Lass uns über den Tod reden*: Wie Psychotherapeuten mit Sterben, Tod und Trauer umgehen

Wie gehen wir mit dem Tod eines geliebten Menschen um? Können wir die Leerstelle füllen, die der Verstorbene hinterlässt, geht das Leben einfach weiter? Welche Rituale können uns helfen? Auf diese Fragen will das Buch „Lass uns über den Tod reden*“ Antworten finden. Es enthält 18 berührende und sehr persönliche Geschichten von Menschen, die mit ihrer Trauer und den Erinnerungen an ihre Verstorbenen in den Alltag zurückgekehrt sind und ihre Erfahrungen weitergeben möchten. Dazu gehört auch der Psychologische Psychotherapeut Roland Kachler, der seinen Sohn Simon durch einen Motorradunfall verlor. Er merkte schon sehr bald nach diesem Unfall, dass er seinen Sohn nicht loslassen konnte und wollte. Anhand seines persönlichen Schicksals beschreibt Roland Kachler den langen Weg, den er gegangen ist. In seiner therapeutischen Arbeit ist daraus ein neuer Ansatz für die Trauerarbeit entstanden.

„Ich will nicht Abschied nehmen, loslassen schon gar nicht“

Das ist mein Sohn, Simon.
Er war 16 Jahre alt, als er bei einem Motorrollerunfall starb. Ja, er war mein Sohn, und das ist unendlich schlimm gewesen. Er ging aufs Gymnasium, er war so richtig in der Pubertät. Er wollte seinen Rollerführerschein machen, was wir ihm nicht erlaubten, und dann saß er hinten auf dem Roller eines anderen und ist tödlich verunglückt. Gar nicht als Selbstfahrer, sondern als Mitfahrer. Beide Jungs waren sofort tot.

Zwei Jahre nach dem Unfall fing ich an, das Buch Meine Trauer wird dich finden zu schreiben. Ich hatte schon früher daran gedacht, jedoch sehr schnell gemerkt, dass ich es nicht konnte, weil es mir noch viel zu nahe ging. Dann begann ich Stück für Stück, meine eigenen Erfahrungen genau wahrzunehmen, genau zu reflektieren, und zwei Jahre nach dem Tod meines Sohnes, kurz nach Weihnachten war das, gelang es mir zum ersten Mal, die Gedanken zu strukturieren und diese ganz persönlichen Abschnitte über meinen Sohn zu schreiben, die jedem Kapitel meines Buches voranstehen. Das war meine Art der Trauerbewältigung.

Wann mir konkret bewusst wurde, dass ich nicht Abschied nehmen, schon gar nicht loslassen wollte, das weiß ich gar nicht mehr.

Zunächst stand ich einfach nur unter Schock. Auf der einen Seite habe ich überhaupt nicht begriffen, was da passiert ist. Auf der anderen Seite habe ich alles sehr rational und professionell zusammen mit meiner Frau und anderen bewältigt. Da entwickelt man ja eine ungeheure Stärke. Also habe ich bei der Beerdigungsfeier meines Sohnes sogar selbst gesprochen.

Ich weiß nicht mehr genau, wie es entstand, jedenfalls merkte ich bald – natürlich in der Reflexion dessen, was ich über Trauerpsychologie zu wissen glaubte –, dass ich mit diesem Loslassen, Abschiednehmen nicht zurechtkam. Jedenfalls nicht in der klassischen Weise, weil bei dem Loslassen gar nicht gesagt wird, wen oder was loslassen. Ich hatte so eine Ahnung, dass ich meinen Sohn verabschieden musste als leibhaftiges, lebendiges Gegenüber, aber ich wollte ihn nicht aus meiner Seele, aus meinem Herzen, aus meinem Denken weggeben. Das war mir sehr rasch klar nach dieser ersten Phase des rationalen Funktionierens im Schockzustand. Es ging auch irgendwie gar nicht, selbst wenn ich es versucht hätte. Ich begriff irgendwann, dass ich es erstens nicht wollte, dass es zweitens nicht ging, und drittens verstand ich andere Trauernde auf einmal viel besser, die sich gegen das Loslassen wehrten. Ich hatte ja vorher schon als Psychotherapeut Trauerberatungen gemacht.

In der herkömmlichen Trauerliteratur fand ich keine Anleitung, meinen Sohn für mich zu bewahren.

Ich fand keinen Hinweis dafür, so etwas wie eine innere Beziehung weiterzuleben. Es gab keine Ideen oder Rituale, die mir das erstens erlaubt und mir zweitens einen Weg dahin gewiesen hätten. Wenn von Ritualen die Rede war, dann waren das sogenannte Abschiedsrituale, aber es gab keines, wie ich die Beziehung weiterleben konnte. Und dann entdeckte ich, dass ich dabei war, solche Rituale selbst zu entwickeln:

Morgens auf dem Weg zu meinem Auto bin ich auf die Straße gegangen, auf der mein Sohn früher immer in die Schule gelaufen ist, und da ist er mir jeden Morgen begegnet. Ich bin ihm nahe gewesen, ich habe ihn gesehen. Oder wenn andere Schüler diesen Weg liefen, war mein Sohn dabei. Ich merkte: Das ist etwas Hilfreiches, Tröstliches, natürlich auch immer etwas Trauriges, und ich wollte das nicht aufgeben. Schon gar nicht aktiv oder bewusst.

„Die Trauer sucht andere Wege des Liebens“

Die Trauer sucht andere Wege des Liebens, eine andere Form der Beziehung, indem sie mir signalisiert: Real wirst du deinen Sohn nicht mehr in die Arme nehmen, ganz konkret wirst du nicht mehr mit ihm reden können, deshalb musst du eine neue Form der Beziehung finden.

Trauer ist nichts anderes als schmerzende Liebe. Eine ganz reale Liebe. Das ist schlichtweg meine Erfahrung, die aber in der klassischen Trauerpsychologie völlig übersehen, manchmal auch negiert wird: dass in der Trauer die Liebe intensiv und brennend heiß aufbricht.

Ich habe meinen Sohn so nahe erlebt und so intensiv geliebt wie vielleicht noch nie zuvor. Das hat mich überrascht, manchmal auch erschreckt und in gewisser Weise ratlos gemacht: Darf man das? Welche Formen kann das jetzt noch annehmen?

Ich habe meinen Sohn so nahe erlebt und so intensiv geliebt wie vielleicht noch nie zuvor.

In der Intensität der Trauer sehen wir das ganz Besondere, Einmalige in der Persönlichkeit unseres geliebten Menschen, das einem vormals oft verstellt war. Das hat einen konkreten Grund. Solange wir zusammenleben, gibt es immer auch Schwierigkeiten, Auseinandersetzungen, Konflikte, die unsere Nähe- und Liebesgefühle manchmal in den Hintergrund treten lassen. Aber angesichts des Todes sind diese Dinge plötzlich überhaupt nicht mehr wichtig.

„Ich spüre meinen Sohn körperlich in meiner Nähe“

Trauerarbeit ist für mich eingespannt zwischen äußerer Realisierungsarbeit und der Pflege der inneren Beziehung. Das ist wie ein Tanz oder ein Schwingen zwischen den Polen. Damit birgt sie aber auch Gefahren: dass ich entweder ganz auf der Realisierungsseite bin und den inneren Bezug zum Verstorbenen verliere oder umgekehrt, dass ich nur in der inneren Beziehung lebe und die äußere Realität leugne.

Für mich war das Grab nur eine Bestätigung dieser unendlich schlimmen, unveränderbaren Realität.

Auf dem Friedhof habe ich die Abwesenheit meines Sohnes gespürt. Aber das ist ja auch eine Realität: Ich konnte lange Zeit nicht auf den Namen oder das Todesdatum meines Sohnes schauen, weil es ungeheuer wehtat. Ich versuchte es dann trotzdem immer wieder, doch für mich war das Grab nur eine Bestätigung dieser unendlich schlimmen, unveränderbaren Realität. Meinem Sohn innerlich nahe sein konnte ich dort nicht.

Für mich war und ist immer noch die Unfallstelle meines Sohnes der Ort, wo ich ihm sehr nahe bin. Ich spüre, dass er dort die letzten Minuten oder Sekunden seines Lebens erlebt hat. Ein anderer ganz konkreter Ort ist für mich mein Körper. Ich spüre meinen Sohn körperlich in meiner Nähe. Natürlich nicht immer und ständig, das muss ich auch nicht, aber es genügt ein Moment, in dem ich meine innere Aufmerksamkeit wie ein Licht oder einen Scheinwerfer darauf richte, und dann weiß ich ihn an meiner Seite. Inzwischen können wir auch miteinander reden, flachsen, Witze machen. Neben diesen zwei wesentlichen, konkreten Orten gibt es noch einen weiteren, rein spirituellen Ort, von dem ich denke, dass dort mein Sohn in der großen Liebe, nenne ich das mal, geborgen und gehalten ist wird.

Neben festen Orten gibt es auch noch andere »Kontaktfäden«, wie Musik oder Schmetterlinge.

Und manchmal sitze ich in den Bergen, wohin ich seit dem Tod meines Sohnes immer wieder nur für mich allein gehe, und da kommt oben auf dem Gipfel, den ich besteige, plötzlich ein Pfauenauge herangeflogen. Dann ist mir mein Sohn sehr nahe, weil bei seiner Beerdigung ganz viele Pfauenaugen am Grab waren, obwohl es schon Oktober war. Oder ein bestimmtes Lied wird im Radio gespielt – also, neben den festen Orten gibt es auch noch andere »Kontaktfäden « zu ihm, wie die Musik oder eben die Schmetterlinge.

Natürlich kann man das alles auch psychologisch erklären. Oder man lässt es einfach zu, und dann sind solche Momente wie der auf dem Berg, wo auf einmal ein Schmetterling auftaucht, was ja sehr unwahrscheinlich ist, Momente der Synchronizität. Das heißt, meine veränderte Realitätswahrnehmung und die äußere Realität fallen zusammen, sodass ich das, was da geschieht, in einer tieferen Dimension wahrnehme. Zum Beispiel als Begegnung mit meinem Sohn oder, wie es viele Trauernde ausdrücken, als Gruß von meinem Sohn.

Natürlich kann man das alles auch psychologisch erklären. Oder man lässt es einfach zu.

Natürlich war ich da total von mir selbst überrascht! Als Psychologe bin ich einem rationalen Weltbild verpflichtet. Ich bin Wissenschaftler. Jedoch ist der Tod eine Grenzerfahrung, und er öffnet unsere Seele für Grenz-Wertiges im doppelten Sinne. Dennoch stehe ich nicht in Gefahr, in die esoterische oder spiritistische Ecke abzudriften. Was das betrifft, bleibe ich weiterhin skeptisch. Ich glaube nicht, dass wir so etwas wie einen unmittelbaren Zugang zu den Toten haben können, wohl aber spürbare innere Präsenzerfahrungen.

„Der Verstorbene wird irgendwann zum inneren Begleiter“

Wir sehen den geliebten Menschen in einer Menschenmenge, wir hören ihn nachts im Traum, oder wir spüren ihn plötzlich dicht an unserer Seite. Da ist er personal anwesend und als Bild sichtbar. Und das kann und darf auch so bleiben. Bei vielen Menschen ist es so, dass der Verstorbene mehr und mehr zu einem inneren Gegenüber wird; er wird internalisiert und irgendwann zum inneren Begleiter oder sogar Ratgeber. Wenn man Hinterbliebene fragt, die in ihrer Kindheit jemanden verloren haben, berichten diese oft, selbst als rationalste Erwachsene, dass der verstorbene Vater oder die Großmutter diese ratgebende Funktion übernommen habe. In einem weiteren Schritt kann der Verstorbene einfach zu einer inneren Energie- oder Kraftquelle werden. Es genügt ein Moment des Spürens in den Körper hinein.

Ich bin dabei zu versuchen, bestimmte Merkmale von meinem Sohn in mein Leben zu übernehmen. Zum Beispiel seine Leichtigkeit und Lockerheit.

Manchmal ist es so, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale des Verstorbenen vom Trauernden übernommen werden, zum Beispiel die Art seines Lachens oder seine Art, die Welt zu sehen. All das sind unterschiedliche Formen, wie der Verstorbene für mich präsent bleibt. Ich bin dabei zu versuchen, bestimmte Merkmale von meinem Sohn in mein Leben zu übernehmen. Zum Beispiel seine Leichtigkeit und Lockerheit. Aber ich bin da vorsichtig. Ich möchte ihm sein Eigenes lassen.

Ich höre gerne das Lachen meines Sohnes. Ich mag seine Art, die Dinge so abzutun. Ich lasse es ihm aber als seine Eigenschaften, ich will es ihm nicht gleichtun. Er war ein anderer als ich es bin. Es ist gut, wenn wir beide die bleiben, die wir sind.

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*Die vollständige Fassung der hier in gekürzter Fassung erzählten Geschichte von Roland Kachler sowie 17 weitere Berichte findest du im Buch:

C. Juliane Vieregge
Lass uns über den Tod reden
2019, 304 Seiten, ISBN: 978-3-96289-044-5, 22,- Euro 

Wir danken der Autorin und dem Verlag, die uns diesen Text zur Verfügung gestellt haben. Weitere Informationen zum Buch findest du auf der Verlagshomepage christoph-links-verlag.de