Mit Stift und Papier in der Psychotherapie

Die eigenen Gedanken aufs Papier zu bringen, hilft uns, Gedanken zu ordnen, neue Perspektiven zu erlangen oder uns zu erinnern. Diese Effekte kennst du vielleicht, wenn du selbst schon mal Tagebuch geschrieben hast. Unsere Autorin und Schreibtherapeutin Simone Nicklas erklärt dir, wie du das Schreiben auch als Methode in der Therapie nutzen kannst und wie du mit deinen Patienten einen leichten Einstieg ins therapeutische Schreiben bekommst.

Schreibtherapie oder Poesietherapie – hast du davon schon mal gehört? Nein? Dann gehörst du zu der Mehrzahl der Menschen, die ein großes Fragezeichen auf der Stirn haben, wenn ich ihnen davon erzähle.

Auch, wenn du nicht weißt, was Schreibtherapie ist, bin ich mir sicher, dass du das therapeutische Schreiben schon mal in deinem Leben praktiziert hast. Hattest du nicht auch früher ein Tagebuch? Vielleicht eins mit einem kleinen Schloss, das alle deine Geheimnisse, Gedanken und Sorgen beinhaltete? Oder hast du mal ein Urlaubstagebuch geführt, um all die schönen Erlebnisse festzuhalten,  an die du dich allein durch das Lesen mit allen Sinnen wieder zurückerinnern kannst? Oder gehörst du zu denen, die jeden Abend oder Morgen in ein Dankbarkeitstagebuch schreiben?

Therapeutisches Schreiben im Alltag

Viele Menschen – vor allem Frauen – hatten oder haben ein solches Buch. Die eigenen Gedanken auf Papier zu bringen, hilft uns. Alles was vorher im Kopf umherschwirrte, liegt nun schwarz auf weiß vor uns. Wir können Gedanken ordnen oder uns von der Seele schreiben, was uns innerlich beschäftigt. Wir können aber auch festhalten, was uns gut tut, um uns in schweren Zeiten daran zu erinnern. Beim Schreiben ist erst einmal alles möglich: Wir können mit Perspektiven spielen, Geschichten umschreiben oder alternative Handlungsmöglichkeiten auf dem Papier ausprobieren. Das alles ist therapeutisches Schreiben. Grundsätzlich kann erst mal jeder Mensch, der schreiben kann, auch das therapeutische Schreiben nutzen – ohne einen Therapeuten und ohne krank zu sein. Für Lebenskrisen und alltägliche Probleme ist das Schreiben sehr wirksam.

Für wen ist das Schreiben geeignet?

In der Schreibtherapie – auch Poesietherapie genannt – werden Patienten durch einen Therapeuten angeleitet zu schreiben. Damit ist Schreibtherapie zunächst nichts anderes als eine Kunst- oder Musiktherapie: Eine kreative Therapieform, die in oder ergänzend zu einer Psychotherapie genutzt werden kann. Statt zu malen oder zu musizieren wird geschrieben. Im Gegensatz zur Musik- oder Kunsttherapie hat die Schreibtherapie mehrere Namen. In den USA heißt die Schreibtherapie „poetry therapy“, was in Deutschland mit „Poesietherapie“ übersetzt wird. Da Poesie in Deutschland aber auch mit Poesiealben oder langweiligen Gedichten aus der Schulzeit assoziiert wird, gibt es neben dem Begriff „Poesietherapie“ auch die Bezeichnung „Schreibtherapie“. Weitere Begriffe, die teilweise synonym genutzt werden, sind biografisches oder kreatives Schreiben.

Die schreibende Therapieform eignet sich für sämtliche Krankheitsbilder: Depressionen, Angst-, Zwangs- und Essstörungen, PTBS, (psycho)somatische Erkrankung, etc. Traumatisierten Patienten kann das Schreiben beispielsweise helfen, für ein unsagbares Ereignis eine eigene Sprache zu finden. Diese Sprache kann sie darin unterstützen, mit dem Trauma zu leben bzw. in einer Psychotherapie darüber zu sprechen.

Für Patienten, die an Psychosen leiden, eignet sich das Schreiben hingegen weniger – zumindest ist das Risiko erhöht, durch fiktive, kreative Geschichten in eine Psychose zu geraten.

Mit Unbewusstem in Kontakt kommen

Das Schreiben ist eine Möglichkeit, mit dem eigenen Unterbewussten in Kontakt zu kommen. Besonders gut funktioniert das, wenn der Patient einfach losschreibt, ohne nachzudenken. Oftmals sind die Patienten danach überrascht, was sie geschrieben haben: Ihr Text wirft für sie neue Perspektive oder Themen auf.  Auch die Arbeit mit Märchen eignet sich für Patienten. Über den Umweg der magischen Figuren und Fabelwesen können sie sich neu mit sich und den eigenen Problemen auseinanderzusetzen. Du kannst dem Patienten beispielsweise den Impuls geben, sein Lieblingsmärchen aus der Kindheit umzuschreiben oder ein neues Ende zu finden.

Durch gezielte kreative Schreibimpulse
kann der Patient einen leichteren Zugang zu seinen Gefühlen bekommen.

Zugang, Distanz und Schutz

Durch gezielte kreative Schreibimpulse kann der Patient einen leichteren Zugang zu seinen Gefühlen bekommen. Für viele Patienten ist es einfacher, Gefühle und Gedanken schriftlich statt mündlich auszudrücken. Im Schreiben gibt es, im Gegensatz zum Gespräch, kein Gegenüber. Kein Therapeut, der ihm zuhört, ihn anschaut oder direkt auf das Geschriebene reagiert. Wer schreibt, bekommt automatisch Distanz zum Geschehenen. Durch Perspektivenwechsel kann sich diese Distanz sogar noch verstärken.

Gedanken in Worte gepackt und auf Papier geschrieben, können leicht strukturiert, geordnet und geformt werden. Sie sind greifbarer und nicht so flüchtig, wie das gesprochene Wort. Was aufgeschrieben ist, muss nicht mehr im Kopf umherschwirren, sondern bietet die Möglichkeit, alle Gedanken, Gefühle und Worte einzeln anzuschauen und mit ihnen zu arbeiten.

Das Papier dient auch als Schutzraum. Hier kann der Patient ausprobieren, wovor er im Leben noch zu große Angst hat. Ein Angstpatient kann immer wieder verschiedene Situationen aufschreiben, die Ängste auslösen und sich anschließend neue Schlussteile der Geschichte ausdenken oder sie umschreiben. Indem er sich die Situation lebhaft vorstellt –  mit einem positiven, realistischen Ausgang – wird es ihm leichter fallen, sich dem Angstereignis auch außerhalb des Papiers zu stellen.

Der Psychotherapeut als Schreibtherapeut

Um als Schreibtherapeut zu arbeiten solltest du natürlich Kenntnisse über Textsorten und  -arten, ihren Merkmalen, Stilmitteln und deren Wirkung haben. Denn in der Schreibtherapie wird mit Märchen und Fabeln, Gedichten, Erzählungen, Kurzgeschichten, mit Dialogen und Monologen und Erzählungen gearbeitet, mit Elementen, die Zeit raffen oder strecken und Perspektivwechsel ermöglichen.

Darüber hinaus brauchst du vor allem deine psychotherapeutische Erfahrung: Jede Frage, die du deinem Patient im mündlichen Gespräch stellst, kannst du ihm auch als Schreibanlass geben – z.B. die Wunderfrage. Spannend ist dabei, dass die schriftlichen Antworten aus den oben genannten Gründen oftmals anders ausfallen und einen neuen Impuls in die Psychotherapie bringen können.

Der Einstieg in die Arbeit mit dem Patienten

Beim Schreiben gilt, was auch in allen Gesprächen mit Patienten wichtig ist: Es soll nicht bewertet werden. Insbesondere die Angst vor Bewertungen erschwert es einigen Patienten zu schreiben – und vorzulesen. Negative Erfahrungen aus der Schulzeit sind noch präsent: Texte voller Markierungen für Rechtschreib- und Grammatikfehler oder der Kommentar des Lehrers „Thema verfehlt“. Beim therapeutischen Schreiben zählt all das nicht. Hier ist der eigene sprachliche Ausdruck und jedes einzelne Wort willkommen.  Die korrekte Orthografie spielt keine Rolle.  

Mit vorgegebenen Satzanfängen oder Wörtern, die in einem Text vorkommen sollen, erleichterst du als Therapeut dem Patienten ins Schreiben zu kommen. Lasse als Einstieg zunächst nicht länger als zwei bis fünf Minuten schreiben.

Stundeneinstieg und -Ende

Du kannst den Patienten am Anfang und/oder am Ende der Stunde kurz schreiben lassen, um einen Einstieg in die Stunde zu haben oder um sie abzurunden (bspw. durch einen vorgegebenen Satzanfang: „Heute auf dem Weg zur Praxis...“ oder „Was ich heute für mich mitnehme...“). Ich kenne Psychotherapeuten, die am Anfang der Therapie dem Patienten ein kleines Notizheft geben. Nach den einzelnen Stunden bleiben die Hefte in der Praxis und am Ende der Therapie bekommt der Patient sein Heft mit. Damit hat er etwas in den Händen, das ihm als Erinnerung an die Therapiezeit bleibt, ihm helfen kann loszulassen (denn alles Gelernte ist zwischen den Heftseiten) und ihm die eigene Entwicklung vor Augen führen kann.

Längere Texte und Übungen zuhause

Andere Therapeuten lassen Patienten gerne längere Texte schreiben – vor allem dann, wenn es „hängt“, die Therapie zu stagnieren scheint oder sie nicht an den Patienten herankommen. Diese Texte kannst du außerhalb der Therapiestunden schreiben lassen. Beispielsweise können das Briefe an Eltern sein oder an das eigene jüngere Ich, wenn gerade an solchen Themen gearbeitet wird. Die Patienten bringen ihren Text zur nächsten Stunde mit und können sie vorlesen. Wenn du den Patienten alleine zu Hause schreiben lässt, ist es wichtig, dass er stabil ist bzw. du die Schreibübungen so wählst, dass er bis zur nächsten Stunde gut zurechtkommen wird.

Begleitung eines aufwühlenden Prozesses

Schreiben kann sehr viel aufwühlen. Ein Beispiel beeindruckt mich immer wieder: Selbst bei Fortbildungen und Seminaren, die ich für Psychotherapeuten halte, sind die Teilnehmer fasziniert, überrascht und berührt, was sie im Schreiben über sich selbst neu gelernt und erfahren haben. Und das bei einer Personengruppe, die sich aufgrund ihres Berufs schon viel mit sich selbst auseinandergesetzt hat.

Es kann sehr wertvoll sein, wenn du als Psychotherapeut Elemente der Schreibtherapie in deine Arbeit integrierst. Du kannst die Vorteile des Schreibens nutzen, mit geschriebenen Texten arbeiten und deine Patienten so gut begleiten, dass ihnen das Schreiben nicht schadet, sondern ihnen bei ihrer Gesundung hilft.

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