Ein existenzieller Motor: Wie Sinnfindung in Krisenzeiten Halt gibt
Sinn ist ein Anker. Er verleiht uns Handlungsfähigkeit, stärkt unsere Resilienz und schafft innere Verbundenheit – gerade und besonders in Krisenzeiten. Angesichts globaler Herausforderungen, gesellschaftlicher Umbrüche und wachsender Unsicherheiten rückt die Frage nach dem „Sinn im Leben“ verstärkt in den Fokus. Warum ist uns die Antwort gerade dann so wichtig? Ich möchte aufzeigen, wie Prozesse der Sinnfindung in der Praxis konkret unterstützt werden können.
Die Suche nach Sinn ist dabei keineswegs neu in der Psychologie. Vielmehr lohnt es sich, darüber ins Gespräch zu kommen, wie wir diesen Prozess heute flexibel, kontextbezogen und kultursensibel begleiten können ...
Was ist der Sinn des Lebens?
Wenn du sofort eine eindeutige Antwort parat hast, bin ich beeindruckt. Wenn du noch am Grübeln bist, dann geht es dir wie den meisten Menschen.
Aristoteles hatte eine Antwort parat: „Finden Sie ein höheres Ziel im Leben, das Sie anstreben.“ Goethe erklärt: „Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst.“ Vielleicht lautet die Antwort auch „42“, wie Douglas Adams in seinem Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ schreibt.
Du siehst: Menschen waren schon immer von der Sinnfrage fasziniert. Jede Zeitepoche, Glaubensrichtung und Generation bringt weitere Antwortideen mit sich. Wie soll man da die ganz eigene Antwort finden?
Warum Sinn eine menschliche Grunddimension ist
Wir müssen kurz theoretisch werden: Laut den Forschern Martela und Steger entsteht das Gefühl von Sinnhaftigkeit aus drei Quellen: Verstehen (Kohärenz), Bedeutung (Signifikanz) und Wirksamkeit (Zielgerichtetheit oder auch „Purpose“). Das heißt: Wir wollen das Leben verstehen und wir wollen das Gefühl haben, dass unser Dasein und unser Tun wichtig sind.
Studien zeigen, dass Menschen, die ihr Leben als sinnvoll erleben, mehr Wohlbefinden, emotionale Stabilität und Stressresistenz wahrnehmen als Menschen, die wenig Sinn empfinden. Wenn äußere Stabilität bröckelt, wird dieses innere „Wozu“ umso wichtiger, denn es strukturiert eine als chaotisch erlebte Welt und ermöglicht uns, trotz Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Sinn wirkt wie ein innerer Motor, der uns ein Gefühl von Richtung gibt, wenn äußere Orientierungspunkte fehlen.
Therapeutische Schulen der Sinnarbeit
Es gibt einige therapeutische Ansätze, die die Sinnfrage in den Mittelpunkt stellen.
Existenzielle Psychotherapie (nach Rollo May und Irvin D. Yalom)
Es gibt vier Grundthemen, die das menschliche Dasein prägen: Tod, Freiheit, Isolation und Sinnlosigkeit. Treten bei der Auseinandersetzung mit diesen „letzten Fragen“ existentielle Ängste auf, soll die Sinnfindung Gefühle von Sicherheit und Stabilität geben. Im Dialog auf Augenhöhe werden wichtige Sinnfragen bearbeitet und persönliche Überzeugungen, Ziele und Lebensentwürfe im Hier und Jetzt reflektiert. Das rückt Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten in den Vordergrund und stößt eine lebensbejahende Lebensgestaltung an.
Logotherapie (nach Viktor E. Frankl)
Viktor Frankl betrachtete Sinn als zentrale Kraft der menschlichen Psyche, vor allem in Krisensituationen. Diese Überzeugung hat er selbst in extremen Situationen erproben müssen. Im Konzentrationslager verlor Frankl seine Eltern, seinen Bruder und seine Frau – aber nicht seinen Willen, weiterzuleben.
Um das Erleben von Sinnhaftigkeit anzukurbeln, wird mit Werten gearbeitet:
- Schöpferische Werte: Was kann das Individuum in die Welt bringen? Beispiele: Beruf, Hobby, Wissen
- Erlebniswerte: Was kann als sinnvoll erlebt werden? Beispiele: Natur, Kunst, Interessen
- Einstellungswerte: Wie können Leid und Krisen ertragen werden? Beispiele: Liebe, Hingabe, Respekt, Vertrauen
Über diese drei „Hauptstraßen des Sinns“ sollen Ratsuchende ihr Leben trotz Einschränkungen bestmöglich gestalten.
Narrative Therapie
Menschen sind Autor:innen ihrer Lebensgeschichte, und dominante Geschichten wie „Ich bin gescheitert“ führen zu Blockaden. Durch therapeutisches Erzählen wird eine neue Geschichte formuliert, die neue Perspektiven eröffnet und damit Sinn-Erleben (auch in der Blockade) ermöglicht.
Sinnfindung in Coaching und Therapie
Wir können Sinnprozesse im Dialog und auf körperlicher Ebene unterstützen durch:
- Wertearbeit: Welche Werte liegen Zielen, Überzeugungen und Entscheidungen zugrunde? Wie werden Werte im Alltag ausgelebt? Was ist (nicht) verhandelbar?
- Existenzielle Fragen: Was wäre wirklich wichtig, wenn alles wegfiele?
- Ressourcenorientierung: Was gibt Kraft, trotz Krise weiterzugehen?
- Narratives Reframing: Wofür standen frühere Lebensphasen? Welche Alternativgeschichte gibt es?
- Achtsamkeit und Embodiment: Sinn nicht nur denken, sondern fühlen.
In meiner Praxis zeigt sich, dass das Philosophieren über die großen Lebensfragen nur die halbe Miete ist. Ratsuchende müssen Sinn und Wirksamkeit wirklich fühlen. Wir sollten den Sinn demnach nicht auf dem Silbertablett servieren – er muss entdeckt und im Alltag erlebt werden.
Integrative Ansätze
Der persönliche Sinn ist ein komplexes, individuelles Phänomen. Wir können deshalb Elemente unterschiedlicher Schulen kombinieren. Das erlaubt uns, die Ratsuchenden dort abzuholen, wo sie gerade lebensgeschichtlich stehen.
Zum Beispiel: logotherapeutische Fragen + narratives Reframing oder achtsamkeitsbasierte Methoden + Ressourcenorientierung
Sinn in unterschiedlichen Kulturen
Als digitale Nomadin bin ich schon viel gereist und weiß, wie sehr die Kultur das Verständnis von Sinn prägt. Ich möchte ein Beispiel hervorheben:
Ikigai – Ein japanischer Zugang
Ich durfte Ikigai nicht als theoretische Lektion, sondern als ein Gefühl auf meiner ersten Japanreise kennenlernen. Jeden Tag beobachtete ich meine Gastmutter, wie sie mit bewusster Langsamkeit und Hingabe ihren ganz gewöhnlichen Alltag gestaltete. Obwohl es ihr nicht um Leistung ging, erledigte sie alles, was sie sich vornahm, und sie hatte sogar genug Zeit, um einfach nur „in der Welt zu sein“, wie sie es nannte.
Trotz krankheitsbedingter Einschränkungen und trotz Schicksalsschläge wirkte sie zufrieden und nahm aktiv am Leben teil – ging zum Yoga, pflegte ihren kleinen Garten, kochte jeden Tag für sich und ihre Gäste. Sie sagte zu mir, dass sie jeden Tag nach ihrem Ikigai lebt. Sie meinte außerdem, dass Ikigai etwas sei, das jeder Mensch bereits habe und lernen könne, es zu kultivieren.
Was Ikigai bedeutet
Ikigai (生きがい) bedeutet wörtlich „der Wert des Lebens“. Damit ist sowohl das Leben im Großen und Ganzen als auch das ganz alltägliche Leben gemeint. Ikigai ist das, wofür es sich zu leben lohnt – jeden Tag aufs Neue.
Man könnte meinen, Ikigai sei etwas Großes. Doch die Menschen in Japan nutzen es auch für viele kleine Dinge, die ihnen im Alltag wertvoll sind: ein gutes Gespräch mit Freund:innen, ein blühender Baum, eine Kindheitserinnerung, … sogar ein Feierabendbier kann Ikigai sein. Diese Idee von Sinnhaftigkeit schult die Aufmerksamkeit für die einfachen Dinge des Alltags und bietet damit einen leichten Zugang zum gefühlten Sinn.
Ikigai in der Praxis
Ich bin mir sicher, dass das japanische Sinnverständnis unser westliches ziel- und leistungsorientiertes Denken positiv herausfordern kann. Nach meiner Coaching-Fortbildung und Selbsterfahrung in Japan setze ich Ikigai auch in meiner Arbeit ein.
Um Ikigai bei unseren Klient:innen zu kultivieren, sollten wir die Bewusstwerdung von täglichen Sinn-Momenten sowie Gefühle von Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit fördern. Konkrete Methoden umfassen u. a.:
- reflektierende Fragen im wertschätzenden Dialog, u. a. zum persönlichen Wertesystem, Zielen in der Zukunft oder der persönlichen Mission (jap. = Kokorozashi = wo das Herz hinzeigt),
- Herausarbeiten von einfachen, achtsamen und/oder aktivierenden Routinen für Arbeitsalltag und Freizeit (jap. Keiken = wertvolle Erfahrungen)
- Übungen zur Körper- und Umweltwahrnehmung, z. B. Ichiygo-Zanmai = Single-Task Fokus als Achtsamkeitsübung im Alltag,
- Journaling, bspw. über tägliche, wertvolle Ikigai-Momente oder
- „Photo-Elicitation“ (= Ikigai-Momente visuell einfangen und gemeinsam reflektieren) nach Dr. Shintaro Kono.
Meine Erfahrung: Ikigai bereichert besonders Menschen, die sich in einer Sinnkrise befinden oder die sich in der Leistungsorientierung verloren haben. Es holt sie zurück zum Sein und weg vom Tun-Müssen.
Ein Beispiel aus meiner Coachingpraxis
Mir saß eine Frau gegenüber, die nach außen alles verkörperte, was viele bewundern: erfolgreiche CEO, Mutter, voller Energie – immer im Modus von „höher, schneller, weiter“. Der Terminkalender war voll, Urkunden hingen an der Wand, eine Fortbildung jagte die nächste und sie machte täglich ihre 10.000 Schritte. Ich weiß bis heute nicht, wie sie das bewerkstelligte. Was ich wusste, ist, dass ein erschöpfender Glaubenssatz dahinter stehen muss: „Ich muss liefern, sonst bin ich nichts wert.“
Im Coaching haben wir ihre Aufmerksamkeit im Alltag schrittweise verlagert – weg von großen Zielen und Leistung, hin zu dem, was ihr tägliches Leben wirklich nährt (existenzielle Fragen und Wertearbeit). Besonders berührend war die Rückkehr zur Natur. Schon als Kind liebte sie den Wald und den Bauernhof, auf dem sie aufwuchs (Narrative). Daraus wurde ein persönliches „Ikigai-Ritual:" regelmäßiges Waldbaden, ohne App-Tracking, ohne Ziel – einfach 30 Minuten mit allen Sinnen im Wald sein (Achtsamkeitsübung). An Tagen, an denen selbst das nicht möglich ist, reicht ein stiller Blick auf die zwei Birken vor ihrem Fenster, eine warme Tasse Tee statt dem Handy in der Hand, für einen Genussmoment. Dieses kleine, flexible Ritual zeigte meiner Klientin, dass innere Kraft nicht nur aus dem Funktionieren entsteht, sondern auch aus der Selbstfürsorge. Darüber hinaus war ihr Ritual jederzeit verfügbar, auch an den schwierigen Tagen. Mit viel Raum zum Spüren und Sich-Erlauben wurde der Wald zur neuen, sicheren Konstante in ihrem Leben.
Fazit: Sinn gibt Halt in unsicheren Zeiten
Sinn ist kein Luxus, sondern eine psychologische Notwendigkeit. Er verbindet Menschen mit ihrer Lebensgeschichte, ihren Fähigkeiten und einer zuversichtlichen Zukunft. Wir als Beratende können Sinnfindungsprozesse begleiten, sie aber nicht erzwingen. Unsere Arbeit führt dann zu dem fundamentalen Punkt: Menschen in einer Welt, die sich ständig verändert, zu stärken.