Stagnation in der Therapie überwinden: 4 Impulse für die Praxis

Eine Frau nimmt vor einer bunt bemalten Wand eine tänzerische Pose ein.

Viele Psychotherapien stagnieren, besonders bei Intellektualisierung, Alexithymie, komplexen Traumata oder chronischer Depression. Die Abbruchquote liegt je nach Studie zwischen 20 % und 50 %, und über die Hälfte der Depressionspatient:innen spricht nicht auf Psychotherapie an. Dennoch wird Stagnation unter Kolleg:innen selten offen thematisiert. Wenn Sprache nicht weiterhilft, können neue Ansätze der Schlüssel sein, um therapeutische Prozesse wieder in Bewegung zu bringen.

Viele Therapieprozesse stagnieren – und bleiben ein Tabu

Kennst du das? Deine Patient:in sitzt in jeder Sitzung pünktlich vor dir. Kooperativ. Reflektiert. Sie kann ihre Muster benennen, ihre Trigger einordnen. Die Landkarte ihres inneren Erlebens wird mit jeder Sitzung detaillierter. Doch das Gelände – das tatsächliche Erleben, der Moment, in dem etwas wirklich anders wird – bleibt unberührt. Die Sitzungen fühlen sich an wie Variationen desselben Gesprächs. Und irgendwann schleicht sich ein Gefühl ein, über das wir selten sprechen: Langeweile. Hilflosigkeit. Die leise Frage, ob es an uns liegt.

Phasen des Stillstands, in denen Patient:innen das Gefühl haben, nicht weiterzukommen oder ein Plateau zu erreichen, sind weit verbreitet und treten in nahezu jeder Therapie irgendwann auf. Auch wenn es keine exakte, allgemein anerkannte Prozentzahl für stagnierende Verläufe je nach Diagnose gibt, zeigt sich doch deutlich: Stagnation betrifft über die Hälfte aller Depressionsbehandlungen (Cuijpers et al., 2021) – und ist dennoch ein Tabuthema. Werbart et al. (2020) beschreiben therapeutische Sackgassen als scham- und schuldbesetzte Erfahrungen. Das Paradoxe: Genau weil wir nicht darüber reden, wird es gefährlich. Denn Therapeut:innen unterschätzen die Verschlechterungsrate ihrer eigenen Patient:innen deutlich: auf 3,66 %, während sie tatsächlich bei 5–10 % liegt (Walfish et al., 2012). Stagnation ist kein Versagen. Sie ist Alltag. Und der erste Schritt ist, sie zu erkennen.

 

Was Stagnation so tückisch macht

Häufig hat Stagnation einen strukturellen Kern: Die Abwehr spricht dieselbe Sprache wie die Therapie. Patient:innen, die brillant intellektualisieren, nutzen exakt das Werkzeug, das verbale Therapie anbietet – nur zur Vermeidung statt zur Veränderung. Von Below (2020) nennt dieses Phänomen „Pseudo-Mentalisierung": erlernte therapeutische Sprache ohne emotionale Tiefe. Die Patient:in sagt das Richtige, klingt reflektiert – aber fühlt nichts davon. Das ist kein Vorwurf an verbale Verfahren. Es ist eine Begrenzung des Mediums.

 

Aus meiner Praxis: „Ich verstehe es, aber ich fühl's nicht"

Eine 37-jährige Patientin kommt nach jahrelanger tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie zu mir in die Kunsttherapie. Sie wurde als Jugendliche mit einer Adoleszenskrise diagnostiziert und erschien bei mir mit einer Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Symptomatik mit perinatalem Kontext. Sie ist stabil und reflektiert. Doch ihre Verlustängste und das Bedürfnis, alles kontrollieren zu müssen, kommen in Stresssituationen zuverlässig zurück. Sie sagt: „Ich weiß, woher das kommt. Aber dieses Wissen ändert nichts daran, wie sich mein Körper anfühlt.

In den ersten Kunsttherapie-Sitzungen malt sie konstruiert – durchdachte Bilder, bewusst gesetzte Symbole, Erklärungen aus dem Lehrbuch. Auch ich spüre: Sie kratzt an den Grenzen ihrer Entwicklung. Bleibt mit dem Finger auf der Landkarte. In der dritten Stunde kommt sie erschöpft und ohne Plan. Sie wisse gar nicht, was sie heute malen solle. Ich lade sie ein, sich vom Material leiten zu lassen – eröffne ihr einen Raum, in dem sie keinen Plan braucht. Erst zögerlich, dann immer freier malt sie drauflos – und erlebt etwas, das Worte nie erreicht hatten: ihre spielerische Seite. Einen Teil von sich, den sie kaum noch kannte. Und sie macht eine körperliche Erfahrung: Der losgelöste, kindliche Anteil in ihr ist nicht verloren gegangen. Er war die ganze Zeit da – nur leiser geworden. Seit langem hat sie das erste Mal das Gefühl, dass sie loslassen darf. Nicht als Einsicht oder Erkenntnis, sondern als Erfahrung.

Ein Mann hält sich einen Stadtplan vor die untere Gesichtshälfte.

Vier Impulse, die du morgen ausprobieren kannst

 

1. Der Stagnations-Check: Sprich es an

Viele von uns spüren Stagnation, vermeiden aber das direkte Gespräch darüber. Dabei zeigt die Forschung zu Alliance Rupture Repair (Eubanks et al., 2018): Das Ansprechen selbst ist der stärkste Hebel.

Probier es aus. Eine mögliche Formulierung für eingefahrene Sitzungen könnte so aussehen: „Ich habe den Eindruck, dass wir uns seit einiger Zeit im Kreis bewegen. Wie erleben Sie das?“ Beobachte, was passiert. Oft bricht allein die Benennung eine festgefahrene Dynamik auf – weil sie zeigt, dass die therapeutische Beziehung ein lebendiger Prozess ist, nicht nur ein Rahmen.

 

2. Drei Fragen nach jeder Sitzung

Gegenübertragung ist eines unserer wichtigsten diagnostischen Instrumente – aber nur, wenn wir sie bewusst nutzen. Nimm dir nach der nächsten Sitzung, die sich „irgendwie zäh“ anfühlt, zwei Minuten und stell dir drei Fragen:

  • Habe ich heute etwas Neues über diese:n Patient:in erfahren?
  • Wann genau habe ich innerlich abgeschaltet oder mich gelangweilt?
  • Wer hat in dieser Sitzung härter gearbeitet – ich oder mein Gegenüber?

Langeweile, Frustration oder Hilflosigkeit sind keine Schwächen. Sie sind diagnostische Signale. Wenn du alle drei Fragen mit einem unguten Gefühl beantwortest, ist das kein Grund zur Selbstkritik, sondern ein klares Signal, dass etwas im Prozess feststeckt.

 

3. Mach den Fortschritt sichtbar: Outcome Monitoring

Systematisches Feedback halbiert die Verschlechterungsrate (Lambert, 2010). Der Outcome Rating Scale (ORS) und der Session Rating Scale (SRS) brauchen jeweils 30 Sekunden pro Sitzung.

So geht's: Lass deine:n Patient:in zu Beginn der Sitzung den ORS ausfüllen (vier visuelle Analogskalen zu individuellem Wohlbefinden, zwischenmenschlichen Beziehungen, sozialem Funktionsniveau und Gesamtbefinden). Am Ende der Sitzung den SRS (vier Skalen zur therapeutischen Beziehung, Themen, Vorgehen und Gesamteindruck der Sitzung). Beide sind frei verfügbar unter https://www.scottdmiller.com/downloadmeasures.html. Das Entscheidende: Du bekommst ein Frühwarnsystem, das dir zeigt, wenn sich über mehrere Sitzungen nichts bewegt – bevor dein blinder Fleck es verschleiert.

 

4. Raus aus dem Wort: Eine kreative Mini-Übung

Wenn Sprache zur Schleife wird, kann ein kurzer Medienwechsel erstaunlich viel bewegen. Die folgende Übung kannst du auch ohne kunsttherapeutische Ausbildung in deine Sitzungen einbauen – oder erst einmal selbst ausprobieren.

Du brauchst: Papier (A3 oder größer), Ölkreiden oder dicke Wachsmalstifte. Keine Bleistifte, keine Fineliner – das Material soll sich nicht leicht kontrollieren lassen.

Anleitung:

  • Bitte deine:n Patient:in, mit geschlossenen Augen eine Farbe zu wählen und eine Minute lang zu zeichnen – ohne Motiv, ohne Plan, einfach Bewegung auf dem Papier.
  • Danach: Augen öffnen und beschreiben, was zu sehen ist. Nicht deuten, nicht analysieren. Nur: „Was fällt Ihnen auf? Wie fühlt sich das an?

Warum das wirkt: Im kreativen Prozess greift verbale Abwehr nicht. Man kann ein Bild nicht intellektualisieren, während man es malt. Das Material erzeugt Überraschungen, die Sprache nicht leisten kann. Oft entstehen in dieser einen Minute Reaktionen – Überraschung, Belustigung, manchmal Tränen – die in Wochen verbaler Therapie nicht aufgetaucht sind.

Eine Packung Wachsmalstifte. Mit ein paar Farben wurde auf ein weißes Papier gemalt.

Wenn du merkst, dass dieser Zugang bei einem:r Patient:in etwas öffnet, kann das ein Hinweis darauf sein, dass adjuvante Kunsttherapie den Prozess weiterbringen könnte. Psychodynamische Kunsttherapie arbeitet mit denselben Konzepten wie verbale Verfahren – Übertragung, Widerstand, unbewusstes Material –, nur über ein anderes Medium.

Besonders lohnenswert ist dieser Weg bei ausgeprägter Intellektualisierung, Alexithymie (fehlender sprachlicher Zugang zum inneren Erleben), komplexen Traumata mit vorsprachlicher Speicherung oder chronischer Depression mit Grübelschleifen.

 

Fazit

Stagnation ist ein Signal, kein Scheitern. Die Schuld dafür sollte weder allein bei dir, noch bei deinem:r Patient:in gesucht werden. Manchmal steckt nicht ein Mensch fest, sondern ein Prozess. Dies zu erkennen, kann sehr erleichternd sein – für beide Seiten.

Quellen:

Cuijpers, P. et al. (2021). The effects of psychotherapies for depression on response, remission, reliable change, and deterioration: A meta-analysis. Acta Psychiatrica Scandinavica, 144(3), 288–299.

Eubanks, C.F. et al. (2018). Alliance Rupture Repair: A Meta-Analysis. Psychotherapy, 55(4), 508–519.

Lambert, M.J. (2010). Prevention of Treatment Failure. APA.

Von Below, C. (2020). Psychodynamic Therapists' Experiences of Difficult-to-Treat Patients. American Journal of Psychotherapy, 73(2), 65–71.

Walfish, S. et al. (2012). An investigation of self-assessment bias in mental health providers. Psychological Reports, 110(2), 639–644.

Werbart, A. et al. (2020). Therapists' experiences of deadlocks and what helps resolve them. Psychotherapy Research, 30(5), 616–629.