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Körperbetonte Psychotherapietage in Stuttgart - Interview mit Dr. Wulf Bertram

Der Körper in der Psychotherapie ist Thema der diesjährigen Süddeutschen Psychotherapietage in Stuttgart. (Hanna Postova - Unsplash.com)

Vom 24. bis 26. Oktober finden im Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart die Süddeutschen Psychotherapietage zum Thema „Der Körper in der Psychotherapie“ statt. Aus diesem Anlass sprachen wir mit Dr. Wulf Bertram, der gemeinsam mit Prof. Dr. Stephan Zipfel die wissenschaftliche Leitung des Kongresses innehat.

Wieso kommt ein Verlag wie Schattauer auf die Idee, ein Treffen wie die Süddeutschen Psychotherapietage zu veranstalten?

Das Kongressgeschäft ist seit 23 Jahren fester Bestandteil unserer Verlagsarbeit. Leser wollen Autoren von Büchern persönlich erleben, und Autoren schätzen solche Veranstaltungen, weil ihre Bücher dadurch bekannter werden. So treffen sich Nachfrage und Angebot.

Dass es zu den Süddeutschen Psychotherapietagen kam, die wir inzwischen zum zweiten Mal veranstalten, hängt mit den über 30 Jahre gut etablierten Stuttgarter Psychotherapietagen zusammen; letztere waren stets ein bewährtes Forum für qualifizierte psychotherapeutische Fortbildung. Der Veranstalter, Dr. Fred Christmann, wollte diese Arbeit nach so langer Zeit abgeben und trat deshalb an den Schattauer Verlag (mit seinem Programm Psychotherapie/Psychosomatik und Psychiatrie jetzt Teil vom Klett-Cotta Verlag) heran. So kam ich ins Spiel.

Gemeinsam mit Prof. Dr. Stephan Zipfel haben wir dann das Konzept für die Süddeutschen Psychotherapietage entwickelt. Zipfel ist nicht nur Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Facharzt für Innere Medizin, Leiter des Kompetenzzentrums für Essstörungen (KOMET), Ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen, sondern hat auch eine Professur für Psychosomatische Medizin an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Dieser exzellente akademische Hintergrund ist optimal für eine solche Veranstaltung.

Dr. Wulf Bertram hat gemeinsam mit Prof. Dr. Stephan Zipfel die wissenschaftliche Leitung des Kongresses inne. (Foto: Pexels (l.) / Ferdinando Iannone (r.)

Wie viele Teilnehmer erwarten Sie?

Wir rechnen mit 300 bis 400. Das sind weniger als die 500 bis 600, die wir bei unseren Kongressen über Persönlichkeitsstörungen, die nach 23 Jahren zu einer Institution geworden sind, im Schnitt begrüßen dürfen, aber es ist eine beachtliche Zahl für ein ganz neues Format.

Körper und Seele – untrennbare Bestandteile von Diagnose und Therapie

In diesem Jahr heißt das Thema „Der Körper in der Psychotherapie“. Welche Gründe waren ausschlaggebend für diese Entscheidung?

Der Anstoß kam von Stefan Zipfel. Gemeinsam haben wir dann an der Ausgestaltung gearbeitet. Er hat mit dem Thema bei mir offene Türen eingerannt. Der Körper ist in der Psychotherapie jahrzehntelang vernachlässigt worden, obwohl bereits Siegmund Freud gesagt hat: Das ICH ist vor allem ein körperliches. Die Psychotherapie, vor allem die Psychoanalyse, hat sich dann zu einer hermeneutischen Geisteswissenschaft entwickelt, und der Körper stand fortan im Hintergrund. Signale des Körpers in der therapeutischen Interaktion wahrzunehmen, war nicht mehr gefragt. Das führte dazu, dass sich zwei Medizinen entwickelt haben – eine für kranke Körper ohne Seelen und eine für leidende Seelen ohne Körper, wie Thure von Uexküll das einmal genannt hat.

Das dürfte weit weg von Ihrer Position gewesen sein.

Kann man wohl sagen! Unabhängig davon, ob der Patient vom Psychotherapeuten, vom Chirurgen, Internisten oder Neurologen behandelt wird, sollte er meines Erachtens immer in seinem ganzen Gefüge wahrgenommen werden. Inzwischen gibt es zum Glück viele Ansätze zur Behandlung der Seele durch den Körper und umgekehrt. Die Psychosomatik ist heute als seriöse Wissenschaft anerkannt. Und der Körper ist in der Psychotherapie nicht nur salonfähig geworden, sondern im Rahmen des biopsychosozialen Modells ein untrennbarer Bestandteil von Diagnostik und Therapie. Zipfel und ich waren uns einig, es sei an der Zeit eine Tagung zu veranstalten, bei der die körperlichen Aspekte der Psychotherapie im Vordergrund stehen.

Die Veranstalter des Kongresses wollen akademisch ausgebildete Kollegen erreichen, die ihre psychosomatischen Kenntnisse vertiefen oder sich für diese Thematik öffnen möchten. (Foto: Loic Furhoffqela – Unsplash.com)

Existiert unter Psychotherapeuten diesbezüglich immer noch Nachholbedarf? Müssen sie für körperliche Aspekte stärker sensibilisiert werden? Oder wollen Sie in diesem Jahr durch das Thema noch andere Zielgruppen als bisher erreichen?

Angestammte Zielgruppen unserer Veranstaltungen sind Ärzte, Psychotherapeuten und Psychologen. Weitere Zielgruppen wollen wir mit diesem Thema nicht erschließen, auch wenn andere Interessenten herzlich willkommen sind. Innerhalb der Zielgruppen hoffen wir aber noch mehr akademisch ausgebildete Kollegen zu erreichen, ihre psychosomatischen Kenntnisse zu vertiefen oder sie womöglich auch erst für diese Thematik zu öffnen.

Ein Casting, das sich für Veranstalter und Teilnehmer lohnt

Seine persönlichen Highlights wird jeder Teilnehmer der Psychotherapietage am Ende selbst bestimmen, aber welches sind Ihre?

Wir haben eine große Zahl von Referenten „gecastet“ und dann nach einem ausführlichen Brainstorming das Programm zusammengestellt.

Das heißt, Sie kennen sie alle persönlich?

Ja. Dabei geht es nicht nur um die speziellen Kenntnisse der Referenten, sondern auch darum, wie gut sie vortragen und Menschen begeistern können. Das spielt eine große Rolle bei solchen Tagungen. Nicht jeder Autor ist ein brillanter Redner.

Zu meinen Highlights gehört Prof. Dr. Peter Henningsen, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Klinikums rechts der Isar in München. Er wird über die Entwicklung der Konzepte von anhaltend belastenden Körperbeschwerden und ihre psychotherapeutische Behandlung sprechen. Ausgehend von älteren Psychogenie-Vorstellungen, die in Begriffen wie „Konversion“ und „Somatisierung“ zum Ausdruck kommen, wird die Bedeutung einer psychodynamisch-interpersonellen Umgangsweise mit Körperbeschwerden von Patienten ebenso diskutiert wie deren Fundierung in Konzepten zum Gehirn als „Predictive coding“-Organ und zur „verkörperten Mentalisierung“.

Highlights im Plenum wie in Workshops

Ein anderer Referent und erfahrener wie kluger Psychosomatiker, über dessen Zusage wir uns sehr gefreut haben, ist Prof. Dr. Klaus Lieb, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, seit 2007 Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz und Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Deutschen Resilienz Zentrums Mainz. Er geht der Frage nach: Was ist wirksam zur Förderung von Resilienz? Angesichts der hohen Prävalenz stressbedingter psychischer Erkrankungen wächst das Interesse an Interventionen zur Resilienz-Förderung. Die Zahl der angebotenen Trainings ist stetig steigend, deren Wirksamkeit jedoch kaum systematisch untersucht. Liebs Vortrag gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand und stellt neuste Ergebnisse eines systematischen Cochrane-Reviews vor.

Prof. Dr. Klaus Lieb geht der Frage nach: Was ist wirksam zur Förderung von Resilienz? (Foto: Peter Pulkowski, Universitätsmedizin Mainz)

In Deutschland leiden mehrere Millionen Menschen an chronischen Schmerzen. Ich bin deshalb sehr froh, dass die Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin Prof. Dr. Monika Hasenbring von der Ruhr-Universität Bochum, Supervisorin und Professorin für medizinische Psychologie, bei unserem Kongress referieren wird. Ihr Vortrag gibt einen Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse zu psychobiologischen Faktoren, die an der Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen beteiligt sind.

Nicht zu vergessen Prof. Dr. Zipfel…

…unbedingt. Mit seinem Vortrag über „Essstörungen – ein Update“ ist er besonders nah beim diesjährigen Thema. Die Behandlung von Patienten mit Essstörungen stellt eine Herausforderung dar. Die Mangel-, Fehl- oder Überernährung führt bei den Betroffenen zu unmittelbar körperlichen Folgeerkrankungen. Für alle Essstörungen ist die Psychotherapie über das gesamte Gewichtsspektrum die Therapie der Wahl. Im Vortrag werden neben den 2018 neu erschienenen deutschen Behandlungsleitlinien für Essstörungen aktuelle Therapiemanuale zur Behandlung der Anorexia nervosa vorgestellt, die am Kompetenzzentrum für Essstörungen (KOMET) mitentwickelt wurden.

Die Behandlung von Patienten mit Essstörungen stellt eine Herausforderung dar. (Oleg Ivanov - Unsplash.com)

Sie haben eine langjährige Karriere als Geschäftsführer und Verlagsleiter eines renommierten Verlages hinter sich, arbeiten als Arzt, Psychotherapeut und Coach in eigener Praxis, bekleiden mehrere Ämter und spielen zudem in einer Band. Sind Sie ein Workoholic oder warum haben Sie sich nun auch noch die wissenschaftliche Leitung dieses Kongresses angetan?

Ich bin glücklich mit dem, was ich tue. Die Arbeit kostet nicht nur Kraft, sie mobilisiert auch Kräfte in mir. Wenn einem die Dinge, die man tut, Spaß machen, fragt man sich weniger, wieviel Zeit sie in Anspruch nehmen. Zudem ist die Kongressleitung im wissenschaftlichen Bereich überschaubar. Es geht für Stephan Zipfel und mich hauptsächlich darum, ein interessantes Thema und die dazu passenden Referenten zu finden. Nach 30 Jahren Verlagstätigkeit verfüge ich über eine Fülle guter Kontakte zu Autoren; die gute Vernetzung gilt auch für meinen Kollegen. Die Auswahl von Literatur, die mir für eine Buchveröffentlichung geeignet erscheint und damit auch für den Verkauf - was ja ein wichtiger Aspekt der Verlagsarbeit ist - korrespondiert mit der Auswahl von Referenten für Kongresse.

Die vielen anderen wichtigen praktischen und logistischen Aufgaben, die mit der Veranstaltung verbunden sind, übernimmt ein seit Jahren eingespieltes Team für professionelle Kongressorganisation mit Engagement und Herzblut. Von dieser Arbeitsteilung profitieren auch die Teilnehmer, von denen viele immer wieder kommen, weil ihnen unsere Veranstaltungen offenbar genau das geben, wonach sie suchen.

Wie lange können sich Teilnehmer noch anmelden?

Bis 15. September gilt der Vorzugspreis, danach der Normalpreis. Anmeldeschluss ist der 15. Oktober, vorausgesetzt, es sind bei der begrenzten Teilnehmerzahl noch Plätze verfügbar.

 

Das Gespräch führte Christa Schaffmann.

 

Alle Informationen zu den 2. Süddeutschen Psychotherapietagen findest du in unserer Event-Rubrik.  

 

*)Dr. Wulf Bertram ist Arzt, Diplom-Psychologe, Psychotherapeut, Coach, Verlagsleiter und Autor. Für sein Lebenswerk wurde er 2018 mit dem Preis der Dr. Margrit Egnér-Stiftung geehrt. In seiner Freizeit spielt er Saxophon und Klarinette in dem Jazz-Trio „Braintertainers“ zusammen mit dem Psychiater und Hochschullehrer Prof. Manfred Spitzer und dem Internisten und Psychosomatiker Joram Ronel, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik in Barmelweid in der Schweiz.