Pro-Tipps für den (VT-)Bericht an den Gutachter

Mit etwas Übung kann der Bericht an den Gutachter zur Quelle von Selbstwirksamkeit und zu einer weniger belastenden Routine werden. (Foto: Andrew Neel – Unsplash.com)

Viele PiA und Psychotherapeuten empfinden beim Bericht an den Gutachter vor allem eins: Stress. Du auch? Das muss gar nicht sein, findet unsere Autorin Esther Bockwyt und hat ein paar praktische Tipps, worauf du beim VT-Bericht achten kannst – sowohl ganz konkret beim Schreiben als auch im eigenen Erleben.

„Ich weiß nicht, wie ich all die Infos über meinen Patienten auf nur 2 Seiten unterbringen soll.“

„Ich sitze am Wochenende viele Stunden an einem Bericht.“

„Mich frustriert der Bericht an den Gutachter.“

„Ich bin unsicher, was alles in die Verhaltensanalyse gehört.“

„Ich habe Angst vor einer Ablehnung meines Antrags.“

Kommen dir diese und ähnliche Gedanken bekannt vor? Deine Gedanken sind in guter Gesellschaft. Viele PiA und Psychotherapeuten empfinden Widerwillen, Sorgen und Stress beim Thema Bericht an den Gutachter.

Es geht aber auch anders. Mit etwas Übung, Anwenden von Tipps und kognitiver wie emotionaler Umstrukturierung des eigenen Erlebens kann der Bericht an den Gutachter zur Quelle von Selbstwirksamkeit und zu einer weniger belastenden Routine werden.

Pragmatismus ausdrücklich erwünscht! Der Bericht ist keine Prüfungsleistung, Perfektionismus ist fehl am Platz. (Foto: John Sekutowski – Unsplash.com)

Relevante Informationen zum Patienten

Mache dir zunächst bewusst, dass der Bericht ein Kurzgutachten darstellt, das relevante Informationen über den Patienten und zur geplanten psychotherapeutischen Arbeit enthalten soll. Der Bericht ist keine Prüfungsleistung, Perfektionismus ist fehl am Platz. Es gilt vielmehr, pragmatisch zu arbeiten.

Schreibe einen Bericht, in dem die Individualität des Patienten ausreichend deutlich wird. Schreibe den Bericht an den Gutachter nicht basierend auf Diagnose(n), sondern basierend auf dem Individuum. Einer der häufigsten Kritikpunkte der Gutachter ist eine schemen- und floskelhafte Darstellung.

Die valide Beschreibung der jeweiligen Symptomatik ist der gelungene Einstieg in einen aussagekräftigen Bericht. (Jessica Lewis – Unsplash.com)

Was ist die zentrale Symptomatik?

Beschreibe die zentrale Symptomatik, die die später vergebene(n) Diagnose(n) rechtfertigt, aus Patientensicht. Wenige, prägnante wörtliche Zitate leiten einen individuellen Bericht ein. Nenne Fachtermini erst im psychischen Befund. (Bsp.: Patienten nennen selten von sich aus ein Symptom wie „Anhedonie“ oder „Ruminationsneigung“). Beschreibe die Symptomatik konkret („Der Patient leidet unter Depression.“ ist nicht ausreichend). Bei Essstörungen müssen Ausmaß, Häufigkeit, Charakteristik pathologischer Erlebens- und Verhaltensweisen rund um das Thema Nahrungsaufnahme und Gewichtsregulierung beschrieben werden. Bei PTBS müssen neben dem traumatischen Ereignis unbedingt die charakteristischen posttraumatischen Erlebens- und Verhaltensweisen genannt werden. Auch bei Angststörungen wird häufig vergessen, das Vermeidungsverhalten in Intensität und Charakteristik zu beschreiben. Die valide Beschreibung der Symptomatik ist der gelungene Einstieg in einen aussagekräftigen Bericht.

Die zentralen Aspekte des psychopathologischen Befunds

Im psychopathologischen Befund (Symptomatik aus Therapeutensicht) ist es sinnvoll, neben dem ersten Eindruck vom Patienten nur zentrale Aspekte nach dem AMDP-System zu nennen, um Redundanzen zu vermeiden. Zentrale Aspekte sind: Stimmung, Antrieb, Suizidalität, ggf. auch Auffälligkeiten im inhaltlichen und formalen Denken. Zu weiteren Punkten empfiehlt es sich – wenn so für den Patienten zutreffend - zu schreiben: „Keine weiteren psychopathologischen Auffälligkeiten.“
 

Familienatmosphäre, Verlauf der schulischen und beruflichen Entwicklung sowie derzeitige soziale Kontakte und Freizeitgestaltung – das alles sind wichtige Punkte der Lebensgeschichte, die im Bericht prägnant geschildert werden sollte. (Emma Frances Logan – Unsplash.com)

Lebensgeschichte und Störungsmodell

Die Lebensgeschichte und das Störungsmodell kannst du miteinander verweben oder nacheinander getrennt voneinander beschreiben (d.h. zuerst rein deskriptiv zur Lebensgeschichte, dann analytisch zum Störungsmodell). Die erste Variante der Verknüpfung ist sicher anspruchsvoller und empfiehlt sich eher für geübte Schreiber. Bei der Beschreibung der Lebensgeschichte solltest du die Punkte Beziehung zu primären Bezugspersonen, Familienatmosphäre, Verlauf der schulischen und beruflichen Entwicklung, soziale Integration, Verlauf der partnerschaftlichen und sexuellen Entwicklung, ggf. Beziehung zu Kindern, derzeitige soziale Kontakte und Freizeitgestaltung prägnant und zusammenfassend schildern. Für das Störungsmodell eignet sich das SORKC-Modell. Abgesehen von der K- Variable sollen alle Variablen auf Makroebene analysiert sein. Die R-Variable solltest du nur kurz analysieren (keine Wiederholung der bereits beschriebenen Symptomatik), es eignen sich hier typische Verhaltensweisen, die direkt zu den kurzfristigen und langfristigen Konsequenzen der Symptomatik sowie Verstärkungsbedingungen (C+, C+/, C-/, C-) überleiten. Die Funktionalität bestimmter Verhaltensweisen sollte deutlich werden. Auf eine Mikroanalyse kann verzichtet werden, da sich hierdurch häufig Redundanzen ergeben.

Stelle eindeutige Diagnosen

Bei Vergabe der Diagnose(n) ist es wichtig, zutreffende Diagnosen zu vergeben. Was sich selbstverständlich anhört, ist in der Praxis oft nicht der Fall. Vergebe nur so viele Diagnosen wie nötig (d.h. auch klare Entscheidungen treffen, z.B. nicht ICD-10 F43.2 und F32.1 gleichzeitig).

Schreibe den Behandlungsplan so individuell wie möglich. (Gabrielle Henderson – Unsplash.com)

Gestalte den Behandlungsplan individuell

Der Behandlungsplan muss so individuell wie möglich geschrieben werden. Besonders kritisch sehen Gutachter nämlich eine reine (und umfangreiche) Aufzählung an Standardmethoden. Der Umfang der Ziele und Methoden soll realistisch sein. Therapieziele solltest du mit konkreten Beispielen füllen (z.B. sollte das Therapieziel „Verbesserung sozialer Kompetenzen“ konkretisiert werden, auch in Bezug auf deren Nutzen im Lebensalltag des Patienten). Die Therapiemethoden müssen zu den jeweiligen Zielen passen. Wichtig: Berücksichtige Vorerfahrungen, an die angeknüpft werden kann und bereits in zurückliegenden Therapien erworbene Kompetenzen des Patienten!

Wie sind die Prognosen – realistischer Weise?

Vergebe eine realistische prognostische Einschätzung. Diese muss mindestens ausreichend günstig sein. Berücksichtige dabei auch prognostisch ungünstige Faktoren, Ressourcen, Therapiemotivation, Introspektionsfähigkeit, Umstellungsfähigkeit. Auch dies macht den Bericht individueller.

Worauf kannst du sonst noch achten?

  • Vermeide Redundanz (Wiederholungen) (z.B. Symptomatik und psychischer Befund oder R-Variable in der Verhaltensanalyse), das spart Platz,
  • Vermeide Widersprüche (z.B. zwischen beschriebener Symptomatik und psychischem Befund und Diagnose(n)). Stattdessen: roter Faden!
  • Im Unterpunkt somatischer Befund/Konsiliarbericht immer folgende Punkte nennen: Konsum von Nikotin, Alkohol oder anderen Substanzen (in Ausmaß), psychopharmakologische Medikation, Vorbehandlungen (Zeitpunkt, Dauer, Anlass, Resultate).
Bleibe gelassen! (Foto: Pexels.com)

Gelassene innere Haltung

Neben diesen praktischen Tipps ist aber die Arbeitseinstellung mindestens genauso wichtig. Viele Kollegen fühlen sich durch den Begutachtungsvorgang eingeschüchtert oder in innerer Oppositionshaltung. Sich deutlich zu machen, dass es ausreicht, einen prägnanten Ausschnitt über die Symptomatik, Lebensgeschichte und Problematik des Patienten darzustellen, kann helfen, eine gelassenere Haltung zu finden.

Nicht wenige Psychotherapeuten empfinden Groll gegenüber Gutachtern, insbesondere vor dem Erfahrungshintergrund knapper Ablehnungstexte, die kränkend wirken. Nimm eine Ablehnung weniger persönlich. Sie kann auch darin begründet liegen, dass Gutachter wahrnehmen, einen gewissen Anteil an Beantragungen ablehnen zu müssen.

Halte dir vor Augen, dass zur Not der Weg über den Obergutachter – so nervig er auch ist – in den allermeisten Fällen zum Erfolg führt.

Sehe den Nutzen

Der Bericht an den Gutachter muss keine Meisterleistung darstellen. Auch die Arbeit mit Textbausteinen ist erlaubt, wenn diese ausreichend individualisiert werden. Mit dieser realistischen Anspruchshaltung und gutem Selbstvertrauen in die eigene Fähigkeit fällt alles schon ein Stück leichter.

Hast du einmal einen prägnanten Bericht über deinen Patienten geschrieben, ist er auch für dich selber von Nutzen. Während du schreibst, reflektierst du über den Patienten, dann werden dir einzelne Aspekte häufig bewusster. Du kannst im Therapieprozess auch immer wieder auf diese komprimierte Zusammenfassung schauen, wenn du im therapeutischen Prozess einmal in Konfusion oder Stagnation gerätst.

Und jetzt viel Erfolg!