Bilderbücher lesen mit kleinen und großen Patient*innen

Therapeutin schaut gemeinsam mit einem Jungen ein Bilderbuch an.

Bilderbücher stärken die Gefühlswahrnehmung und machen es leichter, schwierige Themen in der Therapie aufzugreifen. Dass das nicht nur mit Kindern gut geht, sondern auch mit Erwachsenen, weiß unsere Autorin Melanie Gräßer aus Erfahrung. Ob Tod, Trauer, Angst oder Einschlafschwierigkeiten – sie hat eine Reihe passender Bücher für dich zusammengestellt.

Arbeitest du mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen? Ich arbeite mit allen drei Altersgruppen. Und ja, ich setze bei allen Kinder- bzw. Bilderbücher ein. Warum tue ich das?

Ich liebe Bilderbücher und möchte dir anhand einiger Beispiele und Buchideen das Thema schmackhaft machen. Bilderbücher sind ideal, um die Gefühlswahrnehmung zu stärken oder gezielt bestimmte Themenbereiche in der Therapie aufzugreifen, wie z.B.: Konfliktumgang, Tod/Trauer, Trauma, Trennung der Eltern und vieles mehr.

Es gibt inzwischen auch eine ganze Reihe an Büchern speziell zu unterschiedlichen psychischen Störungsbildern und körperlichen Erkrankungen, sowohl bei Patient*innen selbst als auch bei Eltern und Bezugspersonen. Außerdem erklären einige Bilderbücher Psychotherapie oder auch spezielle Behandlungsansätze (z. B. Traumabehandlung) und bringen den kleinen Patient*innen die Thematik kinderleicht näher.

Zwei Erwachsene Frauen schauen sich gemeinsam ein Bilderbuch an.

Bilderbüchern erleichtern den Zugang

Aber auch zu Erwachsenen lässt sich mit Kinderbüchern ganz leicht ein Zugang finden. Wenn es darum geht, das Gefühl heraufzubeschwören, wie es sich vielleicht angefühlt hat, damals als er/sie klein war und mit einer depressiven Mutter oder sich ständig streitenden Eltern groß zu werden, dann ist dies ganz leicht über eine Kindergeschichte möglich, wie z. B. bei einer Patientin, die mit Ende 40 in die Therapie kam. Schnell waren wir in deren Kindheit mit einer depressiven Mutter und einem suchtkranken Vater gelandet, was uns über die Identifikation mit den Protagonisten u. a. in dem Buch „Sonnige Traurigtage“ sehr gut gelungen ist.

Cover des Buches "Sonnige Traurigtage"

Oft ist es über Bücher viel leichter, ein Bild für eine Symptomatik, wie z. B. Angst, zu finden. Ich habe nicht schlecht gestaunt als vor einigen Jahren einer meiner erwachsenen Patienten, ein Mitte 40-jähriger Mann, ganz unvermittelt zu mir sagte: „Frau Gräßer, das ist doch jetzt genauso wie mit der Katze und der Maus!“. Ich war zunächst unsicher, was er meinte und worauf er hinauswollte, bis er mir sagte, dass wir doch einmal dieses Buch zu der Angst gelesen hätten und dass er inzwischen, wenn er Angst habe, sich immer vorstelle, wie sich das Mädchen in der Geschichte der Katze gestellt hat und so ihre Angst besiegt hat. Aber ich möchte die Geschichte von Selina, Pumpernickel und der Katze Flora hier gar nicht spoilern….

Cover des Buches "Selina Pumpernickel"

Einen ähnlichen Effekt, aber aus einer ganz anderen Geschichte, findet ihr bei Michael Endes Scheinriesen.

Ideen bei Trennungsangst und Einschlafproblemen

Bestimmt habt ihr schon mal mit Kindern und deren Eltern einen Notfallkoffer für eine Klassenfahrt oder Übernachtung gebastelt. Aber habt ihr diesen auch mit Kussbonbons der Eltern ausgestattet? Wenn nicht, dann lest das nächste Mal unbedingt „Eine Dose voller Kussbonbons“.

Cover des Buches "Eine Dose Kussbonbons"

Wenn es um Einschlafprobleme und Ängste vor dem Einschlafen geht, kann die Schlummermaus gute Dienste tun. Ich kann gar nicht mehr alle Patient*innen aufzählen, mit denen ich schon kleine Leuchtsterne für deren Kuscheltiere gebastelt habe (die Patient*innen haben einen aufgemalt und ausgeschnitten, den wir dann laminiert und mit einem Band am Hals des Kuscheltieres befestigt haben). Eine schon erwachsene Patientin, die ebenfalls große Einschlafprobleme hatte und bei der der Schlummermaustrick ebenfalls funktioniert hat, hat mir sogar mal eine ganze Reihe an Filzsternen mit Bändern mitgebracht, für meine anderen Patient*innen…

Der Umgang mit schwarzen Hunden und grünen Gestalten

Sicher kennst du den „schwarzen Hund“. In dem gleichnamigen Buch wird dieser als Synonym für eine Depression verwandt. Es ist klasse mit Jugendlichen und Erwachsenen einsetzbar – und die Geschichte gibt es im übrigens auch als YouTube-Video.

Aber kennst du auch schon die Gebrauchsanweisung gegen Traurigkeit? Diese herrliche grüne Gestalt lässt sich großartig mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen einsetzen, um die Depression greifbarer zu machen…

Cover des Buches "Gebrauchsanweisung gegen Traurigkeit"

Auch für ganz kleine Kinder ab 3 Jahren lassen sich manche Bilderbücher klasse einsetzen und so gelingt es z. B. über die Geschichte des kranken Schafs in „Warum ist Mama traurig?“ spielend leicht, einem kleinen Kind die Depression der eigenen Mutter zu erklären.

Schwierige Themen leicht ansprechen

Kinderbücher bringen oft auf ganz leichte und einfache Weise Dinge zum Ausdruck und sorgen für Aha-Momente, wie es viele therapeutische Gespräche nicht so leicht schaffen. Auch kommst du mit Hilfe einer Geschichte oft viel leichter ins Gespräch über scheinbar schwierige Themen oder wenn gar die Worte fehlen.

Wenn ich beispielsweise ein Kind in Therapie habe, das in einer Pflegefamilie lebt, über die leiblichen Eltern kaum etwas bekannt ist oder die Eltern sich getrennt haben und das Kind sich Gedanken darüber macht, dass seine Familie nicht „normal“ (und folglich das Kind selbst auch nicht normal) ist, lassen sich Bilderbücher über Familien großartig nutzen, wie z. B. „Alles Familie!“.  

Cover des Buches "Alles Familie"

Wenn es um das Thema Tod und Trauer geht, gibt es ebenfalls unzählige wunderbare Bücher, die ganz leicht helfen, über diese Themen ins Gespräch zu kommen, z. B. „Die besten Beerdigungen der Welt.“

Cover des Buches "Die besten Beerdigungen der Welt"

Tipp: Noch mehr Buchideen zum Thema Familie, Tod und Trauer findest du am Ende des Artikels im PDF-Download!

Wenn man irgendwie anders ist

Manche Patient*innen empfinden sich als anders – das kann bei kleinen Patient*innen der Fall sein, weil diese sich nicht dazugehörig, komisch oder auffällig fühlen, als auch bei großen und älteren. Ich erinnere mich gut an einen Patienten, der bereits jenseits der 60 war und sich immer als Außenseiter fühlte, mit diesem war es ein sehr schönes Erlebnis das „Irgendwie anders“ zu lesen und hierbei ganz leicht ins Gespräch zu kommen über dieses sich „anders“ fühlen, was dieser bereits von Kindesbeinen an so empfunden hat.

Cover des Buches "Irgendwie Anders"

Oder die Patientin, die eine gestandene Geschäftsfrau war, eine Familie hatte und sich immer noch so sehr wegen ihrer roten Haare schämte… hier tat uns der „Sommersprossenfeuerkopf“ von J. Moore gute Dienste.

Und wie klappt das bei Erwachsenen?

Bei dem Einsatz von Bilderbüchern bei Erwachsenen hilft mir mein langjähriges therapeutisches Gespür und Bauchgefühl am besten weiter. So habe ich meist drei oder vier „Techniken“, die ich gerne je nach Gegenüber bzw. „Patiententyp“ einsetze.

Variante I: Ich werte die Idee direkt mit deren Einführung ab: „Ich habe da gerade eine Idee, aber das ist sicher nichts für Sie…“. Ein Großteil der Patient*innen ist dann doch neugierig und will das selbst entscheiden, so sind wir schnell mittendrin.

Variante II: Ich lenke das Thema allgemein auf Bilderbücher, die die Patient*innen als Kinder selbst gelesen und was sie daraus gelernt haben. So kann ich dann den Bogen schlagen zu einem Bilderbuch, das ich einsetzen möchte. Dies geht auch sehr gut, wenn die Patient*innen selbst Kinder oder Enkelkinder haben und mit ihnen Bilderbücher lesen.

Variante III: Da ich Kinder und Erwachsene behandele, stehen in meinem Behandlungsraum im Bücherregal Bilderbücher neben Fachbüchern – und zwar alles thematisch sortiert nach Störungsbildern, also alles zum Thema Ängste, Depressionen usw. So sehen die erwachsenen Patient*innen die Bilderbücher ohnehin. Manche fragen auch gelegentlich danach. Bei einigen Patient*innen sage ich, dass sie ja wüssten, dass ich auch Kinder und Jugendliche behandele und ob sie nicht Lust hätten, sich auf ein Experiment einzulassen und ein Bilderbuch anzuschauen.

Variante IV: Ich berichte von anderen Patient*innen, bei denen die Konstellation rein zufällig sehr ähnlich war und äußere, dass bei ihnen dieses Bilderbuch sehr geholfen habe und ob er bzw. sie das auch ausprobieren wolle.

Du siehst, es ist ganz leicht und macht noch dazu riesigen Spaß, Bilderbücher einzusetzen – sowohl in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, aber auch mit erwachsenen Patient*innen. Mit Kindern kann man sich auch herrlich gemütlich auf ein Sofa oder im Winter mit Kissen an die Heizung gelehnt setzten (mein Lieblingsplatz). In Corona-Zeiten sollte man natürlich immer auf den Abstand und die entsprechenden vorgeschriebenen Schutzmaßnamen achten. Ich wünsche dir viel Spaß und Freude und viele Aha-Erlebnisse mit deinen kleinen und großen Patient*innen.