Zurück zum Wesentlichen – Die Praxis der Humanistischen Psychotherapie
Psychotherapie folgt seit jeher Moden und Trends. Evidenzbasierte Methoden und manualisierte Tools suggerieren, dass wir Therapie „richtig“ machen können – unabhängig vom Therapierenden. Dabei gerät leicht das Wesentliche aus dem Blick: die Begegnung. Die Humanistische Psychotherapie stellt den verletzlichen Menschen in seiner Ganzheit ins Zentrum und fragt, wie wir ihn wirklich wirksam begleiten können. 6 Techniken, die sich ganz leicht in jedes andere Verfahren integrieren lassen.
Wie schaffen wir die optimalen Voraussetzungen für Entwicklung?
Die meisten Therapeut:innen und Coaches geben an, eine humanistische Grundhaltung zu vertreten. Meist ist damit gemeint, den Menschen, der uns gegenübersitzt, als ganzen Menschen sehen zu wollen und nicht nur durch die Brille von Diagnosen, Problemen, Defiziten und Symptomen. Allgemein bekannt sind die von Carl Rogers (1961/2012) formulierten Kriterien für eine heilsame Beziehung: die Kongruenz der:des Therapeut:in, Empathie und unbedingte positive Wertschätzung. Weniger bekannt ist heute allerdings, dass es nicht nur eine humanistische Grundhaltung gibt, sondern die Humanistische Psychotherapie auch als eigenständiges Verfahren mit zahlreichen Methoden gesehen wird (Kriz 2011).
Die Humanistische Psychotherapie hat sich von Beginn an mit dem Wesentlichen beschäftigt: „Wie kann ich dem verletzten und verletzlichen Menschen, der mir gegenübersitzt, in seiner Ganzheit begegnen? Wie berühre ich ihn und sein Leid? Wie kann ich in einem Prozess, der ständig in Bewegung ist, eine wirksame Begleitung sein? Wie kann ich nicht nur in meiner Funktion als Therapeut:in begleiten, sondern auch als Mensch, der selbst verletzt und verletzlich ist? Wie schaffen wir die optimalen Voraussetzungen dafür, dass eine Person sich entwickeln kann?“ (Winkler 2025, S. 13)
Humanistische Therapien wären gefragt
Im Jahr 2012 versuchte die Arbeitsgemeinschaft für Humanistische Psychotherapie – federführend durch Jürgen Kriz – , diese mit einem Gutachten durch den WBP (Wissenschaftlicher Beirat für Psychotherapie) wissenschaftlich und sozialrechtlich anerkennen zu lassen – leider ohne Erfolg und mit einer Begründung, die für viele willkürlich und unwissenschaftlich erschien. Das ist bedauerlich, da die Humanistische Psychotherapie somit als Kassenleistung ausgeschlossen bleibt und psychisch kranke Menschen dadurch schlechter erreicht werden. Viele suchen nach humanistischen Therapien: Sie möchten nicht als Diagnoseträger:in behandelt werden oder suchen einen Raum, in dem sie einem oder einer authentischen Therapeut:in begegnen können und in dem existenzielle Themen Platz haben. International gilt die Humanistische Psychotherapie als eigenständiges Verfahren neben der Verhaltenstherapie, den tiefenpsychologischen Verfahren und der systemischen Therapie.
„Die Humanistische Psychotherapie ist eine Einladung an den Klienten, sich auf vertiefte Weise selbst zu erkunden, sich zu spüren und sich selbst zu verstehen – nicht durch intellektuelle Anstrengung, sondern in Form unmittelbarer, persönlicher Erfahrung“ (Eberwein & Thielen 2011, S. 37). Sie umfasst unter anderem Methoden wie die Gestalttherapie, die personenzentrierte Gesprächspsychotherapie, das Psychodrama und körpertherapeutische Verfahren.
In diesem Beitrag möchte ich einen Überblick darüber geben, welche Techniken in der Humanistischen Psychotherapie genutzt werden, um ihr Potenzial zur Entfaltung zu bringen – in der Psychotherapie oder im Coaching. Diese beschreibe ich als die „sechs Pfeiler der humanistischen Therapie“ (Winkler 2025, S. 148ff.), da sie allen Methoden gemeinsam sind.
Raum für das eigene Sein – so willkommen sein, wie man ist
Ich habe meine therapeutische Ausbildung am humanistischen Institut ZIST bei Wolf Büntig (1937 - 2021) absolviert. Humanistische Therapien haben eine ganz bestimmte Atmosphäre, einen bestimmten „Vibe“, der sich nur schwer in Manualen festhalten lässt. Am ehesten lässt er sich als Einladung beschreiben: sich ganz so da sein zu lassen, wie man ist; neugierig auf sich und die anderen zu sein; Verantwortung für die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu übernehmen; Präsenz, Körperwahrnehmung und Experimentierfreude zu kultivieren.
Allgemein betont die Humanistische Psychotherapie
- den Wert der Beziehung im Gegensatz zur Technik,
- den Wert von Prozessoffenheit im Gegensatz zu vorstrukturierten Entwicklungsplänen sowie
- die verkörperte Präsenz im Hier und Jetzt statt verkopfter Gespräche über das Damals und Dort.
Die:der Therapeut:in tritt authentisch als Mensch auf und weniger als allwissende:r Expert:in. Wandel geschieht durch tiefe Annahme, Raumgeben und Verstehen dessen, was ist, und weniger durch das angestrengte Verfolgen äußerer Veränderungsziele.
Wachstum beginnt im sicheren Kontakt
Die Persönlichkeit des Menschen wird dabei nicht nur als beliebig konditioniert verstanden: Wir alle haben einen Wesenskern und streben danach, uns in dieser Welt authentisch zu verwirklichen – unser Potenzial zu entfalten. Wenn wir uns von uns selbst entfremdet haben, brauchen wir eine authentische Beziehung und einen präsenten Kontakt, der uns hilft, wieder an unsere Wachstumskräfte angebunden zu werden. Im Zentrum steht der zwischenmenschliche Kontakt, der diese inneren Wachstumskräfte „aktiviert“. Denn wenn wir uns gesehen, sicher und präsent begleitet fühlen, kommen wir mit dem in Kontakt, was offen in unserem Herzen geblieben ist. Vielleicht kennst du das: dass innere Themen sich in einem sicheren Kontakt zu einer Freundin oder einem Freund wie von selbst zeigen wollen, auch wenn du es dir nicht vorgenommen hast?
Wenn kein Kontakt möglich ist, bleiben wir in neugierigem Kontakt mit der Abwehr bzw. mit den schützenden Anteilen, bis echter Kontakt zum Menschen möglich wird. Die Beziehung ist dabei nicht nur als Arbeitsbeziehung Grundlage für technische Interventionen – sie ist selbst das wichtigste Wirkmedium: „Die Änderung, die in mir stattgefunden hat, lässt sich recht kurz beschreiben, indem ich sage, dass ich in den ersten Berufsjahren die Frage gestellt habe: Wie kann ich diesen Menschen behandeln oder heilen oder verändern? Heute würde ich die Frage so stellen: Wie kann ich eine Beziehung herstellen, die dieser Mensch zu seiner eigenen Persönlichkeitsentfaltung benutzen kann?“ (Rogers 1961/2012, S. 46)
Wie sieht die therapeutische Technik dahinter aus?
6 Aspekte, die sich leicht in jedes andere Verfahren integrieren lassen
1. Ein Anliegen formulieren
Klient:innen kommen mit einem Anliegen in die Therapie. Dieses Anliegen herauszuarbeiten und im Verlauf immer wieder zu überprüfen, ist zentral, damit wir uns nicht verlieren und nicht erschöpfend auf ein Ziel hinarbeiten, das womöglich gar nicht dem inneren Anliegen entspricht. Anliegen können, dürfen und werden sich verändern. Das geschieht im Tempo der Beziehung und in Abhängigkeit vom gewachsenen Vertrauen. Am Anfang können wir fragen und sagen:
„Was wäre das optimale Ergebnis unserer Arbeit miteinander?“
„Es muss für diesen Moment gar nicht realistisch sein, sondern eine Idee für die Richtung geben, die wir miteinander haben.“
In der humanistischen Therapie halten wir uns mit handlungs- und verhaltensbezogenen Therapiezielen zurück. Wenn jemand ein bestimmtes Verhalten bisher nicht umsetzt, hat das einen guten Grund. Vereinbaren wir vorschnell Verhaltensziele, werden häufig genau jene inneren Anteile gestärkt, die dieses Verhalten sabotieren. Klient:innen geraten leicht in Widerstand, wir verausgaben uns und arbeiten gegen den Prozess. Wie auch bei NARM (Heller & LaPierre 2013) [red. Anmerkung: NeuroAffective Relational Model] beschrieben, machen wir aus Handlungszielen einen Explorations- oder Hindernisfokus. Wir interessieren uns für die Gefühle und inneren Dynamiken, die dem gewünschten Verhalten im Weg stehen.
Ein Klient sagt etwa: „Ich möchte freundlicher zu meiner Frau sein.“ Anstatt vorschnell konkrete Strategien in diesem Sinne zu erarbeiten, fragen wir: „Was hindert Sie daran?“ Häufig zeigen sich Ärger, Scham, Schuld oder unverarbeitete Bindungsthemen. Daraus kann ein neues Anliegen entstehen: „Wollen wir uns dieses Gefühl einmal genauer anschauen?“
… und den therapeutischen Raum eröffnen
Der therapeutische Raum entsteht zuerst in uns. Sind wir bereit zuzuhören, unsere eigenen Ideen und Deutungen zurückzustellen und unserem Gegenüber wirklich zu begegnen? Lassen wir uns auf den Menschen ein, der uns gegenübersitzt, oder glauben wir, ihn bereits zu kennen? Diese Form der Zuwendung ist ein kleiner Ego-Tod – wir lassen unsere Vorstellungen los und versuchen, den anderen wirklich zu sehen.
Wir können jede Stunde mit offenen Einladungen beginnen (vgl. Winkler 2025, S. 149):
- „Was ist Ihre Intention für heute?“
- „Was beschäftigt Sie?“
- „Was ist Ihr Anliegen für heute?“
- „Was bewegt Sie?“
- „Was würden Sie gern aus unserer Zeit mitnehmen?“
- Wenn bereits viel Erregung im Raum ist, genügt manchmal: „Lassen Sie sich erst einmal ankommen. Ich bin ganz Ohr.“
Auf die Frage „Wie geht es Ihnen?“ verzichte ich eher, da sie leicht in Alltagskommunikation führt. Sehr einfach, aber wirkungsvoll ist die Technik „der rote Teppich“: Die Einladung „Möchten Sie mir mehr darüber erzählen?“ hat eine öffnende Wirkung, wenn wir uns wirklich interessieren und wirklich bereit sind, dafür Raum zu geben.
2. Zuhören
Wirklich zuhören ist die Grundlage unserer Arbeit. Wir begegnen dem inneren Bezugsrahmen unseres Gegenübers, bleiben mit uns selbst in Kontakt und halten uns zurück. Ein guter Zuhörer interpretiert nicht, analysiert nicht und lenkt das Gespräch nicht. Stattdessen versucht er wirklich zu verstehen, lässt sich berühren und gibt Raum für weitere Selbsterforschung.
Solange Selbstkontakt besteht und unser präsentes Zuhören die Selbsterforschung vertieft, hören wir zu. Gerade erfahrene Therapeut:innen und Coaches müssen sich immer wieder darauf besinnen, ihr umfangreiches Wissen zunächst zurückzustellen. „Wenn wir wirklich in Kontakt sind, wirken die Selbstheilungs- und Wachstumskräfte! Dann wird ein tieferes Wissen angezapft. Da dürfen wir nicht stören“ (Winkler 2025, S. 150).
3. Explorieren
Explorierende Fragen vertiefen die Selbsterforschung. Wir stellen keine Fragen, deren Antwort wir zu kennen glauben, und wir bleiben offen, neugierig und fragend – in jeder Stunde neu. Wir explorieren insbesondere Gefühle, Körperwahrnehmungen, das Kontaktgeschehen und bereits vorhandene Ressourcen (vgl. Winkler 2025, S. 151):
- „Ich sehe, Sie bewegt das sehr. Was bewegt Sie, während Sie mir das erzählen?“
- „Was fühlen Sie gerade?“
- „Was nehmen Sie körperlich wahr?“
- „Sollen wir uns dieses Gefühl einmal näher anschauen? Wäre das für Sie okay?“
- „Wie erleben Sie den Kontakt zu sich, während Sie das erzählen?“
- „Was ist dann, wenn Sie das aussprechen?“
4. Konkretisieren
Um verkörperten Selbstkontakt zu stärken, arbeiten wir an konkreten Phänomenen. Generalisierendes und abstraktes Sprechen hält im Kopf. Wenn wir den Kontakt verlieren, konkretisieren wir:
- „Was meinen Sie genau?“
- „Können Sie eine konkrete Situation beschreiben?“
Gefühle werden präzise benannt. Hinter einem „Ich weiß es nicht“ liegt häufig etwas, für das es noch keine Sprache gibt. Wir bleiben dran. Mein Supervisor Gustl Marlock sagte in solchen Situationen immer: „Irgendwas weiß man immer.“ Es ist erstaunlich, was dann kommt.
5. Spiegeln und dadurch vorhandene Ressourcen stärken
Wir spiegeln das, was sich im Hier und Jetzt zeigt: Emotionen, körperliche Regungen, Kontaktbewegungen und vorhandene Ressourcen. So unterstützen wir Klient:innen dabei, sich selbst wahrzunehmen und ihre Handlungsfähigkeit zu stärken. Wir erfinden nichts und beschönigen nicht. Wir machen sichtbar, welche Ressourcen bereits vorhanden sind, und fördern so Selbstwirksamkeit. Zum Beispiel (vgl. Winkler 2025, S 152):
- „Ist etwas Trauriges da?“
- „Ich sehe, dass Ihnen dabei die Tränen kommen.“
- „Das macht Sie ärgerlich?!“
- „Sie ziehen die Schultern hoch, während Sie das sagen.“
- „Sie runzeln die Stirn.“
- „Sie wirken nachdenklich.“
- „Sie spannen sich an.“
- „Jetzt atmen Sie gerade tief durch.“
- „Ist Ihnen bewusst, dass Sie den Atem anhalten, während Sie das erzählen?“
- „Gerade noch hatte ich den Eindruck, dass Sie mit sich in Kontakt sind, während Sie sich mitgeteilt haben. Nun habe ich den Eindruck, Sie reden über etwas.“
- „Sie gehen gerade aus dem Kontakt mit Ihrem Erleben.“
6. Experimentieren und integrieren
Therapeutische Experimente haben in den humanistischen Therapien einen wichtigen Stellenwert. Sie ermöglichen neue Erfahrungen und die Integration abgespaltener Anteile. Ob Stuhlarbeit, Bewegung oder Rollenspiel: Entscheidend ist, dass wir transparent vorgehen, nicht zu schnell sind und die Methode sparsam einsetzen. Besonders bei traumatisierten Klient:innen braucht es ausreichende Selbst- und Co-Regulation.
Nach jedem Experiment ist die gemeinsame Reflexion wesentlich. Erfahrung braucht Einordnung, damit sie sich integrieren kann. Therapie pendelt zwischen Erleben und Verstehen. Das Wissen liegt nicht bei uns. Es ist im Organismus unserer Klient:innen bereits enthalten. Unsere Aufgabe ist es, einen Raum zu öffnen, in dem dieses Wissen zugänglich wird. Wir müssen gar nichts wissen. Unsere Aufgabe ist es, uns zu interessieren und neugierig auf das zu sein, was sich im Raum zeigt – immer wieder neu.
Fazit
Die Technik der humanistischen Psychotherapie führt uns immer wieder zum Wesentlichen zurück: zu den Fundamenten der Psychotherapie. Das ist nicht kompliziert, aber doch eine Kunst, und es erfordert von uns, dass es uns selbst so gut wie möglich geht, damit wir präsent und frisch sein können. Unser Hauptziel ist es, unsere Klient:innen in Kontakt mit sich selbst zu bringen. Unser Beziehungsangebot soll dabei unterstützen. An diesem Punkt übernehmen die Selbstorganisation und die Selbstheilungskräfte unserer Klient:innen die Arbeit. Wir müssen dann nicht angestrengt Lösungen finden und Löcher füllen. Besteht kein Kontakt, rücken das Kontaktgeschehen und die Abwehr in den Fokus der Neugier. Insgesamt betont die humanistische Psychotherapie die Neugier und die Begegnung. „Es gibt keine langweiligen Patienten, nur fehlendes Interesse“, wie Wolf Büntig einmal sagte.
Zum Weiterlesen (Werbung):
Winkler, J. (2025). Warum wir gerade jetzt Humanistische Psychotherapie brauchen. Das etwas andere Praxisbuch für Therapie und Beratung. Stuttgart: Schattauer.
Quellen:
Eberwein, W., & Thieles, M. (2014). Humanistische Psychotherapie: Therapien, Methoden, Wirksamkeit. Gießen: Psychosozial-Verlag.
Heller, L., & LaPierre, A. (2013). Entwicklungstrauma heilen. (4. Aufl.). München: Kösel.
Kriz, J. (2011). "Humanistische Psychotherapie” als Verfahren. Psychotherapeutenjournal 4, S. 332-338.
Rogers, C. R. (1961/2012). Entwicklung der Persönlichkeit (18. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta.
Winkler, J. (2025). Warum wir gerade jetzt Humanistische Psychotherapie brauchen. Das etwas andere Praxisbuch für Therapie und Beratung. Stuttgart: Schattauer.