Onlineberatung für Kinder und Jugendliche - Ein Interview mit Stefanie Guth

Onlineberatung für Erwachsene boomt immer mehr. Für junge Menschen hingegen gibt es kaum vergleichbare Angebote – dabei nutzen gerade Kinder und Jugendliche die Medien selbstverständlich. Als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit Reiseplänen und zweifache Mutter hat sich Stefanie Guth ganz bewusst für eine Online-Praxis entschieden und erzählt uns, was sie daran so liebt und warum für diese Möglichkeit noch mehr sensibilisiert werden sollte.

Was hast du heute schon alles gemacht?

Ich habe mich und meine Kinder startklar für den Tag gemacht, sie in die Betreuung gebracht und mich dann mit einem Yogi-Tee an den Schreibtisch gesetzt. Ich habe meine Emails gecheckt und mir über meine heutigen Termine einen Überblick verschafft.

Du berätst Kinder, Jugendliche und Eltern übers Internet. Warum hast du dich für eine Online-Praxis entschieden?

Mir entspricht das online Arbeiten sehr. Ich mag es, flexibel und ortsunabhängig zu arbeiten. Für mich waren meine Kinder der entscheidende Grund. Als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit Kassensitz und Praxisniederlassung arbeitet man vor allem nachmittags, wenn die jungen Menschen aus der Schule kommen. Zu dieser Zeit sind aber auch meine Kinder wieder zu Hause, die ich dann kaum sehen würde. Zudem planen wir eine Zeit lang zu reisen und im Ausland zu wohnen. So kann ich meine Arbeit immer mitnehmen.

Auch für Jugendliche, die meine Beratung in Anspruch nehmen gibt es viele Vorteile: es gibt keine Fahrtwege, keiner sieht sie zum Therapeuten gehen. Auf dem Land oder im Ausland gibt es ohnehin keine oder sehr wenige Therapeuten. Besonders wenn ich mich emotional belastet fühle, ist eine Beratung in der Muttersprache wichtig.

Stefanie Guth

Gab es Stolpersteine beim Aufbau deiner Online-Praxis?

Ja, gab es und gibt es noch. Es gibt leider immer noch viel Skepsis gegenüber der Online-Arbeit. Es scheint für viele Menschen undurchsichtig oder auch zu unpersönlich. Leider unterstützen nur wenige psychotherapeutische Kollegen Onlineberatung. Dabei finde ich, es wäre eine wunderbare Ergänzung zur ambulanten Psychotherapie. Viele Kinder warten einige Monate auf einen Therapieplatz, da wäre Online-Hilfe eine gute Möglichkeit. Ich würde mir wünschen, die Kollegen wären offener und würden die Eltern über diese Möglichkeit informieren. Die größte Hürde ist wohl, dass mein Angebot gefunden wird. Viele wissen nicht, dass es das gibt und suchen dementsprechend auch nicht danach. Onlineberatung für Erwachsene ist schon etwas bekannter, aber für junge Menschen und deren Familien gibt es (aktuell) kein vergleichbares Angebot.

Warum glaubst du, ist die Skepsis so groß?

In Deutschland ist es oft schwer, neue Angebote zu etablieren. Onlinetherapeutische Beratungen sind im Ausland schon seit vielen Jahren eine wichtige ergänzende Leistung und werden teils auch von den Krankenversicherungen bezahlt. Das steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Und natürlich gibt es auch viele unseriöse Angebote im Internet, was bestimmt auch dazu führt, dass die Menschen skeptisch sind. Dennoch ist nicht das Internet daran „schuld“. Für mich gilt es, die Chancen und Möglichkeiten für hilfesuchende Menschen herauszustellen. Das finde ich wichtig!

An wen richtet sich dein Angebot konkret?

Am liebsten arbeite ich mit Familien im Ausland, deren Kinder psychische Symptome entwickeln. Meist sind es Jugendliche ab 12 Jahren, die Hilfe bei der Ablösung vom Elternhaus benötigen, Ängste entwickeln oder in der Schule Schwierigkeiten haben. Einige Familien sind seit Jahren in verschiedenen Ländern unterwegs, weil die Eltern dort arbeiten. Wenn die Familien oft umziehen, ist es schwer, psychotherapeutische Hilfe vor Ort in der Muttersprache zu bekommen. Ich unterstütze aber auch junge Studierende und Au-pairs, die im Ausland mit ihren Entwicklungsaufgaben nicht gut zurechtkommen. Die Phase der Adoleszenz ist ja bekanntlich sehr anfällig für Krisen und Überforderung. Leider kann das von den Gastfamilien oft nicht ausreichend begleitet werden. Ich bin im Moment mit Au-pair-Agenturen und einer Auslandskrankenversicherung im Gespräch. Es ist wichtig, andere dafür zu sensibilisieren.

Wie nehmen Eltern, Kinder und Jugendliche die Beratung per Internet an?

Viele sind froh, wenn sie von meinem Angebot erfahren. Oft geht schon eine Weile ein Leidensweg voraus, bis sie bei mir landen. Für Familien im Ausland ist Onlineberatung als Medium selbstverständlich. Sie halten mit Freunden und Familie zu Hause über Skype und andere Videoanbieter Kontakt. So fällt es ihnen leicht, sich auf das Online-Setting mit mir einzulassen.

Weil du gerade Skype erwähnst: War es schwierig, eine Plattform zu finden, die den Ansprüchen bezüglich Datenschutz und Schweigepflicht genügt?

Nein, es gibt einige Anbieter, die der europäischen Datenschutzverordnung entsprechen. Skype gehört nicht dazu. Dies ist eher ein Anbieter für private Kontakte. Über professionelle Anbieter ist es auch möglich, verschlüsselte Emails zu versenden.

Zwei Menschen vor Laptops

Eine häufige Befürchtung ist, dass der Beziehungsaufbau online nicht so gut funktioniert wie bei einem gemeinsamen Gespräch im selben Raum. Wie siehst du das?

Ich finde nicht, dass es nicht so gut funktioniert. Es ist anders, ja, aber nicht schlechter oder besser. Ich persönlich bin dafür ja ausgebildet und viele Jahre darin geschult, mein Gegenüber zu erspüren, die Gestik und Mimik zu lesen und mich darauf einzuschwingen. Das klappt auch gut über ein Video-Gespräch. Ich selbst habe einige Erfahrungen damit gesammelt, bevor ich es für meine jungen Klienten angeboten habe. Wir kommen gut in den Kontakt und es kann genauso ein vertrauensvolles Gespräch stattfinden wie face to face. Ich glaube, dass diese Befürchtung nur von Menschen geäußert wird, die sich damit noch nicht ausreichend beschäftigt haben. Jugendliche haben damit überhaupt kein Problem.

Inwieweit arbeitest du online überhaupt anders als in einem Face-to-Face-Kontakt?

Es ist gar nicht so ein großer Unterschied. Es geht vor allem um meine Präsenz im Kontakt. Es gibt eine Vielzahl Methoden und Interventionen, die ich auch online nutze. Manches geht online nicht so gut, z.B. mit Gefühls-Karten zu arbeiten oder direkt im Gespräch Figuren aufzustellen. Aber einiges habe ich schon für das Online-Setting abgewandelt und es macht auch Spaß, sich immer wieder neue kreative Möglichkeiten einfallen zu lassen, wie online eine Alternative gefunden werden kann.

Hast du eine Beispielübung, die du uns kurz vorstellen kannst?

Um einen Einblick in die Lebenswelt der Jugendlichen zu erhalten, arbeite ich zum Beispiel gerne mit Video- oder Fototagebüchern. Die Aufgabe ist dann, innerhalb der Woche täglich seine Stimmung kurz zu dokumentieren. Dies bietet einen guten Gesprächsanlass und schult die Selbstbeobachtungskompetenz.

Was sind die Grenzen der Onlineberatung?

Ich kläre immer darüber auf, dass meine psychotherapeutische Onlineberatung keine Psychotherapie im Sinne der gesetzlichen Richtlinien der deutschen Krankenversicherung ist. Das finde ich wichtig. Denn Beratung ist nicht Psychotherapie. Die Familien, die sich bei mir Rat und Hilfe holen, haben keine psychische Erkrankung. Sie befinden sich in schwierigen, belastenden Lebensumständen und suchen eine fachlich kompetente Begleitung. Und selbstverständlich bin ich auch immer mit den Eltern im engen Austausch, sodass wir stets im Blick haben, welche Form der Hilfe und Beratung angezeigt ist. In akuten Krisen, wie Suizidalität oder Psychose, sollte selbstverständlich sofort eine Klinik aufgesucht werden.

Du bist nicht nur selbständig, sondern auch Mutter von zwei Söhnen. Wie organisierst du deinen Alltag?

Meine Kinder werden in Teilzeit betreut. Der Große im Waldkindergarten, der Kleine bei einer Tagesmutter. Wir sind ein gut strukturierter Haushalt und meist habe ich die Vormittage für meine Onlineberatungen zur Verfügung. Je nach Zeitzone meiner Klienten habe ich auch mal abends Gespräche, dann ist mein Mann für die Kinder da. Er unterstützt ohnehin meine Arbeit und wir sprechen uns sehr gut ab, wer wann welche Aufgaben übernimmt, damit alles gut funktioniert. Insgesamt bin ich deutlich flexibler als mit einem Angestellten-Job.

Du planst, bald mit deiner Familie eine Zeit lang ins Ausland zu ziehen. Wohin geht eure Reise?

Wir wollen im September für eine Zeit lang nach Spanien. Wir lieben das Land und die Sprache sehr und hatten schon immer wieder die Überlegung, dort eine Weile zu leben. Nun hat es sich durch verschiedene Umstände endlich ergeben, dass wir 2020 ins Ausland gehen, aber wahrscheinlich nicht an einem Ort bleiben. Unser Wunsch ist es, eine Weile zu reisen. Vor allem wollen wir unseren Kindern Mittel- und Südamerika zeigen.

Worauf freust du dich besonders?

Auf das wärmere Klima und die entspanntere Mentalität. Ich mag das Meer, den Strand und das Barfußlaufen.

Nimmst du deine Onlinepraxis mit?

Na klar. Das war sozusagen die Voraussetzung dafür, dass wir ins Ausland gehen können. Für mich war immer klar, dass ich arbeiten möchte. Und da ich meine Arbeit sehr mag, habe ich nach einer Lösung gesucht, wie ich ortsunabhängig arbeiten kann. Es ist ja recht leicht mit meiner Praxis umzuziehen. Ich nehme meinen Laptop und meine Webcam mit. Einen ruhigen Ort mit Tisch und Stuhl finde ich überall. Und schon kann ich meine Klienten an jedem Ort der Welt beraten. Ich finde es wunderbar, was durch das Internet alles möglich ist.

Vielen Dank für das schöne Interview!