End the stigma – Was du als Therapeutin für die Entstigmatisierung psychischer Krankheiten tun kannst

Das gesellschaftliche Bewusstsein für psychischen Erkrankungen wächst. Betroffene erfahren aber noch viel zu oft Stigmatisierung: sie werden ausgegrenzt, angegriffen, benachteiligt oder übernehmen die öffentliche Annahme, „verrückt“ zu sein. Als Fachperson kannst du helfen, psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren. Wie das geht, erklärt dir unsere Autorin Anke Glaßmeyer, die als Psychotherapeutin bei Instagram über psychische Erkrankungen aufklärt.

In meiner Praxis begegnet es mir immer wieder, dass Patienten aufgrund ihrer Diagnose von Mobbing auf der Arbeit berichten. Auch auf Instagram bekomme ich Nachrichten, in denen Menschen erzählen, wie sie mit der Stigmatisierung konfrontiert werden. Entstigmatisierung ist daher ein sehr wichtiges Thema für mich. Als Psychotherapeutin setze ich mich bei Instagram unter „Die Psychotherapeutin“ für Entstigmatisierung ein und kläre leicht verständlich und anschaulich über psychische Erkrankungen auf. Was kannst auch du als Fachperson tun?

Was ist ein Stigma?

Das Wort Stigma kommt aus dem Griechischen und bedeutet “Wundmal”. Stigmatisierung heißt also wörtlich, jemandem “Wundmale zuzufügen” oder ihn zu “brandmarken”. Im übertragenen Sinne spricht man von Stigmatisierung, wenn man ein bestimmtes Merkmal (z.B. depressiv sein) mit einer negativen Eigenschaft oder einem Vorurteil (z.B. ist faul) verknüpft.

Wie zeigt sich Stigmatisierung?

Stigmatisierung zeigt sich auf unterschiedliche Weise. Man unterscheidet zwischen interpersoneller Stigmatisierung (z.B. Ausgrenzung, Mobbing oder persönliche Angriffe), öffentlicher Stigmatisierung (z.B. Benachteiligung bei der Arbeitsplatz- und Wohnungssuche), struktureller Diskriminierung durch öffentliche oder private Einrichtungen (Benachteiligung psychisch Kranker bei der Vergabe von Leistungen/ Genehmigung von Medikamenten und Rehamaßnahmen gegenüber körperlich Kranken) und Selbststigmatisierung (Betroffene übernehmen die Annahmen des Umfeldes und bewerten sich selbst als verrückt).

Wissen ist Macht. Je mehr die Bevölkerung weiß, desto besser lässt sich etwas gegen die Stigmatisierung tun.

Was sind die Ursachen?

Eine sehr verbreitete Erklärung für die Ursache von Stigmatisierung ist fehlendes/ falsches Wissen und das Vorherrschen von Vorurteilen. Diese werden häufig durch Berichterstattung in den Medien und klischeehafte Darstellung psychisch Kranker in Filmen befördert.

Meiner Ansicht nach ist die Hauptursache das mangelnde oder falsche Wissen. Wir lernen heute in der Schule, wie man ein Gedicht interpretiert und wie die Vektorenrechnung funktioniert. Aber wenn es um psychische Erkrankungen geht, da herrscht meist gähnende Leere auf dem Lehrplan. Es gibt immer mehr Informationskampagnen und auch im Internet findet man jede Menge Infos. Wenn Herr Müller z.B. weiß, was eine Depression ist, wie sie sich zeigt und was dagegen hilft, dann wird er seiner depressiven Kollegin Frau Meier wahrscheinlich nicht raten, dass sie einfach etwas Schokolade essen sollte und dann alles gut werde, sondern, dass der Gang zum Psychotherapeuten hilfreich ist. Deswegen: Wissen ist Macht. Je mehr die Bevölkerung weiß, desto besser lässt sich etwas gegen die Stigmatisierung tun.

Was sind die Folgen von Stigmatisierung?

Die Folgen von Stigmatisierung sind gravierend. Stigmatisierung wirkt sich bei den Betroffenen negativ auf das Selbstwertgefühl und das Wohlbefinden aus, die Lebensqualität sinkt und der Verlauf der psychischen Erkrankung wird ungünstig beeinflusst. So werden Betroffene schnell ausgrenzt, fühlen sich minderwertig und auf der Arbeit häufig nicht mehr wohl. Außerdem leiden die Beziehungen zu anderen Menschen unter der Stigmatisierung, da oft mit Rückzug reagiert wird. Was ich besonders alarmierend finde: aus Angst vor weiterer Stigmatisierung suchen sich viele Betroffene keine fachliche Unterstützung und so entsteht ein Teufelskreislauf.

Hier bist du als Fachperson gefragt. Du kannst einen großen Anteil dazu beitragen, dass deine Patienten und Klienten der Stigmatisierung nicht mehr ausgesetzt sind und kannst damit auch einen großen Beitrag für die Veränderung in der Gesellschaft leisten. Aber was genau kannst du tun?

1. Eigene Bewusstwerdung und Sprache

Jeder Mensch hat Vorurteile. Das ist ganz normal. Überlege dir, welche es bei dir sind und welche Störungsbilder du vielleicht vorverurteilst (z.B. „Borderliner manipulieren immer“). Schreibe sie dir auf, überprüfe und verwerfe sie (hoffentlich). Es ist wichtig, dass du selbst so gut es geht vorurteilsfrei bist oder, wenn das nicht geht, bestimmte Patientengruppen einfach nicht behandelst. Es gibt nichts Schlimmeres, als vom Behandler stigmatisiert zu werden. Das fängt schon bei der Sprache an. Beispielsweise sollte nicht von „den Sozialphobikern“, sondern von „Menschen mit einer sozialen Phobie“ gesprochen werden. Dies wirkt weniger stigmatisierend. Unsere Patienten und Klienten sind mehr als nur ihre Diagnose.

2. Aufklärung

Kläre deine Patienten und Klienten gut über ihre eigene Erkrankung und deren Behandlungsmöglichkeiten auf. Sie sollten zu Experten werden. Motiviere sie, sich auf eine Auseinandersetzung mit dem Umfeld einzulassen und zu sich zu stehen, statt dies zu verdrängen. Wer sich gut mit seiner Erkrankung auskennt, der vermeidet die Konfrontation mit Vorurteilen weniger, ist selbstsicherer und kann sich auch seinem Umfeld eher öffnen. Ihr könnt z.B. zusammen die Vorteile von Offenheit erarbeiten (z.B. Entlastung auf der Arbeit; Therapietermine pünktlich wahrnehmen können, da der Chef nun Bescheid weiß und man so am Dienstag um 15 Uhr Feierabend machen kann) und mit Hilfe von Rollenspielen bestimmte Situationen üben.

Vorurteile entstehen durch mangelndes Wissen und Fehlinformationen.

3. Informationsmaterial

Gib deinen Patienten und Klienten Informationsmaterial für die Angehörigen mit, damit diese sich in das Krankheitsbild einlesen können. Das können Broschüren, Bücher oder auch Links zu Webseiten sein. Es ist für Betroffene zu Beginn sehr entlastend, wenn sie dem Gegenüber etwas in die Hand drücken können, anstatt es selbst in Worte zu fassen. Denk immer daran: Vorurteile entstehen durch mangelndes Wissen und Fehlinformationen.

4. Medien

Wenn dir eine stigmatisierende Berichterstattung in den Medien oder eine ignorante Meinung im Fernsehen auffällt, dann wende dich an die Medienanstalten und mache sie darauf aufmerksam. So kann auch dort langsam ein neues Bewusstsein geschaffen werden. Ich habe es schon mehrmals gemacht und bekam meist freundliche und wertschätzende Antworten auf meine Emails.

5. Sei Vorbild

Vielleicht neigst du dazu, eher eine weiße Wand in der Behandlung zu sein und wenig von dir preiszugeben. Ich selbst gehe, wenn es passt, offen damit um, dass ich auch betroffen war und berichte von meinem Umgang und dem Feedback. In meinen Behandlungen merke ich dadurch ganz deutlich, dass meine Patienten sich besser und schneller öffnen, mehr erzählen und schneller vertrauen. Ich finde, dass es sich also sehr lohnt, wenn man über seinen eigenen Schatten springt.

6. Öffentlichkeit

Nutze die Öffentlichkeit und setze dich für die Gruppe der psychisch Kranken ein. Das kann in den sozialen Medien, auf Vorträgen, Workshops, Interviews, in Schulen oder in Zeitungsartikeln sein. Betroffene selbst sind oft nicht dazu in der Lage und deshalb darfst du das Wort für sie erheben.

Ich selbst bin auf Instagram sehr aktiv. Dort erkläre ich Diagnosen, räume Vorurteile aus dem Weg und beantworte wichtige Fragen in Bezug auf das Thema Psychotherapie. Von meinen Followern bekomme ich sehr viel positives Feedback. So erhalte ich Nachrichten, dass ich den Menschen Mut mache, ihnen Hoffnung gebe und die Angst vor der Psychotherapie nehme. Viele motiviert es auch, sich überhaupt erst in Behandlung zu begeben und wenn ich Nachrichten bekomme, dass eine Person erkannt hat, dass sie z.B. ein Drogenproblem hat und dann aus der Drogenberatungsstelle ein Foto schickt, dann weiß ich, dass meine Arbeit Früchte trägt. Einige kann ich auch ermutigen, über ihre Erkrankung offen zu sprechen und das ist für mich ein Zeichen, dass es ein Schritt in Richtung Entstigmatisierung ist.

Ich finde es sehr wichtig, dass wir die neuen Medien mehr nutzen und mit der Zeit gehen, denn noch nie war es so leicht viele Menschen zu erreichen (z.B. unter dem Hashtag #endthestigma).

Fazit

Psychisch kranke Menschen sind in ihrem Alltag überall mit Stigmatisierung konfrontiert, sei es in den Medien, auf dem Amt, beim Kegelabend oder auf der Arbeit. Du als Fachperson hast einen großen Einfluss auf deine Patienten und Klienten und kannst sie stärken. Außerdem kannst du mit deinem eigenen Verhalten und deiner eigenen Offenheit den Therapieprozess fördern und etwas gegen die Stigmatisierung tun.