Wie QiGong eine psycho­therapeutische Behandlung unterstützen kann

Von Xu Xuanping, einer der legendären Gestalten des Qigong, geht die Sage, dass er sich nach einem langen Beamtenleben in die Berge zurückzog, dort in der Einsamkeit lebte und gelegentlich ein Gedicht schrieb. Als ihn ein Dichterkollege besuchen wollte und ihn nicht antraf, schrieb dieser ihm ein Gedicht auf die Wand seiner Behausung. Als Xu Xuanping zurückkam, las er das Gedicht und zog sich als Antwort noch tiefer in die Berge zurück.

Es ist vielleicht dieser Hang zur Einsamkeit, diese Tendenz sich aus der Welt zurückzuziehen, die es mit sich bringt, dass Qigong bisher in der Öffentlichkeit weniger präsent ist als andere Übungssysteme. Auch haftet seinen Übungen von außen gesehen eine Schlichtheit und Einfachheit an, die sie einerseits anziehend wirken lassen, andererseits aber dazu führen, dass die inneren Schätze des Qigong unsichtbar werden.

Sich ergänzende Gegensätze

Die Geschichte von Xu Xuanping und seinem Dichterkollegen ist aber auch deshalb so schön, weil sich in ihr bereits die sich ergänzenden Gegensätze ankündigen, die im klassischen chinesischen Lebensideal und im Qigong eine große Rolle spielen: zum Beispiel der Gegensatz aus Kultur (das Gedicht, in der in China hochgeschätzten Schrift als Inbegriff einer kulturellen Leistung) und Natur (in die sich Xu Xuanping geflüchtet hat), zwischen dem Zuhause (der Hütte in den Bergen) und der Weite (in die Xu Xuanping entflieht), der Kontrast aus der vita activa und der vita comtemplativa und weitere sich ergänzende und einander abwechselnde Gegensätze, die auch im Qigong stets präsent sind.

Was ist Qigong?

Unter der Bezeichnung „Qigong“ werden Übungen zusammengefasst, in denen die Aspekte von Bewegung und Ruhe, Atem und Vorstellungskraft, Konzentration und Imagination zu einer harmonischen Einheit gebracht werden. Sie wirken ausgleichend und kräftigend, stärkend und regulierend auf körperliche, geistige und seelische Funktionen.

Der Begriff „Qigong“ ist vergleichsweise jung. Auf ihn einigte man sich in den 1950er-Jahren in der Volksrepublik China, um die Vielzahl der Übungen zu bezeichnen, die zuvor unter anderem Namen in der reichhaltigen Literatur zur „Lebenspflege“ (yangsheng) und klassischen chinesischen Philosophie beschrieben worden sind.

Der Zeichenbestandteil Qi hat einen sehr breiten Bedeutungshorizont und kann als Atem, Dampf, Hauch etc. übersetzt werden. Die oft verwendete Übersetzung Energie engt den Bedeutungshorizont stark ein und evoziert eher physikalische Assoziationen. Der Begriff „Lebenskraft“ lässt mehr Spielraum und bietet auch Möglichkeiten der Assoziation mit Begriffen aus der europäischen Geschichte.

„Gong“ bedeutet „üben“ oder die durch langes und beharrliches Üben erreichte „Übungsfertigkeit“. „Qigong“ bezeichnet also Übungen zur Förderung der Lebenskraft. Sie vereinigen in harmonischer Weise die drei Aspekte: Bewegung und Körperhaltungen, Atmung, Vorstellungskraft.

In den meisten Qigong-Übungen wird die Atmung nicht direkt beeinflusst. Sie reguliert sich vielmehr über die ausgeführten Bewegungen und Haltungen sowie über die Stimmung, die durch entsprechende Vorstellungsbilder evoziert wird. Der Begriff „Vorstellung“ wiederum bezieht sich einerseits auf eine Lenkung der Aufmerksamkeit auf und in verschiedene Bereiche des Körpers, andererseits auf bestimmte innere Bilder, mit denen die Übungen begleitet werden und die ihnen ihre Tiefe und Lebendigkeit verleihen.

Zu den Wirkfaktoren und Potentialen des Qigong gehören: Ruhe und Bewegung, Körperwahrnehmung, Selbstwirksamkeit, Erfahrung grundlegender Prinzipien, emotionale Selbstregulierung, Selbsterfahrung und Ressourcenaktivierung.

Ruhe und Bewegung:

Die oft bereits zu Beginn der Qigong-Praxis von Kursteilnehmern geäußerte Erfahrung ist die einer wohltuenden Entspannung und inneren Ruhe. Dabei ist es einer der Vorteile des Qigongs, Bewegung und Ruhe wieder miteinander in Beziehung setzen zu können. Bewegung und Ruhe sind nicht absolut: In der Bewegung wird die Ruhe gesucht, in der relativen Ruhe können feine regulierende Bewegungen wahrgenommen und zugelassen werden. Als äußerst wohltuend wird oft geschildert, zu spüren, wann sich aus der Ruhe wieder Bewegungen entwickeln wollen. So wechseln Ruhe und Bewegung einander ab – und sind ineinander enthalten.

 

Körperwahrnehmung:

Qigong schult die Wahrnehmung des eigenen Körpers, von Verspannungen und Blockaden, von Bewegungseinschränkungen und bisher nicht genutzten Freiheiten. Oft sind es die begleitenden Bilder im Qigong, die neue Bewegungs- und damit Erlebnisqualitäten möglich werden lassen. Es wird erfahrbar, wie Stimmungen Körperhaltungen und Bewegungen beeinflussen und wie oft kleine Veränderungen in der Körperhaltung und in den Bewegungen ausreichen, um zu Stimmungsänderungen zu führen. Der Übende erfährt sich zunehmend wieder als Einheit von Leib und Seele, ohne dass er allerdings sagen könnte, was genau welche Ursachen hat und welche Wirkungen erzielt.

 

Selbstwirksamkeit:

Qigong ist eine aktive Methode: Sie lebt im Wesentlichen davon, dass sie ausgeübt wird. Der Übende kann sich wieder als jemand erfahren, der aktiv etwas für seine leibliche und seelische Gesundheit tut – und die positive Wirkung seines Tuns erlebt.

Erfahrung grundlegender Prinzipien

Im Qigong werden grundlegende Lebensprinzipien erfahrbar gemacht und geübt. Viele Menschen verharren an einem Pol, ohne ihn in den Gegenpol überführen zu können. Öffnen und Schließen, Sinken und Steigen, oder allgemein sich entfalten und wieder zur eigenen Mitte finden: Das sind die wichtigsten Prinzipien im Qigong. Kontrolle und Freiheit, gestalten und geschehen lassen: Dies ist ein anderer wichtiger polarer, sich ergänzender und abwechselnder Gegensatz des Qigong – und des Lebens. Zwar gibt es eine gewisse Form, und Bewegungen werden in einem gewissen Sinne kontrolliert, aber über weite Passagen entsteht Bewegung durch die Aufgabe von Kontrolle. Sie entsteht (und vergeht) aus sich heraus.

Ein anderes wichtiges Beispiel aus der Reihe der sich ergänzenden und ineinander übergehenden Gegensätze ist der Gegensatz von Enge und Weite. Angstpatienten erleben sich oft als körperlich eingeengt; beispielsweise ist die Atmung blockiert oder Weite wird als angstbesetzt erlebt. Bei depressiven Symptomatiken mag zum Beispiel eine Rolle spielen, dass Betroffene sich in einem der Pole aus übermäßigem „Entspannen“, im Sinne eines „Versackens“, und einem krampfhaften, forcierten Aufrichten verloren haben.

Qigong kann zu einer Wiederharmonisierung und zum lebendigen Schwingen zwischen den Polen beitragen – und zwar nicht nur auf einer körperlichen, sondern eben auch auf einer seelischen Ebene. Wer im Leben zu starker Kontrolle neigt, wird auch im Qigong diesen Aspekt erfahren. Wer sich zu sehr einengt, wird Weite vielleicht zunächst im Qigong und dann im Leben sich selbst und anderen gegenüber auf befreiende Art und Weise erfahren.

Oft bedarf es aber bei dieser Ausweitung auf allgemeine Lebensprinzipien einer kompetenten verbalen Begleitung durch jemanden, der um die Prinzipien im Qigong weiß, einen Blick für sie hat und sie angemessen in einen verbalen Dialog mit dem Übenden einzubringen vermag.

Emotionale Selbstregulierung

Alle Gefühle entstehen und sind gehalten in Körperempfindungen. Übende berichten deshalb immer wieder, dass ihre Fähigkeiten, Gefühle wahrzunehmen und sie zu regulieren durch das regelmäßige Üben zugenommen haben. Dazu tragen zwei Aspekte im Qigong bei: Zum einen vergrößert sich die Ambiguitätstoleranz in Bezug auf Gefühle, da im Qigong oft gegensätzliche Aspekte zur gleichen Zeit geübt werden. In die Weite gehende Bewegungen zum Beispiel der Arme werden etwa mit zentrierenden inneren Bewegungen verbunden. Wohlgemerkt, es handelt sich dabei nicht nur um eine isolierte körperliche Bewegung, sondern um eine mit bestimmten Gefühlsqualitäten verbundene emotionale Bewegung. Der Übende lernt auf diese Art und Weise, gegensätzliche emotionale und körperliche Momente im gleichen Augenblick in sich zu vereinigen. Dies führt zu einer größeren Toleranz gegenüber Situationen, die zuvor möglicherweise als extrem auseinander driftend erlebt wurden. Gegensätzliche Bewegungen werden zum anderen nicht nur gleichzeitig, sondern auch aufeinander folgend geübt. Der Übende weiß und verinnerlicht, dass zum Beispiel einem innerlichen Sinken und Sich-verwurzeln ein Steigen und Sich-aufrichten folgen wird. Er lernt, dass das Sinken bereits auf das Steigen verweist, dass in ihm schon der Gegenpol enthalten ist, wenn er sich auch erst später vollständig entfaltet. Dies erhöht die Toleranz gegenüber gegensätzlichen Gefühlslagen zusätzlich.

Selbsterfahrung und Ressourcenaktivierung

Im Prozess des Qigong-Übens ist jeder Übende mit einer Reihe von Schwierigkeiten konfrontiert, bei denen eine achtsame verbale Begleitung eine große Hilfe sein kann. Bereits einfache Ruheübungen und -haltungen können Assoziationen an frühere Ruheerfahrungen wachrufen, die mit negativen Emotionen verbunden sind („Sei doch mal ruhig!“, „Jetzt gib endlich Ruhe!“), und den Zugang zu einer entspannten, freudigen Ruhe verhindern. Die mit bestimmten Haltungen und Bewegungsbeschreibungen verbundenen hinderlichen Assoziationen sind oft unbewusst. Sie werden zunächst nur als diffuse Abwehrimpulse wahrgenommen und bedürfen einer sprachlichen Verarbeitung. Ähnlich wie bei Übungshindernissen im autogenen Training kann die Exploration und Verbalisierung solcher diffus spürbaren Hemmungen Ausgangspunkt für wertvolle und bereichernde Selbsterfahrungsprozesse sein. Auch diffus spürbare muskuläre Verspannungen, die sich durch langes, geduldiges Üben nicht auflösen lassen, sind mögliche Ausgangspunkte tiefer Selbsterkundungsprozesse und können in einer wertschätzenden dialogischen Situation exploriert werden.

Qigong kann die Übenden aber nicht nur an schwierige, oft ausgeblendete Momente ihrer Lebensgeschichte führen: Qigong ermöglicht auch einen Zugang zu leiblich-seelischen Schichten, die Ausgangspunkte für eine neue Art zu fühlen, neue Verhaltens- und Sichtweisen sein können. So bringen „Tierübungen“, wie beispielsweise „Der rote Drache spreizt seine Klauen“ oder „Der Tiger zeigt seine Macht“, die Übenden unter Umständen nicht nur in Kontakt mit bisher abgewehrten aggressiven und sich selbst behauptenden, machtvollen Tendenzen, sie werden oft auch zu Kristallisationspunkten von leiblich-seelisch neu erlebtem, nach innen und außen spürbarem Verhalten. Eine Patientin, die unter starkem Mobbing litt, in ihrer Lebensgeschichte aber gelernt hatte, Aggressionen zurückzuhalten, fand zum Beispiel einen neuen Zugang zu ihren aggressiven, sich selbst behauptenden inneren Kräften im „Spiel des Tigers“. Dies wirkte sich auch in ihrer beruflichen Umgebung aus: Ihr wurde ein anderer Umgang mit Vorgesetzten und Kollegen möglich, was diese wiederum anders reagieren ließ.

Unterstützung der Psychotherapie

Aus westlicher Sicht handelt es sich bei Qigong um eine übende, die Selbsterfahrung fördernde, imaginativ-körpertherapeutische Methode. Qigong bietet aus psychotherapeutischer Perspektive eine Vielzahl von therapeutisch aufgreifbaren und gestaltbaren Elementen, die allerdings immer eine ausreichende Vertrautheit mit der Methode voraussetzen. Bisher wurden die vielfältigen Möglichkeiten von Qigong noch viel zu wenig genutzt: Sie warten auf ihre Entdeckung.