Perfektionismus: Wie du Menschen mit überhöhten Selbstansprüchen begleitest

Mann im weißen Hemd liegt mit dem Kopf auf dem Arm auf dem Schreibtisch und schaut müde in den Bildschirm.

Erfolgreich, bewundert und stolz. Perfektionismus verspricht viel Gutes, kann aber mit hohen Kosten für die Gesundheit einhergehen, z. B. Ängsten, Erschöpfung oder Burnout. Wie du deine Klient*innen dabei unterstützt, erhöhte Selbstansprüche loszulassen und mit ihnen hinter die Fassade des Perfektionismus schaust.

Bewunderung, beruflicher Erfolg, Stolz – wer sich anstrengt und keine Fehler macht, wird reich belohnt. So lauten die Versprechungen hoher Selbstansprüche. Kein Wunder, dass viele Menschen über den eigenen Perfektionismus gerne frei heraus berichten, während über Eigenschaften wie Pessimismus oder einen Hang zum Grübeln oft nur unter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Beim Perfektionismus handelt es sich gewissermaßen um eine „moderne Tugend“ - wenn auch um eine Tugend mit teils hohen Kosten. Zwar nennen Klient*innen Perfektionismus selten explizit als ihr primäres Behandlungsanliegen, jedoch sollten dich eine ganze Reihe von Phänomenen auch an Perfektionismus als möglichen Mitverursacher denken lassen. Dazu zählen neben Burnout, Angst, Depression und Schlafstörungen auch Zwänge, Essstörungen und Prokrastination.
 

„Gesunder“ Perfektionismus – gibt es das?

Dabei müssen hohe Maßstäbe zunächst einmal nichts Schlechtes sein. Ein Streben nach Vollkommenheit kann uns anspornen. Außergewöhnliche Ergebnisse in Wissenschaft und Kunst fußen nicht zuletzt auch auf dem „Greifen nach den Sternen“ von ehrgeizigen Menschen.

Frau sitzt vor Laptop und Schreibblock und schaut lächelnd und zufrieden auf Ihre Uhr.

Zum Problem wird Perfektionismus, wenn Menschen sich extrem hohe Maßstäbe setzen und an diesen starr festhalten – selbst dann, wenn die Nachteile längst einen möglichen Nutzen übersteigen. Hellhörig werden solltest du zudem, wenn ein Mensch seinen gesamten Wert davon abhängig macht, ob er seine hohen Ideale erfüllen kann. Eine gute Richtschnur ist auch die Frage, worum es einem Menschen bei seinen Bestrebungen geht: Geht es einem Komponisten bei seinen Mühen etwa um die Freude am möglichst harmonischen Klang seiner Komposition (also um die Sache selbst)? Oder doch eher um das Streben nach tosendem Applaus und die Angst vor Kritik? Überhöhte Standards können sich dabei grundsätzlich auf jeden Bereich menschlichen Seins und Tuns beziehen – von beruflichen Leistungen, über das eigene Aussehen, den Haushalt, Sport und Hobbies bis hin zum einwandfreien Betragen der eigenen Kinder.
 

Bewusstsein für die Kosten des Perfektionismus schaffen

Der für viele Menschen positive Beigeschmack des Perfektionismus stellt für die therapeutische Arbeit durchaus eine Herausforderung dar. Eine – häufig ambivalente – Veränderungsmotivation entsteht meist erst dann, wenn negative Auswirkungen nicht mehr zu übersehen sind. Neben Erschöpfung und psychosomatischen Beschwerden können beispielsweise auch massives aufschiebendes Verhalten oder Beziehungskonflikte Menschen an einen Punkt bringen, an dem sie beschließen: „So kann es nicht mehr weiter gehen“. An diesem Punkt kannst du Klient*innen dabei begleiten, Nutzen und Kosten des eigenen Perfektionismus gegeneinander abzuwiegen und mit Ängsten vor einer anstehenden Veränderung umzugehen.

Balletttänzer dehnt sich die Beine vor einem Fenster.

Loslassen macht Angst

Nicht nur einmal haben mir Klient*innen von ihrer Befürchtung erzählt, „faul und verlottert“ auf dem Sofa zu enden, sobald sie beginnen, ihre hohen Ansprüche zu lockern. Darin zeigt sich nicht zuletzt auch ein gängiges Denkmuster von Perfektionist*innen: eine ausgeprägte Neigung zum Schwarz-Weiß-Denken. Der therapeutische Umgang mit Perfektionismus beinhaltet deshalb keineswegs nur die Arbeit an der Reduktion exzessiven Tuns, Kontrollierens oder Bemühens. Es geht auch darum, dass du Klient*innen dabei begleitest, mehr Akzeptanz für Zwischentöne und für gewundene Wege zu entwickeln.
 

Erste Schritte in Richtung ausgewogenerer Selbstansprüche

Für die Arbeit an Perfektionismus in Coaching und Therapie stehen eine Reihe von Ansätzen zur Verfügung:

  • Versuche mit Klient*innen zunächst Glaubenssätze zu erarbeiten, die hinter ihrem übermäßigen Streben stehen. Geht es darum keine Schwäche zu zeigen? Oder sich um höchstmögliche Effizienz zu bemühen? Möchte jemand vor allem denkbare Katastrophen abwenden? Oder geht es schlicht darum, herauszuragen? Ein guter Start kann es sein, eben diese Glaubenssätze mit deinen Klient*innen zu diskutieren.
  • Begleite Klient*innen dabei, sich Vorbilder mit ausgewogeneren Standards zu suchen. Wen gibt es etwa im Leben eines Menschen, der sich gewissenhaft und erfolgreich im Arbeitsumfeld bewegt, ohne sich dabei zu erschöpfen und in Details zu verlieren?
  • Hinterfrage mit Klient*innen, was sie in einer bestimmten Situation von anderen Menschen verlangen würden. Auf diese Weise kann gut sichtbar gemacht werden, wo jemand an sich selbst andere Maßstäbe setzt, als er für andere im Allgemeinen als zumutbar erachtet.
  • Leite Klient*innen dabei an, sich für bestimmte Aufgaben ein Zeitlimit zu setzen.
  • Begleite Klient*innen dabei, ihre Ansprüche flexibler an verschiedene Lebensbereiche anzupassen. Wo ist es einem Menschen wirklich wichtig, viel Anstrengung zu investieren? Und wo erscheint hoher Einsatz – vor dem Hintergrund eigener Werte und Ziele – weniger bedeutsam?
     
  • Arbeite mit Klient*innen daran, ihren Selbstwert unabhängiger vom Erbringen hervorragender Leistungen oder Makellosigkeit zu machen. Worauf kann dein(e) Klient*in stolz sein? Welche Hürden hat er/sie bereits bewältigt? Wofür wird er/sie von Freund*innen und Familie geschätzt?
Therapeutin redet mit Klient*in.

Hinter die Fassade des Perfektionismus blicken

Zwar können die genannten Strategien erste wichtige Impulse geben. Dennoch führen sie bei vielen Menschen nur zu eingeschränkten Veränderungen. Hinter überhöhten Selbstansprüchen stehen häufig tiefer greifende Muster wie ein instabiler Selbstwert oder wiederkehrende Gefühle von Scham und Schuld. Diese sind durch biografische Erfahrungen geprägt und bedürfen oft einer intensiveren psychotherapeutischen Bearbeitung.

Perfektionistisches Tun ist für viele eine Art Sicherheitsstrategie: Perfektionismus kann etwa die Angst lindern, bei minderen Leistungen von anderen verlassen, abgewertet oder bestraft zu werden. Ein Streben nach Vollkommenheit kann vor quälenden Gefühlen eigener Minderwertigkeit schützen. Sich keinen Fehler zu erlauben, kann Menschen ein Gefühl von Kontrolle geben. Oft gilt, dass überhöhte Standards, die heute deutlich übertrieben erscheinen, zu einem früheren Zeitpunkt im Leben eines Menschen eine wichtige Überlebensstrategie waren. Wer als Kind bei kleinsten Verfehlungen mit Gewalt zu rechnen hatte, wird heute Fehltritte tunlichst vermeiden. Und wer liebevolle Zuwendung einst nur für Leistung erhalten hat, greift vielleicht auch heute nach jedem Funken Anerkennung, die ihm eine perfekte Maske einbringt.
 

Muster mit Methoden der Schematherapie aufdecken

Aufdecken und bearbeiten kannst du solche Muster hinter perfektionistischen Bestrebungen beispielsweise mit Methoden aus der Schematherapie:

  • Mithilfe von Imaginationen kannst du frühere Situationen identifizieren und bearbeiten, in denen die oben beschriebenen Muster geprägt wurden. Dabei geht es vor allem auch darum, zu erarbeiten was dein*e Klient*in damals gebraucht hätte und was dein*e Klient*in – zumindest in der Vorstellung – heute für dieses jüngere Ich tun kann.
  • Mit der Technik von Stuhldialogen kannst du dafür sorgen, dass fordernde Selbstanteile des/der Klient*in in Dialog mit weniger strengen Anteilen treten. Fordernde Stimmen können hier begrenzt werden.
Junge Frau spricht mit einer Therapeutin, die nurr von hinten zu sehen ist.

Dem Scheitern mit Selbstmitgefühl begegnen

Fehler zu machen und zu scheitern ist eine allen Menschen gemeinsame Erfahrung. Und es tut weh. Ein wichtiges Ziel in der Arbeit mit Perfektionismus ist es darum, dass du Klient*innen anleitest, Selbstabwertung zu stoppen und sich selbst mehr Akzeptanz und Mitgefühl entgegenzubringen, wann immer sie selbst gesteckte Ziele verfehlen. Denn wer scheitert, braucht nicht (Selbst-)Anklage, sondern vor allem Trost und Ermutigung.
 

(K)ein*e perfekte*r Klient*in sein

Geduld und Wohlwollen brauchen deine Klient*innen hier auch für das Auf und Ab ihres allgemeinen Entwicklungsprozesses. Allzu oft geschieht es, dass perfektionistische Klient*innen dieselben hohen Ansprüche auch an ihr Tun im Rahmen einer Therapie oder Beratung richten. Entspannungsübungen wollen hier möglichst ohne störende Gedanken absolviert, Veränderungen möglichst schnell erzielt werden. Rückschritte in alte Muster werden häufig mit viel Selbstvorwürfen wahrgenommen.
 

Wie gehe ich mit mir selbst um?

Auf dem Weg zu einem rücksichtsvolleren Umgang mit sich selbst bist du deinen Klient*innen ein wichtiges Vorbild und solltest hinterfragen: Was verlange ich von mir selbst – sowohl bei der Behandlung meiner Patient*innen, aber auch im sonstigen Leben? Wie gehe ich mit Scheitern um und wie gut kann ich die Grenzen meines eigenen Wissens und Tuns akzeptieren? Als ich begann, an diesem Artikel zu schreiben, war die Versuchung groß, mir im Vorfeld noch ein weiteres Fachbuch zu dem Thema anzuschaffen. Gerade noch rechtzeitig nahm ich den Finger vom „Bestellen“-Button und beschloss: „Ich weiß bereits genug“.

 

Zum Weiterlesen
[Werbung]

Brähler, C. (2017). Selbstmitgefühl entwickeln. Liebevoller werden mit sich selbst. München: Scorpio.

Spitzer, N. (2017). Perfektionismus überwinden. Berlin: Springer.

Wardetzki, B. (2021). Weiblicher Narzissmus. Der Hunger nach Anerkennung. München: Kösel.

Young, J. E., Klosko, J. S. & Weishaar, M. E. (2008). Schematherapie. Ein praxisorientiertes Handbuch. Paderborn: Junfermann Verlag.