Wie finde ich die richtigen Worte bei Krankheit und Tod?

Der Umgang mit dem Tod lähmt viele Menschen. Was soll man nur sagen? Was ist, wenn man mal falsch reagiert? Unsere Autorin Petra Gotthardt hat jahrelang ehrenamtlich als Sterbebegleiterin auf einer Palliativstation gearbeitet und erklärt dir, wie man mit offenen und behutsamen Fragen einen achtsameren Umgang mit dem Tod finden kann.

Auf der Suche nach den richtigen Worten sitze ich da: eine Patientin bricht in Tränen aus. Sie hat vor zwei Tagen eine Krebsdiagnose erhalten. Unverhofft berichtet ein Kollege (Krebspatient) von der gestrigen Kontrolluntersuchung. Es wurden neue Metastasen gefunden. Was soll ich nur sagen?

Die Sorge, falsch zu reagieren, lähmt viele. Menschen aus dem Umfeld meiden das Gespräch, weichen auf WhatsApp-Nachrichten oder Briefe aus. Sie ziehen sich vielleicht auch zurück. Gleichzeitig fühlen sie, dass sie der Situation auf diese Weise nicht gerecht werden. Wie kann man als Therapeut mit dem Thema umgehen?

Offenheit und behutsame Fragen sind die Basis einer achtsamen Begleitung Schwerkranker und Sterbender. Leicht wurde das für mich auch nach jahrelanger ehrenamtlicher Sterbebegleitung auf der Palliativstation nicht. Manche Hilfestellungen, die den Einstieg in diese schwierigen Gespräche erleichtern, halfen mir jedoch im Laufe der Zeit.

Achtsam zuhören

Zum Zeitpunkt der Diagnose ist der Krankheitsverlauf ungewiss. Eine fundierte Prognose gibt es noch nicht, viele Untersuchungen stehen bevor. Erkrankte und deren Angehörige brauchen jetzt Mut und Zuversicht für die anstehenden Therapien. Das Einnehmen einer „Beobachterposition“ ermöglicht es mir, mich nicht emotional zu verstricken: Wann bordet mein Mitgefühl über? Wann steht es einem offenen Austausch im Weg? Kann es sein, dass meine eigenen Ängste und mein Entsetzen über die Diagnose dazu beitragen, die Situation für den Betroffenen zu erschweren?
Diese Fragen helfen mir, mich wieder zu fassen und das Gespräch im Weiteren so zu gestalten, dass es dem Betroffenen guttut. So kann ich auch verhindern, dass ich mit vorschnellem Trost vorpresche und dabei die wirklichen Bedürfnisse des anderen nicht erkenne. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Reflektion zu einer wohltuenden Verlangsamung des Gespräches führt.

Ich höre zu, bekämpfe meinen Drang, Ratschläge zu geben und fasse das Gehörte kurz zusammen: „Ihnen steht nun also diese OP bevor?“, „In den nächsten Tagen wird es weitere Untersuchungen geben?“, „Der Arzt sagt, dass es viele Chancen gibt, die Krankheit zu bewältigen?“, „Wie kann ich Sie unterstützen bei dem, was vor Ihnen liegt?“, „Was wünschen Sie sich jetzt von mir?“.

Dieses Gerüst an Fragen hilft dem Patienten und mir. Wir können uns fassen, nehmen uns Zeit, einander nah zu sein und besprechen das, was jetzt wirklich wichtig ist.


Die Zeit nutzen und ganz bei dem anderen sein

Mitzuerleben, wie die Kraft langsam schwindet und die Beschwerden zunehmen, ist schwer auszuhalten. Gespräche erfordern nun eine gewisse Demut. Gemeint ist damit die Akzeptanz des Unabwendbaren. Der demütige Blick, den ich in meinen inneren Spiegel richte, soll dazu führen,

  • die eigene Bedeutung hintenan zu stellen,
  • sich selbst zurückzunehmen,
  • der Situation respektvoll zu begegnen.

Stell dir vor, ein Patient sagt bei einem Termin unverhofft: „Ich habe wohl nicht mehr lange“. Dein Hinweis darauf, dass das doch gar nicht klar sei und es sicher noch viele Therapiemöglichkeiten gibt, könnte jetzt fehl am Platz sein. Hingegen kann die Frage „Was ist Ihnen für die Zeit, die Sie noch haben werden, wichtig?“ neue Perspektiven öffnen.

Ratschlägen wie „Du musst jetzt mehr essen und trinken!“ oder „Morgen sieht die Welt sicher anders aus“ rutschen uns häufig heraus. Schließlich ist es für uns unerträglich zu erkennen, dass es langsam auf das Ende zu geht. Wir wollen alles tun, damit der andere sich ein wenig besser fühlt, es wieder aufwärts geht. Aber Hand aufs Herz: Steht es uns wirklich zu, uns in dieser existenziellen Situation zum „besserwissenden Helfer“ aufzuschwingen? Letztlich wissen wir nicht, wie es sich anfühlt, wenn das Leben dem Ende entgegen geht. 

Mir hilft folgendes Bild: Die Krankheit schiebt sich – je weiter sie fortschreitet – wie eine Sonnenfinsternis vor die Persönlichkeit des Erkrankten. Sie wird immer wichtiger, es wird kaum noch über anderes gesprochen. Ist das der richtige Weg?

Ich habe im Kontakt mit einer lieben Freundin gemerkt, dass ich im Gespräch mit ihr immer häufiger nach den Symptomen, dem Verlauf der Therapie oder dem letzten Gespräch mit dem Arzt fragte. Der Blick auf die Persönlichkeit meiner Freundin verkleinerte sich dadurch. Sie verlor so die Chance, bei meinem Besuch andere, wichtige Themen ins Visier nehmen zu können. Wenn wir uns dieser „Falle“ bewusst sind, können wir das Gespräch auf andere Themen umlenken. Es öffnet sich ein Raum, in dem bisher Ungesagtes Platz hat. Ich mache mir klar: Es spricht meine Freundin, die nur noch wenig Lebenszeit vor sich hat und der gerade jetzt alle Zeit der Welt gehören sollte. Diese Situation unterscheidet sich erheblich von Gesprächen, in denen die Zeit noch unendlich scheint. „Was möchten wir jetzt besprechen?“ „Wozu lädt uns dieses Treffen ein?“ „Was möchtest du heute berichten, was wäre ein schöner Gesprächsstoff für dich?“ „Was wünschst du dir von diesem Besuch?“ Auch und gerade darum sollte es gehen – solange die Kraft dafür noch da ist.

Ich darf sagen, dass ich hilflos bin.

Beistand leisten

Ich saß vor zwei Jahren am Bett eines Sterbenden, der meine Hand fest drückte, nicht los lies und immer den gleichen Satz murmelte: „Warum ist es so schwer? Sagen Sie mir: Warum ist es so schwer?“ Jetzt nicht auszuweichen, sondern echten Beistand zu leisten, ist wohl die größte Herausforderung. Vorausgesetzt, ich habe in diesem Moment die Kraft dazu. Was könnte jetzt helfen? 

Einfach da sein und sich Zeit lassen mit einer Antwort. Ich habe mir die Erlaubnis gegeben, jetzt aufrichtig zu sein. Ich darf sagen, dass ich hilflos bin.  Die Kraft haben, in diesem so wichtigen Moment offen und aufmerksam zu sein: „Es ist so schwer für Sie… Ich bleibe bei Ihnen“ Diese Erwiderung öffnet vielleicht eine Gelegenheit, die Verzweiflung und Angst gemeinsam ein wenig zu lindern. Sei es auch nur, dass wir zusammen schweigen.

Es kann hingegen auch sein, dass der Sterbende bis zuletzt ein Gespräch über den Abschied und das Sterben nicht zulässt. Auch versöhnliche oder liebevolle Worte findet er nicht und geht auf behutsame Versuche, über den Tod zu sprechen, nicht ein. Es gilt dann, das Schweigen auszuhalten und kein weiteres Gespräch aufzudrängen.

„Loslassen können“

Eine Patientin der Palliativstation erzählte mir merklich erleichtert und leise lächelnd: „Wissen Sie? Meine Töchter musste ich wirklich bis zum Schluss meines Lebens erziehen. Sie sind jetzt 45 und 48 Jahre alt und haben bisher nicht akzeptiert, dass ich bald sterbe. Heute habe ich ihnen aber klar gemacht, dass es bald zu Ende ist und sie mich doch bitte gehen lassen sollen – es war ganz schön schwierig, sie dazu zu bringen… jetzt ist es geschafft.“

Ich habe also gelernt: manchmal ist es geboten, demjenigen, der stirbt, zu sagen: „Du darfst gehen, wir kommen gut klar, ich kann loslassen, wenn es soweit ist.“ So unsagbar schwierig das auch ist.



Zum Weiterlesen:

Borasio, G.D. (2016). Selbstbestimmt sterben - Was es bedeutet, was uns daran hindert, wie wir es erreichen können. München: C.H. Beck Verlag.

Bauer, C.J. & Weis, T. (2014). Es tut so gut, mit dir zu sprechen - Begegnungen mit Sterbenden. Berlin: be.bra verlag.

Thich Naht Hanh (2014). Achtsam sprechen. Achtsam zuhören - Die Kunst der bewussten Kommunikation. Frankfurt: O.W. Barth.