„Schreibend kann ich mir die Welt erklären" - Ein Interview mit Poesietherapeutin Silke Heimes

Schreiben hilft, Distanz zu den eigenen Gefühlen zu schaffen und neue Perspektiven zu gewinnen. Warum also nicht täglich Zeit für Psychohygiene auf dem Papier reservieren? Ärztin, Autorin und Professorin Silke Heimes beschäftigt sich schon lange mit der heilsamen Kraft des Schreibens und hat im Interview ein paar Schreibimpulse und Anregungen mit uns geteilt.

Frau Heimes, welche Rolle spielt Schreiben für Sie persönlich?

Schreiben macht mich lebendig, erfreut mich, regt mich an, hilft mir, Eindrücke zu verarbeiten und Dinge zu sortieren und es beruhigt und tröstet mich. Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht schreibe. Dabei versuche ich immer abzuwechseln zwischen belletristischen Texten und Sachbüchern oder Fachartikeln. Wenn ich einen Tag mal nicht schreibe, merke ich, wie ich unruhig werde.
 

Und wie finden Sie Inspiration zum Schreiben?

Genaugenommen inspiriert mich alles zum Schreiben: Wetter, Umgebung, Menschen, Gespräche, Satzfetzen, künstlerische Eindrücke, Natur, mein Neffe...

Wie kann Schreiben beim Bewältigen von Problemen und bei der persönlichen Weiterentwicklung helfen?

Schreiben kann helfen, Gedanken und Gefühle zu sortieren und Abstand zu Problemen zu gewinnen. Schreibend können wir uns klar werden, um was es geht, uns unserer Selbst bewusst werden sowie Prioritäten klären und setzen. Wir können uns unserer Stärken und Schwächen bewusst werden und herausfinden, welche Ressourcen uns zur Verfügung stehen und welche wir vielleicht noch benötigen, um ein aktuelles Problem zu lösen oder eine anstehende Entscheidung zu treffen. Schreibend können wir uns und unsere Entwicklung über einen längeren Zeitraum hinweg betrachten und begleiten.
 

Womit fängt man da am besten an?

Mit dem Einfachsten. Will sagen, ich versuche erst einmal ins Schreiben zu kommen. Entweder setze ich mich hin und schreibe zehn Minuten so schnell ich kann alles aus mir heraus, was in diesem Moment gerade in mir ist. Oder ich beginne mit dem Halbsatz: „Als ich heute morgen erwachte ...“ Oder: „Mich beschäftigt aktuell ...“ Erst, wenn man sich auf diese Weise gewissermaßen aufgewärmt hat, legt man mit den Problemen los, die man mittels Schreiben angehen möchte – wenn die in den Zehn-Minuten-Texten nicht ohnehin schon aufgetaucht sind.
 

Was kann man noch tun, um sich auf den Schreibprozess einzustimmen?

Man sollte sich wie gesagt mit kleineren Übungen aufwärmen – das macht man beim Sport oder Musizieren ja auch. Ich kann sogenannte Morgenseiten schreiben (Julia Cameron), was nichts anderes heißt, als dass ich jeden Morgen dreißig Minuten schreibe, um den Schreibfluss in Gang zu bringen und aufrecht zu halten.

Dann kann ich natürlich atmosphärisch dazu beitragen, dass ich ins Schreiben komme: Musik, Duft, ein bestimmter Platz... Ich persönlich kann zum Beispiel besonders gut in Cafés schreiben, weil ich die Stimmung dort sehr anregend finde.

Macht es denn Sinn, jeden Tag etwas Zeit fürs Schreiben zu reservieren?

Unbedingt. Ich verstehe es ohnehin nicht, dass Leute sagen, sie haben keine Zeit zum Schreiben. Für unsere Körperhygiene wenden wir jeden Tag mindestens dreißig Minuten auf. Warum können wir das für unsere Psychohygiene nicht ebenfalls tun?
 

Was wäre eine Schreib-Übung, die man gut in den Alltag einbauen kann?

„Ich sitze hier und ...“ Das ist mein Ausgangspunkt für alles. Weil es total simpel ist und mir alle Freiräume der Welt lässt.
 

Manchmal fällt es schwer, aus dem Alltag heraus Worte aufs Papier zu bringen. Wie geht man mit Schreibblockaden um?

Gibt es das? Schreibblockaden? Ist es nicht vielmehr der innere Zensor, der anspringt, sobald wir nur ans Schreiben denken? Den überlistet man am besten, indem man möglichst schnell schreibt, ohne viel nachzudenken, oder indem man sich kleine Übungen vornimmt, wie die oben genannten. Oder indem man dem Zensor verspricht, dass er gerne bei der Überarbeitung dabei sein darf, nicht aber beim ersten Entwurf.
 

Was wirkt besser: digital oder analog schreiben?

Die Frage ist, was man erreichen will. Wenn ich auf dem Computer schreibe, kann ich meine Ideen und Gedanken leichter mit anderen Personen teilen. Wenn ich auf Inspiration aus bin, sollte ich lieber mit der Hand schreiben, weil die motorisch komplexere Bewegung mehr Gehirnareale aktiviert und mich deswegen kreativer sein lässt.

Was denken Sie: wird Schreiben jemals aus der Mode kommen?

Niemals! Schreiben gehört genauso zum Menschsein wie Geschichten zu erzählen. Es steht mir immer und überall zur Verfügung und ist auch noch kostenfrei. Warum sollte es da aus der Mode kommen? Ich wäre schön blöd, mir die Chance des Schreibens entgehen zu lassen, denn schreibend kann ich mir die Welt und mich selbst erklären. Was gibt es Schöneres und Sinnvolleres?

Da stimmte ich Ihnen zu. Vielen Dank für das Interview!

 

Zum Weiterlesen:

Heimes, S. (2014). Schreiben als Selbstcoaching. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.