist gegen Ende einer Therapie kann mit dem fünften Brief das Schmerzhafte der gestörten Beziehung beruhigt werden. Manche Menschen möchten diesen Brief nicht schreiben – oder schreiben ihn viel später. Für manche Patienten, die durch das Objekt der Briefe schwer traumatisiert sind, ist es oft auch unmöglich, zu einer solchen Versöhnung zu kommen. In den meisten Fällen ist der fünfte Brief ein guter Abschluss.

In diesem letzten Brief, den die erwachsene Patientin schreibt, geht sie mitfühlend auf die Motive und Geschichte der Eltern ein, die zum Unglück in der Beziehung zu ihr als Kind geführt haben. Die Positionen beider Parteien werden verständnisvoll und ohne Vorwürfe einander gegenübergestellt. Das alte Leid ist nicht vergessen – aber der Schmerz ist vergangen.

Prozesse in Gang setzen

Das Schreiben von Briefen kann verschiedene Prozesse in Gang setzen. Es führt in erster Linie zu einem tieferen Verständnis der Patienten dafür, warum sie geworden sind, wie sie sind. Außerdem wird deutlich – sowohl beim Briefverkehr mit lebenden als auch mit Verstorbenen –, dass es zum Gesundwerden den anderen gar nicht braucht. Dies war auch für die oben beschriebene Patientin erstaunlich. Ihr Wunsch war es lange gewesen, der Vater möge sich entschuldigen und ihr endlich sagen, dass es ihm leid tue, wie er sie behandelt hatte. Nach dem fünften Brief fühlte sie sich versöhnt, war in ihrer Selbstwirksamkeitserwartung gestärkt – und wünschte sich, auf die gleiche Weise das Problem mit ihrer Mutter zu bearbeiten.

Wie hilfreich das Schreiben sein kann, hat Herta Müller ausgedrückt: „Ich habe mir nie vorgenommen zu schreiben. Ich habe damit angefangen, als ich mir nicht anders zu helfen wusste, als die Schikanen gegen mich immer unerträglicher wurden.“ (Greiner, 2009, S. 2).

Quellenverweis:

Greiner, U. (2009). Literaturnobelpreis für Hertha Müller. DIE ZEIT, Ausgabe 43. Online verfügbar unter: https://www.zeit.de/2009/43/Interview-Herta-Mueller