„Vertrauen ist der wichtigste Wirkfaktor bei Suchterkrankungen“
Menschen mit Suchterkrankungen wünschen sich oft nichts Außergewöhnliches, sondern ein stabiles, selbstbestimmtes Leben. Im psylife-Interview spricht Daniela Leyrer, stellvertretende Leitung des „Haus Ammersee“ über das Menschenbild hinter der Arbeit des soziotherapeutischen Wohnheims für Personen mit chronischen Abhängigkeitserkrankungen, den Umgang mit Rückfällen, die Förderung von Selbstwirksamkeit - und darüber, warum Vertrauen, Respekt und Augenhöhe die wichtigsten Voraussetzungen für nachhaltige Veränderungsprozesse sind.
Liebe Frau Leyrer, wie würden Sie Gesundheit und Lebensqualität bei Menschen mit Substanzabhängigkeit definieren?
Viele der Menschen, die wir begleiten, streben gar nicht nach etwas Außergewöhnlichem. Sie wünschen sich im Grunde ein ganz normales Leben: eine Wohnung, eine Partnerschaft, soziale Beziehungen, vielleicht einmal im Jahr Urlaub. Sie möchten weg von der Szene, weg von den Kontakten aus der Konsumzeit und ein ruhiges, stabiles Leben führen.
Gesundheit ist dabei ein vielschichtiges Thema. Viele Menschen bringen bereits körperliche Erkrankungen mit, die durch den langjährigen Konsum entstanden sind. Ein wichtiger Aspekt besteht darin, die Belastungen ohne Konsum bewältigen zu können. Schmerzfreiheit spielt dabei eine große Rolle. Gleichzeitig wünschen sich viele, die Folgen ihrer Erkrankung in den Griff zu bekommen und nicht dauerhaft von den gesundheitlichen Konsequenzen begleitet zu werden. Denn die Erfahrung, den eigenen Körper nachhaltig geschädigt zu haben, kann auch eine erhebliche Rückfallgefahr darstellen.
Welches Menschenbild leitet Sie in der Arbeit mit suchtbetroffenen Menschen?
An erster Stelle stehen für mich Respekt und Akzeptanz – unabhängig davon, welche Erkrankung ein Mensch mitbringt. Mein Denken ist stark vom humanistischen Menschenbild geprägt. Ich gehe davon aus, dass jedem Menschen eine Entwicklungstendenz innewohnt und dass Menschen grundsätzlich die Fähigkeit besitzen, Veränderungen anzustoßen und Ziele zu verfolgen.
Deshalb stehen wir nicht vor den Menschen und auch nicht hinter ihnen, sondern neben ihnen. Unsere Aufgabe ist Unterstützung, nicht Bevormundung. Wir sind weder besser noch schlechter als Menschen mit Suchterkrankungen. Sie haben Schwierigkeiten im Umgang mit einer bestimmten Problematik, andere Menschen kämpfen mit anderen Herausforderungen. Wichtig ist eine urteilsfreie Haltung. Ich halte nichts davon, Menschen für ihre gewählte Bewältigungsstrategie zu verurteilen. Ebenso wichtig ist die Machtfrage: Wir müssen niemanden erziehen. Unsere Aufgabe besteht darin, zu begleiten und zu unterstützen.
„Unsere Aufgabe ist Unterstützung, nicht Bevormundung. Wir sind weder besser noch schlechter als Menschen mit Suchterkrankungen.“
Was unterscheidet das Haus Ammersee von anderen Einrichtungen?
Ein zentraler Unterschied ist unser Umgang mit Rückfällen. Wir erkennen Sucht als chronische Erkrankung an. Rückfälle können Teil dieses Krankheitsverlaufs sein und bieten häufig wichtige Lernmöglichkeiten. Deshalb entlassen wir Menschen nicht aufgrund eines Rückfalls.
Gleichzeitig ist die Abstinenzmotivation wichtig. Wir sind ein abstinenzorientiertes, cleanes Haus. Neben akzeptanzorientierten Angeboten braucht es aus meiner Sicht auch Schutzräume, in denen Menschen abstinent leben können.
Hinzu kommt, dass wir viele Menschen mit Doppeldiagnosen begleiten. Deshalb versuchen wir, sowohl den Suchterkrankungen als auch den psychiatrischen Begleiterkrankungen gerecht zu werden. Dabei arbeiten wir konsequent auf Augenhöhe und fördern Selbstwirksamkeit, anstatt Menschen auf einen Weg zu drängen, den wir für richtig halten.
Sie verfolgen beziehungsbasierte Ansätze und fördern Eigenmotivation - ganz ohne Druck oder gar Sanktionen wie eine disziplinarische Entlassung.
Natürlich arbeiten wir mit psychoedukativen Gruppen, Rückfallprävention und sozialen Kompetenztrainings. Aber es geht nicht um Belehrung oder Verhaltenskonditionierung, sondern darum, die intrinsische Motivation herauszuarbeiten. Vor allem durch Fragen.
Was wünsche ich mir? Welche Ziele habe ich? Wie kann ich diese Ziele mit meinen vorhandenen Ressourcen erreichen?
Es geht nicht darum, Ratschläge zu geben, sondern Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigenen Antworten zu finden, ihnen in ihrem eigenen, individuellen Prozess zu vertrauen. Vertrauen ist meiner Ansicht nach der wichtigste Wirkfaktor bei Suchterkrankungen.
Belohnungs- oder Bestrafungssysteme lehnen wir ab. Rückfälle sind Symptome einer Erkrankung. Wenn Menschen rückfällig werden, erleben sie häufig ohnehin starke Schuldgefühle, Scham und Selbstzweifel. In solchen Situationen braucht es Unterstützung und Reflexion, nicht zusätzliche Sanktionen.
„Respekt, Wertschätzung und Augenhöhe. Dieses Menschenbild sollte aus meiner Sicht die Grundlage jeder therapeutischen Arbeit sein.“
Wie kann man Selbstwirksamkeit konkret unterstützen?
Ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit ist die Zielarbeit. Dabei geht es nicht nur um große Lebensziele, sondern auch um kleine Erfolge. Für manche Menschen ist es bereits ein wichtiger Schritt, morgens pünktlich zum Frühstück zu erscheinen, sich zu waschen oder regelmäßig Medikamente einzunehmen.
Wir versuchen, den Blick auf erreichte Fortschritte zu lenken. Gleichzeitig vermitteln wir, dass ein nicht erreichtes Ziel nicht bedeutet, gescheitert zu sein. Manchmal passt ein Ziel einfach noch nicht zur aktuellen Lebenssituation. Dann muss es angepasst werden.
Grundsätzlich gilt für mich: Wenn ich im Gespräch mehr rede als die betreute Person, dann ist etwas schiefgelaufen. Meine Aufgabe besteht darin, Impulse zu setzen. Die eigentlichen Lösungen sollen von den Menschen selbst entwickelt werden.
Gibt es ein Beispiel, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ein Bewohner sah sich bereits in der Phase der Umsetzung einer Veränderung – also auf dem Weg vom Konsum in die Abstinenz. In der gemeinsamen Arbeit wurde jedoch deutlich, dass er eigentlich noch stark ambivalent war und noch gar nicht final einordnen konnte, ob er überhaupt schon langfristig fähig war, abstinent zu leben – also ob er bereits über ausreichend Bewältigungsstrategien verfügte.
Mithilfe des Modells der Veränderungsphasen haben wir diese Ambivalenz sichtbar gemacht. Wir haben gemeinsam verschiedene Zukunftsszenarien entwickelt: Wie könnte sein Leben in drei Monaten, fünf Jahren oder zehn Jahren aussehen, wenn er weiter konsumiert? Und wie würde es aussehen, wenn er abstinent lebt?
Außerdem haben wir gemeinsam reflektiert, was Abhängigkeit konkret bedeutet und welche Merkmale auf ihn zutreffen. Viele Menschen verbinden mit ihrer Vergangenheit die Vorstellung, irgendwann wieder kontrolliert konsumieren zu können. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Entwicklung kann helfen, diese Vorstellungen realistischer einzuordnen.
Die Phasen der Veränderung spielen eine bedeutende Rolle in Ihrer Arbeit.
Das Transtheoretische Modell (TTM) von Prochaska und DiClemente ist ein hilfreiches Instrument, um den eigenen Standort im Veränderungsprozess zu erkennen. Die Phasen reichen von der Absichtslosigkeit über Absichtsbildung, Vorbereitung, Umsetzung und Stabilisierung bis hin zur Integration in den Alltag.
Viele Menschen überschätzen anfangs ihren Stand im Prozess. Körperlich leben sie vielleicht bereits abstinent, gedanklich befinden sie sich jedoch noch in einer früheren Phase. Das Modell hilft dabei, dies sichtbar zu machen und passende Unterstützungsangebote abzuleiten.
Besonders wichtig finde ich die Erkenntnis, dass ein Rückfall nicht automatisch bedeutet, wieder ganz am Anfang zu stehen. Menschen können trotz eines Rückfalls weiterhin in einer Phase der Stabilisierung oder Umsetzung sein. Entscheidend ist, wie schnell es gelingt, den Rückfall zu beenden, offen anzusprechen und eine Rückfallspirale zu verhindern.
Wie sieht der Alltag im „Haus Ammersee“ aus?
Ein wichtiger Bestandteil sind arbeitstherapeutische Angebote. Unsere Bewohnerinnen und Bewohner arbeiten vormittags beispielsweise in der Küche, im Garten, in der Werkstatt, im Servicebereich oder in der Hauswirtschaft. Dadurch erleben sie Selbstwirksamkeit und übernehmen Verantwortung für die Gemeinschaft. Nach dem Mittagessen finden Einzelgespräche sowie unterschiedliche Gruppenangebote statt. Dazu gehören psychoedukative Gruppen, Rückfallgruppen, soziales Kompetenztraining, Bewegungsangebote, Schwimmen oder kreative Gruppen.
Gleichzeitig legen wir Wert darauf, dass Menschen lernen, ihre Freizeit selbstständig zu gestalten. Ziel ist nicht eine vollständige Strukturierung des Alltags innerhalb der Einrichtung, sondern die Vorbereitung auf gesellschaftliche Teilhabe außerhalb der Einrichtung. Deshalb unterstützen wir auch dabei, Vereine kennenzulernen, kulturelle Angebote wahrzunehmen oder neue Interessen zu entwickeln.
Die meisten Menschen im „Haus Ammersee“ haben bereits zahlreiche Entgiftungen oder andere Behandlungsangebote hinter sich.
Genau. Sie konnten zwar zeitweise abstinent leben, sind jedoch immer wieder in alte Muster zurückgefallen. Viele kommen direkt aus Entgiftungsstationen, Fachkliniken oder über Beratungsstellen zu uns. Häufig bestehen zusätzlich schwierige soziale Situationen, etwa Wohnungslosigkeit oder fehlende soziale Unterstützungssysteme.
Wie gehen Sie mit Krisen oder Suizidalität um?
Wir folgen den klaren Handlungsleitlinien in solchen Situationen. Wenn Menschen suizidale Gedanken äußern, sprechen wir das direkt an. Solange sich jemand glaubhaft von einer akuten Suizidalität distanzieren kann, arbeiten wir gemeinsam an Sicherheitsvereinbarungen und an der Stärkung der therapeutischen Beziehung. Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung handeln wir konsequent. Dann werden Rettungsdienst, Polizei oder psychiatrische Kliniken einbezogen. Der Schutz des Menschen hat in diesen Situationen oberste Priorität.
Viele Psychotherapeut:innen zögern, mit suchtkranken Menschen zu arbeiten. Was würden Sie ihnen sagen?
Ich halte die Arbeit für außerordentlich spannend und bereichernd. Voraussetzung ist natürlich, dass die Menschen zumindest aufnahmefähig sind und therapeutisch gearbeitet werden kann.
Gerade verhaltenstherapeutische Ansätze bieten viele Möglichkeiten: Motivationsarbeit, Zielanalysen, Rückfallprävention, Umgang mit Suchtdruck und die Entwicklung von Copingstrategien. Auch die Zusammenarbeit mit Beratungsstellen und anderen Hilfesystemen eröffnet viele Chancen.
Ambulante Psychotherapeut:innen können sehr viel bewirken – insbesondere bei der Stabilisierung, Motivation und Überleitung in weiterführende Hilfen.
Anmerkung der Redaktion: Seit 2025 ist ambulante Psychotherapie bei Suchterkrankungen in der gesetzlichen Krankenversicherung erweitert möglich. Patient:innen mit Alkohol-, Medikamenten- oder Drogenabhängigkeit können auch ohne Abstinenznachweis behandelt werden. In bestimmten Fällen sind bis zu 24 Kurzzeittherapiestunden möglich. Einbezogen sind nahezu alle psychotropen Substanzen wie Cannabis oder andere psychoaktive Stoffe. Nikotin, Tabak und Koffein bleiben ausgeschlossen.
Welche Entwicklungen wünschen Sie sich für die Zukunft der Suchthilfe?
Vor allem mehr Entstigmatisierung. Obwohl häufig davon gesprochen wird, sind wir gesellschaftlich noch längst nicht dort angekommen. Psychische Erkrankungen und Suchterkrankungen werden noch immer mit Vorurteilen betrachtet. Wir brauchen mehr Aufklärung über die biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren von Suchterkrankungen. Sucht ist kein Motivationsproblem und kein Ausdruck mangelnder Willenskraft.
Darüber hinaus wünsche ich mir einen flächendeckenden Umgang mit Rückfällen, der weniger sanktionierend ist. Außerdem halte ich Konsumräume und schadensminimierende Angebote für wichtige Bausteine moderner Suchthilfe.
Am Ende komme ich immer wieder auf denselben Punkt zurück: Respekt, Wertschätzung und Augenhöhe. Dieses Menschenbild sollte aus meiner Sicht die Grundlage jeder therapeutischen Arbeit sein.
Vielen Dank für Ihr Engagement und das spannende Gespräch!
Über Daniela Leyrer
Daniela Leyrer studierte Soziale Arbeit (B.A.) sowie Klinische Sozialarbeit (M.A.). Als Klinische Sozialpädagogin (M.A.) absolvierte sie zahlreiche Fort- und Weiterbildungen, insbesondere in den Bereichen Suchterkrankungen und psychiatrische Erkrankungen. Derzeit befindet sie sich in der Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie und bereitet sich auf die bevorstehende Prüfung vor. Im „Haus Ammersee“ ist sie als stellvertretende Einrichtungsleitung tätig und engagiert sich zudem aktiv im Sozialdienst sowie in der Bezugsbetreuung der Bewohner:innen.